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#Interview mit der Regisseurin Andrea Schwalbach

Seit dreißig Jahren inszeniert die Musiktheaterregisseurin Andrea Schwalbach sehr erfolgreich an den großen Opernhäusern in Deutschland und im europäischen Ausland. Zum heutigen Internationalen Frauentag habe ich mit ihr über ihren Wunsch, mehr Werke von Komponistinnen auf die Bühne zu bringen, gesprochen. Ein Interview über Quoten, den „weiblichen“ Blick und männliche Förderer.

Als ich vor wenigen Tagen auf Zoom mit Andrea Schwalbach ins Gespräch kam, war ich beeindruckt von der Leidenschaft, mit der sie über ihren Beruf und über die Zusammenarbeit mit ihren Kolleginnen und Kollegen sprach. „Die Oper ist so ziemlich das komplexeste Gebilde, das man sich vorstellen kann. Denn sie umfasst sehr viele verschiedene Kunstsparten. Ich empfinde es jedes Mal wie ein Wunder, wenn diese vielen Rädchen ineinandergreifen, damit dem Publikum am Ende eine Produktion präsentiert werden kann“.

Die 1963 in Frankfurt am Main geborene Andrea Schwalbach war schon als Kind dafür bekannt dafür gewesen, sich gute Geschichten auszudenken. Musikalisch sozialisiert wurde die Tochter zweier Ingenieure unter anderem durch die Musik von Emerson, Lake & Palmer, Genesis und Pink Floyd, da ihr Bruder ein großer Rockfan war. „Mich umgab aber zu Hause auch immer viel klassische Musik und allgemein viel Kunst“, so Schwalbach.

Als junge Frau bewarb sie sich an einer Schauspielschule und wurde prompt dort angenommen. Doch dann verkündete sie vor versammelter Mannschaft, dass sie auf Dauer lieber eine ganz andere Position im Theaterbetrieb bekleiden würde.

Andrea Schwalbach studierte schließlich Philosophie und Theaterwissenschaft an der Goethe Universität in Frankfurt am Main. 1990 gründete sie mit der Dramaturgin Frau Dr. Regine Elzenheimer, dem Komponisten Gerhard Müller-Hornbach und dem Kulturwissenschaftler Stephan Buchberger das Mutare Musiktheater Ensemble in Frankfurt, mit dem sie jahrelang diverse Opernprojekte zur Uraufführung brachte und neue Formen des Musiktheaters erforschte.

Anschließend begann Andrea Schwalbach, an den großen Opernhäusern der Republik und im Ausland zu arbeiten. Neben ihrer Leidenschaft für die Neue Musik umfasst ihr Werk als Regisseurin mittlerweile mehr als 60 Inszenierungen in den Bereichen Oper, Operette und Musical. Sie arbeitete dabei unter anderem an der Staatsoper unter den Linden in Berlin, der Staatsoper Stuttgart, der Oper Frankfurt, der Flaamse Opera Antwerpen/Gent, der Staatsoper Hannover und mehrfach an den Opernhäusern in Bonn, Hannover, Wuppertal, Saarbrücken, Linz, Osnabrück, Heidelberg und Oldenburg.

Unter ihrer Regie entstanden die Inszenierungen vieler Ur- und Erstaufführungen sowie selten gespielter Opern wie Der Golem von d’Albert an der Oper Bonn 2010, Superflumina von Salvatore Sciarrino 2011 am Nationaltheater Mannheim, Adriana Mater von Kaija Saariaho am Theater Osnabrück 2011, The Rape of Lucretia von Benjamin Britten 2014 am Theater Bielefeld, Der Idiot von Mieczysław Weinberg sowie Yvonne Princesse de Bourgogne von Philippe Boesman in den Jahren 2014 und 2017 am Staatstheater Oldenburg und das Projekt Summernightdreamers nach Henry Purcell, Benjamin Britten und John Casken am Theater Heidelberg 2020.

Parallel zu den Stückentwicklungen inszenierte Schwalbach zentrale Werke des klassischen Opernrepertoires wie Die Meistersinger, La Bohème, Tosca, Cosi fan tutte, Zauberflöte, Katja Kabanova, Der Barbier von Sevilla, Don Pasquale, Freischütz oder L’Italiana in Algerie. Einen weiteren Schwerpunkt in ihrer Arbeit bilden eigene Bearbeitungen von Operetten wie Das weiße Rössl, Die lustige Witwe, Ball im Savoy, Die Blume von Hawaii, Herzogin von Chicago. Projektbezogene Lehrtätigkeiten führten Andrea Schwalbach bisher unter anderem an die Hochschule für bildende Künste Dresden und zu den Salzburger Festspielen, wo sie den internationalen Regieworkshop leitete.

Ein Interview mit einer selbstbewussten Regisseurin, die in ihren Inszenierungen immer wieder Konventionen in Frage stellt und die sich nicht davor scheut, Missstände in ihrer Branche in Bezug auf die Förderung von Frauen offen anzusprechen.

Es gibt viel Forschungsinteresse an der Arbeit von Komponistinnen: So hat es sich beispielsweise die Internationale Komponistinnen-Bibliothek in Unna zur Aufgabe gemacht, Werke von Komponistinnen zu sammeln, zu archivieren und vergessene Kompositionen wieder zu entdecken und zu veröffentlichen. Das weltweit größte und bedeutendste Komponistinnen-Archiv in Frankfurt leistet seit knapp vier Jahrzehnten Aufklärungsarbeit und beherbergt Noten von 1.800 Komponistinnen aus 52 Ländern. Auf deutschen Konzert- und Opernbühnen hört man die Werke von Komponistinnen jedoch immer noch viel zu selten.  

Ich habe im Laufe meiner 30 Berufsjahre das Werk von genau einer Komponistin inszenieren dürfen: Adriana Mater von der Finnin Kaija Saariaho. Ihre Oper L’Amour de Loin war nach der Inszenierung von Der Wald von Ethel Smyth im Jahre 1903 übrigens die zweite Oper einer Frau, die 2016 an der New Yorker Metropolitan Opera aufgeführt wurde. Das muss man sich mal vorstellen! Man wollte Saariaho aber lieber keine Uraufführung komponieren zu lassen, sondern nahm ein Werk von ihr, mit dem sie sich schon an anderen Häusern bewiesen hatte.

Wie sieht deine Erfahrung mit Frauen am Dirigentinnen-Pult aus? 

Ich habe bisher genau mit drei Dirigentinnen zusammengearbeitet. Man glaubt, dass die Situation besser wird: Das liegt aber einzig und allein daran, dass die wenigen erfolgreichen Dirigentinnen mittlerweile sehr gut vermarktet sind. Ein Haus wie das Staatstheater Nürnberg ist stolz auf seine Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz und das völlig zu Recht. Was die Komponistinnen angeht, haben wir das Problem, dass ihre Werke jahrhundertelang nicht aufgeführt wurden. Eine Musikerin wie die Britin Ethel Smyth komponierte im 19. Jahrhundert wirklich großartige Werke wie The Wreckers oder Der Wald. Mein Kollegin Kerstin Steeb aus Hamburg hat zum Beispiel für ihr Projekt STRANDRECHT, das sich zwischen opulentem Musiktheater und performativem Erlebnis bewegt, eine neue Fassung für The Wreckers erarbeitet. Dieses Stück ist wirklich eine ganz große Oper mit einem riesen Chor und tollen Frauenfiguren. Ich habe es schon so oft vorgeschlagen – aber lieber geht man auf Nummer sicher und präsentiert dem Publikum den nächsten ausgegrabenen Donizetti.

Wie sieht die Situation für junge Komponistinnen aus, die gerade ihre Ausbildung machen oder bereits den Einstieg ins Berufsleben geschafft haben?  

Viel besser, aber ihnen fehlt natürlich das Fundament, auf dem sie aufbauen können. Und ihnen muss es erst einmal gelingen, dass ihre Werke nach der Uraufführung auch an anderen Orten gezeigt werden. Es gibt Häuser, die ganz bewusst über einen längeren Zeitraum hinweg Zweitaufführungen von Komponisten in den Spielplan mit aufnehmen. Am Staatstheater Oldenburg habe ich Zweitaufführungen von Weinberg, Boesmans und Statkowski inszenieren dürfen. Wieder keine Komponistin darunter.

2012 veröffentlichte NewMusicBox, ein Online-Magazin für zeitgenössische klassische Musik, einen Aufsatz der Komponistin Amy Beth Kirsten mit dem Titel „Die ›Komponistin‹ ist tot„. Auch wenn die klassische Musikbranche sehr männerdominiert sei, benötige man als Komponistin keine besondere Fürsprache oder gezielte Maßnahmen, so Kirsten. Statt sich zu bemühen, weibliche Komponistinnen zu fördern, sollten die Programmplaner nur solche Werke auswählen, die sie besonders ansprechen. Können Komponistinnen tatsächlich ganz ohne bewusste Förderung ihren Weg in der klassischen Musikwelt machen oder sollte man deiner Meinung nach nicht über Quoten für die Aufführung ihrer Werke nachdenken? 

Wir brauchen definitiv eine Quote. Denn es muss ein Bewusstsein dafür entstehen, dass die Noten der Komponistinnen selbstverständlich auf dem Tisch der Verantwortlichen liegen. Der Furore Verlag hat in dieser Hinsicht über viele Jahre exemplarische Arbeit geleistet, da er nur Komponistinnen im Programm hat.

All die Werke der Komponistinnen, die jetzt wiederentdeckt werden, haben das Problem, das sie nicht Teil des etablierten Konzert- und Opernkanons sind. Wie kann es gelingen, ihre Opern und Konzerte dauerhaft in den Spielplänen der Opern- und Konzerthäuser zu verankern?

Natürlich sind nicht alle Stücke großartig, nur weil sie von einer Frau komponiert wurden. Aber wir haben ja auch keine Erfahrung damit, die Werke dieser Komponistinnen zu inszenieren. Also lasst uns damit anfangen und beobachten, ob ihre Geschichten und ihre Musik die Zuhörer berühren. Das gilt meiner Meinung nach generell für alle Stücke, für die es bisher keine Aufführungspraxis gibt. Ich durfte zum Beispiel Der Idiot von Mieczyslaw Weinberg inszenieren und musste nach der Uraufführung am Nationaltheater Mannheim für das Staatstheater Oldenburg mit dem Dirigenten eine Fassung für kleinere Häuser erarbeiten. Das ist ein normaler Prozess, den man Spielpraxis nennt und den auch weltberühmte Opern einmal durchlaufen haben. Im besten Falle lebt die Komponistin noch und man kann gemeinsam mit ihr im Theater an ihrem Werk weiterarbeiten.

Was bräuchte es darüber hinaus, um die Werke von Komponistinnen mehr in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken?

Ein Festival zum Beispiel, damit man einen Vergleich ziehen kann zwischen den Komponistinnen und damit es zu einem Austausch über ihre Musik kommt. Es gibt schließlich so viele spannende Künstlerinnen, die sehr spannende Ideen für die theatrale Umsetzung ihrer musikalischen Visionen haben. Eine Komponistin muss unbedingt die Chance bekommen, ihr Werk auf der Bühne zu sehen und zu erkennen, was funktioniert und wo sie vielleicht noch einmal nacharbeiten muss.

Wenn man heute eine Komponistin in den Fokus des Geschehens rückt, wird sie gerne in Bezug zu einem Mann gesetzt: Clara Schumann als Ehefrau von Robert Schumann, Fanny Hensel als Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdy. Allgemein werden Komponistinnen meiner Wahrnehmung nach viel zu sehr als Exotinnen präsentiert und ihre Werke nach den weiblichen Elementen durchsucht, die darin angeblich zu finden sind.

Dieses Phänomen, dass man bewusst auf seine Sicht als Frau auf ein Werk angesprochen oder auch darauf reduziert wird, nehme auch ich gerade wieder verstärkt wahr. Ich antworte dann immer: „Würden Sie einen Mann in derselben Position dasselbe fragen? Und was, wenn sich meine Sicht auf das Stück nicht so grundlegend von der eines Mannes unterscheidet?“ Ich bekomme anstatt Leoš Janáčeks Aus einem Totenhaus, das ich wahnsinnig gerne einmal inszenieren würde, im Moment eher eine Carmen angeboten. Nicht, dass das kein tolles Stück wäre: Aber es ist interessant, dass man explizit dafür engagiert wird, um sich aus einer weiblichen Perspektive heraus mit den Themen einer Oper auseinanderzusetzen. Tut man das nicht, wird einem genau dieser Punkt seitens der Kritik vorgeworfen.

Vermutlich von männlichen Kritikern…

Nein, tatsächlich auch von weiblichen!

Woher rührt dieses aktuelle Interesse nach deinem „weiblichen“ Blick deiner Meinung nach?

In meinem Fall liegt es vielleicht daran, dass ich gerade die „großen Schinken“ wie Richard Wagners Die Meistersinger von Nürnberg inszeniere. Ich komme ja aus dem Bereich des experimentellen Musiktheaters und habe ab 1990 mit dem von mir und dem Komponisten Gerhard Müller-Hornbach sowie den Dramaturgen Regine Elzenheimer und Stephan Buchberger gegründeten Mutare Musiktheater Ensemble total programmatisch gearbeitet. Dort entstand die Musik aus dem Machen heraus – teilweise haben die Musiker unsere Programme selbst mit komponiert. Eine aufregende Zeit! Schließlich bin ich dann aber doch mit den entsprechenden Stücken auf der großen Opernbühne gelandet, wo ich ursprünglich nie hinwollte.

Dort durftest du dich unter anderem mit Richard Wagners Gigantomanie in Musik, Wort und Denken beschäftigen.

Der Richard und ich: Wir mussten uns erst einander annähern. Mittlerweile sind wir aber ganz dicke miteinander. Ich hatte mein ganzes Berufsleben lang immer das Bild von mir als einer Siegfriede, die mit ihrem Schwert durch den Opernwald läuft und den Weg für die Frauen freikämpft, die ihr in diesem Beruf nachfolgen werden.

Und wie ist dein aktuelles Gefühl, wenn du dich mit jungen Kolleginnen aus dem Bereich Regie und Komposition unterhältst?

Ich habe vor einer Woche an einem Gespräch der Initiative Pro Quote Bühne teilgenommen, die eine 50%ige Frauenquote in allen künstlerischen Theater-Ressorts fordert. Ich stellte währenddessen fest, dass sich die jungen Kolleginnen teilweise Dinge an ihren Häusern anhören müssen, die mir so nie zu Ohren gekommen sind. Und ich habe den Eindruck, dass die Situation für diese jungen Regisseurinnen und Komponistinnen im Moment fast schlechter, als besser wird. Das fängt schon damit an, dass sie bei ihrem Einstieg in das Musiktheater-Geschäft viel weniger verdienen als ich zu meinen Anfangszeiten. Dadurch haben sie nie die Chance, dorthin zu kommen, wo ich momentan stehe. Die Existenz dieses Alters-Pay-Gaps war mir nicht bewusst. Zudem werden die Frauen gerne erst mal auf die Studiobühne abgeschoben oder dürfen das Kinderstück inszenieren. Einem jungen Mann hingegen traut man wesentlich mehr zu.

Werden Komponistinnen und Regisseurinnen bereits an den Musikhochschulen nicht genügend gefördert?

Nein, das glaube ich nicht beziehungsweise fehlt mir da der aktuelle Blick darauf. Was ich weiß ist, dass das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Studierenden annähernd ausgeglichen ist. Es ist vielmehr so, dass sich die Spur der Frauen, die ich spannend finde und die ich fördern möchte, relativ bald verliert. Das kann nicht nur daran liegen, dass sie Kinder bekommen. Ich kenne nur wenige Frauen, von denen ich behaupten würde, dass sie im Klassikbetrieb in der oberen Liga mitspielen.

Es liegt also vorwiegend an den Leitungsstrukturen der jeweiligen Häuser, dass Frauen oft keine Chance haben, dort ihr ganzes Potential zu entfalten.

Es liegt ausschließlich an den Leitungsstrukturen. Nach 30 Berufsjahren arbeite ich jetzt zum ersten Mal an Opernhäusern, an denen Intendantinnen oder Operndirektorinnen die Führungsposition innehaben.

Hast du im Laufe deiner Karriere auch Intendanten erlebt, die im Rahmen ihrer Arbeit ganz selbstverständlich Frauen gefördert haben?

Natürlich gibt es die und an diesen Häusern arbeite ich auch regelmäßig. Es gibt aber auch jene Männer, die Frauen überhaupt nicht in Bezug auf ihre berufliche Weiterentwicklung unterstützen. Dahinter steckt meistens gar keine Böswilligkeit oder Absicht. Ich fand zum Beispiel einmal heraus, dass ein männlicher Kollege mehr Geld für dieselbe Arbeit verdiente als ich. Als ich den Intendanten darauf ansprach – er war wohlgemerkt einer meiner Mentoren und hielt sehr viel von meiner Arbeit – sah er mich ganz erstaunt an und meinte: „Aber der muss doch seine Familie ernähren!“ Ich meinte schließlich zu ihm: „Du, ich habe noch ein Kind mehr. Daher muss mein Honorar also auf jeden Fall über dem des Kollegen liegen“.

Die Reaktion dieses Intendanten zeigt die ganze Dimension des Problems.

Er war sich keiner Schuld bewusst. Aber mit gutem Willen allein kommen wir in unserer Branche nicht weiter. Am Ende kann man die Verantwortlichen nur mit Zahlen überzeugen. 78% der Theater sind aktuell in der Hand von Männern und werden von Direktoren und Intendanten geleitet. Mit 70% aller Inszenierungen dominieren männliche Regisseure unsere Sehgewohnheiten. Frauen verdienen an den Bühnen bis zu 46% weniger als Männer – im selben Job! Das alles hat die Initiative Pro Quote Bühne herausgefunden: Dabei wäre der Deutsche Bühnenverein meiner Meinung nach eigentlich in der Pflicht, jedes Jahr eine solche Erhebung zu machen.

Wie hat sich die Wahrnehmung von Frauen in den entscheidenden Positionen im Klassikbetrieb deiner Meinung nach seit deinem Berufseinstieg verändert? 

In meinen Anfangsjahren wirkten die wenigen Frauen, die diese Posten besetzten, wie Perlen, die sich ihre männlichen Förderer in ihre Krone steckten. Frauen in unserer Branche den Weg nach oben zu ebenen, hatte etwas Revolutionäres an sich. Heute aber gibt es plötzlich ein paar mehr von uns und dadurch nehmen auch die Verteilungskämpfe zu. Und man findet immer wieder Kolleginnen, die ihr Alleinstellungsmerkmal als Frau marketingtechnisch gut für sich zu nutzen wissen – es liegt gar nicht unbedingt in ihrem Interesse, noch mehr Frauen neben sich selbst emporkommen zu lassen. Ich glaube, dass grundlegende Änderungen in unserer Branche nur in Zusammenarbeit mit den Männern umgesetzt werden können. Man kann sich schließlich nicht nur an ihnen abarbeiten.

„Ich glaube, wir machen grundsätzlich einen Fehler, indem wir Männlichkeit mit Stärke verbinden und Weiblichkeit mit Sensibilität. Jeder Künstler braucht Stärke und Sensibilität, egal ob es Mann oder Frau ist“, sagte die Dirigentin Simone Young vor einigen Jahren in einem Interview.

Absolut. Es gibt viele Charakterzüge, die Frauen quasi einverleibt werden. Und die Tendenz, dass ihnen von der Außenwelt bestimmte Zuschreibungen aufoktroyiert werden, ist steigend. Ich zum Beispiel liebe es, Mord und Totschlag auf der zu Bühne inszenieren. Früher hieß es nie: „Warum sind sie denn als Frau so hart in Bezug auf ihre Sichtweise auf den Stoff?“ Heute hingegen bekomme ich das öfters zu hören – vor allem von jüngeren Leuten.

Wann werden Männer und Frauen im Klassikbetrieb gleichberechtigt sein?

Wenn Frauen genauso schlecht sein dürfen wie Männer und dabei genauso gut bezahlt werden wie sie. Wir Frauen sollen immer gefallen. Ich kann das sehr gut und es war oft die einzige Waffe, die ich hatte. Aber ganz ehrlich: Es ist anstrengend, zumal Männer genau das nicht müssen: gefallen.

Leider ist es um die Solidarität unter Frauen in künstlerischen Berufen auch nicht immer zum Besten bestellt…

Oh ja. Ich war da immer ganz naiv. Für mich sind das alles meine Schwestern und wir müssen uns zusammenschließen, weil es anders nicht geht. Mit dieser Einstellung bin ich aber schon so einige Male auf die Nase gefallen.

Hast du im Laufe deiner Karriere darauf geachtet, vor allem in Frauenteams zusammenzuarbeiten?

Darauf habe ich am Anfang ganz bewusst geachtet. Und mir ist es bis heute wichtig, Frauen um mich herum zu fördern – egal, in welchen Positionen. Auf Dauer kommen wir definitiv nicht um eine Quote herum: Denn wir machen die Hälfte der Menschheit aus und daher steht uns auch die Hälfte der Posten in allen Gewerken eines Opernhauses zu. Es ist gut, dass sich die junge Generation nicht mit gewissen Prozentzahlen abspeisen lässt, sondern für sich das Maximum an Chancengleichheit fordert.

Liebe Andrea, ich danke dir ganz herzlich für dieses sehr interessante Gespräch und für dein großes Engagement für eine junge Generation an Komponistinnen und Regisseurinnen, die gerade versuchen, sich einen Namen in der Klassikbranche zu machen. Bis bald hoffentlich in einem der Opernhäuser, in denen du demnächst inszenieren wirst! 


Mehr Informationen über Andrea Schwalbach: 

Instagram @andreaschwalbach

 

 

 

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