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Flüstertöne #6: Kreativität in Krisenzeiten und das Tagesgespräch in Bayern 2

Gestern war ich als Expertin im Tagesgespräch auf Bayern 2 zu hören: Jeden Tag geht es in dieser Sendung ab 12:05 Uhr um ein aktuelles Thema, über das der Moderator der Sendung mit dem jeweiligen Gast und den Anrufern diskutiert. „Ohne Museen, Kinos, Theater: Wie kommen Sie an Ihre Dosis Kunst und Kultur?“ lautete die Frage, mit der wir uns am Freitagmittag eine Stunde lang intensiv beschäftigten. So viel Kreativität auf so vielen Online-Kanälen war selten: Es gibt kaum ein Theater, ein Museum oder eine andere Kulturinstitution, die in Sachen digitale Kommunikation in den vergangenen Wochen nicht ordentlich nachgerüstet hat.

Ein Tagebuch-Eintrag über den neuen Online-Kulturboom und über einige herausragende Beispiele dafür, wie es gelingen kann, in Zeiten des analogen Kulturverzichts sein Publikum zu erreichen.

 

„Der Mensch kommt nur dazu, etwas Eigenes aufzustellen, wenn er sich überzeugt, dass das Vorhandene ihm nicht genügt hat“
Achim von Arnim (1781-1831)

 

Liebes Tagebuch,

was für eine schöne, erheiternde, bisweilen aber auch bizarre und irritierende neue Welt sich da seit einigen Wochen im Netz auftut! Dass Social Media ein wichtiges Marketing-Tool für Kulturinstitutionen ist, haben diese zwar zum Großteil schon vor Jahren entdeckt – aber nie war ein größerer Wille zu spüren, sich kreativ mit den Möglichkeiten digitaler Kulturvermittlung auseinanderzusetzen.

Was dabei herauskommt, ist höchst unterschiedlich: Von live gestreamten Konzerten aus Opern- und Konzerthäusern oder dem eigenen Wohnzimmer über Home Office-Videos von Orchestermitgliedern bis hin zu virtuellen Museumsrundgängen und Malbögen zum Download für die Kleinsten findet man derzeit online eine sehr große Bandbreite an kulturellen Angeboten. Nicht alles, auf das mein Blick beim täglichen Durchscrollen meines Instagram-, Facebook– und Twitter-Feeds fällt, sorgt bei mir für Begeisterung. Denn nicht jeder Klassikstar ist ein guter Schauspieler vor der Kamera – und nicht jeder Schauspieler ein Profi auf der digitalen Bühne. So sorgen Videos von Weltklasse-Geigerinnen mit Mundschutz, stundenlange Live-Lesungen von Jungschauspielern, die vor der Corona-Krise Stein und Bein geschworen habe, nie im Leben auf Instagram aktiv zu werden oder die unzähligen Videos von Orchestermitgliedern aus dem Home Office eher dafür, dass ich wehmütig an die Freunde des analogen Kulturlebens zurückdenke, als mich von dieser neuen Art des Kulturgenusses inspiriert zu fühlen. Und so schön Streaming-Konzerte von öffentlichen Bühnen auch sein mögen: In Zeiten, in denen Social Distancing das Gebot der Stunde ist, stellt sich für die Organisatoren umso mehr die Frage nach der Vertretbarkeit solcher Veranstaltungen.

Der Druck, sich in diesen angeblich ruhigen Tagen noch einmal komplett neu in der digitalen Welt zu erfinden, ist vor allem in der Kulturbranche deutlich spürbar. Die Gewinner sind in diesen Tagen wie so oft die großen Institutionen mit ihrer seit Jahren gewachsenen Social Media-Strategie und der entsprechenden (Wo)Manpower innerhalb der eigenen Reihen. Kleine Off-Theater oder Museen, die es sich nicht leisten konnten, zu gegebener Zeit ihre Inszenierungen aufzuzeichnen oder ihre Ausstellungen digital verfügbar zu machen, haben hier wie oft im normalen Leben auch das Nachsehen.

Ich finde, dass alle Formen, diese fundamentale Krise künstlerisch zu verarbeiten, gerade richtig und wichtig sind, solange sie die gegenwärtige Situation nicht verharmlosen oder die Gefühle anderer Menschen verletzen. Denn was mir selbst missfällt oder mich irritiert, muntert vielleicht eine andere Person auf. Nicht jeder Künstler aber kann und will gerade kreativ sein. Denn wer derzeit nicht weiß, wie er seine nächsten beiden Monatsmieten bezahlen muss, hat wahrlich andere Sorgen, als sich auf das nächste Wohnzimmer-Konzert vorzubereiten.

Ich war gestern im Tagesgespräch auf Bayern 2 vor allem beeindruckt davon, auf welch unterschiedliche Arten und Weisen die Menschen außerhalb des Kunst- und Kulturbetriebs an ihre tägliche Dosis Kultur gelangen. Vom Schattentheater per Skype für die eigene Enkelin über ein Video-Betthupfler-Initiative einer Erzieherin über das Wohnzimmer GROOVE-Tanzprojekt via Zoom: Alle Anruferinnen haben gestern bewiesen, dass sich mit einer gewissen Neugierde und Offenheit gegenüber den neuen Medien in Zeiten wie diesen völlig neue Wege der Kommunikation beschreiten lassen.

Und das sind neben dem Tagebuch eines geschlossenen Theaters des Münchner Residenztheaters die anderen spannenden Projekte aus der bayerischen Kunst- und Kulturszene, über die ich gestern im Tagesgespräch mit dem Moderator Achim Bogdahn gesprochen habe:


1. „Wir sind noch einmal davongekommen“: Eine Inszenierung der Theaterakademie August Everding entsteht via Skype

Der Regisseur und Schauspieler Marcel Kohler ist Ensemblemitglied des Deutschen Theaters in Berlin und Mitbegründer des Künstlerkollektivs Neues Künstlertheater Berlin. Am 20.03. hätten seine Proben mit dem dritten Jahrgang im Studienfang Schauspiel der Bayerischen Theaterakademie August Everding für die Inszenierung von Thornton Wilders Stück „Wir sind noch einmal davongekommen“ begonnen. 1942 schrieb der US-Schriftsteller dieses Drama über eine Welt im Krisenmodus und über eine Menschheit in selbstzerstörerischer Ohnmacht. Welch ein Text in einer Zeit, wo wir wieder am Beginn einer Zeitenwende in unserer Geschichte stehen.

Anstatt die Inszenierung mit den Schauspielern vor Ort in der Theaterakademie am Prinzregentenplatz zu erarbeiten, finden die Proben dazu nun schon seit einigen Wochen via Skype statt. Auf Instagram geben Marcel Kohler und sein Team, zu dem unter anderem die sehr begabte Kostümbildnerin und Zeichnerin Nati Soroko zählt, einen Einblick in diesen außergewöhnlichen Probenprozess. Am geplanten Premierendatum, dem 16. April 2020, wird „Wir sind noch einmal davongekommen“ live aus den Wohnungen der Schauspieler für das Publikum übertragen.


2. #HilfdeinemKino: Eine Initiative von Weischer Media

Kinos sind ein wichtiges, schützenswertes Kulturgut und nicht als reine Wirtschaftsunternehmen zu betrachten – weder jetzt in der Krise, noch danach. Die Programmkinos haben es derzeit besonders schwer, ihr Publikum zu erreichen: Denn sie können nicht einfach auf digitale Vertriebswege umstellen, ohne dabei den Fokus noch mehr auf das Angebot von Streaming-Diensten wie Amazon und Netflix zu lenken.

Umso wichtiger ist die Initiative #HilfdeinemKino von der Hamburger Agentur Weischer Media. Indem man freiwillig Werbung ansieht, kann man dadurch sein Lieblingskino in dieser schwierigen Phase unterstützen.

Das Filmtheater am Sendlinger Tor in München

So geht es:

  1. Einfach auf http://hilfdeinemkino.de/ das eigene Lieblingskino auswählen, indem man auf das rote Fähnchen am jeweiligen Kinostandort klickt.
  2. Nach der Kinoauswahl öffnet sich ein Pop-Up Fenster, in dem man die Auswahl des Kinos bestätigen muss.
  3. Nun werden dem Besucher und der Besucherin der Seite typische Kinowerbespots gezeigt, die er oder sie normalerweise im Vorprogramm des Lieblingskinos sehen würde. Mit jedem von den Werbepartnern von Weischer Media bezahltem Spot unterstützt man direkt das Kino seiner Wahl.

Ich wünsche vor allem den Betreibern der City Kinos sowie des Arena Filmtheaters und des Monopol Kino in München viel Kraft in dieser unsicheren Zeit und hoffe, dass die Kinos bald wieder ihren Betrieb aufnehmen können.


3. #museumimnetz: Ein Projekt des Berufsverbands Bildender Künstler

Unter dem Hashtag #museumimnetz veröffentlich der Berufsverband Bildender Künstler auf seiner Instagram– und auf seiner Facebook-Seite regelmäßig Kunstwerke seiner Mitglieder. So entsteht eine virtuelle Galerie für Kunstinteressierte, die angesichts geschlossener Museen, Ateliers und Ausstellungen auf den virtuellen Kunstgenuss ausweichen müssen.


Und dann habe ich im Tagesgespräch auch noch erwähnt, dass ich vor einigen Tagen das große Vergnügen hatte, über FaceTime mit der Querflötistin Kathrin Christians zu sprechen. Sie ist unter anderem Preisträgerin des renommierten OPUS Klassik-Musikpreises und weiß, was Umbrüche und Neuorientierung im Leben bedeuten: Denn mit Anfang 30 erlitt die Musikerin einen Schlaganfall und kämpfte sich mit einer beispiellosen Energie und Disziplin zurück auf die ganz großen Konzertbühnen. Schaut auch unbedingt einmal auf der Website ihres schönen Ladens „Heimat – Schönes aus der Region“ in Heidelberg vorbei!


Soweit zu meinem Tagesgespräch-Auftritt von gestern, liebes Tagebuch. Hier kommen noch ein paar weitere Online-Kulturtipps:

4. #GPTbleibtzuhause

Wirklich jedes Theater und Orchester postet derzeit Videos von seinen Ensemble- und Orchestermitgliedern im Home Office – aber kaum ein Ensemble zeigt sich dabei von so einer derart individuellen Seite, wie das des Gärtnerplatztheaters.

Meine Favoriten aus dieser sehr unterhaltsamen Heimarbeit-Reihe sind unter anderem ein Video des Regieassistenten Lukas Wachernig auf dessen Instagram-Seite, in dem er den Opener der TV-Serie Friends mit sich selbst in der Hauptrolle neu interpretiert.

Und das Video der Tänzerin Roberta Pisu, die darin eine tänzerische Ausdrucksform für die räumliche Beschränkung in den eigenen vier Wänden findet.

Die kompletten Videos könnt ihr euch auf der Website des Gärtnerplatztheaters sowie auf dessen Facebook– und Youtube-Kanal ansehen.


5. Die tägliche Sunset Music Session auf Instagram von und mit Benito Bause

Er wurde in den vergangenen Tagen zu so etwas wie meinem persönlichen Igor Levit: Benito Bause ist nicht nur ein großartiger Schauspieler, sondern auch ein sehr guter Sänger, wie er derzeit in seinen Sunset Music Sessions auf Instagram beweist. Gegen 18 Uhr geht er dort täglich auf seinem Kanal mit seiner Gitarre live und singt Lieder, die von Herzschmerz, Hoffnung, Vertrauen und Liebe handeln. Wenn das Residenztheater hoffentlich bald wieder seine Türen für das Publikum öffnet, solltet ihr Benito dort unbedingt auf der Bühne erleben! Das Ensemblemitglied spielt dort unter anderem in den Inszenierungen Der Riss durch die Welt und Kassandra. Prometheus/ Recht auf Welt.


6. Der Podcast „Händewaschen“ des Nationaltheater Mannheim mit Arash Nayebbandi und László Branko Breiding

Das Nationaltheater Mannheim startet ab Montag, 30. März, die wöchentliche Podcast-Reihe „Händewaschen mit den beiden Ensemble-Mitgliedern Arash Nayebbandi und László Branko Breiding, der auf der Homepage des Nationaltheaters sowie auf den Plattformen Spotify und Soundcloud verfügbar sein wird. Darin stellen die Schauspieler ausgewählte Texte und Bücher vor und diskutieren mit den Autor*innen. Wenn ich László, den ich während der Berlinale persönlich kennengelernt habe, schon nicht derzeit in Mannheim besuchen kann, so freue ich mich umso mehr darüber, ihn nun wöchentlich auf Spotify zu hören!


7. Die Videos des Baritonsaxophonisten Jure Knez

Gerade kann Jure Knez nicht wie sonst täglich gemeinsam mit dem Arcis Saxophon Quartett proben und die nächsten Auftritte in aller Welt planen. Die Zeit nutzt der Baritonsaxophonist, um beinahe täglich ein wunderschönes Musikvideo, in dem er jeweils ein Werk von Johann Sebastian Bach interpretiert, auf seinem Instagram-Kanal zu veröffentlichen:

Wie schön, dass man in Zeiten wie diesen ein Quartett-Mitglied noch einmal von einer ganz neuen Seite kennenlernt.

Das war es erst einmal für heute von in Sachen Kultur, liebes Tagebuch! 

 

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