#Interview mit Carsten Fock

Ein Gespräch mit dem Maler Carsten Fock über die Stadt München, Totenköpfe und die Demokratisierung der Kunst.

carstenfock1968 folgt dir jetzt“, las ich Anfang des Jahres auf meinem Instagram-Account. Viele bildende Künstler fügen mich täglich zu ihrem Netzwerk hinzu, weil sie ihre Reichweite vergrößern wollen. In den meisten Fällen dauert es ein paar Tage und sie sind wieder von meinem Account verschwunden. Carsten Fock hingegen folgte mir nach einem Monat immer noch. Sein Account ist ein Kunstwerk für sich – mit außergewöhnlicheren, irritierenderen, originelleren Bildern, als man sie zum Großteil auf den Seiten seiner Kollegen findet. Fotografische Impressionen seiner Malerei findet man dort ebenso wie Landschaftsbilder oder private Aufnahmen, die während seiner zahlreichen beruflichen Reisen entstanden sind. Carsten Focks Kunst lässt sich nicht in eine Schublade stecken – ebenso wenig wie er selbst. „Er ist ein Extremist, im Leben wie in der Kunst – aber nicht auf eine kitschige spätavant-gardistische Art, die Leben und Kunst zu einem Brei verrührt, sondern, wie es sich für einen Künstler heute gehört, der mit einem Bein im 20. und mit einem Bein im 21. Jahrhundert steht, auf eine helle Art, selbst wenn die Bilder dunkel leuchten, auf eine aufklärerische Art, selbst wenn er von Glaube und Verzweiflung erzählt“, so formulierte es der Journalist Georg Diez 2013 im Monopol Magazin.

Geboren wurde Carsten Fock 1968 in der DDR. Mit knapp 20 Jahren flüchtete er nach Westdeutschland, wo er nach einem abgebrochenen BWL-Studium zunächst Freie Kunst an der Hochschule der Bildenden Künste Kassel und von 1997 bis 2002 an der Staatliche Hochschule für Bildende Künste (Städelschule) in Frankfurt am Main in den Klassen von Georg Herold und Per Kirkeby studierte. 2002 machte Fock seinen Abschluss an der Städelschule bei Per Kirkeby als Meisterschüler.

In seinen Zeichnungen und Malereien verbindet er die Medien Text und Bild, mischt Motive aus dem 19. Jahrhundert mit Bildwelten der heutigen Pop- und Populärkultur und arbeitet interdisziplinär mit anderen Künstlern wie dem Schauspieler Lars Eidinger oder dem Modemacher Bernhard Willhelm zusammen.

Carsten Fock, Ohne Titel, 2016                Copyright: Galerie Karl Pfefferle
Ich hatte das große Glück, Carsten persönlich zu treffen und mit über seine Erfahrungen als Neu-Münchner, seine Lieblingsstadt Frankfurt und sein Kunstverständnis zu sprechen.

Gibst du gerne Interviews?

Es kommt immer darauf an, worum es dabei geht. Heutzutage wird zwar so viel wie vielleicht noch nie über Kunst gesprochen und geschrieben – Inhalte stehen aber immer weniger im Vordergrund. Insbesondere mit der Malerei scheinen sich gerade sehr wenige Journalisten zu beschäftigen.

Dabei unterhältst du dich doch immer mit Kunstkritikern, oder?

Nicht nur. Es gibt zum Beispiel auch Journalisten wie Georg Diez, die viel über mich berichtet haben und nicht aus dem Kunstbetrieb kommen. Wir haben beide eine große Leidenschaft für Musik und Literatur und können über Gott und die Welt miteinander reden. Ich gehöre nicht zu den Künstlern, die im Atelier sitzen und sich dort ihre eigene Welt erschaffen.

Welche Interviewfrage kannst du nicht mehr hören?

Wie war das damals mit Ihrer Flucht aus der DDR? Ich glaube, darauf habe ich oft genug geantwortet.

Mich würde eher interessieren, warum ein Künstler freiwillig von Berlin nach München umzieht.

Es gab einen sehr guten Grund dafür: die Liebe! Ansonsten ist München für einen Künstler wie mich, der ein großes Atelier braucht, kein ein einfaches Pflaster.

Wie würdest du München als Zugezogener beschreiben?

In dieser Stadt ist alles so hübsch, aufgeräumt und barock – dieses „Mia san mia“-Verständnis sagt auch schon einiges über das Selbstverständnis der Einwohner aus. Was ich hier aber sehr schätze: Es gibt eine ältere Generation von Sammlern, die eine große Leidenschaft für die Kunst und die finanziellen Ressourcen haben, diese zu erwerben. Das ist ein großer Unterschied zu Berlin. Als ich nach München kam, hat man mich übrigens immer in einer bestimmten Bar angefunden, wenn ich gerade nicht im Studio war.

Lass mich raten, die war irgendwo im Glockenbachviertel?

Nein, am Odeonsplatz …

Im Schumann’s? Dort hätte ich dich nicht vermutet!

Erstmal ist es eine klassische Bar mit Räumlichkeiten, wie man sie in München sonst nicht findet. Mitunter trifft man hier auf eine illustre Szene, darunter viele Leute, die im Kunstbetrieb arbeiten. Alternativ gehe ich sehr gerne in die Bar dell’Osteria in der Schellingstrasse.

Wie schwer war der Umzug in den Süden für dich?

Ich bin mit wehenden Fahnen aus Berlin weggegangen. Nach 12 Jahren habe ich dort alles gesehen und gemacht, was möglich war. Zum Beispiel bin ich viele Jahre zusammen mit dem Schauspieler Lars Eidinger als DJ-Team „Fix & Foxi Charlottenburg“ in Berlin unterwegs gewesen. Wir haben von einer Partynacht zur anderen gelebt. Man kann sich lange Zeit wunderbar etwas vormachen in dieser Stadt. Doch dann merkt man, dass man älter wird. Ich habe vor meiner Zeit in München wirklich nie über Geld nachgedacht.

Wie habt ihr beiden euch eigentlich kennengelernt?

Lars ist ein Fan meiner Arbeit und wir haben uns vor vielen Jahren zum ersten Mal auf einer meiner Ausstellungen gesehen. In vielerlei Hinsicht sind wir uns ziemlich ähnlich, wobei mein Hang zum Exhibitionismus mittlerweile weniger ausgeprägt ist, als früher.

#Soonagain hast du unter ein „Autistic Disco“-Bild auf deinem Instagram-Account gepostet.

Ja und nun denken alle, dass ich gerade in Berlin bin. Ich liebe es, mir Geschichten für meine Instagram-Community auszudenken. Egal, ob diese wahr oder erfunden sind.

Ein paar mal im Jahr lädt die Schaubühne bzw. Lars Eidinger selbst zu einem exorbitanten Discoabend in der Schaubühne ein. Carsten Fock hat das Logo zur Veranstaltungsreihe „Autistic Disco“ entworfen.
Wie deine wöchentlich aktualisierten Landschaftsimpressionen. 

Die sind tatsächlich echt! Denn ich bin Marathonläufer und zähle meine Läufe auf Instagram.

#run148/2017 #missingfeeling
Seit wann bist du in den sozialen Netzwerken aktiv?

Ein Freund aus Wien meinte vor einigen Jahren: Probier’ doch mal Facebook aus! Ich habe mir nie einen Account eingerichtet. Aber Instagram fand ich gleich gut.

Welche Posts sind ein No-Go für dich?

Kinder, Essen. Nur bei Tieren mache ich eine Ausnahme: Wir haben einen kleinen Hund, der Clooney heißt und schon mal mit mir auf einem Foto zu sehen war. Fast hätte ich das Bild wieder gelöscht, weil ich es doch ein wenig kitschig fand.

Fotos zu löschen ist ja eigentlich ein Social-Media-No-Go.

Das kann sein, aber ich mache es trotzdem. Einmal kam ich zum Beispiel sehr gut gelaunt zurück aus Los Angeles nach Deutschland, wo ich von jetzt auf gleich ziemlich deprimiert war. Ich habe dann zu Hause gezeichnet und diese Zeichnungen waren zwar gut – aber nicht gut genug, wenn ich sie mit den farbintensiven Werken aus meiner Zeit in Los Angeles vergleiche. Daher habe ich die entsprechenden Fotos auf Instagram gelöscht.

Geht es dir in deiner Arbeit auch so, dass du bestimmte Ideen zunächst gut findest und sie nach ein paar Wochen verwirfst?

Meistens merke ich noch in derselben Arbeitsnacht, ob sich eine Idee trägt oder nicht. Sonst spätestens am nächsten Morgen.

Das heißt, du arbeitest auch nachts.

Immer. Ich bin meistens von 18 bis 4 oder 6 Uhr im Atelier. Tagsüber brauche ich dann unbedingt einen 15-minütigen Mittagsschlaf.

Warum arbeitet es sich nachts besonders gut?

Weil ich da vollkommen ruhig und entspannt bin. Wenn ich mich wie jetzt draußen bewege, nehme ich sehr viele Eindrücke wahr, während es im Atelier nur mich und die Leinwand gibt. Weißt du übrigens, was meine Lieblingsstadt in Deutschland ist?

Berlin?

Frankfurt!

Diese gesichtslose Stadt mit den vielen Bankentürmen?

Frankfurt hat eine sehr gute Kunsthochschule und als ich dort studiert habe, gab es spannende Leute in der Leitungsetage der Kunstmuseen. Außerdem hat dich niemand in dieser Stadt gefragt, welche Nationalität du gehörst oder ob du homosexuell bist. Denn das Publikum war international und dementsprechend offen. In Frankfurt habe ich Kulturschaffende wie den Choreographen William Forsythe kennengelernt – eine tolle Zeit…

Eine andere Stadt im deutschsprachigen Raum, in der Carsten Fock sehr gerne Station macht: Wien. Dieses Selbstporträt von Egon Schiele im Leopold-Museum hat es ihm vor einiger Zeit besonders angetan… Foto: Leopold-Museum
Das Städel-Museum ist eines meiner nächsten Reiseziele. Ich beobachte die Online- und Social-Media-Aktivitäten des Museums schon ganz sehnsüchtig.

Dem ehemaligen Direktor des Städel-Museums, Max Hollein, hat die Frankfurter Kunstszene wirklich viel zu verdanken, denn der Erfolg seiner Publikumswirksamen Ausstellungen in den vergangenen Jahren war riesig. Ich sehe den Versuch der Demokratisierung der Kunst aber durchaus als kritisch, weil inmitten der ganzen Unterhaltung kein Platz mehr für das Besondere ist. Für Inhalte, die sich nicht in einen Post oder kurzen Video Clip abfeiern lassen.

Diese Tendenz kann man derzeit auch im Theaterbetrieb beobachten.

Kunst und Kultur haben immer einen Bildungsauftrag und das, was man auf der Bühne bzw. im Museum sieht, soll mit den gesellschaftlichen Entwicklungen unserer Zeit zu tun haben. Aber wenn der künstlerische Anspruch zu sehr in den Hintergrund tritt, kann es ideologisch werden. Wenn Künstler das, was sie nach außen hin verbreiten, auch tatsächlich in der Realität leben, finde ich das hingegen bewundernswert.

Wie fand eigentlich dein erster Kontakt zur Kunst statt? Ganz klassisch durch den Schulunterricht?

Schon davor. Ich habe leidenschaftlich mit meinem Großvater – einem ehemaligen General – Panzer gezeichnet. Den T-34 und den T-72 habe ich heute noch drauf. Ich habe in der Kunst einen Ort gefunden, an dem ich bestimmte Lebensereignisse und -erfahrungen reflektieren konnte. Am Anfang standen da aber auch andere Fragen: Wie talentiert bin ich? Kann ich meinen Lebensunterhalt mit der Kunst bestreiten und erfolgreich arbeiten? Was bedeutet Erfolg überhaupt für mich?

Ich komme aus einem Beamtenhaushalt, wo sehr stark auf Sicherheit Wert gelegt wurde. Daher hätte ich mir einen künstlerischen Beruf schwer vorstellen können. Du hast auch erst einmal eine Ausbildung zum Außenhandelskaufmann gemacht und BWL studiert, oder?

Richtig. In der Werkbund Werkstatt Nürnberg, einer 1987 vom Deutschen Werkbund Bayern gegründete private Bildungseinrichtung, habe ich dann meine ersten Schritte hin zu einem professionell arbeitenden Künstler gemacht. Dort können angehende Studenten im gestalterischen Bereich bis heute ein Vorpraktikum und ein Orientierungsjahr absolvieren. Eine Zeichenlehrerin, die meine Arbeiten sehr gut fand, hat mich ermutigt, mein BWL-Studium nach dem Vordiplom an den Nagel zu hängen.

Los Angeles, München, Berlin, Andratx, Tel Aviv – Carsten Fock ist viel unterwegs.
Die Malerei und das BWL-Studium liefen also parallel?

Ja, ich habe aber auch schon davor eigene Texte geschrieben und gemalt. Furchtbar kitschiges Zeug: Totenköpfe, Stillleben…

Das sind heute durchaus gern gesehene Motive auf T-Shirts oder Plakaten.

Ich muss solche Sachen nicht mehr malen. Ich liebe es zwar, interdisziplinär zu arbeiten, z.B. mit dem Modemacher Bernhard Willhelm. Aber auch ein Entwurf für ein T-Shirt muss meinem künstlerischen Anspruch gerecht werden.

Welche Entwicklung beobachtest du heute bei einer jüngeren Generation an Malern?

Wenn ich die letzten 15 Jahre Revue passieren lasse, merke ich, wie sich nicht nur der Zeitgeschmack an den Künstler angepasst hat, sondern auch umgekehrt. Das habe ich schon einmal ganz anders erlebt. Viele junge Maler sind heute völlig angstfrei. Damit meine ich, sie haben zum großen Teil keine Ehrfurcht vor dem Erbe der Kunstgeschichte, sondern wollen einfach nur malen. Und schnell damit Geld verdienen.

Aber kommt bei dieser Herangehensweise viel Besonderes heraus?

Nicht unbedingt. Ich würde sagen, diese jüngere Generation produziert viel Dekoratives und hat damit großen Erfolg. Das ist bisweilen Expressionskino pur. Ich finde aber, dass es sich lohnt, sich mit der Kunstgeschichte zu beschäftigen, um zu begreifen, welche Ideen es schon einmal in ähnlicher Form gab und wie man diese weiterentwickeln könnte. Natürlich ist die Kunstgeschichte nicht das Maß aller Dinge, weil sie immer nur auf eine Auswahl an Werken aus einer bestimmten Zeitperiode verweist. Die mittlerweile wiederentdeckten Werke des amerikanischen Malers Philip Guston habe ich beispielsweise schon vor 30 Jahren in der Londoner Tate gesehen.

Ich persönliche finde den Hang zum Spektakelhaften mittlerweile sehr bedenklich im Kunstbetrieb.

Das Wort Performance kann ich nicht mehr hören. Ich fände es zum Beispiel mutig, wenn man im deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig zur Abwechslung mal wieder deutsche Malerei ausstellen würde.

Inwiefern muss und soll Kunst den Betrachter überfordern?

Ich finde Kunst heutzutage oft feige, zu angepasst. Mit meiner Arbeit möchte ich vor allem eines: den Betrachter herausfordern und ihm keine vorgegebenen Antworten präsentieren.


 

Carsten Focks Werke in der Münchner Galerie Karl Pfefferle:

http://www.galeriekarlpfefferle.de/kuenstler/37-carsten-fock

 

Seine Werke in der Berliner Galerie Jochen Hempel:

http://jochenhempel.com/artists/carsten-fock/

 

Eine Übersicht über Carsten Focks Einzelausstellungen:

http://www.artfacts.net/de/kuenstler/carsten-fock-63488/profil.html

 

Fotocredits: Carsten Fock

Die Kulturflüsterin

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