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Adventsgeflüster #19: Ein kleines Stück Poesie von Delschad Numan Khorschid

© Delschad Numan Khorschid

Heute Abend feiert der im Irak geborene Schauspieler Delschad Numan Khorschid im Marstall des Residenztheaters Premiere in der Uraufführung von Kevin Rittbergers Stück Kassandra/Prometheus. Recht auf Welt. Darin schlägt der Regisseur Peter Kastenmüller einen Bogen vom antiken Kassandra und Prometheus-Mythos zu den humanitären Katastrophen des 21. Jahrhunderts. Seit vielen Jahren schreibt Delschad eigene Prosatexte und Gedichte – einige von ihnen präsentierte er 2017 im Rahmen des Lyrik-Salons im Freiberger Taschenbuchladen. Da seine Texte bisher nicht veröffentlicht wurden, ehrt es mich umso mehr, euch in meinem heutigen Adventskalender-Türchen ein kleines Stück Poesie von Delschad präsentieren zu können.

 

„Delschad“, das bedeutet „Freundliches Herz“ auf Kurdisch. Welch ein passender Name für einen derart offenen, fröhlichen und emphatischen jungen Mann. 1983 wurde Delschad Numan Khorschid im kurdischen Teil des Nordirak geboren, wo er bis zu seinem 17. Lebensjahr aufwuchs.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden nicht nur in dieser Region, sondern in ganz Kleinasien und im Nahen Osten die Grenzen meist willkürlich neu gezogen. Der große Verlierer nach dem Untergang des Osmanischen Reiches waren die Kurden. Ihre Gebiete teilte man zwischen mehreren Staaten auf, in denen sie oft angefeindet, unterdrückt und verfolgt wurden. Im Irak erlebten die Kurden ein Dasein der Extreme. Nach dem Ersten Weltkrieg stand das Land bis Ende der 1950er Jahre unter britischer Verwaltung, die den Kurden relativ große Freiheiten gewährte. Sie waren als Minderheit anerkannt, konnten ihre Kultur und Sprache frei pflegen und waren auch politisch in Bagdad vertreten.

Nach dem Abzug der Briten fand eine Landreform statt, durch die die alten Siedlungsstrukturen teilweise zerstört wurden. Zudem wollte die Zentralregierung in Bagdad die Kontrolle über die erdölreiche Region um Mosul erlangen. Aufstände und jahrelange Kämpfe der Kurden gegen die Regierung waren die Folge. Kurz nach Saddam Husseins Machtantritt 1979 begann der Krieg mit dem Iran, in dem die Kurden eine große Rolle spielten. Saddam Hussein ließ die Bewohner ganzer kurdischer Dörfer deportieren und siedelte regierungstreue Iraker in den Kurdengebieten an, um sich kriegswichtige Rohstoffe zu sichern. Als ein Teil der irakischen Kurden die iranischen Truppen unterstützte, ging Saddam Hussein mit äußerster Brutalität gegen sie vor. Im März 1988 befahl er einen Giftgas-Angriff auf die kurdische Stadt Halabdscha, bei dem 5000 Menschen, die meisten davon Zivilisten, starben. Im Laufe eines jahrelangen Vernichtungsfeldzugs gegen die Kurden wurden rund 200.000 Menschen getötet und circa 1,5 Millionen vertrieben. Mit dem Ende des Zweiten Golfkrieges 1991 änderte sich die Lage der Kurden. Im Norden Iraks wurde eine Sicherheitszone eingerichtet, in der sie die lang ersehnte Autonomie genossen. Doch die wirtschaftliche Lage im Land und der Kampf der verschiedenen politischen Akteure um die Macht in Kurdistan führte dazu, dass der de facto unabhängige Staat kaum überlebensfähig war. Nachdem sich die Lage im Nordirak nach dem Sturz Sadam Husseins etwas gebessert hatte, nahm die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) 2014 in einer Blitzoffensive große Teile des West- und Nordiraks ein. Damit gerieten auch die Autonome Region Kurdistan im Norden des Irak und kurdische Siedlungsgebiete in Syrien unter großen Druck. Die kurdischen Kämpfer wurden infolge dessen zu Verbündeten einer Allianz gegen den „Islamischen Staat“, die aus arabischen Nachbarländern und westlichen Partnern besteht.

Der heute 35-jährige Delschad Numan Khorschid verließ den Norden des Irak im Alter von 17 Jahren. Allein, ohne seine Mutter und ohne seine Geschwister, die er in der Heimat zurücklassen musste. Nach eineinhalb Jahren Flucht war München der erste Anlaufpunkt, von dem aus er sich eine Zukunft in seiner neuen Heimat Deutschland aufbaute. Er, der schon im Jugendalter die Schönheit der Poesie und der Sprache schätzen gelernt hatte, begann nach einigen Jahren in Deutschland ein Schauspielstudium an der Berliner Schule für Schauspiel und war in den vergangenen Jahren unter anderem im Mittelsächsischen Theater Freiberg in dem Zwei-Personen-Stück Neun blaue Nächte auf der Bühne zu erleben. Darin geht es nicht um eine Flucht-, sondern um eine sehr berührende Liebesgeschichte über zwei Menschen, die eines Morgens als Unbekannte in einem gemeinsamen Bett erwachen und während der folgenden neun Nächte eine gemeinsame Sprache und Bilder erschaffen, aus denen eine tiefe Liebesbeziehung erwächst.

Nachdem Delschad jahrelang nicht in den Irak reisen konnte, hatte er Ende 2018 endlich die Gelegenheit dazu, seine Familie nach 17 Jahren wiederzusehen.

2018 im Nordirak © Delschad Numan Khorschid

Bevor ich den Schauspieler vor einigen Wochen kennenlernte, hatte ich abseits der zahlreichen Medienberichte keinen persönlichen Bezug zu den Flüchtlingskrisen, die Europa in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder in Atem gehalten haben. In den Gesprächen mit Delschad wird mir bewusst, wie wenig ich bisher über die Situation der Kurden im Nordirak wusste. Immer wieder wurden in den vergangenen Jahren Versuche unternommen, den Geflüchteten auf der Bühne oder im Film eine Stimme zu geben. Dabei stand jedoch fast immer unser eigener, westlicher Blick auf die Flüchtlingskrise im Vordergrund – selten behielten die Betroffenen dabei die Kontrolle über das, was sie vor der Kamera oder im Theater darstellten. Ein Geflüchteter ist jedoch weder ein Material, noch eine Projektionsfläche, noch ein Mensch, der seine Flucht immer wieder zum Thema machen muss und möchte.

Ich bin sehr froh, dass ich durch Delschad einen vollkommen neuen Blick auf viele Dinge, die mir bisher als selbstverständlich erschienen, bekommen habe. Ich bewundere ihn für seine Toleranz, seine Herzlichkeit, seine Menschlichkeit und seine Fähigkeit, unvoreingenommen und ohne Vorbehalte auf Menschen zuzugehen. Heute Abend feiert er seine Rückkehr in die bayerische Landeshauptstadt: Nicht als Geflüchteter, sondern als Schauspieler an einem der renommiertesten Theater im deutschsprachigen Raum.

Lieber Delschad, ich freue mich sehr, dass uns das Resi zusammengebracht hat! Und ich danke dir von Herzen, dass du mir dieses kleine Stück Poesie, das Teil eines längeres Textes ist, für meinen Blog zur Verfügung gestellt hast. Toi toi toi für die Premiere von „Kassandra/ Promotheus. Recht auf Welt“ und ich hoffe, dass ich dich in Zukunft noch öfter auf der Resi-Bühne sehen kann!


Mehr Infos über Delschad Numan Khorschid: 

https://www.residenztheater.de/ensemble/detail/khorschid-delschad-numan

http://delschad-numan.de/

Instagram @delschad.numan.khorschid

Von Die Kulturflüsterin

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2 Antworten auf „Adventsgeflüster #19: Ein kleines Stück Poesie von Delschad Numan Khorschid“

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