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Faleminderit, Albanien!

„Ich habe mir meine besten Gedanken ergangen und kenne keinen Kummer, den man nicht weggehen kann“, sagte der dänische Philosoph, Theologe und Schriftsteller Søren Kierkegaard einst. Zum ersten Mal habe ich mich im September 2019 auf eine Wanderreise begeben und gemeinsam mit elf weiteren Teilnehmern des DAV Summit Club den Süden Albaniens größtenteils zu Fuß erkundet. Zehn inspirierende, glückliche, fordernde und zugleich sehr entspannte Tage in einem ganz besonderen Land.

Nur noch wenige Meter trennten uns an diesem nebligen Samstagnachmittag im Llogara-Nationalpark vom Gipfel des Berges Qorre auf 2018m. Die letzten 150 Höhenmeter waren weglos und für mein Gefühl sehr steil – aber auch die fehlende Aussicht auf einen Gipfel-Panoramablick konnte mich an diesem Tag nicht davon abhalten, bei dieser letzten Wanderung im Rahmen unserer Reise durch den Süden Albaniens bis zum Ende mit dabei zu sein. Auf den letzten Metern fragte ich mich jedoch irgendwann, warum ich mich nicht längst mit einigen anderen Reiseteilnehmern auf den Weg ins Tal gemacht hatte, um dort bei einem kühlen Bier die wunderschönen Urlaubserlebnisse Revue passieren zu lassen.

Bei keinem Sport habe ich jemals so viel Ehrgeiz und Ausdauer bewiesen, wie beim Wandern. Das mag vielleicht ein bisschen kitschig klingen: Aber allein der Anblick eines Berges verleiht mir sehr viel Kraft und ich finde bei kaum einer anderen Aktivität zu solch einer wohltuenden inneren Ruhe, Ausgeglichenheit und Gelassenheit. Die allerletzten Meter auf dem Berg Qorre fühlten sich an diesem Samstagnachmittag an wie ein Dauerlauf. Ich merkte, wie mein Puls raste und ich nach Luft schnappen musste, obwohl wir uns gerade mal auf knapp über 2000m befanden. Doch die Bewältigung von 1000 Höhenmetern im Nebel in rund 3 Stunden ist und bleibt für mich immer noch eine Herausforderung. Als ich als letzte unserer kleinen Gruppe von gerade mal fünf Leuten oben am Berg ankam, rauchte unsere Reiseleiterin Ina Havaraj zur Feier des Tages erst mal eine Gipfelzigarette. Sie hatte in den vergangenen Tagen Unglaubliches geleistet und uns Albanien-Entdecker auch dann nicht im Stich gelassen, als ihr an unserem zweiten Reisetag aufgrund eines Virus eher zum Liegen, als zum Wandern zumute war.

Warum wir uns ausgerechnet Albanien als Reiseland ausgesucht haben, wollte Ina nach unserer Ankunft in der Hauptstadt Tirana am ersten Tag unserer Reise von uns wissen. Eine sehr berechtigte Frage – schließlich gibt es wesentlich bekanntere Wanderreiseziele. Vor meiner Abreise aus Deutschland wusste ich ehrlicherweise wenig über das kleine südosteuropäisches Land auf dem Balkan, das im Norden an den Kosovo, Mazedonien und Montenegro und im Süden an Griechenland angrenzt. Durch Zufall hatte ich bei meinen Recherchen in Bezug auf mein neuestes Reiseziel in diesem Jahr Fotos albanischer Gebirgslandschaften entdeckt und mich in die raue, weitestgehend unberührte Natur des Landes verliebt. Mir war zu diesem Zeitpunkt weder bewusst, dass die Albaner nach dem zweiten Weltkrieg über 40 Jahre lang in kompletter Isolation lebten, noch dass religiöse Toleranz bis heute einen der Grundpfeiler der albanischen Gesellschaftsordnung darstellt.

Hier ein paar wichtige geschichtliche Fakten zu diesem Land:

  • Erste Spuren menschlicher Besiedlung auf dem Gebiet des heutigen Albaniens stammen aus der Altsteinzeit. Für die Zeit von etwa 30.000 bis 10.000 v. Chr. wurden rund ein Dutzend Siedlungen nachgewiesen. Einige Jahrtausende später besiedelten dann illyrische Stämme die westliche Balkanhalbinsel und damit auch das Gebiet des heutigen Albaniens.
  • Ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. entstanden an der albanischen Küste griechische Kolonien wie die Stadt Butrint, über die ich im weiteren Verlauf meiner Reisereportage noch genauer berichten werde. Und viele Jahrtausende später sollte ein Zeitalter anbrechen, das Albanien mit am stärksten geprägt hat: Ende des 14. Jahrhunderts drangen die osmanischen Truppen zum ersten Mal in die albanisch besiedelten Länder vor. Große Teile der Bevölkerung konvertierten teils aus Überzeugung, teils unter Zwang, teils aufgrund von gesellschaftlichen und ökonomischen Anreizen zum Islam. Neben den Bosniaken waren die Albaner das einzige Volk auf dem Balkan, das mehrheitlich den Glauben der osmanischen Eroberer angenommen hatte – bis zum 17. Jahrhundert stellten die Muslime die Mehrzahl in der albanischen Bevölkerung dar. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts gelang es den Albanern, sich von der Fremdherrschaft der Osmanen zu emanzipieren.
  • 1910 brach im Kosovo ein bewaffneter Aufstand gegen die osmanische Herrschaft aus, der sich im Laufe des folgenden Jahres nach Nordalbanien ausdehnte. Zwei Jahre später rief Ismail Qemali am 28. Dezember 2012 in der südalbanischen Hafenstadt Vlora die Gründung der Republik Albanien aus. Nachdem das Osmanische Reich alle Ansprüche auf Albanien verloren hatte, wurde der Staat am 30. Mai 1913 auf der Londoner Botschafterkonferenz von den Großmächten anerkannt.
  • Albanien blieb bis zur Machtübernahme der Kommunisten unter der Führung von Enver Hoxha im Jahre 1944 ein Spielball der Weltmächte inmitten von Machtspielen und politischen Intrigen. Die nach dem Krieg zunächst begonnene Anlehnung an Jugoslawien fand ein jähes Ende, als das Kominform – ein von 1947 bis 1956 bestehendes, überstaatliches Bündnis verschiedener kommunistischer Parteien – die jugoslawische KP 1948 wegen ideologischer Differenzen ausschloss. Tito und seine Genossen wurden zu Feinden Albaniens erklärt, alle bilateralen Abkommen mit dem Nachbarland gekündigt und die Grenzen geschlossen. Anders als an der innerdeutschen Grenze nach 1961 wurden bis 1990 keinerlei Reisegenehmigungen aus familiären Gründen erteilt. Albanien blieb für über 40 Jahre lang ein hermetisch nach außen hin abgeriegelter Staat. „Besser ein Nachbar über der Mauer, als ein Bruder über der See“, besagt ein albanisches Sprichwort. 

Spuren der kommunistischen Vergangenheit des Landes finden sich von Zeit zu Zeit immer wieder entlang des Weges. Albanien ist beileibe kein reiches Land – aber gemessen an der Tatsache, dass die Menschen hier rund 45 Jahre in der absoluten Isolation lebten, war ich sehr erstaunt darüber, welch eine enorme Entwicklung sich in diesem Teil des Balkans seit dem Ende der Diktatur von Enver Hoxha im Jahre 1990 vollzogen hat. Erlaubte das Telefonsystem vor 1990 nicht einmal landesinterne Anrufe ohne die Zwischenschaltung einer Amtsperson, boomte der Mobilfunkmarkt danach umso mehr. Eine von der Partei „Die Grünen“ in Auftrag gegebene Studie zeigte 2018 auf, dass das deutsche LTE-Netz schlechter als das von Albanien ist.

Die albanische Wirtschaft wird heute dominiert vom Handels- und Dienstleistungssektor. Ein besonders großes Wachstum ist derzeit vor allem in der Textil- und Schuhindustrie, im Tourismus-Bereich, der Telekommunikation, im Bergbau und im Energie-Bereich zu spüren. Dennoch zählt Albanien weiterhin zu den ärmsten Ländern Europas. Das Pro-Kopf-Einkommen (BIP) betrug im Jahr 2017 nach Angaben des Finanzministeriums rund 4.000 Euro. In absoluter Armut – das bedeutet ein Pro-Kopf-Einkommen unter 60$ im Monat oder weniger als 2,5$ am Tag – leben sieben Prozent der Bevölkerung laut den Angaben der Weltbank. Der reale Durchschnittslohn lag 2017 bei 345 Euro und die Arbeitslosenrate bei fast 14 Prozent.

An Ressourcen mangelt es Albanian dank sehr großer Ölvorkommen, Chrom und Kupfer eigentlich ebenso wenig wie an Gemüse, Obst, Olivenöl, Heilkräutern und Teepflanzen. Doch das Potential an Ressourcen könnte gerade im Nahrungsmittelbereich viel stärker ausgeschöpft werden, erklärte uns unsere Reiseleiterin Ina. In vielen Fällen sei es billiger, Obst und Gemüse aus dem Ausland zu importieren, anstatt den Verkauf regionaler Produkte zu unterstützen. Selten habe ich so aromatische Tomaten, Gurken, Feigen und Weintrauben gegessen, wie auf dieser Wanderreise. Beinahe jedes Haus, in das wir in unseren ersten Tagen in Albanien einkehren durften, wurde von Weinreben gesäumt und viele der Gärten glichen einem Freiluft-Supermarkt. In Albanien findet man übrigens mehr als 3250 verschiedene Pflanzenarten in der freien Natur, darunter dutzende endemische. Die Pflanzen entlang der Küstenregionen sind vom mediterranen Einfluss geprägt. Hier findet man neben verschiedenen Blumen auch Oliven und Zitrusfrüchte sowie immergrüne Hartlaubgewächse.

Vor meiner Abreise aus Deutschland war ich sehr skeptisch in Bezug auf unsere ersten vier Reisetage durch das verborgene Zagoria-Tal im Süden Albaniens. Ich wusste zwar, dass ich das Gepäck bei dem mehrtätigen Trekking nicht selber von Ort zu Ort tragen muss, da es von Mulis oder mit einem Kleintransporter weitertransportiert werden würde. Aber ich hatte bis dato keinerlei Erfahrung mit Hüttenübernachtungen oder ähnlichem gesammelt. Ein Urlaub mit einer bunt zusammengewürfelten Reisegruppe ist generell immer ein Wagnis: Nach meiner sehr guten Erfahrung mit der Marco Polo-Gruppe vor zwei Jahren in Armenien und Georgien war ich mir jedoch sicher, dass sich auch in Albanien wieder eine illustre Schar an offenen, toleranten und sehr interessanten Leuten zusammenfinden würde. Ich sollte Recht behalten, denn ich hätte mir keine besseren Weggefährten als meine zehn Mitreisenden und unsere Reiseleiterin Ina wünschen können!

Unsere Reiseroute: Vom Dorf Limar im Zagoria-Tal bis nach Vlore an der Küste

Im Gegensatz zu mir waren alle anderen Teilnehmer unseres Albanien-Abenteuers bereits sehr erprobt in Sachen Wander- und Trekking-Reisen. Für mich war hingegen sowohl die Erfahrung, jeden Tag mindestens 5-6 Stunden zu laufen, als auch die Tatsache, eine Dusche und eine Toilette mit elf Unbekannten zu teilen, vollkommen neu. Vom Dorf Peshtan auf 336 m starteten wir an unserem zweiten Tag in Albanien unsere erste Wanderung entlang alter Karawanenrouten in das bewaldete, sehr dünn besiedelte Zagoria-Tal, das sich zwischen zwei Bergketten erstreckt.

Das gesamte Land hat übrigens insgesamt eine Fläche von über 28.748 Quadratkilometern – das ist etwas weniger als das Bundesland Brandenburg. Zwei Drittel des Landes werden von Hügelland, Bergen und Hochgebirgen geprägt, die Berge erreichen oft eine Höhe von 2000 Metern und mehr. Der höchste Berg Albaniens ist der Korab (Maja e Korabit) im Osten des Landes mit 2764 Metern. Laut den Angaben des statistischen Bundesamts betrug die Bevölkerungszahl des Landes im Jahr 2018 2,87 Mio. Einwohner, das entspricht einer Bevölkerungsdichte von 105 Einwohnern pro Quadratkilometer. Rund 812.000 Menschen leben allein in der Hauptstadt Tirana, weitere 122.000 in der zweitgrößten Stadt Durrës. 

Den Blick fest auf den 2000 Meter hohen Gipfel des Strakavec gerichtet, begegneten wir an unserem ersten Wandertag in Albanien weder einem anderem Wanderer, noch Einheimischen. Unser Guide Ina erzählte uns, dass kaum ein Albaner zum Vergnügen in der Freizeit wandern geht. Die Albaner verbringen ihren Urlaub am liebsten am Strand und bei gutem Essen und Trinken in den angrenzenden Restaurants. Wir bekamen am Nachmittag unseres ersten Wandertages einen Eindruck davon, wie stark die Sonneneinstrahlung Mitte September in dieser Balkan-Region noch immer ist. Denn bei über 30°C kommt man bei dem Weg in das steinerne Dorf Limar auf 685m durchaus ins Schwitzen. Die grazile osmanische Steinbrücke, die wie fast alle großen Bauwerke der Region in der Ära von Ali Pasha, einem osmanischen Pascha albanischer Abstammung im 18. Jahrhundert, gebaut wurde, ermöglicht uns den Übergang über den Vjosa-Fluss. Sie zeugt wie die Überreste der Pflasterstraße von der glanzvollen Vergangenheit des Karawanenhandels. Wie eine Fata Morgana tauchte plötzlich das Dorf Limar mitten im Nirgendwo vor uns auf. Früher wohnten hier an die 100 Familien – heute leben hier nur noch wenige Menschen, weil es vor allem an Ausbildungsmöglichkeiten für die Kinder fehlt. Doch im Gegensatz zu anderen kleinen Orten, die wir in diesen Tagen passieren, gibt es in Limar noch einen Lehrer, der immerhin drei Schüler betreut. Er hält sich darüber hinaus nicht nur 300 Schafe, Ziegen und weitere Tiere, sondern ist in den vergangenen Jahren darüber hinaus auch noch zum Betreiber eines sogenannten „Homestays“ geworden. Mit viel Liebe zum Detail wurde hier der Anbau neben dem Wohnhaus der Familie zu einem kleinen Gästehaus umfunktioniert. Und dann servierten uns der Hausbesitzer und seine Frau auch noch ein köstliches Abendessen mit biologischen Zutaten aus dem eigenen Garten! Ein Vegetarier hätte bei unserer Reise keinerlei Abstriche in Sachen Essen machen müssen: Denn die Auswahl an verschiedenen Gemüsen wie frischen Tomaten, Gurken, Oliven, eingelegter Paprika und Auberginen war sehr groß. Darüber hinaus wurden jeden Tag frischer Ziegenkäse und leckere Bureks – ein in Albanien meist mit Käse oder Spinat belegtes Blätterteiggericht – als Vorspeisen und Weintrauben, Wassermelonen oder Feigen als Dessert serviert.

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In Albanien gehört es zur guten Sitte, einem Gast oder einem Freund zur Begrüßung einen Schnaps anzubieten. Egal, ob morgens, mittags oder abends. Der sogenannte Raki wird anders als sonst auf dem Balkan nicht aus Trauben gebrannt, sondern aus Wildpflaumen. Wenn der Herbst endet und sie reif vom Baum fallen, beginnt die Brennsaison. Ein Raki pro Tag war bei uns mindestens Pflicht – meist nach dem Abendessen, für die beiden Männer in der Gruppe meistens auch schon nach der Vormittags- oder Mittagspause :).

In ersten Tagen in Albanien durften wir im Zagoria-Tal nicht nur nach, sondern auch während unserer Wanderungen in vielen Privathäusern und -gärten der Umgebung Platz nehmen. Um den Bewohnern in Zeiten der Abwanderung und des damit verbundenen Dörfersterbens eine Zukunftsperspektive zu bieten, begannen albanische Bergführer wie Ina vor einigen Jahren im Auftrag einer albanischen Reiseagentur damit, einfach an ihren Türen zu klopfen und sie zu fragen, ob sie sich vorstellen könnten, Tee, Kaffee, Raki und kleine Köstlichkeiten aus ihrem Garten für die Wandergruppen anzubieten. So entstand ein mittlerweile breites Netz an Einkehrmöglichkeiten entlang des Weges, das Touristen wie uns einen sehr intensiven Einblick in die Kultur und die Lebensweise des ländlichen Albaniens ermöglicht.

Nicht nur dieser Aspekt macht eine Reise mit dem DAV Summit Club so einzigartig: Selten habe ich mich nachhaltiger von einem Ort zum andern bewegt, als bei dieser Rundreise. Unser Mittagessen nahmen wir uns meistens vom Frühstücksbuffet in einer von zu Hause mit gebrachten Brotzeitdose mit und Ina wusste stets, wo die nächste natürliche Wasserquelle war, an der wir unseren Trinkvorrat auffrischen konnten. Während es im Sommer in Albanien schwülheiß und sehr trocken ist, verzeichnet gerade der Süden Albaniens in den Herbstmonaten ab Oktober oft extreme Regenmengen. 90 Prozent der Energieversorgung kann daher in Albanien durch die Wasserkraft erzeugt werden. Dadurch gerät kaum Kohlendioxid in die Luft und das Land kann auf Atomkraftwerke verzichten. Doch auf der anderen Seite werden bis heute auch an unberührten Wasserläufen oder in Naturschutzgebieten neue Kraftwerke errichtet. In Bezug auf die Förderung weiterer erneuerbarer Energien steht man noch ganz am Anfang.

Baden lässt sich auf jeden Fall zu dieser Jahreszeit hervorragend in Albanien: Egal, ob am Wasserfall in Doshnice im Zagoria-Tal auf 610 m oder einige Tage später in den Bädern von Benja am Eingang der Lengarica-Schlucht oder an der Adria in der Bucht von Orikum und Vlora. Das Wasser hat um diese Zeit sowohl im Meer, als auch im Wasserfall angenehme Temperaturen von mindestens 20°C. Es kostet einige Mühe, am dritten Tag der Wanderung zum Wasserfall in Doshnice hinunter- und vor allem danach wieder den gesamten Weg hinaufzusteigen – aber die Anstrengung lohnt sich sehr, wie man an diesen Bildern sieht!

Von steinernen Dorf Limar ging es am dritten Tag weiter nach Hoshteve auf 845 m, wo wir im Gästehaus einer Familie, die 17 Jahre in der Diaspora lebte und noch heute einen Teil des Jahres bei der Tochter in den USA verbringt, übernachten. Das Abendessen der Hausherrin Katarina war unvergleichlich – und der sehr gut restaurierten orthodoxen Kirche der Heiligen Apostel direkt im Ort sollte man unbedingt einen Besuch vor Ort abstatten!

Entlang von Schäferpfaden und Fahrwegen genossen wir am vierten und letzten Tag unserer Trekking-Tour unter anderem die wunderbare Bergsicht auf den auf 2156m gelegenen Cajupi. Die Betonpilz-Bunker, alte Lagerhallen und Partisanenmonumente aus der Zeit des stalinistischen Regimes wirkten wie Fremdkörper in dieser friedlichen, majestätischen Landschaft. Ich merkte, wie mich diese Tage in den Bergen verändert und meinen Blick für das Wesentliche geschärft hatten. Die vielen intensiven Gespräche mit meinen Mitreisenden, die gute Luft, in der man sehr klare Gedanken fassen konnte und die Anstrengung durch das Wandern, die mich abends müde und sehr glücklich ins Bett fallen ließ: Ich war froh, dass ich mich auf das Wagnis Wanderreise eingelassen und dadurch die Gelegenheit bekommen hatte, ein Land von einer ganz untouristischen Seite kennenzulernen.

Zu romantisieren oder zu beschönigen gibt es hier oben aber nichts: Das Leben als einer der wenigen noch dort lebenden Bewohner eines albanischen Bergdorfes ist einfach und hart. Die Orte sind zum Großteil nur zu Fuß zu erreichen und wer sein Kind in eine weiterführende Schule schicken möchte, kommt nicht umhin, seine ländliche Heimat zumindest für eine längere Zeit zu verlassen.

Nachdem wir am vierten Tag unserer Reise bei einem Ehepaar im 872m hoch gelegenen Sheper übernachtet hatten, folgte am fünften Tag der absolute Höhepunkt unseres mehrtägigen Trekking-Abenteuers: Die Überquerung des Dhembeli Passes auf 1450m. Der Aufstieg auf den Pass in einer Rinne zur alpinen Hochebene zwischen den Bergkämmen, die den Schäfern als Sommerlager dient, zählte zu den schönsten Wanderungen der gesamten DAV Summit-Tour durch den Süden Albaniens. Es lohnt sich, wie wir zu einer frühen Tageszeit aufzubrechen, da die Sonne einige Zeit braucht, um sich zwischen den Bergen durchzukämpfen. Einmal oben am Dhembeli Pass angekommen, wird man mit einem überwältigenden Panoramablick über das östliche Hochland bis zu den lange schneebedeckten Gipfeln des Pindos-Gebirges und Vikos-Aaos Nationalparks hinter der früher schwer bewachten Grenze zu Griechenland belohnt.

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Der Abstieg in die fast 1000m tiefer gelegene Kleinstadt Permet, die auch als „Stadt der Blumen“ bekannt ist, forderte am Nachmittag noch einmal unsere ganze Konzentration – denn der Weg nach unten führte über einen größtenteils gerölligen Pfad. Ich bewunderte die Mulis für ihre Trittsicherheit, mit der sie in diesem Gelände unser Gepäck im Sauseschritt an uns vorbei ins Tal tragen. Technisch gesehen waren all die Wege entlang unserer Trekking-Tour nicht schwer – unterschätzen sollte man sie jedoch keinesfalls und diese Reise daher nur buchen, wenn man ein gewisses Maß an Kondition mitbringt. Ein paar generelle, weitere Tipps von mir in Bezug auf eine mehrtägige Wanderung:

  • Ein paar Apothekerinnen an Bord wie in unserer Gruppe sind Gold wert: Egal, ob sich die Reiseleiterin einen Virus zuzieht, man mit dem Knie an einem Fels entlang schrammt oder man doch zu viel von dem guten albanischen Essen gegessen hat.
  • In letzterem Fall soll auch ein Gläschen Raki sehr gut helfen 🙂
  • Dass Wandersocken bei einem Wanderurlaub sinnvoll sind, muss man eigentlich nicht extra erwähnen. Schlecht ist es, wenn man diese wie ich zu Hause vergisst. Gott sei Dank half mir meine Zimmerpartnerin Anita (übrigens auch eine der Apothekerinnen) mit einem ihrer Wandersocken-Paare aus – vielen herzlichen Dank noch einmal!
  • Ein richtiger Wander-Tagesrucksack mit etwa 20-30l Inhalt (zum Beispiel von Deuter) eignet sich definitiv mehr für einen Urlaub dieser Art, als mein normaler Rucksack, den ich normalerweise auf Tageswanderungen in Deutschland mit dabei habe. Statt einem großen Trekking-Rucksack mit 70l Füllgewicht, den ich mir extra für die Reise zugelegt habe, würde ich mittlerweile eher zu einer großen Outdoor-Reisetasche tendieren.
  • Eine 1l-Trinkflasche reicht auch für Wenig-Trinker bei einer Hitze wie dieser keineswegs aus! Zumindest eine zweite, kleinere Trinkflasche sollte unbedingt noch mit in den Tagesrucksack.

Nach so viel grandiosen Naturerlebnissen stand in den Tagen darauf viel Kultur auf dem Programm: Ausnahmsweise nicht zu Fuß, sondern mit dem Kleinbus ging es nach Gjirokastra – die Fahrt dorthin erinnerte an Karl Mays Schluchten des Balkan und führte uns in die Heimatstadt des ehemaligen Diktators Enver Hoxha. Zuvor aber machen wir auf dem Weg von der südalbanischen Küstenstadt Saranda ins Landesinnere an einem magischen Ort einen Zwischenstopp: Inmitten von Eichen, Kiefern und Platanen liegt die wasserreichste Quelle des Landes: Der klare Bergsee „Syri i Kaltër“. Pro Sekunde schießen rund sechs Kubikmeter Wasser an dieser Stelle nach oben. Das sprudelnde Wasser schimmert je nach Lichteinfall in überwältigend schönen Blau-, Grün- oder Gelbtönen. Wie tief diese ungewöhnliche Quelle, dessen Wasser auch bei heißen Außentemperaturen bei stets 10°C liegt, wirklich ist, weiß niemand bisher genau. Die Idee, Syri i Kaltër zu besuchen, hatten an diesem Tag auch noch einige andere Touristen, außer uns. Rund um die Karstquelle geht es zu wie auf einem Jahrmarkt – der Besuch dieses außergewöhnlichen Naturspektakels lohnt sich aber trotzdem sehr!

Wir fuhren weiter nach Gjirokastra, wo uns die vielen albanischen Flaggen auf dem Weg in die historische Altstadt sehr verwunderten. Wenig später erfuhren wir den Grund für die Feierlichkeiten: 1944 hatte sich die deutsche Wehrmacht aus der Stadt zurückgezogen. Die italienische Okkupation Albaniens während des Zweiten Weltkriegs brach im September 1943 zusammen. Sofort besetzten Einheiten der Deutschen Wehrmacht das Land, um eine Landung der Aliierten zu verhindern. Albanien durfte sich als unabhängig erklären, wurde als neutral betrachtet und noch im September 1943 von Deutschland anerkannt. Trotzdem war das Land über ein Jahr lang de facto von Deutschland besetzt. Die Kämpfe zwischen der Wehrmacht und den albanischen Partisanen waren für beide Seiten verlustreich: Rund 2400 deutsche Soldaten kamen ums Leben, auf der anderen Seite kam es zu Übergriffen und Massakern an der Zivilbevölkerung. Ab Oktober 1944 zogen sich deutsche Truppen aus Albanien zurück und traten den langen Rückzug durch die raue Berglandschaft Bosniens nach Österreich und Deutschland an.

Heute zählt Gjirokastra zu den Städten in Albanien, in denen der Tourismus bereits an vielen Stellen der Stadt Einzug gehalten hat. 2005 wurde das historische Gjirokastra als zweites albanisches Weltkulturerbe nach der Ruinenstadt Butrint anerkannt. In keiner Stadt wird das Vordringen des Islams und der osmanischen Baukunst nach Europa stärker sichtbar, als hier. Charakteristisch für das Stadtbild sind die aus dem 13. Jahrhundert stammende, 500 Meter lange und bis zu 100 Meter breite Zitadelle („Kalaja“) sowie die sogenannten Turmhäuser („kule“) aus dem 17. und 19. Jahrhundert. Hier reiht sich in manchen Straßen ein Souvenir-Shop an den nächsten – in anderen Straßen mit ihren leeren Läden und halb zerfallenen Häusern hingegen sieht es aus, als läge der Zusammenbruch der Sowjetunion noch nicht weit zurück. Auf einem Werbeplakat am Eingang zum historischen Zentrum der Kleinstadt wird aufgezeigt, wie schön es in ganz Gjirokastra in einigen Jahren aussehen soll. Ich bin sehr froh, dass ich den Ort noch ohne Fast Food-Läden und Touristenmassen entdecken durfte.

Man sollte hier unbedingt genug Zeit für eine Führung durch eines der für die Stadt charakteristischen Herrenhäuser aus osmanischer Zeit einplanen: Am beeindruckendsten ist das Skënduli-Haus, das 1823 als repräsentatives Doppelflügelhaus gebaut wurde. Für einen geringen Eintrittspreis von 200 Lek (rund 1,60€) erhielten wir eine sehr informative Führung von Nesip Skënduli, der den Familienbesitz heute in der 9. Generation besitzt und verwaltet. Enver Hoxha ließ das Anwesen nach seiner Machtübernahme 1944 zum Staatseigentum erklären. Erst in den 1990er Jahren konnte das Haus wieder in Besitz der Familie Skëndul zurück gelangen.

Viel mehr Wörter als „Faleminderit“, das albanische Wort für „Danke“, verstehen wir nach einigen Tagen im Land leider immer noch nicht. Die albanische Sprache gehört zur balkanindogermanischen Sprachgruppe der indogermanischen Sprachfamilie, ist seit dem 15. Jahrhundert schriftlich belegt und heute Amtssprache in Albanien, im Kosovo und in Nordmazedonien sowie Minderheitensprache in anderen Ländern Südosteuropas sowie in Italien. Als Nesip Skëndul an diesem Vormittag im Gespräch mit uns beziehungsweise mit Reiseleiterin Ina den Begriff „Arte“ fallen lässt, wissen einige von uns sofort Bescheid. 2016 fand sich ein Team des TV-Senders bei ihm ein, um ihn für ihre zweiteilige Dokumentation „Zauberhaftes Albanien“ zu interviewen – ab Min. 15:38 seht ihr den Bericht über Gjirokastra:

Neben dem Skënduli-Haus solltet ihr euch auch unbedingt auf den Weg zu der über der Stadt thronenden Festung machen! Von dort oben hat man nicht nur einen großartigen Blick auf das angrenzende Tal und die dahinter liegende mächtige Gebirgskette, sondern erfährt im Inneren der Burg auch viel Wissenswertes über die jüngere Geschichte Albaniens. Mich hat auf der obersten Freifläche der Burg besonders ein Ende der vierziger Jahre in Albanien notgelandetes amerikanisches Militärflugzeug beeindruckt, das dort bis heute als Demonstration sozialistischer Überlegenheit über den kapitalistischen Gegner ausgestellt ist.

Kulturell gesehen sollte man in Südalbanien nicht nur Gjirokastra besuchen, sondern auch unbedingt die historische Ruinenstadt Butrint besichtigen. Die Halbinsel in einer Lagune liegt an der Straße von Corfu und zieht seit jeher Eroberer, Reisende und Erholungssuchende an. Schon vor zweieinhalbtausend Jahren war die Stadt für ihre mineralhaltigen Quellen bekannt und entwickelte sich zum Kur- und Festspielort der Antike. Heilungssuchende pilgerten von weither zu den Opferplätzen, Tempel und Brunnen. Eine heilige Prachtstraße führt zum Zentrum mit Äskulap-Tempel und Theater. Als Butrint römische Kolonie wurde, entwickelte sich dort ein Fitnesskult, der die Errichtung öffentlicher Badehäuser und Villen mit Wasserspielen nach sich zog. Der römische Dichter Vergil bezeichnete sie gar als „zweites Troja in Kleinformat“. Für mich war unter anderem das große Theater ein absolutes Highlight auf dem Gelände!

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Nach so vielen aufregenden Erlebnissen in Albanien und der herausfordernden Wanderung auf den Gipfel des Berges Qorre wollte ich am Nachmittag unseres letzten Tages nur noch eines: Baden gehen! Über den starken Wellengang in der Bucht von Vlore wunderte ich mich zwar schon etwas: Aber ich dachte um 16 Uhr im Wasser an alles, außer an ein Erdbeben. Bei den schwersten Erdstößen in der Region wurden bis in der Nacht vom 21. auf den 22. September 100 Menschen verletzt und mindestens 293 Häuser beschädigt. Das stärkste Beben am Samstagnachmittag hatte nach Angaben des albanischen Verteidigungsministeriums eine Stärke von 5,8. Das Epizentrum lag in der Hauptstadt Tirana und in der Hafenstadt Durrës im Westen Albaniens, wo wir uns eine Woche zuvor noch aufgehalten hatten. Ich selbst habe die starken Nachbeben in der Nacht in meinem Hotelzimmer in Vlore nicht gespürt – und die Bilder des bürgerkriegsmäßig anmutenden Tirana, die mir Freunde und Bekannte über die sozialen Netzwerke schickten, stimmten so gar nicht mit dem überein, was wir am Tag nach den Erdbeben auf unserem Weg vom Flughafen zu sehen bekamen. Nämlich sehr wenig bis kaum Zerstörung und eine reibungslose Abfertigung der Flüge nach Nah und Fern. Ich bin trotzdem froh, dass ich das erste Erdbeben meines Lebens verschwommen und in der Nacht verschlafen habe.

Die Zeit in Albanien wirkt eine Woche nach dem Ende unserer Reise immer noch stark nach. Wie gut hat es getan, jeden Tag die Berge vor sich zu sehen und seine Gedanken beim Wandern immer wieder neu sortieren zu können. Es ist definitiv nicht das letzte Mal, dass ich diesem einzigartigen Land einen Besuch abgestattet habe.

Mehr Infos über unsere Reise mit dem DAV Summit Club: 
Eine Reiseführer-Empfehlung von mir – der Rother Wanderführer Albanien ist gerade erst neu erschienen: 

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