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#Interview mit Nuran David Calis

©Arno Declair

Ein Interview mit dem Theater- und Filmregisseur Nuran David Calis über Armenien, politisches Theater und soziale Netzwerke…

Der Werdegang von Nuran David Calis klingt wie ein Drehbuch: Geboren in Bielefeld 1976 als Sohn türkisch-armenisch-jüdischer Eltern, aufgewachsen im Sozialwohnungsbezirk Bielefeld-Baumheide. Ab seinem 16. Lebensjahr arbeitet er als Türsteher, dann entdeckt er durch seine erste Freundin die Liebe zum Theater. 1996 beginnt er nach dem Abitur ein Regiestudium an der Münchener Otto-Falckenberg-Schule und inszeniert nach seinem Abschluss im Jahre 2000 an so bedeutenden deutschsprachigen Bühnen wie dem Thalia Theater, dem Schauspiel Köln oder dem Münchner Residenztheater. 2008 kommt sein Spielfilmdebüt Meine Mutter, mein Bruder und ich! in die Kinos, zwei Jahre später ist Calis‘ Fernsehfassung von Frank Wedekinds‘ Frühlings Erwachen in 3sat zu sehen. Daneben arbeitet er sehr erfolgreich als Autor und veröffentlicht Theaterstücke wie Dogland (2006) und 2011 den Roman Der Mond ist unsere Sonne.

Ich schätze Nuran David Calis seit Jahren sehr, weil er seine Wurzeln trotz seines kometenhaften Aufstiegs in den Olymp der Theaterwelt nicht verleugnet. Weil er ein zutiefst menschlicher Regisseur ist, der durch seine Arbeit zu einem friedlichen Miteinander zwischen Menschen verschiedener Herkunft aufruft. Weil er politische Tendenzen und Weltanschauungen von unterschiedlichen Seiten beleuchtet und dabei auf die Expertise der Betroffenen zählt. Und weil er weiß, wovon seine Protganisten auf der Bühne sprechen, wenn sie von Ausgrenzung, Rassismus und fehlenden Aufstiegschancen sprechen. Vielen Dank, lieber Nuran David Calis, dass du dir trotz deines vollen Proben- und Drehplans Zeit für dieses Interview genommen hast!

 

Bayerischer Kunstförderpreis, Dramatiker-Stipendium des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft, in diesem Jahr der Ludwig-Mülheims-Theaterpreis: Du bist ein vielfach ausgezeichneter Theaterregisseur und –autor und inszenierst seit dem Jahr 2000 an den bedeutendsten deutschsprachigen Theaterhäusern. Ich bin 2010 aber vor allem aufgrund deiner sehr gelungenen Fernsehfassung von Frank Wedekinds Frühlings Erwachen auf dich aufmerksam geworden. Hättest du dir damals vorstellen können, die Theaterkarriere für den Film hinten anzustellen?

Da ich sowohl als Theater- als auch als Filmregisseur aus einer Quelle der Kreativität schöpfe, wollte ich mich nie nur auf das eine oder das andere festlegen. Mir macht es großen Spaß, in beiden Bereichen zu arbeiten – die Herangehensweise an das jeweilige Projekt ist jedoch vollkommen unterschiedlich.

Inwiefern? 

Im Theater ist der Weg das Ziel während des Probenprozesses – und die Premiere eine Art „Arbeitsstand“, den die Schauspieler vor Publikum präsentieren. Eigentlich könnte man ewig weiterfeilen an einer Inszenierung, viele Dinge entwickeln sich auch erst im Laufe der Zeit, wenn die Schauspieler das Stück mehrere Male gespielt haben. Beim Film hingegen muss man zu Drehende fertige Teile eines Produkts, das erst durch den Schnitt entsteht, abliefern.

Ist der Druck, unter dem du als Filmregisseur stehst, ein größerer, als der am Theater? 

Nuran Calis: Druck gibt es am Theater auch – aber in einer anderen Art und Weise. Bei einem Filmprojekt kommt es meiner Meinung nach darauf an, auf welches Ergebnis man hinarbeitet. Ist man bei den wichtigen Playern der Branche wie der Constantin Film verpflichtet, steht der Starttermin oft schon fest, wenn die erste Klappe fällt. Es hat durchaus seinen Reiz, ein großes Projekt zusammen mit einer entsprechenden Produktionsfirma und dem dazugehörigen Verleih zu realisieren. Daneben brauche ich persönlich aber auch immer wieder einen Ort, an dem ich den Freiraum habe, ähnlich wie ein Forscher in einem Labor mit meinen Schauspielern herumzuexperimentieren.

Da ich selber in der Filmbranche tätig bin, bekomme ich täglich mit, wie schwierig der Spagat zwischen der eigenen künstlerischen Vision und der Vermarktbarkeit eines Films für einen Regisseur sein kann. 

Abolut! Aber ich glaube, dass man sich als Regisseur auch neuen Herausforderungen stellen und sich größer angelegten Projekten nicht verweigern sollte. Ich für meinen Teil finde im Moment alle Möglichkeiten, einen Film zu produzieren, spannend – aber ich bin auch froh, dass ich auch im Theaterbetrieb beheimatet bin und mich nie auf eine einzige Art und Weise, Regie zu führen, festlegen muss.

Kurt Onur Ipekkaya als Garnik (r.) und Erhan Emre als Areg in Nuran David Calis‘ Spielfilmdebüt „Meine Mutter, mein Bruder und ich!“ (2008) ©Movienet

Nuran Calis: Nun hätte ich eine einmal Frage an dich: Ich habe auf deinem Instagram-Profil Fotos von deiner Armenien-Reise gesehen. Wie kam es denn dazu, dass du dort Urlaub gemacht hast?

Armenien war mir tatsächlich seit meiner Kindheit ein Begriff, da eine Freundin meiner Mutter dort aufgewachsen ist. Ich wollte eigentlich gemeinsam mit ihr und ihren Töchtern nach Armenien reisen, aber das hat aus Zeitgründen nicht geklappt – daher war ich jetzt mit einer Gruppe unterwegs und durfte eine sehr intensive Zeit in diesem Land verbringen. Du hast einen armenisch-türkisch-jüdischen Background – wie stark hat dich der armenische Teil deiner Identität geprägt? 

Der war lange Zeit sehr tabubelastet. Meine Großeltern und Eltern wollten diesen Teil unserer Vergangenheit von mir fern halten, weil sie der Meinung waren, dass ich dadurch unbefangener durchs Leben gehen könne. Für einen Heranwachsenden ist diese Art der Vergangenheitsbewältigung aber nicht immer von Vorteil. Ich habe angefangen, durch die Weltgeschichte zu reisen, Nachforschungen anzustellen und Dinge begreifen zu wollen. Mein künstlerisches Schaffen basiert zu einem sehr großen Teil auf der Beschäftigung mit der Geschichte Armeniens. Es ist also so ziemlich das Gegenteil dessen eingetreten, was meine Eltern ursprünglich beabsichtigt hatten.

Sprichst du armenisch?

Nein, leider überhaupt nicht – ich würde die Sprache aber sehr gerne lernen. Meine Eltern haben in Istanbul gelebt, bevor sie nach Deutschland kamen. Daher ist meine zweite Muttersprache Türkisch. Meine Großeltern konnten natürlich Armenisch sprechen, aber sie haben sich der Sprache irgendwann verweigert. Genauso wie sie alles andere ausgeblendet haben, was sie an ihr Herkunftsland erinnerte. Ich bin übrigens zweimal bereits nach Armenien gereist und hatte aufgrund der Konflikte mit der Türkei Angst, dass ich Probleme bei der Ein- und Ausreise in die Türkei bekommen könnte.

Um die historisch begründeten Konflikte mit dem Nachbarland Armeniens geht es auch in Franz Werfels Roman Die 40 Tage des Musa Dagh aus dem Jahr 1933, den du 2016 am Residenztheater dramatisiert hast. Darin beschreibt Werfel das Schicksal einer Dorfgemeinschaft, die 1915 auf dem Heimatberg Musa Dagh Widerstand gegen die türkische Besatzung leistet. Welche Erfahrungen hast du in der Zusammenarbeit mit deinem deutsch-türkisch-armenischen Ensemble gemacht?

Die Darsteller waren sehr offen, aber auch kompromisslos in ihrer Haltung bestimmten Fragestellungen gegenüber. Ein, zwei Mal dachte ich in den Proben tatsächlich, dass mir gleich alles um die Ohren fliegt und das Projekt auf der Kippe steht. In diesem kleinen, verdichteten Theaterraum wurde klar, wie viele unausgesprochene, nie aufgearbeitete Konflikte es in der Beziehung zwischen den drei Ländern gibt. Die Besonderheit des Abends lag darin, dass man nie sicher sein konnte, ob und wann die Stimmung auf der Bühne plötzlich kippt.

„Die vierzig Tage des Musa Dagh“ am Residenztheater, vorne links: Daron Yates, Bijan Zamani, Simon Werdelis (sitzend), Ismail Deniz, Michaela Steiger, oben Friederike Ott (Projektion) ©Konrad Fersterer

Es ist schwer, sich von seiner vorgefertigten Meinung gegenüber einem Land freizumachen – gerade, was die Türkei angeht. Als ich in Armenien war, konnte ich es nicht glauben, dass die Grenze zur Türkei tatsächlich seit den 1980er Jahren gesperrt ist. Andererseits möchte ich, die ich nie länger in einem der Länder gelebt habe, mir auch kein zu einseitiges Urteil über deren politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse erlauben. 

Dass die nationalistischen Tendenzen auch auf armenischer Seite stark sind, habe ich gemerkt, als ich mit den türkischen Schauspielern aus der Die 40 Tage des Musa Dagh-Inszenierung hier in München in ein armenisches Gemeindehaus gegangen bin. Dort wurde uns vorgeworfen, dass angeblich in vielen türkischen Cafés Bilder von Kemal Atatürk hängen. Es gibt viele Dinge, die die Annäherung zwischen den beiden Völkern erschweren. Das beste Beispiel ist der für die Armenier heilige Berg Ararat, der in einem militärischen Sperrgebiet liegt und nur von türkischer Seite aus bestiegen werden kann. Ich fand es spannend, dass ich durch das Projekt am Residenztheater ein noch besseres Verständnis für die Reibungspunkte, die es im Verhältnis zwischen Armenien und der Türkei gibt, bekommen habe.

Der heilige Berg Ararat

Ich kann aus meiner Erfahrung heraus sagen, dass mir selten so herzliche, freundliche Menschen wie in Armenien begegnet sind. Wir hatten das Glück, auf einen Reiseleiter zu treffen, der trotz seiner Erfahrungen als Soldat in der umkämpften Region Bergkarabach an der Grenze zu Aserbaidschan nie aufgehört hat, an das Gute im Menschen zu glauben. 

Das freut mich zu hören! Ich habe mich während meiner Reisen auch sehr wohl gefühlt in diesem Land. Die Armenier erinnern mich in ihrer positiven, relaxed Lebenseinstellung ein wenig an die Portugiesen.

Empfindest du es eigentlich als lästig, dass du in Interviews immer wieder auf deinen multikulturellen Background angesprochen wirst?

Während einiger meiner Kollegen sehr ungern auf ihren multikulturellen Background angesprochen werden, empfinde ich es als ein großes Privileg, dass ich dadurch ein Forum in der Öffentlichkeit habe. Die Bundesrepublik ist zum Glück viel bunter und vielschichtiger, als die AfD das derzeit gerne haben würde. Wenn ich durch meine Arbeit meinen Anteil zu einem harmonischeren Miteinander zwischen Menschen verschiedener Herkunft leisten kann, dann freut mich das sehr. Ich hatte nie das Gefühl, dass man mich aufgrund meiner Herkunft auf eine bestimmte Rolle reduziert. Natürlich kann man von „positiven Rassismus“ sprechen, der einem als Regisseur die Türen öffnet – aber letztendlich bemisst sich der Wert deiner Arbeit daran, welche Leistung du über einen längeren Zeitraum erbringst.

Du beschäftigst dich in deinen Theaterprojekten immer wieder mit aktuellen politischen Themen wie zuletzt am Schauspiel Köln in dem Stück Instanbul mit den Auswirkungen der Politik Erdoğans. Ist Theater für dich vor allem dann politisch, wenn in einer Inszenierung aktuelle politische Entwicklungen und Tendenzen verhandelt werden?

Theater ist für mich vor allem dann politisch, wenn die Leitung eines Hauses ihren Radar erweitert und die politischen Veränderungen in einem Land in den Spielplan mit einbezieht – egal, ob in Form einer Stückentwicklung oder eines neu interpretierten Klassikers. Ich begreife das Theater nicht als einen Kunsttempel, sondern als einen Seismographen gesellschaftlicher Entwicklungen. Es ist wunderbar, wenn Regisseure, die die Umbrüche in ihrem Land reflektieren, nachher die Chance bekommen, die Ergebnisse ihrer Arbeit an einem großen Theater präsentieren.

Der türkische Schrifsteller Doğan Akhanlı, der am Schauspiel Köln in der Inszenierung „Instanbul“ von Nuran David Calis mitspielt, wurde in diesem August auf Betreiben der türkischen Regierung hin in seinem Feriendomizil in Spanien in Haft genommen und darf das Land vorerst nicht verlassen. ©Schauspiel Köln

Ich freue mich schon auf eine Zeit, wo wir uns keine Gedanken mehr darüber machen, welche Hautfarbe ein Schauspieler hat und warum er gerade für diese oder jene Rolle besetzt wurde. 

Ich glaube, wir sind da auf einem sehr guten Weg. Das Theater muss gerade jetzt, wo identitäre Bewegungen in Europa einen großen Aufschwung erleben, dazu Stellung beziehen. Und die Frage danach, was oder wer eigentlich die Gesellschaft ist, neu stellen.

Würdest du dir wünschen, dass sich die Künstler hierzulande noch stärker politisch engagieren?

Im Moment definitiv. Theaterinszenierungen, Filme, Kunstprojekte sollten mehr denn je als politische Plattform verstanden werden. Denn die Räume, in denen ein Diskurs stattfinden kann, sind vom Verschwinden bedroht. Wenn kein Diskurs stattfindet, entsteht dadurch eine extreme Entfremdung, die zur Entstehung identitärer Bewegungen führen kann.

Sind die Social Media-Kanäle eines Künstlers deiner Meinung nach dafür eine geeignete Plattform?

Ja, denn man sollte die sozialen Netzwerke auf keinen Fall Rassisten und Unruhestiftern überlassen. Wenn du zum Beispiel in deinem Blog Künstler, die sich explizit gegen Hass und Fremdenfeindlichkeit aussprechen, zu Wort kommen lässt und sich diese Meinungen verbreiten, kann das ein starkes Bollwerk gegen anderslautende Meinungen sein.

In Special Forces, dem neuen Projekt deiner Filmproduktionsfirma Sterntaler Film, wird es um einen jungen Polizisten gehen, der in sein Heimatdorf zurückkehrt und feststellen muss, dass sich sein Vater einer autoritären Bürgerwehr angeschlossen hat. Kam die Idee zu dem Drehbuch von dir?  

Nein, die kam von Florian Borkamp, dem Regisseur des Films, der das Drehbuch zu seinem Debütfilm gemeinsam mit Geraldine Laprell geschrieben hat. Wir wurden gerade vom FilmFersehFonds gefördert und werden in ein paar Wochen am Set stehen. Da unsere Filmidee vorab bei Sendern und Förderinstituten auf großes Interesse gestoßen ist, bin ich gespannt auf das Ergebnis des Drehs!

Ich auch! Vielen herzlichen Dank für dieses wunderbare Interview, lieber Nuran David Calis – und viel Erfolg bei all deinen weiteren Theater- und Filmprojekten! 


Nuran David Calis auf Instagram: https://www.instagram.com/nurandavidcalis/

Infos über die SterntalerFilm GmbH: http://sterntalerfilm.dehttps://www.facebook.com/pg/Sterntalerfilm

 

 

Die Kulturflüsterin

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