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Frauenwelten

Sophie Passmann und Palina Rojinski im „Männerwelten“-Beitrag © ProSieben

Ein Aufschrei ging durch Deutschland, nachdem in der Sendezeit von Joko und Klaas über das Thema Gewalt gegenüber Frauen gesprochen wurde. Dieser angebliche so bewegende und berührende Film ist vor allem eines: Ein gelungener Marketing-Coup.

Man nehme: Eine erfolgreiche junge Autorin, die als Kolumnistin für das ZEITmagazin arbeitet und fast 200.000 Follower auf Instagram hat, zwei erfolgreiche Schauspielerinnen mit noch mehr Followern, ein Model, zwei erfolgreiche Moderatorinnen, eine Rapperin und einige Durchschnittsfrauen, einen an den richtigen Stellen perfekt ausgeleuchteten düsteren Kellerraum sowie viele Chatverläufe und Social Media-Kommentare, die unter die Gürtellinie gehen. Fertig ist ein Video, das uns in der Sendung von Joko und Klaas auf ProSieben am 13.05.2020 angeblich die Augen über die Gewalt an Frauen geöffnet hat.

Dafür brauchten wir ernsthaft diesen fünfzehnminütigen Film? Selten habe ich so hitzig mit Freundinnen und Freunden über ein Thema diskutiert, wie über „Männerwelten“. Mit meinen Zweifeln an dem Storytelling in der Machart bin ich durchweg auf Kritik gestoßen. Es sei schließlich nicht jedermann und jede Frau so elitär und aufgeklärt wie ich.

Gab es nicht erst vor wenigen Jahren einen ähnlichen Aufschrei, als die #MeToo-Debatte ab Ende 2017 die öffentliche Debatte bestimmte? Der Hashtag brachte eine längst überfällige Diskussion ins Rollen und dominierte über Wochen und Monate hinweg die sozialen Netzwerke. Allein auf Facebook berichteten innerhalb der ersten 24 Stunden 4,7 Millionen Benutzerinnen in über zwölf Millionen Postings über ihre Erfahrungen mit dem Thema #MeToo. Wo man hinblickte, wurde Statements gesetzt: Hollywood-Schauspielerinnen trugen Schwarz bei der Golden Globe-Verleihung, es gab Interventionen in Universitäten, prominent besetzte TV-Talkrunden und eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Frage, warum sexualisierte Diskriminierung und Gewalt gegenüber Frauen immer noch ein Teil unseres kollektiven Selbstverständnisses sind.

Drei Jahre später braucht es ein Video mit horrorfilmartigen Schockmomenten, um uns an eine Diskussion zu erinnern, die wohl trotz ihrer enormen medialen Aufmerksamkeit nicht die gewünschten Erfolge brachte. Ich bin vor allem geschockt, dass wir seit dem Jahr 2017 nicht viel weiter gekommen zu sein scheinen, was das Thema Frauenrechte angeht. Das „David gegen Goliath“-Prinzip, nach dem die bösen Männer die guten Frauen dominieren und ausbeuten, funktioniert auch in „Männerwelten“ hervorragend. Doch weder hat man dabei die Möglichkeit, die Schuldigen hinter den Dick Picks und den unflätigen Kommentaren in den sozialen Netzwerken mit ihren Taten zu konfrontieren, noch nutzen die Protagonistinnen die Chance, im Video selbst eine Diskussion über das Dargestellte anzustoßen oder gar Männer zu Wort kommen zu lassen. Darüber hinaus ist die hier präsentierte Welt aus der Sicht von uns Frauen ausschließlich weiß und heterosexuell.

Natürlich sei es ProSieben und den beteiligten Akteurinnen freigestellt, sich mit den Mitteln des Grusel-Entertainments und einer gehörigen Portion Voyeurismus einem derart ernsthaften und vielschichtigen Thema zu widmen. Dass sich die breite Masse der Bevölkerung ihre Botschaft zu Herzen nimmt, ist ein naiver Irrglaube. Denn wie überhaupt lautet die Botschaft hinter „Männerwelten“? Und wie glaubwürdig ist dieser angebliche Schrei nach einer Stärkung der Frauenrechte, der auf einem TV-Sender ausgestrahlt wird, der mit Reality-Shows wie „Das Model und der Freak“, „We are family!“ in der Vergangenheit sehr gute Einschaltquoten verzeichnete und mit „Germany’s Next Top Model“ eines der erfolgreichsten TV-Formate überhaupt hervorbrachte?

Dass es Männer im Jahr 2020 wagen, sich Frauen auf übergriffige Art und Weise in den sozialen Netzwerken oder außerhalb des digitalen Raums zu nähern, kann weder ignoriert, noch toleriert werden. Frauen sollen auf ihren Instagram-Bildern im Minirock, im Bikini oder im knappen Höschen posieren dürfen, ohne dafür automatisch einen abschätzigen Kommentar oder ein Penisbild in ihrem Posteingang zu erhalten. Doch sie sollten sich auch immer bewusst sein, warum sie gerade diese Bilder von sich im Netz veröffentlichen – wohl kaum, um andere Frauen damit zu beeindrucken. Sex sells, das haben wir alle seit unserer frühesten Kindheit internalisiert.

Als „Male Gaze“, das sogenannte „männliche Starren“,  bezeichnete die Filmtheoretikerin Laura Mulvey in ihrem 1975 veröffentlichten Aufsatz „Visual Pleasure and Narrative Cinema“ den aktiv-männlichen, kontrollierenden und neugierigen Blick, unter dem Filme zum Großteil produziert werden. Frauen, so Mulveyn, würden in Filmen üblicherweise als das Objekt des Starrens gesehen werden, anstatt als Starrende, da die Kameraführung – und damit die Blickführung – damals von der Annahme ausging, dass das Zielpublikum der meisten Filmgenres aus heterosexuellen Männern besteht. Trotz der wachsenden Zahl an Filmen, die mittlerweile für eine weibliche Zielgruppe konzipiert sind und trotz der Zunahme an weiblichen Protagonisten in Filmen hat sich an dem Konzept des „Male Gaze“ noch lange nicht zugunsten eines „Female Gaze“ gewandelt. Denn immer noch sind zu wenige Frauen in entscheidenden Positionen an der Produktion eines Films beteiligt.

Die Frau als Gebrauchsartikel, die die betrachtende Personen in die Perspektive des Photographen verwickelt und somit einen Kaufanreiz schafft: Nach diesem Prinzip funktioniert ein Großteil der Werbekampagnen hierzulande. Wer als Protagonistin in dieser glänzenden Scheinwelt bestehen will, muss man sich seinen Gesetzen fügen – und tut dies zum Großteil auch bereitwillig. Models wie Stefanie Giesinger, die sich in „Männerwelten“ zu Wort meldete, haben ihre eigene Selbstvermarktung perfektioniert und warten täglich auf ihren Kanälen mit Fotos ihrer perfekt in Szene gesetzten, makellosen Körper auf. Sie sind die Werbeträger für diejenigen Firmen, die ihnen teure Designer-Kleidung zur Verfügung stellen und sie an die schönsten Orte der Welt entführen. Mit intellektuellen oder politischen Beiträgen lassen sich nun einmal keine Followerzahlen von bis zu 3 Millionen erreichen.

Selbstbestimmung und ein kluger, reflektierter Umgang mit der eigenen Selbstdarstellung im Netz sieht für mich anders aus. Das alles darf keine Einladung für Männer sein, um Frauen zu belästigen und zu erniedrigen. Aber es ist an der Zeit, dass wir uns als Frauen ehrlich fragen, ob wir die tief ausgeschnittenen Dekolletés, die hochhackigen Schuhe und die kurzen Röcke tatsächlich nur für uns selbst tragen.

Der Tiefpunkt des „Männerwelten“-Videos auf ProSieben ist für mich erreicht, als die Stimmen von Vergewaltigungsopfern durch den Raum hallen, während sich die Kamera wie in einem Wachsfigurenkabinett an ihren stummen und starren Gesichtern vorbei bewegt. Wenig später richtet sich der Blick des Betrachters und der Betrachterin auf eine Ausstellung von Kleidungsstücken, die während des Vergewaltigungsakts von den jeweiligen Frauen getragen wurde. Auf zynische Art und Weise werden Sexualstraftäter hier mit Männern, die unflätige Kommentare gegenüber Frauen im Internet abgeben, in einen Topf geworfen.

Es sind keine „Männer-Welten“, die uns in diesem „Joko und Klaas“-Video präsentiert werden: Dies ist die Weltsicht eines bestimmten Teils an Männern, die man dringend mit ihrer Wahrnehmung von und ihrem Umgang mit Frauen konfrontieren sollte. Wie langwierig und kräftezehrend dieses Unterfangen sein kann, hat die Grünen-Politikerin Renate Künast unlängst bewiesen. Sie ging gerichtlich gegen Beleidigungen im Netz, nachdem sie in den sozialen Netzwerken sexistisch beschimpft worden war. Das Berliner Kammergericht wertete die Angriffe im Netz als Beleidigung, nachdem das Berliner Landgericht die Facebook-Posts zuvor als noch als hinnehmbar bezeichnet hatte. Die Organisation Hate Aid, eine Plattform zur Unterstützung von Menschen, die von digitalem Hass betroffen sind, übernahm übrigens die Prozesskosten für Künasts Berufungsverfahren. Sollte man den Fokus in Bezug auf die Frage, wie Frauen geholfen werden kann, die sich im Netz und darüber hinaus werden mit sexueller Gewalt konfrontiert sehen, nicht viel mehr auf die Lösungsansätze, anstatt ihn nur auf die Darstellung des Problems lenken?

 

Von Die Kulturflüsterin

PR-Managerin I kulturbegeistert I Theater, Film, Fernsehen, Kunst I Social Media I Digitale Geschichtenerzählerin

7 Antworten auf „Frauenwelten“

Was für ein kluger und fantastischer Text, liebe Lena. Danke, dass Du das Thema so gründlich und reflektiert aufrollst. Dass wir seit #metoo nicht weiter sind, dass ein Video wie „Männerwelten“ mit scheinbar frischer, überraschter Empörung agiert, finde auch ich unerträglich. Allerdings gibt es einen Aspekt, den ich als sehr positiv erlebt habe: In den Kreisen
meiner 15-jährigen Tochter hat das Video für großes Aufsehen gesorgt, wurde geteilt und diskutiert. Diese Jugendlichen waren bei #metoo zu jung für das Thema und erleben „Männerwelten“ jetzt ein wenig als einen Awareness-Einstieg. Dafür bin ich dem Video dankbar, an Deinen Kritikpunkten ändert es allerdings gar nichts! Herzliche Grüße nach München!
Maria

Liebe Bettina,

ich danke dir ganz herzlich für dein ausführliches Feedback zu meinem Artikel! Natürlich finde ich es toll, wenn dieses Video Frauen im Jugendalter zum Diskutieren anregt – aber ich würde mich sehr wünschen, dass man sie mit einer umfassenderen Berichterstattung zu Themen wie diesen konfrontiert. Denn das Männerbild, das sie hier vermittelt bekommen, ist äußerst fragwürdig. Ich stelle vermehrt fest, dass Journalistinnen und Journalisten jungen Leuten anscheinend nur eine bestimmte Art der Informationsverarbeitung zutrauen. Damit aus den Jugendlichen irgendwann mündige, reflektierte Bürger werden, braucht es jedoch mehr als knackig präsentierte Nachrichten im Youtube-Style. Wir sollten den Wählern und Entscheidern von morgen wesentlich mehr zutrauen und sie auch mit Texten konfrontieren, die sie vielleicht zunächst überfordern. Nur so können sie lernen, Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.
Herzliche Grüße aus München nach Ulm, Lena

Hm, also was diese jüngere Zielgruppe angeht, muss ich Dir leider widersprechen: Die, die ich kenne – und das sind nicht wenige – lesen keine Nachrichten, keine „anstrengenden“ Blogartikel, keine Bücher, nicht mal Social Media. Die schicken sich Whats App Nachrichten und schauen Youtube. Anders sind sie nicht zu erreichen und das dürfte der überwiegende Teil und auch die Zielgruppe gewesen sein.
Ich verstehe Deine Einwände und hätte sie sehr wahrscheinlich vor 10 Jahren noch geteilt. Inzwischen, als Bloggerin, Redakteurin und Patchworkerin, bin ich da leider eher ernüchtert und habe den Eindruck, dass man die Masse der Menschen nur mit sehr einfachen, möglichst schwarzweißen Nachrichten erreicht, verpackbar in 2-3 Sätzen in einer Whats App Nachricht. Alles andere wäre zu anstrengend.

Liebe Inka,

ich bin ganz deiner Meinung, was deinen Eindruck angeht, dass die Masse der Menschen nur mit einfachen Nachrichten erreichbar ist. Dass zu dieser Masse auch viele Männer und Frauen gehören, die eine sehr gute Ausbildung genossen haben, finde ich erschreckend. Ich glaube nicht, dass in den Köpfen der meisten Leute wirklich ein Umdenken stattgefunden hat, nachdem sie „Männerwelten“ gesehen haben.

Gerade weil es so anstrengend ist, sich umfassend mit einem Thema zu beschäftigen, sollten wir der jungen Generation die Möglichkeit dazu bieten, anstatt uns zu 100% auf ihren Medienkonsum einzustellen.

Viele Grüße,

Lena

Liebe Lena, ich finde es toll, dass Du diesen Beitrag geschrieben hast. Auf Twitter habe ich auch Gegenwind wahrgenommen, aber natürlich im üblichen Twitter-Stil: kurz, laut, unnötig plakativ. Aber hier wie da bin ich mit dem Eingangsgedanken nicht ganz einverstanden: Es gab meines Erachtens gar keinen Aufschrei, zunächst. Es gab eine massiv hohe Verbreitung der Aktion, sehr oft mit lobenden und ja, auch gerührten Worten. Das entspricht aber mE dem inzwischen einfach sehr hochgedrehtem emotionalen Lautstärkeregler bei Online-Feedback. Ich habe nicht wahrgenommen, dass die Aktion, die Akteurinnen oder gar Joko und Klaas wirklich als Heilsbringer und die Viertelstunde selbst als Durchbruch gesehen wurde. Das wurde am nächsten Tag zwar behauptet, aber eben von den Kritiker*innen.
Natürlich kann man fragen: Waren wir nicht schon mal weiter? Die Antwort lautet – wie so oft – wohl: zum Teil. Gesellschaftliche Prozesse verlaufen eben nicht linear, wir sind seit ein paar Jahren leider auch wieder in einem Zwei-vor-drei-zurück-Zirkel. Ich sehe in der Aktion des Abends trotzdem eher einen Fortschritt, weil ich es pragmatisch runterbreche, und dabei kommt für mich raus: Pro 7, 20:15, kein Mann im Bild, in der ganzen Viertelstunde nicht. Die Präsentation kann man – wie immer – so oder so finden, ich würde dennoch behaupten: Diese Aktion wäre vor drei, vier, fünf Jahren noch nicht drin gewesen. Darum Fortschritt. Die Welt zum Positiven verändert hat es leider sicher nicht. Aber zum Gegenteil eben auch nicht, jedenfalls wüsste ich nicht, warum. Und in der Zielgruppe (also Altersgruppe Sophie Passmann und jünger) hat es aus meiner Wahrnehmung tatsächlich Staub aufgewirbelt. Das wird nicht reichen. Aber es ist ein Anfang. 🙂
Liebe Grüße aus Berlin & hoffentlich auf baldiges Wiedersehen, <3
Catherine

Liebe Catherine,

vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar! „Pro 7, 20:15, kein Mann im Bild“ ist leider für mich gar keine Argument, das für die Veröffentlichung eines derart voyeuristischen Videos steht. Pseudo-journalistisches Junkfood zur Bekämpfung drängender Probleme in unserer Gesellschaft kann und darf meiner Meinung nach nicht zur Regel werden – egal, was die jüngere Zielgruppe angeblich sehen will und was nicht. Sie sieht im Fernsehen vor allem das, was wir – die erwachsenen Programmmacher – ihnen vorsetzen.

Genug Staub wurde auch schon vor drei Jahren bei der #MeToo-Debatte aufgewirbelt. Nun ist es an der Zeit, dass den Worten Taten folgen.

Liebe Grüße aus München und bis hoffentlich bald wieder in Berlin!

Lena

Liebe Lena,

es ist ja auch kein Argument, sondern einfach nur meine Bilanz zu etwas, das ich hauptsächlich der Rahmenbedingungen (weniger des Inhalts) wegen als Fortschritt werte. Ich bin generell skeptisch, was da eigentlich genau was bringen kann, leider.

#MeToo hat in Amerika meines Erachtens viel mehr gebracht als zB hier, woran das liegt, kann ich aber auch nicht sagen …

Ganz liebe Grüße
Catherine

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