Kunst to go

So viel Kunst, so viele Ausstellungsorte. Ein Rückblick auf meinen Documenta-Besuch und eine Liebeserklärung an die GRIMMWELT Kassel!

Schon mal etwas von dissonanten und synchronen Praxis der Heteroglossie und Heterogenität gehört? Wie, noch nie? Ich habe sie erlebt, in der tarnfarbenen Sitzlandschaft im Eingangsbereich des Kassler Fridericianums. Wie schön, wenn Kunst so bequem ist wie an diesem „Ort für Dialog, Debatten und die kritische Konstruktion von öffentlichem Raum“, wie es auf der Erklärtafel heißt. Wer wie ich die Gelegenheit hat, auf den weichen Modulen Platz zu nehmen, kann erahnen, durch welche radikale Transformation des öffentlichen Raums man zu einer neuen Form der Subjektivität findet…

Ein bisschen ist es mit der Documenta so wie mit dem Mythos vom Tal der Schmetterlinge. Wenn schon so viele da waren, dann muss es schön sein. Und so ließ ich mich auch durch negative Besprechungen in der Presse nicht beirren und glaubte lieber den begeisterten Schilderungen der Fans dieser Kunstschau. Nach Angaben der Ausstellungsmacher wurden zur Halbzeit der internationalen Kunstausstellung bereits 445.000 Besucher gezählt, 17 Prozent mehr im Vergleich zur letzten Documenta vor fünf Jahren. Diejenigen um mich herum, die in diesem Jahr bereits in Kassel waren, kamen aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Der Kunst-Place to be in diesem Sommer! Als ich am späten Samstagnachmittag in Kassel ankomme, stehen die Besucher schon einen Kilometer lang Schlange für einen Besuch in der Neuen Galerie. Ich gehe Richtung Innenstadt weiter und bin mir sicher, dass ich gerade das Event meines Lebens verpasse.

Und es gibt sie doch, die schönen Ecken in Kassel! Meistens da, wo man auf Kunst im öffentlichen Raum stößt… Der „Rahmenbau“ des Teams Haus-Rucker-Co wurde zur documenta 6 im Jahr 1977 errichtet und öffnet sich zum Staatspark Karlsaue.

Kassel an sich? Es gibt charmantere Orte, um zu verweilen. Ich freue mich vor allem auf viele künstlerischen Neuentdeckungen im Rahmen dieser 100 Tage andauernden Kunstausstellung. Mein documenta-Abenteuer beginnt am Samstagabend in dem monumentalen, beeindruckenden Kunstwerk „The Parthenon of Books“ der argentinischen Künstlerin Marta Minujín. Ihr Nachbau des Athener Parthenons in Form eines Büchertempels auf dem Friedensplatz ist beeindruckend und werbewirksam zugleich. „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque entdecke ich dort ebenso hinter den Gittern, die die Bücher tragen, wie „Der Glöckner von Notre-Dame“ von Victor Hugo.

Facebook sei Dank: Am Tag zuvor hatte ich dort von der langen Nacht im Parthenon der Bücher erfahren. Die documenta-Besucher waren zusammen mit Kuratoren und Teammitgliedern der documenta 14 dazu aufgerufen worden, in unterschiedlichen Sprachen aus ehemals verbotenen Büchern zu lesen sowie eigene Textauszüge, Gedichte oder einen musikalischen Beitrag auf der Bühne zum Besten zu geben. Vom theatralischen Auftritt einer jungen Pop-Sängerin über minutenlange Lesungen in türkischer und spanischer Sprache bis hin zu den ersten schriftstellerischen Gehversuchen pensionierter Hobby-Lyriker war an diesem Abend wirklich alles dabei. Ein skurriles Kunst-Happening in entspannter Atmosphäre.

Am Tag darauf geht es früh weiter mit der documenta-Erkundungstour – schließlich will ich in zwei Tagen so viele der 30 Veranstaltungsorte wie möglich besuchen! Endlich kann ich das Innere der Neuen Galerie bestaunen und bin erst einmal überwältigt. In einem Raum stoße ich auf die Kunst von Joseph Beuys, ein paar Räume weiter betrachte ich mehrere Schätze aus dem Oeuvre der Pornodarstellerin und Künstlerin Annie Sprinkle. „Liebe wird hier nicht in der Sprache von Gefühlsschwärmereien, Religionen oder Institutionen definiert, sondern politisch, ökologisch“, so der Erklärungstext. Wieder was gelernt. Es dauert nicht lange und ich habe in den mit Kunstwerken übervollen Räumen den Überblick verloren. Plötzlich entdecke ich ein Gemälde von Leo von Klenze. Als zeitgenössischen Künstler kann man den 1864 verstorbenen Künstler sicher nicht mehr bezeichnen, aber schließlich zeichnete er die Akropolis unzählige Male und nutzte den Parthenon als Vorbild für den Bau der Walhalla. Grund genug, auch als Oldie auf der documenta dabei sein zu dürfen.

Bevor ich lange über der Aussagekraft und die Hängung der Kunstwerke in der Neuen Galerie nachdenke, mache ich lieber Fotos. Besonders der Bücherturm in Maria Eichhorns „Rose Valland Institut“ hat es mir angetan. Das Ziel der deutschen Künstlerin ist die unabhängige Erforschung und Dokumentation der „Enteignung der jüdischen Bevölkerung Europas und deren Nachwirkungen“. Daher hat Eichhorn in einem Newsletter dazu aufgerufen, Kunstwerke, Antiquitäten, Schmuck und Hausrat, bei dem es sich um Raubkunst handeln könnte, dem Institut zu melden. Maria Eichhorn erinnert mit ihrer Aktion an Rose Valland, die während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg die Plünderung der Museen und Privatsammlungen heimlich dokumentierte.

Die Dimensionen dieses Projekts werden dem Betrachter jedoch wie so oft auf dieser documenta erst bewusst, wenn er nachträglich Informationen zu den ausgestellten Kunstwerken recherchiert. Denn Erklärung ist out, es lebe die Interpretation! Nach diesem Motto scheinen auch die gut beworbenen Führungen des Chors der documenta abzulaufen. Pardon, Spaziergänge meinte ich natürlich. Für 12 Euro neben dem documenta-Tageseintrittsspreis von 22 Euro können beispielsweise bei einem dieser Spaziergänge „verschiedene Erzählformen, Zirkulation, Narration, Zerstreuung“ in der Diskussion mit den anderen Teilnehmern entdeckt werden – „und wie man eine Fiktion zum Leben erwecken kann“. Angeleitet werden die Besucher von einem Mitglied des Chors der documenta – einer Gruppe an „Laien und Bürgern“, die ihre anfangs anonyme Gruppe innerhalb von 2 Stunden in einen Kreis debattierfreudiger Kunstjünger verwandeln sollen. Klingt ein bisschen wie eine Bhagwan-Sitzung. Wer wie ich gerne weitergehende Informationen zu den Kunstwerken hätte, ist in Kassel definitiv nicht an der richtigen Adresse.

„Do you really need a message?“, lese ich wenig später in der Gottschalk-Halle, einem weiteren Ausstellungsort. The Chess Society (Ich habe das Gefühl, es besteht eine Liebesgeschichte zwischen der Kellnerin und dem großen schwarzen Putzmann, 2017) heißt das Werk von Bili Bidjocka aus Kamerun. Ein wenig weit hergeholt finde ich die Verbindung zwischen der 1500 Jahre alten Tradition des Schachspiels und den politischen Machtverhältnissen im 21. Jahrhundert schon – aber die verwendeten Materialen eigenen sich perfekt als Fotomotive.

Ich beginne, diese documenta wahrzunehmen wie die allermeisten anderen Besucher vermutlich auch. In einem für meine Verhältnisse ungewöhnlich schnellem Tempo laufe ich durch die Neue Neue Galerie sowie durch das Fridericianum und lasse mich von der Atmosphäre, der Architektur der Ausstellungsräume und einigen besonderen Kunstwerken inspirieren.

Ein wunderbarer Ort für die Kunst: Die Neue Neue Galerie in Kassel! Das Gemälde stammt von dem australischen Künstler Gordon Hookey, ein Angehöriger des Waanyi-Volkes.
Theo Eshetus digitales Video „Atlas Fractured“ (2017). Die persönliche Sicht auf beliebte Bilder und kulturelle Klischees sind die Grundlage für die Videoarbeiten des 1958 in London geborenen Künstlers.

 

Die vorübergehende neue Inschrift des Fridericianums ist ein documenta-Beitrag der in Ankara geborenen Künstlerin Banu Cennetoglu. Sehenswert!
Beeindruckend: Der kuppelförmige Lehmbau von Gernot Minke, der auf die Zeit des Architekten an der Universität Kassel in den frühen 1990er Jahren zurückgeht und heute noch neben der Kunsthochschule zu finden ist. Sein Beitrag zur documenta: „Erde – Raum – Klang 2: Turm aus Lehm“ (2017)

Ein Highlight meiner documenta-Tage: The Raft (2004), eine Videoinstallation des amerikanischen Künstlers Bill Viola. Was geschieht, wenn wir an einem ganz normalen Tag inmitten einer Gruppe fremder Menschen von einer Katastrophe überrollt werden? Subtil und in Slow Motion bahnt sich das Unglück seinen Weg und zwingt die Beteiligten von einem Moment auf den anderen zum Umdenken.

Vielfalt und Überforderung anstatt eines klaren, durchdachten Ausstellungskonzepts: So habe ich die documenta trotz einiger Höhepunkte erlebt. Dabei macht ein Kasseler Museum vor, wie innovativ, spannend und lehrreich Wissen vermittelt werden kann. In der Grimmwelt Kassel erfährt man nicht nur viele Details aus dem Leben der weltberühmten Brüder Jakob und Wilhelm. Ihre Leidenschaft für die Vermittlung von Sprache und Literatur steht im Zentrum der multimedialen, interaktiven Ausstellungskonzeption. Dieses Museum ist aber keineswegs ein Abenteuerspielplatz für Kleinkinder. Anhand der Buchstaben des Alphabets können sich Erwachsene und Kinder auf den Weg durch das Grimmsche Universum begeben, die Begriffe aus dem „Deutschen Wörterbuch“ der Grimms bilden die Überschriften der einzelnen Ausstellungsabteilungen. 1838 setzten die Brüder den Grundstein für das Brüder Mammutprojekt „Deutsches Wörterbuch“ – erst 1961 konnte die Arbeit daran nach 123 Jahren beendet werden. Jedes Ausstellungsstück in diesem Museum ist einzigartig und erwähnenswert – meine Favoriten habe ich in Bildern festgehalten!

Jeder kennt die Dornenhecke, durch die sich der Prinz zu Dornröschen hindurchkämpft. Die sprechende Dornenhecke in der Grimmwelt birgt manche Überraschung! Ein Spiegel weiß um die Schönste im ganzen Land und im Lebkuchenhaus der Hexe und im Haus von Rotkäppchens Großmutter gibt es unvorhergesehene Begegnungen…
Der geniale Buchstaben-Weg in der Grimmwelt beginnt ganz unerwartet mit dem letzten Buchstaben des Alphabets.
Das Kunstwerk »Colored Roots« des chinesischen Künstlers Ai Weiwei. Jacob und Wilhelm Grimm bezeichneten ihre Arbeit auch als „Wurzelforschungen“.

Man könnte die Entstehungsgeschichte des deutschen Wörterbuchs ganz konventionell in einer Zeitleiste abbilden – oder man beauftragt einen Künstler wie Alexej Tchernyi, der von 1996-2000 ein Kunststudium in Kassel absolviert hat, mit der Anfertigung von 14 Bildkästen, in denen das Grimmsche Universum auf seine außergewöhnlichen Werke aus kunstvoll bearbeitetem und effektvoll hinterleuchtetem Papier überträgt.

„Spieglein, Spieglein, an der Wand: Wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Ich gebe zu, dass ich mir von meinem documenta-Besuch wesentlich mehr erwartet habe. Andererseits bin ich froh, das Spektakel darum herum, das oft interessanter war als die Kunst selbst, endlich einmal vor Ort erlebt zu haben. Und alleine wegen den fantastischen Grimmwelt würde ich sofort wieder nach Kassel fahren!


Informationen über die Documenta 14http://www.documenta14.de/de/

Grimmwelt Kassel: 

Weinbergstraße 21
34117 Kassel

http://www.grimmwelt.de/

Die Kulturflüsterin

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