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#Interview mit Emily Atef

© Peter Hartwig

Ihr Film 3 Tage in Quiberon sorgte bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2018 für Furore: Sieben Lolas gewann Emily Atefs Drama über drei außergewöhnliche Tage im Leben des Weltstars Romy Schneider – unter anderem für die beste Regie. Ein Gespräch im Rahmen des Filmfest München 2019 über Berlin und München, Feministinnen, das Regiestudium und die Zusammenarbeit mit Schauspielern.

Ich kann mich noch sehr gut an den 27. April 2018 erinnern, als ich im Pressezentrum im Berliner Palais am Funkturm saß und dort die Verleihung des Deutschen Filmpreises 2018 verfolgte. Als die erste Lola des Abend für 3 Tage in Quiberon an Birgit Minichmayr als beste Nebendarstellerin ging, ließ ich den Videoaufnahme-Button meines Handys für den Rest der Verleihung nicht mehr los.

Es sollte ein ganz großer Abend für die Regisseurin Emily Atef und ihr Team werden.

Die Schauspieler Charlie Hübner, Birgit Minichmayr (2.v.l.) und Marie Bäumer gemeinsam mit Regisseurin Emily Atef (2.v.r.) auf dem Roten Teppich vor dem Palais am Funkhaus 2018

Mit sieben Lolas wurde der Film 3 Tage in Quiberon letztendlich ausgezeichnet, unter anderem für die beste Regie, die beste Hauptdarstellerin und den besten Film. Ein großartiger Erfolg – nicht nur für die Produktionsfirma Rohfilm Factory von Produzent Karsten Stöter, sondern auch für den Münchner Independent-Verleih Prokino, für den ich seit April 2017 als PR-Managerin arbeite.

Zum allerersten Mal war ich der Regisseurin Emily Atef im September 2017 bei ihrem Besuch in unserem Münchner Büro im Lehel begegnet. Ihre selbstbewusste und gleichzeitig sehr herzliche Art war mir auf Anhieb sympathisch. Weder sie, noch ich hatten damals Erfahrung mit der Vermarktung eines Projektes von der Größenordnung von 3 Tage in Quiberon. Dementsprechend groß war unsere Anspannung in den Wochen vor der Weltpremiere des Dramas im Rahmen der Berlinale 2018.

3 Tage in Quiberon: Das ist weit mehr als eine Geschichte über drei außergewöhnlichen Tage im Leben des Weltstars Romy Schneider. 1981 suchten der deutsche Journalist Michael Jürgs und der Fotograf Robert Lebeck die von zahlreichen Skandalen erschütterte Romy Schneider während ihres Kuraufenthalts in Quiberon auf, um ein exklusives Interview mit der Schauspielerin, die sich zu diesem Zeitpunkt ihres Lebens vollkommen aus der Öffentlichkeit zurückziehen wollte, zu führen. Wenige Monate später verunglückte Romy Schneiders Sohn David, ein knappes Jahr später war sie selbst tot.

Drei Tage und drei Nächte verbrachten Michael Jürgs und Robert Lebeck damals mit der Schauspielerin – heute in Zeiten minutiös durchgeplanter Pressetage kaum mehr vorstellbar. Heraus kam ein gnadenlos ehrliches Interview für das Magazin stern, in dem sich Romy Schneider offen wie nie zuvor zeigte.

Der Regisseurin Emily Atef gelang es gemeinsam mit ihren Schauspielern Marie Bäumer („Romy Schneider“), Robert Gwisdek („Michael Jürgs“), Charly Hübner („Robert Lebeck“) und Birgit Minichmayr als Romy Schneiders beste Freundin Hilde, die besondere Stimmung dieser dreitägigen Begegnung ihrer vier Protagonisten zwischen verbalem Nahkampf und extremer emotionaler Nähe einzufangen.

Über ein Jahr nach der Verleihung des Deutschen Filmpreises begegnete ich Emily Atef vor einem Monat im Rahmen des Münchner Filmfests 2019 wieder, wo sie unter anderem Teil der CineMasters-Jury war. 1973 wurde sie als Tochter eines Iraners und einer Französin in West-Berlin geboren und zog im Alter von sieben Jahren mit ihren Eltern nach Los Angeles. Mit 13 Jahren erfolgte die Rückkehr nach Europa – bis zu ihrem Abitur lebte Emily Atef in Frankreich. Sie studierte danach zunächst Schauspiel in London, entdeckte aber bereits währenddessen ihr Begabung als Regisseurin und Drehbuchautorin. Zwischen 2001 und 2008 studierte Emily Atef Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und realisierte während dieser Zeit unter anderem ihren ersten Langfilm Molly’s Way, der auf dem Filmfest München mit dem Förderpreis Deutscher Film für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. 2008 sorgte ihr zweiter Spielfilm Das Fremde in mir mit Susanne Wolff in der Hauptrolle für Furore: Auf eine ungewohnt menschliche, sehr realistische Art und Weise nähert sich Atef darin dem Tabuthema postpartale Depression. Das Fremde in mir wurde bei der Semaine de la critique im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Cannes uraufgeführt und erhielt mehrere Preise, unter anderem den für die beste Regie beim Studio Hamburg Nachwuchspreis und für den besten Film beim São Paulo International Film Festival.

Auch in ihrem dritten Spielfilm Töte mich rückt Emily Atef eine ungewöhnliche weibliche Heldin in den Vordergrund: Die 15-jährige Adele lebt mit ihren Eltern auf einem abgelegenen Bauernhof und gerät dort in die Gewalt des geflohenen Strafgefangenen Timo, der ihren Vater ermordete. Im Gegenzug dafür, dass Adele Timo zur Flucht verhilft, soll er sie töten.

Emily Atefs Blick auf ihre Figuren ist in jedem ihrer Filme schonungslos, aber voller Liebe. Die emotionale Tiefe, mit der ihre Hauptdarsteller und Hauptdarstellerinnen dem Zuschauer ein Gefühl für die Ängste und Nöte ihrer Figuren vermitteln, lässt erahnen, was für ein intensiver Austausch über die jeweilige Rolleninterpretation vor dem Dreh zwischen Emily Atef und ihren Schauspielern stattgefunden haben muss.

Für mich ist Emily Atef nicht nur eine hervorragende Regisseurin, sondern vor allem eine faszinierende Frau mit einem unglaublichen Charme, einer großen Durchsetzungsfähigkeit und dem Willen, die Welt durch ihre Filme menschlicher zu machen. „Ich finde, wir müssen alle Feministinnen werden! Denn das bedeutet für mich vor allem, für Fairness und Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu sorgen“, sagt Atef, die beim Filmfest München eine sehr interessante Masterclass mit der Journalistin Katja Eichinger zum Thema „The female gaze“ abhielt.

Ich sprach ein paar Tage nach dieser Masterclass im Schwabinger Gartensalon mit Emily über die Unterschiede zwischen Berlin und München, Feministinnen, ihr Regiestudium an der dffb und die Zusammenarbeit mit Schauspielern.

 

Warst du schon oft in München? 

Nein, bisher leider nicht. Ich freue mich sehr darüber, dass ich nun gleich zwei Wochen am Stück hier sein darf. Stell dir vor, ich war in den letzten Tagen tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben im Englischen Garten! Abends – und ich habe dort so viele Glühwürmchen gesehen, das war unglaublich.

Abseits der Glühwürmchen im Englischen Garten: Was ist das Schöne für dich an dieser Stadt? 

Vieles hier ist wesentlich hübscher anzusehen, als in Berlin. München macht einen weicheren, ruhigeren und freundlicheren Eindruck, als Berlin. Und einen sichereren. Aber ich liebe Berlin, die Diversität und Vielfältigkeit, die diese Stadt ausmacht. Und die Tatsache, dass man dort immer wieder Ecken entdecken kann, die man davor noch nicht kannte. 

Alle um mich herum wollen nach Berlin. Ich hingegen liebe München und könnte mich nur schwer von der Stadt trennen. 

Mit Kindern ist es sicherlich traumhaft, hier zu wohnen – wenn man mal von den Mietpreisen absieht. Meine Münchner Freunde schätzen die Stadt sehr, aber für sie wäre es perfekt, wenn man die Einwohner Berlins einfach hierher holen und so für mehr Reibung innerhalb der Stadt sorgen könnte. 

München mag auf den ersten Blick wenig Platz für außergewöhnliche Orte bieten. Aber wer nach ihnen sucht, stößt auf Kulturzentren wie das Bellevue di Monaco stößt, wo man auf sehr viele unterschiedliche, spannende Leute trifft. 

Klar, man muss einfach die Augen offen halten! Außerdem entfernt sich Berlin aufgrund der ständig steigenden Mieten auch immer mehr von seinem Selbstbild als weltoffene Stadt, in der jeder willkommen ist. 

Du bist gerade vor allem wegen dem Filmfest München in der bayerischen Landeshauptstadt, oder? 

Hauptsächlich ja. Aber davor war ich erst einmal zweieinhalb Tage als Gastdozentin an der Hochschule für Fernsehen und Film und habe dort einen Workshop für Regiestudenten des Hauptstudiums gegeben. Du wirst es nicht glauben: Es haben nur Frauen an meinem Kurs teilgenommen!

Ist das nicht schade? 

Ja, und ich war wirklich erstaunt darüber, dass die Jungs überhaupt nicht neugierig auf die Zusammenarbeit mit mir waren. Wenn ein männlicher Gastdozent eingeladen worden wäre, hätten sich die weiblichen Studierenden sicherlich anders verhalten. Das Vorurteil, dass eine weibliche Regie-Dozentin nur an „Frauenthemen“ interessiert sein könnte, ist wohl leider noch in zu vielen Köpfen verankert. Ich bin mir aber sicher, dass sich das bald ändern wird. 

Hat sich der Schwerpunkt deiner Arbeit mit den HFF-Studenten aufgrund der Tatsache, dass keine männlichen Studenten in deinem Kurs waren, verschoben?

Das mir das Thema Chancengerechtigkeit sehr wichtig ist, war klar, dass es in einer rein weiblich besetzten Gruppe eine wichtige Rolle spielen würde. Wobei ich finde, dass dieses Thema Männer genauso angeht, wie Frauen. Ich finde, wir müssen alle Feministinnen werden! Denn dass bedeutet für mich vor allem, für Fairness und Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu sorgen. 

Hätte man die männlichen Studenten an der HFF deiner Meinung nach verpflichten müssen, den Kurs mit dir zu besuchen? 

Nein, denn ich hatte sehr intensive und tolle Tage mit meinen Studentinnen und hoffe, dass die Jungs beim nächsten Mal Lust auf den Austausch mit mir haben. Nichtsdestotrotz hat mir dieses Beispiel gezeigt, dass wir derzeit noch mit einigen Druckmitteln arbeiten müssen, um in unserer Gesellschaft für Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu sorgen.

Kann eine Quote, wie sie die Initiative ProQuote Film für die Filmindustrie fordert, deiner Meinung nach für entscheidende Veränderungen innerhalb der Branche sorgen? 

Eine Quote sollte überall eingeführt werden, nicht nur im Filmbusiness. Natürlich ist es schade, dass wir überhaupt darüber diskutieren müssen – man möchte als Frau eigentlich einfach nur arbeiten und dieselben Chancen haben, wie ein Mann. Aber das ist eben immer noch keine Selbstverständlichkeit. 

Was müsste geschehen, damit sich mehr Frauen in der Führungsetage behaupten können? 

Sie sollten unbedingt zu Feministinnen werden! Stattdessen versuchen sie oft, ihre als feminin angesehenen Verhaltensweisen zu unterdrücken und ihren Führungsstil an denjenigen ihrer männlichen Kollegen anzupassen. Frauen müssen sich aber nicht dafür schämen, dass sie Frauen sind. Ich beobachte auf meinen zahlreichen Reisen immer, dass in den meisten Fällen die Frauen für die entscheidenden Veränderungen in der jeweiligen Gesellschaft sorgen. 

Aber es gelingt ihnen bei all ihrem Engagement meistens nicht, sich beruflich zu etablieren.

Das stimmt. Es wird noch einige Zeit dauern, bis Frauen in vielen Ländern nicht mehr die Bürde auferlegt wird, sich ihr Leben lang um das Wohl ihrer Väter und Ehemänner zu sorgen. 

Ich war sehr beeindruckt von deiner Masterclass mit Katja Eichinger im Rahmen des Filmfest München zum Thema „The female gaze“. Ihr habt darin einen möglichen Gegenentwurf zu dem psychoanalytischen Konzept „gaze“ skizziert, der als „aktiv-männlicher, kontrollierender und neugieriger Blick“ innerhalb einer feministisch ausgerichteten Filmtheorie gilt. Die Rolle der Frau ist die eines sexuellen Objekts, das gleichzeitig angesehen und zur Schau gestellt wird. Wenn ich Schauspielerinnen so auf den Roten Teppichen beobachte, bin ich nach all den #Metoo-Debatten und den Feminismus-Diskussionen des vergangenen Jahres erstaunt darüber, wie sehr wir uns immer noch dem männlichen Diktat unterwerfen.

Wir verspüren immer noch ein großes Bedürfnis danach, unserer Umwelt zu gefallen. Mädchen werden oft dazu erzogen, nett, süß, ‚lady-like’ – also nicht zu laut oder dominant – zu sein. Daran ist absolut nichts auszusetzen: Aber wenn man für etwas kämpfen oder sich durchsetzen will, gibt es Charaktereigenschaften, die wichtiger sind, als freundlich und umgänglich zu wirken. Ein ehrgeiziger Mann ist eine Normalität – eine ehrgeizige Frau hingegen eckt erst einmal an. Bei Schauspielerinnen ist es gerade im TV- und Film-Bereich so, dass sie nicht nur von ihrem Können, sondern auch von ihrem Image leben. Deswegen darf man sie meiner Meinung nach nicht verurteilen, wenn sie sich auf eine gewisse Art und Weise in der Öffentlichkeit präsentieren. Ich bin mir absolut sicher, dass die Rollen, die für Frauen geschrieben werden, wesentlich vielschichtiger wären, wenn man für eine weiblichere Besetzung der Departments hinter der Kamera sorgen würde. Plötzlich könnte man nicht nur die 20jährige, vollschlanke junge Frau im Fernsehen und Film sehen, sondern auch die 50- oder 70-jährige, die Leichen im Keller hat. 

Was ist eines der größten Probleme, das du im Umgang mit Frauen in der Filmindustrie beobachtest?  

Man versucht immer wieder, Frauen zu beschämen, indem man sie zum Beispiel damit konfrontiert, warum sie so wenig essen oder warum sie so aussehen, wie sie eben aussehen. Ich finde es sehr wichtig, dass jeder Mensch – egal ob Mann oder Frau – frei über sich und seinen Körper entscheiden kann, solange er anderen damit nicht weh tut. 

Du hast selbst vor vielen Jahren ein Schauspielstudium absolviert. War die Tatsache, dass man in diesem Beruf das Gefühl hat, immer wieder gewisse Erwartungshaltungen zu erfüllen, der Hauptgrund für dich, sich irgendwann von der Schauspielerei abzuwenden? 

Ich habe mich irgendwann von der Schauspielerei entfernt, da ich mich in diesem Beruf nie ganz entfalten konnte. Glücklicherweise war ich keine Schauspielerin, die aus der Masse herausragte. Ich habe bei mir selbst nie das wahrgenommen, was ich bei Schauspielerinnen wie Birgit Minichmayr, Susanne Wolf oder Marie Bäumer beobachte: Wenn ich diese Frauen spielen sehe, vergesse ich den Schauspieler hinter der Rolle.  

Was ist es, das dich im Gegensatz zum Schauspiel an der Regie reizt? 

Ich habe mich in keiner Rolle bisher sicherer gefühlt, als in der derjenigen der Regisseurin. Und ich verspüre ein großes Glück, wenn ich mich mit einem neuen Stoff beschäftigen darf. Der Frust darüber, wenn die Angebote für einige Zeit ausbleiben, ist für eine Schauspielerin viel schwerer zu ertragen, als für eine Regisseurin und Drehbuchautorin. Denn ich habe immer die Möglichkeit, zu schreiben.  

Ein Schauspielstudium halte ich trotzdem für eine sehr gute Grundlage für eine Regisseurin wie dich, die sich in ihren Filmen intensiv mit der Gefühlswelt ihrer Figuren auseinandersetzt. Gerade in ‚3 Tage in Quiberon‘ gibt es viele Szenen, in denen man als Zuschauer spürt, was für ein großes Vertrauen dir die Schauspieler beim Dreh entgegengebracht haben. 

Jeder Regie-Student sollte meiner Meinung nach unbedingt mehrere Monate Schauspielunterricht während seines Studiums nehmen. Es ist wichtig, dass man begreift, wie schwer es manchmal sein kann, sich auf der Bühne oder vor der Kamera zu öffnen und sein Innerstes nach außen zu kehren. 

Emily Atef mit dem Produzenten Karsten Stöter (hinten l.) und dem Kameramann Thomas Kiennast (hinten M.) am Set von 3 TAGE IN QUIBERON © Peter Hartwig

So kompliziert und nervenaufreibend die Zusammenarbeit mit Schauspielern immer wieder sein kann: Mein Respekt für ihre Arbeit ist in den vergangenen Jahren durch den intensiven Kontakt mit vielen Schauspielern noch größer geworden. Ich stelle es mir nicht einfach vor, ständig den Ansprüchen und Wünschen anderer Menschen genügen und als Projektionsfläche herhalten zu müssen. 

Definitiv. Regisseure sollten sich immer bewusst machen, dass Schauspieler keine Tiere sind, die dominiert werden müssen. Meiner Meinung nach sollte es ein Regisseur oder eine Regisseurin schaffen, mit seinen Darstellern eine Arbeitsbeziehung auf Augenhöhe einzugehen. Aber in bestimmten Momenten muss man eben auch streng sein und sich nicht das Heft aus der Hand nehmen lassen.  

Du bist als Regisseurin nicht nur als Künstlerin, sondern auch auf der emotionalen Ebene sehr stark gefragt während den Drehwochen. Setzt dich das bisweilen unter Druck? 

Ja, denn mit dem Dreh eines Films ist eine enorme Verantwortung gegenüber den Schauspielern und dem Team verbunden. 

Inwiefern hat ein Schauspieler bei dir die Möglichkeit, seine eigenen Vorstellungen von einer Figur mit deiner Vision von einer Rolle in Einklang zu bringen? 

Ich diskutiere im Vorfeld sehr viel und ausführlich mit meinen Darstellern über ihre Rollen. Wenn gute Einwände von ihrer Seite kommen, bin ich absolut bereit dazu, das Drehbuch an den entsprechenden Stellen abzuändern. Ich schätze übrigens nicht nur den fachlichen Austausch mit meinen Schauspielern, sondern auch mit den Menschen in den Departments hinter der Kamera. 

Wie hast du über die Jahre hinweg diejenigen Leute getroffen, die zu kontinuierlichen Arbeitspartnern für dich wurden – wie zum Beispiel deine Kameramänner? 

Komischerweise hatte ich fast in jedem meiner Filme einen anderen Kameramann, obwohl ich mich mit jedem von ihnen sehr gut verstanden habe. Die Wahl der unterschiedlichen Kameramänner hing vor allem damit zusammen, dass ich in verschiedenen Ländern gedreht habe und oft auf einen DoP vor Ort zurückgreifen musste. Ein Glück, denn sonst hätte ich im Fall von 3 Tage in Quiberon nicht mit Thomas Kiennast zusammengearbeitet. 

Du hast Thomas tatsächlich erst im Rahmen dieses Projekts kennengelernt? 

Ja, denn ich wusste, dass der österreichische Co-Produzent auch für die Besetzung des Kamera-Departments zuständig sein würde. Thomas kannte bis dahin keinen Film von mir. Ich hatte Das finstere Tal gesehen und war begeistert von Thomas’ überwältigenden Kamerabildern.  

Hattest du trotz diesem ersten Eindruck von seiner Arbeit keine Angst davor, dass die Chemie zwischen Thomas und dir am Set nicht stimmen könnte? Bei einem Film wie ‚3 Tage in Quiberon‘ wären all die intensiven Momente zwischen den Figuren nicht ohne Thomas’ Gespür für Nähe und Distanz zu den Schauspielern denkbar gewesen. 

Oh ja, ich hatte große Bedenken, da Thomas und mir nur rund drei Wochen zur Verfügung standen, um uns auf den Dreh zu 3 Tage in Quiberon vorzubereiten. Thomas hat als Leiter einer Werbeproduktionsfirma einen komplett anderen Werdegang, als ich und wir haben beide einen vollkommen unterschiedlichen Filmgeschmack. Für mich ist das, was wir trotz des enormen Zeitdrucks am Set von 3 Tage in Quiberon gemeinsam erschaffen haben, immer noch unglaublich. 

Was war dir in Bezug auf die Bildgestaltung deines Films besonders wichtig? 

Thomas merkte am Anfang an, dass die Schwarzweiß-Optik, die ich mir wünschte – also ein sehr kontrastreiches Schwarzweiß, das inspiriert war von den Bildern des Fotografen Robert Lebeck – für eine Frau in einem gewissen Alter nicht unbedingt von Vorteil sei. Aber ich wusste, dass ich diesen realistischen Blick auf Romy Schneider unbedingt für meinen Film haben wollte und ich finde, dass Thomas Marie Bäumer wunderschön hat aussehen lassen in 3 Tage in Quiberon.  

Ich habe dich sehr für die Entscheidung, deinen Film in Schwarzweiß zu drehen, bewundert. Gerade was die Vermarktung angeht, haben es Filme diesen Genres nicht immer ganz leicht. 

Gott sei Dank denke ich nicht an das Thema Vermarktung, wenn ich mich einem neuen Stoff widme. Natürlich möchte ich mit meinen Filmen so viele Menschen wie möglich erreichen. Es waren aber nun einmal die Schwarz-Weiß-Bilder des Fotografen Robert Lebeck, die mich zu 3 Tage in Quiberon inspiriert haben. Für mich gab es daher keinen Anlass zur Diskussion darüber, ob der Film auch in Farbe funktionieren könnte. 

Musstest du das Selbstbewusstsein, das dich als Regisseurin auszeichnet, mit den Jahren erst erarbeiten?  

Meine Eltern haben mich als starke Person erzogen und ich lernte durch die vielen Umzüge in meinem Leben sehr früh, mich an neue Lebensumstände anzupassen. Trotzdem würde ich von mir selbst behaupten, dass ich als junges Mädchen eher schüchtern war. Das hängt vor allem mit dem Gefühl zusammen, sich fremd zu fühlen. In Los Angeles zum Beispiel, wo in den 80er Jahren lange blonde Haare voll im Trend waren, trug ich eine Kurzhaarfrisur, weil meine Mutter das schick fand. Damit fiel ich an meiner katholischen Mädchenschule auf – und das nicht in positiver Art und Weise. 

Wie schafft man es, in so einem Umfeld seinen eigenen Weg zu sehen? 

Man lernt, sich anzupassen, seine Kraft aus anderen Dingen heraus zu schöpfen und dabei nie den Humor zu verlieren. Das Leben hat mich durch das ständige Reisen stärker gemacht.  

Hast du gute Erinnerungen an deine Zeit als Studentin der dffb?

Sehr gute sogar! Diese Zeit hat einen starken Einfluss auf mich gehabt und meine Persönlichkeit geformt. Ich hatte ja bis dahin mehr Theater-, als Filmerfahrung gesammelt. Während die meisten Studenten um mich herum Anfang 20 Jahren, begann ich mein Studium erst mit 29 Jahren. Ich finde, dass es von Vorteil ist, bereits einiges an Lebenserfahrung zu haben, wenn man sich an einer Filmhochschule bewirbt. Wenn ich darüber entscheiden könnte, würde ich die Studenten erst ab Mitte 20 zum Studium zulassen. 

Marie Bäumer und Emily Atef backstage beim Dreh von 3 TAGE IN QUIBERON © Peter Hartwig

Man könnte meiner Meinung nach auch an den Schauspielschulen darüber nachdenken, ob man lediglich Bewerber bis zum Alter von 24 Jahren annimmt. Denn für mich ist es oft schwer nachvollziehbar, wie man in die Rolle einer Figur schlüpfen und diese glaubhaft verkörpern soll, wenn man sich wie die meisten Anfang 20jährigen noch nicht selbst gefunden hat. 

Das schon. Ich glaube aber, dass es immer wieder Schauspieler wie Birgit Minichmayr gibt, die schon mit 18 Jahren eine so große innere Stärke besitzen und auf der Bühne ohne Probleme eine Figur spielen können, die wesentlich älter ist, als sie selbst. 

Du hast die dffb mit zwei Kurzspielfilmen, einer Kurzdokumentation und deinem Langfilm ‚Molly’s Way‘ im Gepäck verlassen…

Ich kann mit Stolz sagen, dass das damals keinem anderen Studenten geglückt ist. Die dffb war einfach ein großes Glück für mich: Wir sahen manchmal mehrere Filme am Tag und plötzlich hatte ich die finanziellen Mittel, um meine Projekte zu realisieren. Wie wunderbar! 

2008 kam dein hochgelobter Spielfilm ‚Das Fremde in mir‘ über das Thema postnatale Depression. 2012 dein Spielfilm ‚Töte mich‘ in die deutschen Kinos. Danach blieben die Angebote für weitere Filmproduktionen erst einmal aus, bevor 2017 mit ‚Königin der Nacht‘ deine erste TV-Produktion ausgestrahlt wurde. Gab es während dieser Zeit des Wartens auf neue Angebote einen Punkt, an dem du an deiner Berufung als Regisseurin gezweifelt hast? 

Nein, den gab es tatsächlich nie. Ich schaffe es nicht, lange deprimiert zu sein. Diese Charaktereigenschaft habe ich sicherlich von meiner Mutter, die viele Jahre Multiple Sklerose hatte und das Leben immer von seiner positiven Seite aus betrachtet hat.  

Das vergangene Jahr war für dich ein absolut überwältigendes: Dein Drama ‚3 Tage in Quiberon‘ über drei außergewöhnliche Tage in der letzten Lebensphase des Weltstars Romy Schneider feierte seine Weltpremiere bei der Berlinale und war mit 7 Lolas der große Gewinner bei der Verleihung des Deutschen Filmpreis im April 2018. Hättest du im Ansatz mit diesem Erfolg gerechnet? 

Nein, da viele Leute dem Film auch sehr skeptisch gegenüberstanden. Es war nicht einfach, 3 Tage in Quiberon zu finanzieren und der Dreh an sich war extrem emotional. Als ich nachher im Schnitt saß, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass mir mit 3 Tage in Quiberon etwas Besonderes gelungen ist. Man muss allerdings dazu sagen, dass der Film nachher nur in Deutschland für Furore gesorgt hat. Ich hatte auf ein noch größeres Interesse in Ländern wie Italien und Frankreich, wo Romy Schneider ebenfalls sehr bekannt war, gehofft.  

Emily Atef, Marie Bäumer und ich vor der Lichtburg Essen, wo im April 2018 ein Screening im Rahmen der Kinotour zu 3 TAGE IN QUIBERON stattfand © Armin Thiemer

Aber ich glaube, nur in Deutschland war Romy Schneider so eine große Projektionsfläche für die Wünsche und Sehnsüchte der Nachkriegsgeneration. 

Das stimmt. In Frankreich wurde sie vor allem als Schauspielerin wahrgenommen. Und in 3 Tage in Quiberon dreht sich tatsächlich alles um die „deutsche“ Romy: Sie befindet sich zwar im französischen Kurort Quiberon, ist aber in dem Hotel, in dem sie sich aufhält, hauptsächlich von Deutschen umgeben und gibt dem deutschen Magazin STERN ihr letztes großes Interview. Aber egal, welchen Filmschaffenden auf der ganzen Welt ich auch immer die DVD von 3 Tage in Quiberon gegeben habe: Sie alle waren sehr gerührt von dem, was sie da sahen. Vielleicht, weil mein Film ein Ensemblefilm ist. Ich finde es sehr schön, dass mir 3 Tage in Quiberon dadurch auch auf internationaler Ebene viele Türen geöffnet hat.

Liebe Emily: ‚3 Tage in Quiberon‘ war nicht nur für dich, sondern auch für mich ein sehr herausforderndes Projekt! Du warst in dieser stressigen Zeit vor der Weltpremiere des Films im Februar 2018 und des Kinostarts im April 2018 immer der Hauptgrund, warum ich so gerne für den Filmverleih Prokino an diesem Projekt gearbeitet habe. Es gibt wenige Menschen in der Filmbranche, mit denen ich mich so gerne austausche und die aufgrund ihrer starken Persönlichkeit so inspirierend für mich sind, wie dich. Ich freue mich sehr über dieses Interview mit dir und hoffe, dass ich irgendwann wieder einen deiner Filme vermarkten darf! Alles Liebe und bonne chance für deine kommenden Projekte. Deine Lena 


Mehr über Emily Atef: 

https://players.de/directors/emily-atef/

 

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