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#Interview mit der Musikerin Kathrin Christians

© Janine Kühn

Sie ist eine hochbegabte Querflötistin, besitzt ihren eigenen Laden, engagiert sich ehrenamtlich für Projekte im gesellschaftspolitischen und medizinischen Bereich und hat gerade ihre erste Gin-Kreation auf den Markt gebracht: Am Montag, 14. September, wird Kathrin Christians bei einer Gesprächsrunde im Rahmen des HIDALGO Festival unter anderem über ihre vielfältigen Interessen, ihren beeindruckenden Umgang mit Schicksalsschlägen und über das Scheitern als Chance sprechen. Ein Interview mit einer außergewöhnlichen Musikerin über ihre Liebe zum Cello, ein besonderes Konzert in der Normandie und die Fähigkeit, Trauer zuzulassen.

Es war Mitte April 2020, als ich zum ersten Mal mit Kathrin per FaceTime telefonierte. Ohne einen konkreten Anlass und ohne einen Interviewtermin. Zwei Monate zuvor hatte mich Kathrin auf Facebook angeschrieben, um mich auf die von ihr kuratierte Ausstellung SINFONIMA KLANGRAUM FLÖTE aufmerksam zu machen, die erstmals im April 2020 in Frankfurt am Main stattgefunden hätte. Neben der Präsentation von Instrumenten, Zubehör und Accessoires wäre vor allem das spannende Rahmenprogramm mit Veranstaltungen wie einem Diskussionspanel zum Thema „Frauen in der Musikwirtschaft“ eine Reise nach Frankfurt Wert gewesen.

An jenem Nachmittag im April 2020 fühlte es sich auf FaceTime an, als würde ich mit einer langjährigen Freundin sprechen. Kathrins Aufgeschlossenheit, ihre Neugier und Offenheit, mit der sie mir von den herausfordernden Zeiten in ihrem Leben berichtete, beeindruckten mich sehr.

Mit vier Jahren begann Kathrin mit dem Flötenspiel, als Zehnjährige wechselte sie zur Querflöte und gewann nur zwei Jahre später ihren ersten Wettbewerb. Nach ihrem Querflöten-Studium in Mannheim und Stuttgart wurde sie im Alter von 23 Jahren 1. Soloflötistin der Heidelberger Sinfoniker.

Sie gab in den vergangenen Jahren Konzerte mit Orchestern wie dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn, dem La Folia Barockorchester, den Heidelberger Sinfonikern oder dem Kurpfälzischen Kammerorchester und war unter anderem im Rahmen des Lucerne Festival, des Festival Palermo Classica, des Piano Salon Christophori oder dem Sylt Art Festival auf der Bühne zu erleben. Daneben konzertierte sie international unter anderem in Griechenland, Japan, Südkorea und Thailand.

2017 erschien bei Hänssler Classic ihre erste CD, die sie mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn unter der Leitung von Ruben Gazarian aufnahm. 2018 wurde sie dafür mit dem OPUS Klassik als beste Nachwuchskünstlerin ausgezeichnet. Dieses Meisterwerk, in dem Kathrin Christian höchste musikalische Komplexität mit emotionaler Intensität verbindet, wurde in einem für die Flötistin schicksalshaften Jahr veröffentlicht: Im April 2017 erlitt die damals 33-jährige einen Schlaganfall. Ihr unbedingter Wille, sich ins Leben und auf die Bühne zurück zu kämpfen, siegte letztendlich über ihre gesundheitlichen Einschränkungen: Nur vier Monate nach ihrem Schlaganfall gab Kathrin Christians wieder ihr erstes Konzert.

„Träume sind nicht nur zum Träumen da“, schrieb Kathrin in ihrem Tagebuch-Eintrag Nr. 78 im Juni 2017 auf ihrer Instagram-Seite. Wie recht sie damit hat. Ich bin immer wieder voller Bewunderung, wenn ich sehe, wie viele Ideen Kathrin seit ihrer Schlaganfall-Diagnose angestoßen und welche Projekte sie verwirklicht hat. Vor einem Jahr eröffnete sie mit HEIMAT – SCHÖNES AUS DER REGION ihren eigenen Laden, in dem sie einzigartige, hochwertige Produkte aus der Region um ihre Heimatstadt anbietet. Neuerdings gibt es dort auch ihre erste eigene Gin-Kreation, den sogenannten „Eau de Wald Gin“, zu kaufen.

Seit 2014 ist die Musikerin Mitglied bei „Musicians for Human Rights“, 2019 folgte die Übernahme der Schirmherrschaft für die Stiftung Valentina, die  schwerstkranke Kinder und ihre Familien unterstützt. Darüber hinaus engagiert sich Kathrin Christians in Bezug auf die interdisziplinäre Entwicklung eines therapiebegleitenden Musikprogramms im Tagestumorzentrum für Chemotherapie am Universitätsklinikum Mannheim.

Gerade veröffentlichte sie beim AURIO Musikverlag eine Auswahl an Musikwerken aus unterschiedlichen Epochen und in diversen Schwierigkeitsgraden, die von ihr kuratiert wurden. Darüber hinaus bereitet sie die Aufnahme ihrer zweiten CD mit dem Zemlinsky Quartett vor.

Sich mit Kathrin austauschen zu dürfen, bedeutet nicht nur eine enorme Bereicherung, sondern auch in vielerlei Hinsicht eine Bewusstseinserweiterung.

Ein Gespräch über Veränderungen im Leben, Mitmenschlichkeit, eine außergewöhnliche CD-Aufnahme und Kathrins vielfältige Interessen.

Fiel deine Wahl als Kind eigentlich auf die Querflöte, weil man diesem Instrument nachsagt, dass es in besonderem Maße Emotionen transportieren kann?  

Nein, es gab schlichtweg keine Alternative (lacht). Ich begann ganz klassisch mit Blockflöte und meine Eltern schlossen viele Instrumente wie das Klavier von vornherein für mich aus, weil wir dafür keinen Platz hatten. Bei einem Blasinstrument stellen sich viel früher die ersten Erfolgsmomente ein, als bei einem Streichinstrument. Darüber hinaus waren mir sowohl der Klang der Querflöte, als auch meine Lehrerin sehr sympathisch. Heute würde meine Instrumenten-Wahl wahrscheinlich auf das Cello fallen.

Warum? 

Ich liebe den Klang einfach. Generell brauche ich immer viel Bass, wenn ich zusammen mit einem Orchester auf der Bühne stehe.

Was schätzt du an deinem Instrument und was eher weniger? 

Die Querflöte ist sehr angenehm zu spielen. Ich mag es aber nicht, wenn sie schrille Töne von sich gibt und dadurch so aggressiv wirkt.

Beethoven konnte sich zu Lebzeiten nicht dazu entschließen, für die Flöte zu schreiben, weil er das Instrument für zu begrenzt und zu unvollkommen hielt. Hat er damit ganz und gar Unrecht?

Nein, definitiv nicht! Die anderen Komponisten haben auch nicht mehr Stücke für die Flöte komponiert. Gerade aus diesem Grund suche ich mir immer wieder Violinsonaten, weil das Repertoire für die Violine wesentlich anspruchsvoller ist, als das, was für mein Instrument geschrieben wurde. Die Flöte ist begrenzter in ihrer Technik und man muss sehr viel daran arbeiten, um eine vernünftige Intonation hinzubekommen. Es ist auch schwierig, verschiedene Klangfarben mit diesem Instrument zu erzeugen. Etwas mehr Blau im Rot und Gelb wären schon nett.

Gibt es einen zeitgenössischen Komponisten, der es schafft, der Flöte vollkommen andere Töne zu entlocken?

Den US-Amerikaner Lowell Liebermann zum Beispiel. Er nimmt wenig Rücksicht auf die Begrenzungen unseres Instruments – vielleicht sollten es ihm andere Komponisten gleichtun.

Was ich abseits deiner vielen spannenden künstlerischen Projekte vor allem mit dir verbinde, ist deine unglaubliche Lebensfreude. Wie herausfordernd waren die vergangenen Monate für dich? 

Als Musikerin ist natürlich einerseits eine Welt für mich zusammengebrochen, als klar wurde, dass auf absehbare Zeit keine Konzerte mehr stattfinden können. Andererseits waren die Monate des Corona-Lockdowns auch eine Chance, um für eine gewisse Zeit aus dem Hamsterrad des klassischen Musikbetriebs auszubrechen. Als freischaffende Künstlerin gönnt man sich kaum Pausen und ist ständig unter einem gewissen Druck und Zugzwang.

Die Schlagzahl an gestreamten Konzerten war in den ersten Wochen nach dem Lockdown enorm. Hat sich der Druck, unter dem Musiker normalerweise stehen, damit nicht einfach nur auf eine andere Ebene verlagert? 

Die Angst, vergessen zu werden, ist in unserer Branche sehr groß. Daher war der Aktionismus, den viele Künstler an den Tag gelegt haben, absolut nachvollziehbar für mich. Er hatte aber etwas sehr Hektisches an sich.

Die Masse an Online-Streams überforderte auch mich zugegebenermaßen nach einiger Zeit. Dabei gab es sehr viel hörens- und sehenswerte digitale Angebote wie die #StayatHome-Sessions des Pianisten Frank Dupree. Was hat dich dazu bewogen, als Gast in seinen Wohnzimmerkonzerten dabei zu sein? 

Frank ist ein unglaublich vielseitiger Musiker, der nicht nur als klassischer Pianist, sondern auch als Jazzpianist, Schlagzeuger und Dirigent in Erscheinung tritt. Ich wäre bei so ziemlich jedem Projekt dabei, das er anstößt! Die Besonderheit an den #StayatHomeSessions war für mich vor allem, dass sie nicht nur aus einer musikalischen, sondern auch aus einer freundschaftlichen Verbindung zwischen Frank und seinen Gästen heraus entstanden sind. Und Frank besaß den Mut und die Weitsicht, seine Reihe nach 24 Folgen zu beenden.

Wie fühlt es sich als Musikerin an, ein solches Wohnzimmerkonzert zu spielen? Stellt man sich einfach die Zuschauer vor, die in der sonst üblichen Konzertsituation vor einem sitzen würden? 

An das Publikum denkt man in dem Moment tatsächlich überhaupt nicht. Ein digitales Konzert kann man am ehesten mit einer CD-Aufnahme vergleichen – aber es gibt keine Möglichkeit, nachträglich etwas zu schneiden oder mittendrin Pausen einzulegen. Daher ist ein hoher Grad an Konzentration seitens der Musiker notwendig.

Ich fand diese Art und Weise, musikalische Musik zu erfahren, sehr aufregend und erfrischend. 

Absolut, aber ich glaube nicht, dass das die Zukunft der klassischen Musik sein wird. Denn in der digitalen Welt wird man schnell dazu verleitet, Konzerte nebenher zu hören oder die Musik allzu schnell abzuschalten. Ich glaube, dass die meisten Leute daher unbedingt das analoge Live-Erlebnis brauchen. Es fühlt sich einfach anders an in einem Konzertsaal, es riecht anders, man hat seine Sitznachbarn neben sich, die einen entweder nerven oder mit denen man sich gerne unterhält. Und die Akustik ist dort einfach eine ganz andere, als im heimischen Wohnzimmer.

Kann man das Gefühl, als Musiker für eine Zeit nicht auf der Bühne stehen zu können, ein wenig mit Liebeskummer vergleichen? 

Eher mit einem Drogenentzug (lacht). Der Adrenalinausstoß auf der Bühne ist schon enorm. Ich würde zwar nicht von mir behaupten, dass ich mit zitternden Knien auf der Bühne stehe: Aber das Gefühl, das ich dort empfinde, stellt sich für mich weder im digitalen Bereich, noch bei einer Probe ein.

Nun erwachen die Städte kulturell gesehen endlich wieder zu neuem Leben. In München gibt es eine Fülle an Open Air-Konzerten, die man sich jedes Jahr im August in dieser Stadt wünschen würde. 

Hier in Heidelberg spielt sich seit jeher viel auf der Straße ab. Was man aber jetzt nach dem Corona-Lockdown beobachten kann, ist eine Zunahme an Privatkonzerten. Die Menschen realisieren immer mehr, dass viele Künstler ihrer Arbeit gerade nicht in dem gewohnten Maße nachgehen können und überlegen sich Möglichkeiten und Wege, sie zu unterstützten.

Diese große Solidarität zwischen Künstlern und ihrem Publikum spüre ich auch hier in München. 

Ich finde, dass allgemein das Bewusstsein für solidarisches Handeln in unserer Gesellschaft zugenommen hat. Man achtet mehr aufeinander und sorgt dafür, dass es den Menschen um einen herum gut geht. Ich merke das auch in Bezug auf meinen Laden: Regelmäßig tausche ich mich mit meinen Kollegen im Einzelhandel darüber aus, wie es bei uns allen läuft und ob irgend jemand von uns gerade Hilfe benötigt.

Ich finde es sehr schön, dass du die Zeit nach Corona so positiv erlebst, was das Thema Solidarität angeht. Leider stelle ich selbst eher eine Rückkehr vieler Menschen zu alten Gewohnheiten und Mustern fest. Und wenn ich mir die feiernden Jugendlichen jeden Abend im Englischen Garten ansehe, bin ich tatsächlich oft sehr ratlos angesichts ihres egoistischen Verhaltens…

Diesen Teil der Bevölkerung sieht man natürlich auch in Heidelberg. Andererseits hängen immer noch viele Zettel in der Stadt, auf denen viele Jugendliche älteren Bewohnern der Stadt ihre Unterstützung anbieten.

Kaum jemand wurde in einem so jungen Alter wie du schon so oft mit einschneidenden Lebensereignissen konfrontiert. Du bist immer sehr offen mit Schicksalsschlägen wie deinem Schlaganfall im Jahr 2017 umgegangen. 

Ich habe das nie aus Marketing-Gründen gemacht, sondern weil ich den Menschen bewusst machen wollte, dass sich das Leben von einer Sekunde auf die andere radikal ändern kann. Ich finde es wichtig zu zeigen, dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen, dass die Dinge nach einem Schicksalsschlag wieder so gut wie möglich werden. Für mich war der größte Lernprozess, einzusehen, dass ich noch einmal verstärkt Hilfe von außen annehmen muss.

Hat dich der Gedanke daran, irgendwann wieder vor Publikum auf einer Bühne zu stehen, damals eher Kraft gegeben oder dich unter Druck gesetzt?

Ich wusste: Wenn ich wieder die Chance habe, auf einer Bühne zu stehen, dann nehme ich diese auch wahr. Es gab zwar auch den Plan B, Cello oder Dirigieren zu lernen, weil mir meine eine Hand nach dem Schlaganfall ziemliche Probleme bereitet hat. Ich hätte damals auch im Rollstuhl dirigiert, weil ich Schwierigkeiten damit hatte, mich länger auf den Beinen zu halten. Ich habe immer mehr nach Lösungen gesucht, als die Probleme sehen zu wollen.

Es braucht sehr viel Disziplin und Durchhaltevermögen, um vier Monate nach so einem Ereignis wieder ein Konzert zu geben…

Ohne Menschen um dich herum wie die Pianistin Isabel Gabbe, die dich unterstützten und die mit dir durch Dick und Dünn gehen, wäre das nicht möglich gewesen.

Warum hast du das von Isabel Gabbe ins Leben gerufene „Moments Musicaux“-Festival in der Normandie als deinen ersten Konzertort nach dem Schlaganfall ausgewählt?  

Weil sie mich ganz frei vor Ort entscheiden ließ, ob ich nur einen Teil meines Programms oder das gesamte Programm spielen möchte. Und ich hätte das Konzert jederzeit abbrechen dürfen, wenn die Anstrengung für mich zu groß geworden wäre. Der Auftritt in der Normandie war ein gelungener Versuch, mich meiner neuen Normalität unter geänderten Voraussetzungen zu stellen.

Hast du durch diese und durch weitere positive Konzerterfahrungen nach deinem Schlaganfall deinen Beruf als Musikerin noch einmal ganz anders wertzuschätzen gelernt? 

Ich sehe es seit jeher als großes Privileg an, dass ich mit meiner Musik mein Geld verdienen darf. Natürlich kann sich mit der Zeit eine gewisse Müdigkeit bei einem Musiker oder bei einer Musikerin einstellen – gerade wenn man ein Konzertprogramm sehr oft hintereinander spielt. Wir haben einen Job, der uns körperlich und seelisch sehr fordert – und der sich aufgrund der unregelmäßigen Arbeitszeiten schwer mit einem geregelten Privatleben vereinbaren lässt. Aber andererseits haben wir uns auch irgendwann für diesen Beruf entschieden, weil unser Herz dafür schlägt.

Und wie man an deinem Beispiel sieht, gibt es auch immer die Möglichkeit, nebenher auch anderen Leidenschaften nachzugehen oder sich sogar ein zweites Standbein aufzubauen. 

Ich hatte schon während der Schulzeit immer viele verschiedene Interessen. Bis heute finde ich es sehr inspirierend, mit Menschen zu tun zu haben, die einen ganz anderen Background haben, wie als ich selbst. Natürlich werde ich durch ein Gespräch mit einem Herzchirurgen nicht zu einer Spezialistin auf diesem Gebiet. Aber ich gewinne einen Einblick in eine Materie, die mir bis dahin fremd war.

So geht es bestimmt auch vielen Menschen, die bisher noch keine oder wenig Berührung mit klassischer Musik hatten, in den Gesprächen mit dir. 

Ich hatte letztens eine sehr schöne Begegnung mit einem Herrn in meinem Laden. Ich motivierte ich ihn dazu, sich jedes Stück auf meiner CD mindestens 4-5mal anzuhören – denn die Werke von Jindřich Feld, Mikis Theodorakis und Mieczysław Weinberg klingen eben nicht wie die von Mozart. Ein paar Tage später schrieb mich der besagte Herr an und berichtete mir, dass er sich meinen Rat zu Herzen genommen hat und nie gedacht hätte, dass ihm dieser etwas andere Klang der Flöte so gut gefallen würde.

Die Auswahl der Stücke auf deinem Debütalbum, für das du 2018 den OPUS KLASSIK als Nachwuchskünstlerin des Jahres erhalten hast, wirkt wie eine Vorahnung auf die Höhen und Tiefen, die du aufgrund deines Schlaganfalls das Jahr 2017 über durchleben musstest. Warum fiel die Stückauswahl für dein erstes Album auf das selten gespielte Repertoire von Jindřich Feld, Mikis Theodorakis und Mieczysław Weinberg?

Das Feld-Konzert hatte ich 2010 für das Finale des ARD-Musikwettbewerbs einstudiert. Das war exakt die Zeit, in die die Behandlung meines an Krebs erkrankten Lebensgefährten fiel. Ich musste ihm versprechen, meine Chance dort trotz seines Zustands zu ergreifen – allerdings flog ich direkt nach der ersten Runde heraus. Die Gespräche mit den Jurymitgliedern waren sehr spannend: Unterschiedlicher hätte ihr Urteil in Bezug auf meine Interpretation nicht sein können. Auch wenn ich damals nicht so weit kam, Feld spielen zu dürfen, so wusste ich, dass ich diese grandiose Musik, die eine Stimmung zwischen absoluter Exaltiertheit und unglaublicher Trauer transportiert, irgendwann aufnehmen muss. Sechs Jahre später habe ich dann Weinbergs „Flötenkonzert Nr. 2“ entdeckt, das in dieser Fassung für Kammerorchester bis dahin noch nie aufgeführt worden war. Zusammen mit Theodorakis‘ „Adagio für Flöte, Percussion & Streichorchester“ ergab sich für mich ein sehr stimmiger Dreiklang für meine erste CD. Ich wollte nicht einfach nur schöne Musik einspielen.

War es nicht unglaublich schwer, sich mit der Erinnerung an deinen 2010 verstorbenen Lebensgefährten im Kopf an die Aufnahme von Jindřich Felds Flötenkonzert zu wagen?

Der Chefdirigent des Württembergischen Kammerorchesters, mit denen ich die Einspielung machte, warnte mich bereits vor, dass der 2. Teil des Flötenkonzerts für uns alle zu einer großen Herausforderung werden würde. Für mich persönlich war klar, dass ich beim Spielen den größten Schmerz spüren müsste, den ich mir vorstellen kann. Ich habe es tatsächlich zugelassen, mich in einen Zustand tiefer Trauer hinein zu versetzen, während ich diesen Teil spielte. Plötzlich merkte ich, wie sich meine Kehle immer mehr zuschnürte.

War dir deine starke Verbindung zu diesem Stück bis zu dem Tag der Einspielung nicht in dieser Dimension klar? 

Nein, tatsächlich nicht. Ich hatte es verdrängt, dass das Einstudieren dieses Stücks in direktem Zusammenhang mit Verlust für mich stand – mein Körper wollte mich all die Jahre wohl davor schützen. Von einem Moment auf den anderen kam diese Erinnerung mit voller Wucht zurück. Während der letzten 20 Sekunden der Einspielung musste ich sehr mit mir kämpfen, damit ich das Stück überhaupt zu Ende spielen konnte.

Wie oft musstest du diesen Satz aufnehmen? 

Etwa fünf bis sechs Mal schätze ich – keine Sekunde länger hätte ich es ausgehalten.

Läuft bei dir immer ein innerer Film ab, wenn du dich tief verbunden fühlst mit einem Stück? 

Ja, ab einem gewissen Punkt entwickle ich mein eigenes Drehbuch und weiß, welche Geschichte ich mit der Interpretation eines Werks erzählen möchte. Das kann ein Bild sein, eine Szene, etwas, das sich in dem Moment fiktiv ergibt, oder eine existierende Geschichte. Letztes Jahr durfte ich hier im Heidelberger Schloss das Flötenkonzert von Carl Reinecke bei einem Open-Air spielen. Erst kurz davor wurde mir bewusst, dass für mich in diesem Stück die Geschichte von Aschenputtel erzählt wird. Ich hatte damals eine sehr schmerzhafte Trennung hinter mir und besonders der zweite Satz dieses Flötenkonzerts – ein Flöten-Cello-Duo – kam mir immer wieder vor wie die Erinnerung schöner Erlebnisse zwischen zwei Menschen. Man träumt sich davon und im nächsten Moment realisiert man, dass es um einen herum gerade ganz anders aussieht. Und im darauf folgenden Satz zeigt man es allen. Tanzt sich die Seele aus dem Leib vor lauter Freude.

Denkst du, dass das Publikum die eigene Verbundenheit mit einem Stück in diesem Moment spürt? 

Ich wurde nach dem Konzert sogar von jemandem darauf angesprochen, ob ich im zweiten Satz Schmerzen hatte, weil ich zwischendrin extrem traurig aussah. Vor meinem zweiten Open Air-Konzert habe ich beschlossen, mich nicht ganz so stark von meinen Emotionen leiten zu lassen (lacht).

So schön die Vorstellung ist, sich auf der Bühne immer voll und ganz den eigenen Gefühlen hinzugeben: In der Realität bringt einen dieser Zustand vermutlich relativ schnell an seine Grenzen. 

Ja, durchaus. Andererseits bin ich der Meinung, dass man nur dadurch die Musik wirklich spüren kann. Erst wenn ich nach einer Sonate völlig erschöpft bin und atme, als hätte ich gerade einen Sprint hingelegt, weiß ich, dass ich wirklich alles gegeben habe.

 

Am Montag, 14. September, spricht Kathrin Christians mit Dr. Adrian-Minh Schumacher, Mitgründer des PODIUM Esslingen und Neurologe, Tom Wilmersdörffer, Intendant des Münchner HIDALGO-Festivals für klassische Musik und Magdalena Zabanoff Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Musikerpsychologie, um 21 Uhr im Harry Klein über die sehr spannenden Themen: Wie fühlt es sich an, zu scheitern? Wer bestimmt, ob und woran wir gescheitert sind? Und wie gehen wir mit damit um? Tickets für die Veranstaltung gibt es hier zu kaufen. Ich freue mich sehr auf diesen Abend, an dem ich Kathrin zum ersten Mal live begegnen werde. 

Vielen Dank für dieses ganz besondere Interview und deine Offenheit, liebe Kathrin! Alles Gute für deine Zukunft und ich bin gespannt, welche Projekte du demnächst anpacken wirst! 


Mehr Informationen über Kathrin Christians: 

http://kathrinchristians.de

Instagram @artculturaltraveller

Facebook @Kathrin.Christians

Von Die Kulturflüsterin

PR-Managerin I kulturbegeistert I Theater, Film, Fernsehen, Kunst I Social Media I Digitale Geschichtenerzählerin

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