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Flüstertöne #16: Institutionalisierte Moral

Brauchen wir einen institutionalisierten Moralkodex, weil unser menschliches Gespür nicht mehr ausreicht?

 Liebes Tagebuch,

ich erinnere mich noch gut an den Moment Ende der 2000er Jahre, als ich über dem Eingangsportal meines ehemaligen Gymnasiums folgende Worte auf einer neu angebrachten Plakette las: „Schule ohne Rassismus Schule mit Courage“. Große Worte für eine Institution, an dem es Schülern mit Migrationshintergrund zu diesem Zeitpunkt aufgrund fehlender Förderung kaum möglich war, nach der Grundschule eine gymnasiale Laufbahn einzuschlagen.

Anfang 2020 waren in Deutschland über 3.300 Schulen sowie mehr als 300 außerschulische Kooperationspartner Teil des  Netzwerks „Schule ohne Rassismus“, das Schüler und Pädagogen dazu aufruft, sich aktiv gegen jegliche Form von Diskriminierung, Mobbing und Gewalt zu wenden.

Was gibt es heute nicht nur im Schulbereich alles für Konzepte und Initiativen, um die Moral der Menschen zu schulen: Arbeitskreise für Wertschätzung vermitteln spielerisch, wie man im richtigen Augenblick lobt, auf den Power Point-Folien der Business Coaches findet man die perfekten Konfliktlösungsstrategien, es gibt „Feelgood-Manager“ in Unternehmen und die Zauberformel in Sachen Mobbing heißt Mediation.

Naiverweise hatte ich zu Beginn der Corona-Krise die Hoffnung, dass uns die Erfahrungen des Lockdowns den eigenen Moralkompass neu ausrichten und uns zu mitfühlenderen, aufmerksameren Menschen werden lassen. Doch genau wie vor der Krise glauben wir, emphatisches Verhalten ließe sich antrainieren und lernen und trainieren – bis wir in der Realität eines Besseren belehrt werden.

„Es stände besser um die Welt, wenn die Mühe, die man sich gibt, die subtilsten Moralgesetze auszuklügeln, an die Ausübung der einfachsten gewendet würde“, sagte die mährisch-österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach einst. Unsere Überforderung ist groß, wenn jemand in unserem Umfeld für einen längeren Zeitraum auf unsere Hilfe angewiesen ist. Wenn wir einen Mobbing-Fall im eigenen Umfeld beobachten und insgeheim froh darüber sind, dass es uns selbst nicht trifft. Oder wenn es darum geht, die nach außen hin propagierten Werte und Normen eines Unternehmens auch auf die eigenen Mitarbeiter anzuwenden.

Seit langem haben viele von uns großteils verlernt, menschlich zu handeln, anderen zuzuhören und sich in ihr Gegenüber hineinzuversetzen. Während wir auf der einen Seite im beruflichen und privaten Bereich moralische Prinzipien für unser Leben formulieren, vergessen wir auf der anderen Seite, diese im richtigen Moment anzuwenden. Außer wir wissen, dass wir die eigene Empathie und Mitmenschlichkeit öffentlichkeitswirksam inszenieren können.

Wenn uns künftig in unserer individualisierten Gesellschaft das Gespür für unser menschliches Gespür gänzlich abhanden kommt, schafft auch kein philosophischer Wochenendkurs dagegen Abhilfe. Es ist an der Zeit, wieder mehr auf unsere moralische Intuition zu vertrauen.

Alles Liebe,

deine Lena

Von Die Kulturflüsterin

PR-Managerin I kulturbegeistert I Theater, Film, Fernsehen, Kunst I Social Media I Digitale Geschichtenerzählerin

2 Antworten auf „Flüstertöne #16: Institutionalisierte Moral“

Liebe Lena, ich kann gut nachvollziehen, was dich umtreibt. Ja, der moralische Kompass, den gilt es zu reaktivieren. Und zwar nicht nur als vorgeschobene Image-Pflege. Ich frage mich auch, ob da nicht auch Kulturinstitutionen eine neue gesellschaftliche Verantwortung zukommen kann. Sie müssen sich nur selber ihrer Haltung und ihrer Werte versichern. Dann könnte das funktionieren.
Ich sende ganz viele Grüße nach München
Anke

Liebe Anke,

ich danke dir für deine Zeilen, die mir sehr aus der Seele sprechen! Gerade Kulturinstitutionen haben für mich eine große Vorbildfunktion, wenn es um die Implementierung des eigenen Wertekodex in die tägliche Arbeit geht. Leider stelle ich fast immer fest, dass in dieser Hinsicht noch enormer Nachholbedarf besteht. Aber wie du glaube ich daran, dass ein menschliches Miteinander möglich ist, wenn man sich selbst und die Strukturen, in denen man sich privat wie beruflich bewegt, immer wieder hinterfragt.

Liebe Grüße nach Köln,

Lena

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