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#Bloggerwalk: „Frei leben! Die Frauen der Boheme 1890-1920“

Von links nach rechts: Emmy Hennings, Margarete Beutler und Franziska von Reventlow

Am 20.07.2022 fand der zweite Bloggerwalk der Monacensia im Hildebrandhaus anlässlich der sehr sehenswerten Ausstellung „Frei leben! Die Frauen der Boheme 1890 – 1920″ statt. Ein Rückblick auf einen inspirierenden Abend. (#Bloggerwalk #Einladung)

„Auf meinen Papieren steht… daß ich Schauspielerin, Fabrikarbeiterin, Photografin usw. bin. Das besagt nicht viel (…) Was hat die geographisches Lage meiner Herkunft, mein Geburtsort, mit meiner Heimatlosigkeit zu tun? Auch bin ich nicht Schauspielerin von Beruf, denn ich liebe nicht den falschen Schein, und mein einziger Beruf ist, das zu erkennen, was ich bin“, schreibt Emmy Hennings 1920 in ihrem Roman „Das Brandmahl“.

Das Zitat der aus Flensburg stammenden Schriftstellerin, Schauspielerin und Kabarettistin im Eingangsbereich der Ausstellung ist nur eines von zahlreichen Ausstellungsgegenständen, die mich während des Bloggerwalks durch die Ausstellung „Frei Leben! Die Frauen der Boheme 1890–1920“ in der Monacensia beeindruckten. „Frei Leben!“ erzählt von einer Zeit um 1900, als es eine Reihe mutiger, fortschrittlich denkender junger Frauen aus verschiedenen Regionen in Deutschland nach München verschlug, wo sie sich allen gesellschaftlichen Konventionen zum Trotz ein freies Leben als Künstlerinnen oder Schriftstellerinnen aufbauten.

Im Fokus der Ausstellung in der Monacensia stehen dabei neben Emmy Hennings (1885 – 1948) zwei weitere Frauen, die in der schreibenden Kunst ihre Passion fanden: Die Schriftstellerin, Übersetzerin und Malerin Franziska zu Reventlow (1871 – 1918) und die Dichterin, Schriftstellerin und Übersetzerin Margarete Beutler (1876 – 1949).

Anhand biografischer Dokumente, Manuskripte, Tagebuch-Einträge, Briefe und Fotografien aus verschiedenen Archiven sowie aus Privatbesitz ergibt sich in der Ausstellung „Frei leben!“ ein vielstimmiges Bild der drei Künstlerinnen. Ihr Kampf für weibliche Selbstbestimmung und Unabhängigkeit spiegelte sich nicht nur in ihren Werken, sondern auch in ihren Lebensentwürfen wieder: Emmy Hennings, Franziska zu Reventlow und Margarete Beutler suchten jenseits konservativer Wertvorstellungen nach neuen Wegen und Möglichkeiten, die Beziehung zwischen Männern und Frauen auf Augenhöhe zu gestalten.

Zusammen mit Laura Mokrohs kuratierte Sylvia Schütz (Mitte) die Ausstellung „Frei leben!“

Einen Kernbestand der Ausstellung „Frei leben!“ bildet der sich in der Monacensia befindliche Nachlass von Franziska zu Reventlow. Erstmals gezeigt werden auch Dokumente von Margarete Beutler aus ihrem privaten Familienarchiv – der begeisterte Bericht der Kuratorin Laura Mokrohs über ihre Forschungsarbeit zum Leben der weithin unbekannten Schriftstellerin macht neugierig auf deren literarischen Werke wie „Ich träumte, ich hätte einen Wetterhahn geheiratet“. Beutler, die 1876 im westpommerschen Gollnow geboren wurde, besuchte das Lehrerinnenseminar in Berlin und gehörte bald der dortigen Bohème-Szene an. Sie wurde Mitglied der künstlerisch-literarischen Vereinigung „Die Kommenden“, der auch Else Lasker-Schüler, Hans Ostwald und Ernst von Wolzogen angehörten. Nachdem sie Beiträge in Zeitschriften wie dem „Simplicissimus“ veröffentlicht hatte, brachte Margarete Beutler 1902 ihren ersten Gedichtband heraus und zog von Berlin nach München. Dort trat sie 1904 beim Kabarett „Die Elf Scharfrichter“ auf – das erste politische Kabarett Deutschlands und eines der ersten deutschen Kabaretts überhaupt. Daneben war Margarete Beutler als Redakteurin der Zeitschrift „Jugend“ und als Übersetzerin tätig.

Eines wurde beim Rundgang mit den beiden Kuratorinnen Sylvia Schütz und Laura Mokrohs durch die nach verschiedenen Themenfeldern gegliederte Ausstellung in der Monacensia schnell klar: Literatur und Kunst war für die drei Frauen, die im Zentrum von „Frei leben!“ stehen, weit mehr als ein Ausdruck individueller Selbstverwirklichung. „Ich schreibe schon die Bedingungen für eine neue Welt“ – so formulierte es Emmy Hennings, die einer breiten Öffentlichkeit bisher vor allem als Dada-Mitbegründerin bekannt war.

Emmy Hennings, Franziska zu Reventlow und Margarete Beutler, die allesamt aus dem Norden Deutschlands stammten und früher oder später um die Jahrhundertwende herum in München landeten, begehrten gegen die allgegenwärtige Unterdrückung von Frauen in der Ehe auf und kämpften für ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben. Dabei hatten sie nie nur ihr eigenes Schicksal im Blick, sondern wollten vor allem positiv auf die Erziehung ihrer Kinder und damit auf die Weiterentwicklung der nach bürgerlichen Werten strukturierten Gesellschaft einwirken.

In München, das um 1900 zu einem Anziehungspunkt für die Vertreterinnen und Vertreter der sogenannten Bohème wurde, nahmen Emmy Hennings, Franziska zu Reventlow und Margarete Beutler prekäre Lebensverhältnisse in Kauf, um ihre Vorstellung von einer Existenz als freie Künstlerinnen verwirklichen zu können. Die Rebellion gegen vorherrschende Moralvorstellungen und das Aufbegehren gegen bürgerliche Normvorstellungen gestaltete sich für die Frauen oft wesentlich herausfordernder, als für ihre männlichen Kollegen. Im Literaturbetrieb fanden sich zwar Möglichkeiten, Geld als Zeitungsredakteurin oder Übersetzerin zu verdienen – doch die Honorare waren in den meisten Fällen gering. Wie wenig Frauen um die Jahrhundertwende als Erwerbsarbeiterinnen wahrgenommen wurden, zeigt dieser Gehaltszettel der Münchner Wochenschrift „Jugend“ aus dem Jahr 2010, in dem keine Möglichkeit gab, zwischen der Anrede „Herr“ und „Frau“ zu wählen:

Vielen Künstlerinnen blieb nichts anderes übrig, als ihren Unterhalt immer wieder auch als Prostituierte zu verdienen. Einige Schriftstellerinnen verarbeiteten ihre Erfahrungen anschließend in ihren literarischen Werken – so wie Emmy Hennings 1920 in ihrem Roman „Das Brandmal“, in dem sie in teils autobiographischen Passagen den Umgang einer jungen Frau mit den Folgen der Prostitution wie Not, Obdachlosigkeit und Kriminalisierung schildert. Emmy Hennings selbst landete übrigens drei Monate im Gefängnis, weil sie angeblich einen Freier bestohlen hatte.

Dass die Monacensia den Blick in ihrer Ausstellung „Frei Leben!“ nicht nur auf die Vergangenheit lenkt, wird schon an dem eindrucksvollen Gestaltungskonzept des Kreativstudios Büro Alba ersichtlich, das in seiner Arbeit Themen des Jugendstil mit visuellen Stilmitteln aus der Protestgrafik kombinierte. Darüber hinaus gibt es in den Räumen der Monacensia an ausgewählten Standorten Videobeiträge zu den drei Protagonistinnen von der Schauspielerin Annette Paulmann zu sehen. Paulmann steuerte damit als Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele einen Beitrag zu „MK:FEMale*Society“ bei – das von Monacensia und den Kammerspielen initiierte Netzwerk hinterfragt die Ideen der Wegbereiter*innen der ersten Frauenbewegung aus heutiger Perspektive und entwickelt sie weiter.

Neben Ausschnitten aus den Werken von Emmy Hennings, Franziska zu Reventlow und Margarete Beutler finden sich in der Ausstellung auch literarische Positionen zeitgenössischer Schriftsteller*innen wie Jovana Reisinger, Florian Kreier oder Gün Tank wieder. Wie schon beim ersten Bloggerwalk in der Monacensia anlässlich der Ausstellung „Erika Mann. Kabarettistin – Kriegsreporterin – politische Rednerin“ im Jahr 2019 bin ich auch jetzt wieder fasziniert davon, wie umfassend die Monacensia-Leiterin Anke Büttner und ihr Team auch das Ausstellungskonzept von „Frei leben!“ angelegt haben. Denn eine Ausstellung zu planen, heißt in der Monacensia vor allem, ein breites Netzwerk aus Kooperations- und Forschungspartnern, Künstlern und Kreativschaffenden im analogen und digitalen Bereich zu initiieren und damit einen Rahmen für die langfristige und intensive Beschäftigung mit bestimmten Themen zu schaffen.

@kulturfluesterin

📸 #Bloggerwalk mit @teresa_ohneh #Monacensia #Munich #Literaturarchiv #creatorsfordiversity #culturetiktok #literature #frauenderbohme #exhibition

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So bietet beispielsweise das digitale Magazin mon_boheme eine Ergänzung zu „Frei leben!“ im Netz. Dort wird die Ausstellung unter anderem in Form literarischer Essays zeitgenössischer Autor*innen weitererzählt. Als digitale Kooperationspartnerin für die aktuelle Ausstellung erweitert das Archiv der deutschen Frauenbewegung (AddF) „Frei leben!“ die Geschichten der drei Künstlerinnen aus den Münchner Boheme-Kreisen um die Positionen und Debatten in der bürgerlichen Frauenbewegung. Wie schon 2019 bei „Erika Mann. Kabarettistin – Kriegsreporterin – politische Rednerin“ erarbeitete das Team der Monacensia auch bei „Frei leben!“ wieder gemeinsam mit Kunsthistorikerin Tanja Praske ein umfassendes digitalen Vermittlungskonzept für den gesamten Zeitraum der Ausstellung bis Ende Juli 2023 – ein Glücksfall für die Besucherinnen und Besucher der Monacensia, die ihr Wissen über die Künstlerinnen der Münchner Bohème im Netz um ein Vielfaches erweitern können.

Mit einer literarisch-musikalischen Performance von Florian Kreier – besser bekannt unter seinem Pseudonym Angela Aux – endete der sehr inspirierende Bloggerwalk in der Monacensia für die rund 20 vornehmlich weiblichen Teilnehmenden. Zettel mit Zitaten von Angela Aux luden zum Reflektieren über Männer- und Frauenrollen im 21. Jahrhundert und über die Frage ein, was „frei leben“ in einer Welt wie heute eigentlich für jeden und jede von uns bedeutet.

Frei zu leben bedeutet für diejenigen Bloggerinnen, mit denen ich mich im Anschluss an unseren Bloggerwalk auf der Terrasse der Monacensia unterhalte, ganz im Sinne von Emmy Hennings, Franziska zu Reventlow und Margarete Beutler einen Freiheitsbegriff für sich zu definieren, der die Meinung und die Grenzen des jeweiligen Gegenübers respektiert. Frei zu leben bedeutet für uns aber auch, sich aus freiem Willen dafür entscheiden zu können, Verantwortung im Leben zu übernehmen – egal, ob als Tochter, Freundin Mutter oder Partnerin. Und trotz dieser Verantwortung und dem damit einhergehenden Rollenverständnis stets als Individuum wahrgenommen zu werden.


@teresa_ohne_h
@kommunikartorin
@steffiandthecity
@isarblog
@die_leichtigkeit_der_kunst

Vielen Dank für den sehr schönen Austausch mit euch!

Ein herzliches Dankeschön an die Kuratorinnen der Ausstellung „Frei leben!“, Sylvia Schütz und Laura Mokrohs, an den Archivleiter Thomas Schütte, an die Leiterin der Monacensia, Anke Buettner, und an die Organisatorin des Bloggerwalks, Tanja Praske, für diesen einzigartigen Besuch in der Monacensia, der noch lange bei mir nachwirken wird. 

Ausstellungsdauer: 01.07.2022 bis 31.07.2023

Monacensia im Hildebrandhaus
Maria-Theresia-Straße 23
81675 München

Zu besichtigen ist die Ausstellung Montag bis Mittwoch und Freitag von 9.30 bis 17.30 Uhr, Donnerstag von 12 bis 22 Uhr sowie am Wochenende von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Infomationen zur Ausstellung findet ihr unter www.monacensia.org/boheme.

Das digitale Magazin zur Ausstellung gibt es unter www.monacensia.org/boheme-magazin nachzulesen.

#FrauenDerBohème und #FemaleHeritage bündeln im Netz die Aktivitäten aller Partner*innen und Beiträge aus der Netzcommunity.

 

5 Antworten auf „#Bloggerwalk: „Frei leben! Die Frauen der Boheme 1890-1920““

Liebe Lena,

vielen herzlichen Dank für deine Teilnahme und für diesen großartigen Bericht zum BloggerWalk #FrauenDerBoheme! Somit erleben wir diesen auch noch einmal nach. Ein großes Kompliment an dich und die Teilnehmenden, denn auch für uns war der Abend sehr kurzweilig und die Gespräche inspirierend.

Gerade der Schluss von dir freut uns sehr, dass die Ausstellung auch jetzt noch nachwirkt, von dir/euch in die Gegenwart übertragen wurde. Das ist auch eines der Ziele der Ausstellung: zu reflektieren, was war, was ist und was muss noch getan werden. Erschreckend leider, dass manche Kämpfe von damals auch heute noch zu kämpfen sind.

Nochmals, MERCI!

Herzlich,
Tanja, Monacensia

Liebe Tanja,

es war mir eine große Freude, in der Monacensia zu Gast sein und an diesem Bloggerwalk teilnehmen zu dürfen!

Tatsächlich muss noch viel getan werden in Sachen Selbstermächtigung von Frauen – vor allem von den Frauen selbst, die ich in mancherlei Hinsicht wieder sehr rückständig erlebe in der heutigen Zeit. Die Ausstellung „Frei leben!“ liefert wichtige Denkanstöße zur der Frage, wie das selbstbestimmte und verantwortungsbewusste Leben einer Frau im 21. Jahrhundert aussehen kann.

Vielen herzlichen Dank noch einmal an dich und an das Team der Monacensia für den wunderbaren Abend in der Ausstellung!

Herzliche Grüße,

Lena

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