#Interview mit Helena Hufnagel

Am 20.07. startet der Debütfilm „Einmal bitte alles“ von Helena Hufnagel in den deutschen Kinos! Ein Gespräch mit der jungen Regisseurin über ihre Protagonistin Isi und das Lebensgefühl der Generation Y…

Isi hat Talent. Sehr viel Talent. Fürs Zeichnen zum Beispiel. Aber auch dafür, ihr Leben einfach nicht auf die Reihe zu bekommen. Mit 27 wohnt sie immer noch in einer WG mit ihrer besten Freundin Lotte und für ihre außergewöhnlichen Illustrationen interessiert sich niemand außer sie selbst. Als Isi vorübergehend in die chaotische WG von Möchtegern-Musiker Klausi (Maximilian Schafroth) muss und sich Lotte wenig später für ein Erwachsenenleben mit veganem Wein-trinkenden-Freundinnen, mainstreamigem Facebookprofil und festgeschraubten Einbauschränken im Wohnzimmer entscheidet, fühlt sie sich endgültig wie im einem falschen Film. Alles easy? Eher nicht.

Luise Heyer als Isi in „Einmal bitte alles“.

Dabei hat Isi gar nichts gegen ein wenig Ordnung und Struktur im Leben. Sie trägt zwar Hipster-Kleidung und geht gerne auf Parties – noch lieber würde sie jedoch als Illustratorin in einem Verlag durchstarten, eine schöne Wohnung besitzen und die Liebe ihres Lebens treffen. Doch wie soll sie ein Teil eines Systems werden, wenn sie das Gefühl hat, sich selbst zu verraten?

„Einmal bitte alles“ ist nicht nur der Titel von Helena Hufnagels Debütfilm, sondern auch das Lebensmotto ihrer Generation. Als „Generation Y „ werden die um 1980er Jahre herum geborenen jungen Männer und Frauen bezeichnet. Sie gelten als wenig kompromissbereit, haben ihre Work-Life-Balance fest im Blick und empfinden eine gewisse Unsicherheit im Leben aufgrund der täglichen Nachrichten über wirtschaftlichen und politischen Krisen als ganz normal.

Sind wir nicht alle ein bisschen Isi? Ich selbst definitiv. Mit 27 habe ich die Zusage für meinen ersten festen Job bekommen – die Monate davor waren fühlten sich ein bisschen an wie die Krisenphase, die Isi in „Einmal bitte alles“ überwinden muss. Natürlich weiß man, dass es Schlimmeres im Leben gibt – aber bei den anderen klappt schließlich auch alles…

Luise Heyer sorgt als Protagonistin Isi in „Einmal bitte alles“ vom ersten Moment an nicht nur für Identifikationspotential beim Zuschauer, sondern macht diese unkonventionelle Coming-of-Age Komödie zu einem besonderen Erlebnis.

Jytte-Merle Böhrnsen (links) als Lotte und Luise Heyer als Isi

Ihre Isi ist aufmüpfig und angepasst, ehrgeizig und verplant, selbstbewusst und unsicher zugleich. Mit dieser Protagonistin begibt man sich gerne auf die Reise durch ein München abseits glänzender Oberflächen und herausgeputzter Innenstadt-Fassaden. Nicht nur in Bezug auf die Auswahl ihrer Hauptdarstellerin hat Helena Hufnagel bei ihrem Debütfilm ein besonderes Gespür bewiesen.  Einen Großteil ihres Teams wie die Drehbuchautorinnen Sina Flammang und Madeleine Fricke und die Kamerafrau Aline László lernte Hufnagel während ihres Produktionsstudiums an der Hochschule für Fernsehen und Film München kennen. Flammangs und Frickes Drehbuch ist voll von klugem Wortwitz, feinem Humor und Situationskomik, während Aline László Isis Lebensgefühl zwischen Euphorie, Frustration und Aufbruchsstimmung in poetische, aber unkitschige Bilder überträgt, die eine Symbiose mit dem wunderbaren Soundtrack des Films eingehen.

Jytte-Merle Böhrnsen (links) als Lotte und Luise Heyer als Isi
Luise Heyer als Isi und Maxi Schafoth als Musiker Klausi

Bis in die Nebenrollen hat die Regisseurin Helena Hufnagel ihren Debütfilm perfekt besetzt – vor allem Maxi Schafoth als Klausi und Patrick Güldenberg als Medizinstudent Daniel glänzen als ungleiche WG-Mitbewohner in den vielen skurrilen Momenten des Films.

Helena kenne ich seit dem Empfang der Filmhochschulen zur Berlinale 2012. Schon damals beeindruckte sie mich durch ihren Ehrgeiz, ihre Durchsetzungsfähigkeit und ihre Herzlichkeit. Es freut mich sehr, dass ich sie nun einige Jahre später zu ihrem Debütfilm interviewen darf!

Ich erinnere mich sehr gerne an deinen Kurzfilm ERNTEFAKTOR NULL zurück, wo du den Alltag in einem nie in Betrieb genommenen österreichischen Kernkraftwerk dokumentiert hast. Wie du in diese skurrile Welt eingetaucht bist, ohne die kritische Distanz zu dem Beobachteten zu verlieren, hat mich sehr beeindruckt. Anschließend hast du mit WILLA eine Kurzgeschichte von Stephen King verfilmt – wie kam es nun zu deinem Debütfilm über die tragikomische Suche einer jungen Anfangs-30-jährigen nach einem erfüllten Leben? 

Ich wollte in meinem Debütfilm von dem Gefühl der Quarter-Life-Crisis erzählen. Das „Fuck I’m in my twenties – Gefühl“ ereilt jeden irgendwann – der Moment, an dem alle um einen herum auf einmal plötzlich schneller erwachsen werden, als man selbst. Ich wollte mit Isi eine Leidensgenossin erschaffen und mit „Einmal bitte alles“ einen Coming-Of-Age-Late Film drehen.

Warum tut sich Isi, die Protagonistin in „Einmal bitte alles“, trotz ihres Engagements und ihres Talents als Illustratorin so schwer, ihren eigenen Weg zu gehen? 

Isi will den Sprung ins Erwachsenenleben schaffen und endlich auf eigenen Beinen stehen. Dabei wird sie aber von Selbstzweifeln geplagt und ist innerlich zerrissen. Auch, weil sie ihren Lebensentwurf gerne mit dem anderer Leute vergleicht. Ihr eigenes Glück macht sie sehr stark von ihrer Freundschaft zu Lotte abhängig. Doch als die sich nicht mehr an den gemeinsamen Plan fürs Leben hält, dreht sich die Welt für Isi viel zu schnell. Sie hat das Gefühl, dass alle zu „Supererwachsenen“ mutieren und nur sie ihre Ziele nicht erreichen kann. Da packt sie die Ungeduld, der innere Druck steigt und sie will am liebsten schnellstmöglichst alles vom Leben.

Gab es deinerseits in der Drehbuchphase Überlegungen, Isis Zeichnungen im Film als animierte Comics zum Leben zu erwecken? 

Nein, nie! Ich wollte unserer Hauptfigur Isi zu jedem Zeitpunkt im Film nah sein – vor allem dann, wenn sie zeichnet. Ein Comic hätte mich nur irritiert.

 

Regisseurin Helena Hufnagel (Mitte) mit ihren Hauptdarstellerinnen Luise Heyer (l.) und Jytte-Merle Böhrnsen (r.), ©Cocofilms
Regisseurin Helena Hufnagel (M.) mit den Produzenten des Films, Torben Maas (l.) und Christian Füllmich (r.) von der filmschaft maas&füllmich, ©Cocofilms

Ist die Suche nach dem Sinn und der Erfüllung im Leben deiner Meinung nach ein größeres Problem für Kulturschaffende und Kreative? 

Jein. Es geht in meinem Film um viele universelle Themen: Freundschaften, in denen man sich auseinanderlebt, das Realisieren von Träumen, bevor es für einen selbst peinlich wird und das Feststecken in einem „Irgendwo-dazwischen“. Das sind Themen, die beschäftigen jeden auch abseits von kreativen Jobs. Andererseits empfinde ich es schon so, dass der Druck bei uns nach dem Studium ein ganz anderer ist, weil man eben nicht wie zum Beispiel der Medizinstudent Daniel in „Einmal bitte alles“ mit einem sicheren Arbeitsplatz rechnen kann.

Du bist in einem ähnlichen Alter wie deine Filmfigur Isi. Treiben dich im Moment dieselben Themen in Bezug auf dein Berufs- und Privatleben um wie sie? 

Aber natürlich. Ich war und bin Isi in ihren Träumen und Zielen sehr nah. Das Gefühl, festzustecken, sich irgendwo dazwischen zu befinden kenne ich sehr gut. Im Privatleben würde ich allerdings viele Dinge, die Isi macht, nicht tun. Zum Beispiel einen Ring verpfänden oder einfach mal ganz dreist seine Miete nicht zu zahlen.

Was war neben der Tatsache, dass du zusammen mit deinen Produzenten die Finanzierung für deinen Debütfilm gestemmt hast, das größte Glück für dich?

Dieses unglaubliche Team zu finden, das zu einem großen Freundeskreis zusammengewachsen ist. Ich weiß den Einsatz und die Energie von jedem Einzelnen wirklich sehr zu schätzen!

Inwiefern hast du schon in der Drehbuchphase deiner Filme ein mögliches Zielpublikum vor Augen?  

Bei „Einmal bitte alles“ hatte ich mein potentielles Publikum tatsächlich sehr genau vor Augen. Ich wollte ein Gefühlsportrait unserer Generation schaffen und wusste genau, was ich erzählen und wen ich damit erreichen möchte.

Die Vermarktung von „Einmal bitte alles“ über eure Social Media-Kanäle kommt jung, innovativ, aber trotzdem sehr professionell daher. War es für dich früh klar, dass du so viele mediale Verbreitungskanäle wie möglich nutzen möchtest, um auf deinen Debütfilm aufmerksam zu machen?

Dazu kann ich nur sagen: EINMAL BITTE ALLES. Auch in Social Media 😉

Was wirst du am Morgen des Kinostarts am 20.07. vermutlich als erstes machen? 

Ein riesen großes Nutella-Brot essen und mich einfach wahnsinnig über den Kinostart freuen!

 

Ich danke dir von Herzen für das Interview, Helena, und wünsche dir alles Gute für einen erfolgreichen Kinostart!


Foto Helena Hufnagel: privat

Szenenfotos aus dem Film „Einmal bitte alles“: © Der Filmverleih

 

Mehr über die Regisseurin: https://www.helenahufnagel.com

und ihre Produktionsfirma Cocofilms: https://www.cocofilms.de

„Einmal bitte alles“ auf

Facebook: https://www.facebook.com/einmalbittealles/

Instagram: https://www.instagram.com/einmalbittealles_film/

Die Kulturflüsterin

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