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Adventsgeflüster #21: Resi-Liebe oder der gelungene Neustart im Residenztheater

Ein bisschen mehr als zwei Monate ist es hier, dass der Intendant Andreas Beck und sein Team das Münchner Residenztheater übernommen haben. Eine Liebeserklärung in fünf Akten.

1. Akt: Der Schlussapplaus

Die Sache mit dem Schlussapplaus ist an den meisten Theatern eine ausgeklügelte Angelegenheit: Alles läuft darauf hinaus, dass sich die Protagonisten der jeweiligen Inszenierung am Ende frenetisch vom Publikum feiern lassen. Ich stellte diese Form der Applausordnung, in der einzig und allein die Hauptdarsteller im Vordergrund stehen, nie in Frage, bis ich am 19. Oktober in der Premiere von Die Verlorenen, einer Inszenierung der Hausregisseurin Nora Schlocker, saß. Nach dem gelungenen Auftakt der ersten Spielzeit von Andreas Beck verbeugten sich plötzlich alle Schauspieler gemeinsam vor dem begeisterten Premierenpublikum. Eine Woche später bei der Premiere von Joe Hill-Gibbins‘ Sommergäste-Inszenierung: Dasselbe Bild nach der Vorstellung. Und das, obwohl mit Brigitte Hobmeier und Sophie von Kessel zwei sehr bekannte Schauspielerinnen auf der Bühne zu sehen waren. Auf Teamarbeit und einen starken Ensemblezusammenhalt legten Andreas Beck und seine Stellvertreterin Ingrid Trobitz bereits am Theater Basel wert und machten aus dem Haus eine der größten Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahrzehnte im deutschsprachigen Theaterraum. Welch ein Glück, dass nun auch München in den Genuss des Baseler Spirit kommt.

Schlussapplaus nach der Premiere von „Die Verlorenen“ am 19.10.2019 im Residenztheater

2. Akt: Die Plakatsäulen am Odeonsplatz

Es war eines Morgens um halb sieben, als ich meine Jogging-Runde am Odeonsplatz für mehrere Minuten unterbrach: Denn von zwei Plakatsäulen auf der rechten und der linken Seite der Leopoldstrasse blickte das gesamte neue Residenztheater-Ensemble auf mich herab! Ein starkes Statement der Theaterleitung in Bezug auf das Selbstverständnis des Hauses und eine verdiente Würdigung eines einzigartigen Ensembles, zu dem neben ehemaligen Ensemblemitglieder des Theaters Basel auch Resi-Heimkehrer wie Oliver Stokowski zählen, der von 1993 bis 2001 am Haus engagiert war – oder Neuentdeckungen wie Mareike Beykirch und der 2019 beim Berliner Theatertreffen mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis ausgezeichnete Johannes Nussbaum.


3. Akt: Das Ensemble

Der Weggang einiger sehr geschätzter ehemaliger Ensemblemitglieder des Residenztheaters im Zuge des Intendantenwechsels wie Nils Strunk, Marcel Heuperman, Gunther Eckes oder Thomas Gräßle hatte mich im Sommer 2019 traurig gestimmt – auch wenn ich damals bereits wusste, dass ich die meisten von ihnen seit dieser Spielzeit auf der Bühne des Burgtheaters erleben kann. Als ich jedoch am 19.10.2019 das neugestaltete Resi-Foyer betrat und die von der Decke hängenden großen Porträts der neuen Ensemblemitglieder sah, war mein Abschiedsschmerz im Nu verflogen: Diese spannenden neuen Schauspieler hatten mein Herz im Sturm erobert!

Einen oder eine von ihnen exemplarisch hervorzuheben, ist kaum möglich: Denn dieses neue Ensemble besteht aus hervorragenden Einzelspielern, die in der Summe ein Team bilden, wie man es selten an einem der renommierten Theaterhäuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz gesehen hat. Es gibt kein Starsystem in diesem neuen Residenztheater unter Andreas Beck und keine zweite und dritte Reihe, in der sich all diejenigen Schauspieler einreihen müssen, die keine Hauptrollen übernehmen können. Dafür sorgen Beck und sein Team allein durch die Auswahl vieler Theaterstücke, die nur als Gemeinschaftsleistung zu einem Erfolg werden können.

Der Wille, auf und hinter der Bühne etwas gesellschaftlich und politisch zu bewegen, ist in diesem Ensemble sehr groß. Seit mehreren Wochen sammeln die Schauspieler auf eigene Initiative hin nach den Vorstellungen Geld für zwei karitative Organisationen in München. Es wird kein Aufhebens darum gemacht, keine Pressemitteilung dazu herausgegeben. Denn hier geht es um die menschliche Geste und nicht um die eigene Selbstvermarktung.


4. Akt: Große Kunst im Marstall mit Lulu und Olympiapark in the Dark 

Von wegen kleine Bühne: Im Marstall habe ich meine zwei bisherigen Lieblingsinszenierungen seit Beginn dieser Spielzeit gesehen! In Lulu gelingt es dem Regisseur Bastian Kraft, Frank Wedekinds Klassiker über eine der größten Verführerinnen der Literaturgeschichte mit drei herausragenden Darstellerinnen radikal neu zu interpretieren. Liliane Amuat, Juliane Köhler und Charlotte Schwab erscheinen in dieser Lulu-Interpretation nicht nur dreimal als Lulu, sondern schlüpfen per Videoeinspielung auch in alle männlichen Rollen des Stücks. Lulu, die ewige männliche Projektionsfläche, ist hier die Herrin ihres ganz eigenen Stücks, in dem die Männer nur aus der Ferne zusehen und agieren dürfen. Eine feministische Inszenierung, die ganz ohne erhobenen Zeigefinger auskommt, indem sie gesellschaftliche Zuschreibungen in Bezug auf „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ hinterfragt.

Juliane Köhler, Liliane Amuat und Charlotte Schwab in „Lulu“

Ebenso faszinierend wie diese Lulu-Inszenierung ist Thom Luz‘ Theaterabend Olympiapark in the Dark im Residenztheater. Der Hausregisseur erschafft mit seinem Ensemble eine Symphonie aus Sprache und Klängen und spürt damit dem Sound Münchens nach, der in der Monotonie dieser manchmal etwas zu perfekten erscheinenden Stadt kaum mehr zu vernehmen ist. Thom Luz und seine Schauspieler haben ihn wiederentdeckt und zeigen im Laufe dieser Inszenierung, wie lohnenswert es ist, sich gerade in München auf die Suche nach dem Unerwarteten und Unerhörten zu begeben.


5. Akt: Die neue Offenheit

Überall in diesem Haus ist sie spürbar: Diese neue Offenheit – egal ob gegenüber den eigenen Mitarbeitern, dem Publikum oder gegenüber unserem Freundeskreis. Nicht einmal zwei Monate hat es gedauert, bis ich einen Großteil des neuen Ensembles kannte. Die meisten von ihnen haben bereits angeboten, uns im kommenden Jahr für eine Veranstaltung der Freunde des Residenztheaters zur Verfügung stehen zu wollen. Angesichts der Tatsache, dass seit Oktober bereits zwölf Premieren an diesem Haus stattfanden und viele Schauspieler in dieser ersten Spielzeit von Andreas Beck sehr gefordert sind, überrascht mich ihre Offenheit und Kommunikationsfreude umso mehr.

Summa summarum: Besser als das derzeitige Leitungsteam am Residenztheater unter Andreas Beck und Ingrid Trobitz kann man einen Intendantenwechsel nicht vollziehen.


Mehr Infos unter: 

https://www.residenztheater.de/

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