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Flüstertöne #11: Das Resi ruft an

Besondere Zeiten bedeuten auch für einen Förderverein die Chance, neue Wege der Kommunikation zu erproben. Am 09. April 2020 fand das erste Wohnzimmergespräch zwischen elf Ensemblemitgliedern und den Freunden des Residenztheaters auf Zoom statt. Ein lustiger, informativer und sehr berührender Abend!

Liebes Tagebuch,

als am 13. März bekannt wurde, dass ab 0 Uhr des Folgetages die Ausgangsbeschränkungen in ganz Bayern gelten werden, wurde mir klar, dass das Kantinengespräch mit dem Schauspieler Oliver Stokowski nach der Vorstellung von „Der Riss durch die Welt“ am 03. März im Cuvilliéstheater die vorerst letzte Veranstaltung war, die der Vorstand der Freunde des Residenztheaters für seine Mitglieder organisieren konnte. Im Zuge der Einstellung des täglichen Spielbetriebs rechnete ich damit, dass unsere ehrenamtliche Arbeit auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt wird. Doch es sollte anders kommen.

Seit 2014 bin ich Teil des Vorstands der Freunde des Residenztheaters – ein Förderverein, der sich seit seiner Gründung im Jahre 1976 der finanziellen Unterstützung besonderer Projekte am Residenztheater verschrieben hat. Im Mai 2018 übernahm Marissa Biebl den Vorstandsvorsitz und sorgt seither mit ihrem unermüdlichem Einsatz und viel Herzblut nicht nur für stetig steigende Mitgliedszahlen, sondern auch dafür, dass der Verein als starker, unverzichtbarer Partner des renommierten Staatstheaters wahrgenommen wird.

Gerade einmal fünf Monate sind seit dem Beginn der Spielzeit unter dem neuen Intendanten Andreas Beck am Münchner Residenztheater vergangen. Es war ein fulminanter Einstieg für einen Theatermann mit Leib und Seele, der in den Jahren zuvor das Theater Basel zu einem der wichtigsten Orte auf der deutschsprachigen Theaterlandkarte gemacht hatte. Nicht nur er selbst, sondern auch die stellvertretende Intendantin Ingrid Trobitz und das gesamte neue Ensemble des Residenztheaters begegneten unserem Freundeskreis von Anfang an mit großer Offenheit und Neugier.

Drei Hausführungen und drei Nachgespräche mit den Schauspielerinnen und Schauspielern des Hauses konnte der Vorstand der Resi-Freunde in den vergangenen fünf Monaten für die rund 500 Mitglieder organisieren. Gerade als wir dabei waren, unsere Mitglieder um ihre Vorschläge für den alljährlich vergebenen Kurt-Meisel-Preis und die beiden Förderpreise zu bitten, wurde unsere Vereinsarbeit durch die Verschärfung der Coronakrise erschwert.

Nach dem Besuch der Vorstellung von „Der Riss durch die Welt“ am 03.03.2020 im Cuvilliéstheater

Nicht nur die Arbeit der Mitarbeiter des Residenztheaters, sondern auch unsere eigene Arbeit hat sich seither in den digitalen Raum verlagert. Nie habe ich die Facebook– und die Instagram-Seite der Freunde des Residenztheaters intensiver gepflegt, als im Moment: Denn neben der Videoreihe Tagebuch eines geschlossenen Theaters, auf deren einzelne Beiträge wir täglich auf unseren Kanälen hinweisen, gibt es viele andere Themen rund um das Residenztheater, über die es sich derzeit zu berichten lohnt. Die Leiterin der Abteilung RESI FÜR ALLE, Daniela Kranz begann beispielsweise vor einigen Wochen damit, ihr außergewöhnliches, gezeichnetes Coronatagebuch auf Instagram zu veröffentlichen. Und der Schauspieler Thomas Reisinger startete mit ROMAN einen eigenen Podcast in Form einer Fortsetzungsgeschichte auf seinem Instagram-, Facebook- und Youtube-Kanal.

Bis Mitte April 2020 hatte ich die Ensemblemitglieder des Residenztheaters nur in Form von Plakaten, die derzeit an Litfasssäulen in ganz München zu finden sind, zu Gesicht bekommen – dann kam mir die Idee zu einem Publikumsgespräch der besonderen Art. Da die Videokonferenzplattform Zoom im Zuge der Cornakrise zu einem der wichtigsten Kommunikationsmittel für alle Mitarbeiter des Hauses geworden ist, wollte auch ich sie für eine digitale Begegnung zwischen den Resi-Freunden und den Ensemblemitgliedern nutzen. Einen Großteil von ihnen schrieb ich auf Instagram an und bekam noch am selben Abend sehr herzliches, positives Feedback.

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Dank der großen Hilfe von Camill Jammal erreichte ich auch all jene Kollegen von ihm, die nicht in den sozialen Netzwerken aktiv sind. Trotz der festen Zusage einiger Schauspielerinnen und Schauspieler war ich am Abend des 09. April 2020 sehr nervös, ob sie sich tatsächlich zu unserem Wohnzimmergespräch einfinden würden.

Liliane Amuat war neben unserem Schatzmeister der Freunde des Residenztheaters, Rolf Urban, und seiner Frau Eva die erste Person, die mir an diesem Abend auf Zoom begegnete. Nach und nach füllte sich der digitale Raum, bis irgendwann 15 Resi-Freunde mit elf Ensemblemitgliedern über die Chancen und Herausforderungen in Bezug auf gestreamte Theateraufführungen oder über Themen wie Konzeptionsproben per Videokonferenz diskutierten. Welch eine Freude war es für uns begeisterte Theatergänger, neben Liliane Amuat Christoph Franken, Nicola Kirsch, Luana Velis, Michael Goldberg, Camill Jammal, Thomas ReisingerBarbara Horvath, Charlotte Schwab und Nicola Mastroberdardino unter den Gästen unseres Wohnzimmergesprächs begrüßen zu dürfen. Die beiden letzteren wurden übrigens gerade für den Kurt-Meisel-Preis der Freunde des Residenztheaters nominiert, der hoffentlich noch in dieser Spielzeit im Rahmen einer feierlichen Matinée verliehen wird.

Eine der spannendsten Fragen warf an diesem Abend Nicola Kirsch auf: „Was wird das Theater sein, wenn wir es wieder öffnen? Was wird anders sein und wo sollte man noch einmal an die Anfänge gehen und sich fragen: Worum geht es mir persönlich und uns allen gemeinsam in Bezug auf diese Kunstform?“ Kirsch erzählte uns, dass sie etwas erstaunt gewesen sei über die hohe Schlagzahl an kreativen Beiträgen auf allen digitalen Kanälen, kaum dass die Krise ihren Lauf genommen habe. Ihre Gedanken zur „Inventur des eigenen Lebens“, die sich gerade bei ihr als Reaktion auf die Veränderungen um sie herum einstellt, kann ich sehr gut nach nachvollziehen.

An diesem Donnerstagabend entspann sich nicht der übliche Frage-Antwort-Dialog zwischen Schauspielern und Zuschauern, den man üblicherweise von Publikumsgesprächen im analogen Raum gewohnt ist. Näher als in diesem Gespräch auf Zoom bin ich den Ensemblemitgliedern des Residenztheaters trotz der physischen Distanz noch nie gekommen. Das Interesse seitens der Schauspielerinnen und Schauspieler an unserer ehrenamtlichen Vereinsarbeit, aber auch an unseren persönlichen Erfahrungen mit dieser Krise ist groß. Mit vielen Schauspielerinnen und Schauspielern wie Camill Jammal, Liliane Amuat oder Michael Goldberg unterhalte ich mich an diesem Abend zum ersten Mal. Die Bereitschaft von ihnen allen, so intensiv und ausführlich mit den Freunden des Residenztheaters ins Gespräch zu kommen, berührt mich sehr – und sie motiviert mich dazu, mich auch weiterhin mit so viel Leidenschaft für unseren Verein zu engagieren.

Wir alle sind uns einig darüber, wie sehr uns derzeit der Theaterraum als Ort der Reflexion und der Diskussion über diese seltsame, verstörende, aber auch spannende Zeit fehlt. „Theater ist in erster Linie ein Ort der Begegnung und ein Platz, an dem Gemeinschaft gelebt und gefördert wird“, sagt Luana Velis, die wie Liliane Amuat und Elias Eilinghoff in diesem Jahr für den Förderpreis der Freunde des Residenztheaters nominiert ist. Wie recht sie hat. So lange unser Lieblingstheater geschlossen bleibt, freuen wir Zuschauer uns auf hoffentlich noch viele weitere digitale Begegnungen wie die am 09. April auf Zoom.

Viele wehmütige Theatergrüße sendet dir für heute,

deine Lena

 

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