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#Interview mit Lilly Maier

© Heyne Verlag

Mit 11 Jahren lernte Lilly Maier bei einem Besuch in der Wiener Wohnung ihrer Familie Arthur Kern kennen, der einst seine Kindertage in eben dieser Wohnung verbracht hatte und 1939 von seinen seinen jüdischen Eltern mit einem Kindertransport nach Frankreich geschickt worden war. Die schicksalshafte Begegnung führte nicht nur zu einer engen Freundschaft zwischen Arthur und Lilly: Ab 2011 studierte Lilly Maier Geschichte und Journalismus an der LMU München und begann, sich wissenschaftlich mit dem Thema Kindertransporte auseinanderzusetzen. Im November 2018 erschien ihr beeindruckendes Buch Arthur und Lilly Das Mädchen und der Holocaust-Überlebende – Zwei Leben, eine Geschichte im Heyne Verlag.

Ein Gespräch über Wahrheitsfindung, Wissensvermittlung und Freundschaft.

An einem Tag im September 2002 stand plötzlich ein älteres Ehepaar vor der Tür der Wohnung von Lilly Maiers Eltern in der Gussenbauergasse in Wien und hatte ein besonderes Anliegen: Ein gewisser Arthur Kern und seine Frau Trudie aus Amerika würden im März 2003 nach Wien kommen und gerne einen Blick in die Wohnung der Maiers werfen. Denn der 1928 als Oswald Kernberg in Wien geborene Arthur Kern lebte gemeinsam mit seiner jüdischen Familie in eben diesen vier Wänden, bevor er 1939 mit einem Kindertransport nach Frankreich gebracht wurde. Seine Mutter Frieda, seinen Vater Hermann und den älteren Bruder Fritz deportierten die Nationalsozialisten 1941 in ein Ghetto für zwangsweise umgesiedelte Juden nach Opole in Polen. Arthur sollte als einziger aus seiner Familie den Holocaust überleben.

Als ich die Journalistin und Autorin Lilly Maier im März 2019 zu einem Gespräch im Literaturhaus München traf, hatte ich schon viel über diese außergewöhnliche junge Frau gehört. Im Januar 2018 war sie anlässlich des Holocaust-Gedenktags am 27. Januar zu Gast im Schyren-Gymnasium Pfaffenhofen gewesen, wo meine Mutter als Geschichtslehrerin tätig ist und durch einen Zeitungsartikel auf Lilly aufmerksam wurde. Lillys Besuch in Pfaffenhofen war ein großen Erfolg, da sie gezielt den Austausch mit ihrem Publikum über ein Thema suchte, mit dem sie sich bereits seit frühester Jugend beschäftigt: Rund 15.000 Kinder, die laut den Nürnberger Gesetzen als „jüdisch“ galten, wurden zwischen 1938 und 1939 durch die sogenannten „Kindertransporte“ ins Ausland gebracht und überlebten dadurch den Holocaust. Rund 10.000 von ihnen verschlug es nach England, der Rest von ihnen kam in Frankreich, der Schweiz, Holland, Belgien und Schweden unter. Einige Kindern wie Lilly Maiers Freund Arthur Kern gelang wenig später sogar die Weiterreise in die USA. 

Das Haus in der Gussenbauergasse in Wien, in dem die erste Begegnung zwischen Lilly Maier und Arthur Kern stattfand ©Lilly Maier

Elf Jahre war Lilly Maier alt, als sie Arthur und Trudie Kern 2003 zum ersten Mal begegnete. Ihre Mutter meldete sie zeitgleich für das Zeitgeschichte-Projekt „Letter to the Stars“ an, das im Frühjahr 2002 von den Journalisten Josef Neumayr und Andreas Kuba im Rahmen ihrer Arbeit für den Verein Lernen aus der Zeitgeschichte initiiert wurde. Mehr als 50.000 Schüler und Hunderte Lehrer nahmen bisher an diesem umfangreichen Projekt teil und recherchierten die Lebensgeschichten von österreichischen Opfern und Überlebenden des NS-Regimes. Lilly Maier beschäftigte sich intensiv mit der Biografie von Arthurs Mutter Frieda Kernberg und bekam einen immer tieferen Einblick in das Thema Kindertransporte, das bis in die 1990er Jahre weitestgehend eine Randnotiz in Bezug auf die historische Aufarbeitung des Holocaust blieb. „Oft wussten nicht einmal die Überlebenden selbst, dass sie sich damals auf einem Kindertransport befunden hatten“, sagt Lilly Maier, die ihr geschichtliches Interesse im Jahre 2011 durch ein Bachelorstudium in Geschichte und Journalismus an der LMU München und an der American University in Washington vertiefte. 2014 gewann sie den LMU-Forscherpreis für exzellente Studierende für ihre Bachelor-Arbeit „Ein Leben nach dem Kindertransport“. 2015 folgte ein Masterstudium in Journalismus an der New York University, finanziert durch ein Fulbright-Stipendium und ein Vollstipendium der NYU. 2017 legte sie ihren Masterabschluss in Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit einer Arbeit zum Thema „Das Schicksal des Arthur Kern – Eine biographische Studie zu den Französischen Kindertransporten“ vor, die als Grundlage für ihren im November 2018 im Heyne-Verlag erschienenen Roman Arthur und Lilly Das Mädchen und der Holocaust-Überlebende – Zwei Leben, eine Geschichte diente.

Es würde viel zu kurz greifen, Arthur und Lilly einzig und allein in die Kategorie „populäres Sachbuch“ einzuordnen, als das es von Verlagsseiten her geführt wird: Lilly Maier gelingt es, sich dem Thema Kindertransporte in ihrem Erstlingswerk auf eine sehr persönliche Art und Weise anzunähern, ohne dabei die Erkenntnisse, die sie über Jahre hinweg durch ihre Nachforschungen gesammelt hat, außen vor zu lassen. Ihr Buch ist ein zugleich ein klug recherchiertes Sachbuch und eine romanhaft anmutende Erzählung der Geschichte einer einzigartigen Freundschaft. Dadurch gelingt es ihr, ihren Lesern einen emotionalen Zugang zu einem Thema zu ermöglichen, das trotz der tragischen Tatsache, dass die meisten Kinder ihre jüdischen Familien nie mehr wieder sahen, zu einem der wenigen Lichtblicke in der Zeit des Nationalsozialismus gehört.

Arthur Kern wurde übrigens ein erfolgreicher Raketeningenieur und ließ sich mit seiner Familie in Kalifornien nieder. 2015 verstarb er mit 87 Jahren: Welch ein Vermächtnis, das Lilly Maier ihm mit Arthur und Lilly hinterlassen hat!

Wie kam es zu deiner ersten Begegnung mit Arthur?

Wir wussten bereits ein halbes Jahr davor, dass Arthur uns besuchen kommen wollte. Den Kontakt mit ihm stellte damals ein Wiener Ehepaar her, das mit ihm befreundet war. Die beiden standen plötzlich unangemeldet vor unserer Tür und wir wussten nicht genau, was ihr Anliegen war. Ich dachte damals, dass sie nur von den Zeugen Jehovas sein könnten, weil sie einfach nicht gesagt haben, was sie wollen. Dann haben sie uns aber von Arthur erzählt.

Hat dich deine Mutter auf eine bestimmte Art und Weise auf seinen Besuch vorbereitet?

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt nicht das erste Mal vom Holocaust gehört. Es war klar, dass der Besuch von Arthur etwas sehr Bedeutendes war – so aufgeräumt sah es in meinem Zimmer selten aus. Als er endlich bei uns eintraf, überstrahlte seine Persönlichkeit alles andere:  Arthur war einfach der positivste und glücklichste Mensch, dem ich je begegnet bin.   

Wie kam es damals zeitgleich zu deiner Teilnahme an „A Letter to the Stars“, einem bedeutenden Zeitgeschichteprojekt, an dem bis heute 50.000 Schüler und hunderte Lehrer an österreichischen Schulen beteiligt waren?

Dieses Projekt wurde 2002 von den Journalisten Josef Neumayr und Andreas Kuba initiiert, die im selben Zeitungsverlag wie meine Eltern arbeiteten.

Eine schicksalshafte Entscheidung deiner Mutter, dich zeitgleich zu Arthurs Besuch für „A Letter to the Stars“ anzumelden…

Wenn mein Buch „Arthur und Lilly“ ein Roman wäre, würde man wahrscheinlich irgendwann sagen: „Jetzt übertreibt sie es ein bisschen mit all den Zufällen“.

Das erste Treffen zwischen Lilly, Arthur und seiner Frau Trudie im Jahr 2003 © Sabine Maier

Wie haben Arthur und du in den Jahren nach seinem ersten Besuch in Wien den Kontakt gehalten?

Vor allem über E-Mails. Arthur waren Freundschaften sehr wichtig und er achtete sehr darauf, dass wir uns regelmäßig schrieben. Im Alter von 16 Jahren haben mich meine Eltern zum ersten Mal allein nach Amerika fliegen lassen und ich verbrachte zwei Wochen bei Arthurs Familie.

Hat dich die frühe, intensive Beschäftigung mit der Zeitgeschichte dazu bewogen, Historikerin zu werden?

Ich sage immer: Ich bin wegen Arthur Historikerin geworden. Unabhängig von ihm habe ich durch „Letter to the Stars“ bei anderen Projekten mitgemacht und war unter anderem in New York, wo ich weitere Überlebende von Kindertransporten kennengelernt habe. Ich habe das Gefühl, dass ich selbst gar nicht so viel mit der Wahl meines Berufs zu tun. Der Wunsch, Historikerin zu werden, entstand durch eine Reihe glücklicher Zufälle in meinem Leben.

Für deine Abschlussarbeit an der LMU München hast du dich mit den langfristigen Nachwirkungen der Kindertransporte im Dritten Reich beschäftigt. Es ist zwar bekannt, dass zwischen Ende November 1938 und dem 1. September 1939 rund 10.000 Kindern die internationale Ausreise nach Großbritannien gelangen: Warum aber haben sich bisher nur wenige Historiker intensiver mit dem Thema Kindertransporte beschäftigt?

Gerade gerät das Thema sehr stark in den Fokus, weil die Überlebenden der Kindertransporte die einzigen noch lebenden Zeitzeugen sind. Erst seit den 1990er Jahren ist allerdings bekannt, dass es die Kindertransporte überhaupt gab. Bis dahin war nicht einmal den Überlebenden klar, dass sie während der NS-Zeit auf einem Kindertransport nach Frankreich und England geschickt worden waren. 1989 schaltete eine Überlebende in England Zeitungsannoncen, um Kontakt zu Menschen herzustellen, die ein ähnliches Schicksal wie sie hatten. Sie dachte sich, dass vielleicht 100 Leute zu dem Treffen kommen: Tatsächlich aber waren nachher 1.200 Menschen vor Ort. Über Nacht war das Interesse am Thema Kindertransporte geweckt. Es gibt dazu ein sehr gutes Zitat von Rebekka Göpfert, die sich in ihrer Doktorarbeit mit dem jüdischen Kindertransport von Deutschland nach England 1938/39 beschäftigt hat: Sie nannte es das „Heraustreten aus dem Schatten der Auschwitz-Überlebenden“, damit diese Menschen ihre Geschichten erzählen konnten.

Wie bekannt ist das Thema Kindertransporte in anderen europäischen Ländern?

Ich war erstaunt, wie wenig man in England und Frankreich darüber wusste. Dabei sind die Kindertransporte doch eine Erfolgsgeschichte, die gerade die englische Bevölkerung sehr gut in der Öffentlichkeit dastehen lässt. Immerhin konnten 10.000 Kinder vor dem sicheren Tod bewahrt werden. Und das nur nach England. Insgesamt sind es sogar 15.000 Kinder, wenn man die Kindertransporte in andere Länder wie Frankreich, Belgien oder Schweden mitzählt.

Kann man angesichts der schwierigen Umstände, unter denen jüdische Kinder durch die Kindertransporte der Nazi-Diktatur entkamen, von „Lebensgeschichten mit Happy End“ sprechen?

Natürlich ist jede Rettungsgeschichte sehr tragisch. Aber sie lief letztendlich auf etwas hin, das weder Tod, noch Zerstörung für die Kinder bedeutete. Das macht es für mich einfacher, mich mit den Schicksalen dieser Holocaust-Überlebenden zu beschäftigen.

Wie kritisch oder unkritisch werden die Kindertransporte derzeit unter Historikern angesehen?

Gerade beginnt man dieses Thema kritischer zu hinterfragen. Ich sehe die Kindertransporte in einer Zeit, in der Juden massenhaft getötet wurden und nirgendwo mehr einreisen durften, als einen der wenigen Lichtblicke während der NS-Zeit – auch wenn es bedeutete, dass diese Kinder ihre Familien in den meisten Fällen nie mehr wiedersahen.

Wie sahen die Lebenswege der Kinder nach ihrer Flucht aus Deutschland in den meisten Fällen aus?

Beruflich gesehen haben viele Überlebende der Kindertransporte unglaubliche Karrieren hingelegt. Zum Beispiel gibt es unter 15.000 Kindern alleine drei Nobelpreisträger! Es besteht allerdings ein großer Unterschied darin, ob die Kinder den Krieg in Frankreich oder in England verbrachten. Die psychologische Aufarbeitung des Geschehenen wurde in Frankreich viel konsequenter verfolgt, als in England. Das haben die Kinder vor allem dem Wiener Reform-Pädagogen Ernst Papanek zu verdanken, der 1938 nach Frankreich floh und in Montmorency bei Paris Heime für zumeist jüdische Flüchtlingskinder leitete. Die Kinder waren dort in einer Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, die ähnliches erlebt hatten. Wenn man die Sprache nicht spricht und die fremde Kultur nicht versteht, ist die Unterbringung in einer Pflegefamilie häufig traumatischer.

Bruder Fritz und Oswald als Baby © Privatarchiv Arthur Kern

Welchen Ansatz verfolgte Papaneks in seiner Arbeit?

Er war der Überzeugung, dass seine Schützlinge nichts verdrängen dürfen und dass sie ihre Traumata aufarbeiten müssen. Darüber hinaus war es ihm sehr wichtig, dass die Kinder die deutsche Sprache und Kultur nicht verlernten.

Wo befand sich Arthurs Familie, nachdem er mit dem Kindertransport nach Frankreich geschickt worden war?

Sie waren in einem Ghetto in Polen untergebracht, in dem man sich selbst zum Sterben überlassen wurde. Man gab den Leuten nichts zu essen – aber kurioserweise funktionierte die Post noch. Und zwar so gut, dass Arthurs Vater über Bekannte in der Schweiz die Erlaubnis nach Frankreich schickte, dass sein Sohn nach Amerika weiterreisen darf.

Fast wäre die Einreise nach Amerika ja gescheitert…

Das ist der Punkt, an dem sich die Zuhörer in meinen Lesungen immer sehr bewegt zeigen: Jedes einzelne Kind brauchte damals zur Ausreise aus Frankreich, zur Durchreise durch Spanien und Portugal und zur Einreise nach Amerika insgesamt vier Visa. Hunderte Fotos mussten händisch auf Ersatzpässe aufgenäht werden, weil es in Marseille keine Heftapparate mehr gab. Schließlich ging aber alles gut und die 100 Kinder erreichten am 20. Juni 1941 den Hafen von New York.

Wie hast du dich auf die Interviews mit den Überlebenden der Kindertransporte vorbereitet?

Ich bin da hineingewachsen. Nachdem Arthur zum ersten Mal bei uns war, habe ich mit 11 Jahren eine dreiseitige Biographie über ihn für „A Letter to the Stars“ geschrieben. Mit 15 reiste ich dann nach New York, um weitere Überlebende der Kindertransporte zu treffen. Viele haben ihre Geschichte zum ersten Mal überhaupt einer Person anvertraut – das ist schon eine ganz spezielle Situation.

Inwieweit haben sich deine Interviews im Laufe der Zeit verändert?

Man kann andere Fragen stellen, wenn man das entsprechende historische Wissen hat. Besonders bei Überlebenden, die ihre Geschichte schon öfter erzählt haben, besteht so die Möglichkeit, sie durch gezielte Fragen auf Themen zu stoßen, über die sie noch nie öffentlich gesprochen haben. Arthurs Frau Trudie redet übrigens seit seinem Tod im Jahr 2015 ohne Punkt und Komma. Davor war er allein der große Geschichtenerzähler.

Wie kritisch muss man als Interviewer gegenüber dem, was die Überlebenden erzählen, bleiben?

Es ist sehr spannend, sich frühe und spätere Interviews mit Holocaust-Überlebenden anzusehen. Meiner Meinung nach muss man sicherstellen, dass die Gesprächspartner das, was sie erzählen, nicht gelesen oder zuvor in einem Film gesehen haben. Es gibt Historiker, die „oral history“ komplett ablehnen, weil sie der Meinung sind, dass sich die Menschen „falsch“ an die Vergangenheit erinnern. Aber die eine Wahrheit wird es nie geben, sie ist letztendlich immer subjektiv.

An welchem Punkt beginnst du, in deinen eigenen Interviews skeptisch gegenüber einem Gesprächspartner zu werden?

Wenn mir zum Beispiel ein Überlebender der Kindertransporte, der 1939 drei Jahre alt war, glaubhaft vermitteln möchte, dass er sich daran erinnern kann, wie der Bahnhof bei seiner Ankunft in Frankreich oder England aussah.

Ich erinnere mich gut an Otto Schwerdt, den ehemaligen Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde in Regensburg, der oft bei uns in der Schule zu Gast war und über seine Zeit in den Konzentrationslagern Auschwitz-Birkenau und Theresienstadt berichtete. Er war rhetorisch sehr begabt und selbst wenn er dieses oder jenes Detail seines Lebens durch seine Erzählungen etwas ausschmückte, hat das seiner Glaubwürdigkeit nie einen Abbruch getan.  

Absolut! Ich bin überzeugt davon, dass diese Geschichten die Erinnerung noch weiter anregen. Die wohl bekanntesten Interviews mit Überlebenden des Holocaust führte übrigens die Shoah Foundation in den 1990er Jahren. Ihnen merkt man an, wie ehrlich die Interviewten damals auf die Fragen antworteten, oft weil es das erste Mal war, dass sie darüber sprachen. Ich habe vor einigen Jahren ein Interview mit einer älteren Dame aus England geführt, die damals von der Shoah Foundation befragt worden war.  Sie berichtete mir, dass ihr Mann bald nach der Hochzeit gestorben wäre. In den 1990er Jahren hat sie vor der Kamera der Shoah Foundation noch erzählt, dass sie sich von ihrem Mann scheiden ließ. Zwischenzeitlich muss es ihr unangenehm geworden sein, dass die Öffentlichkeit sie als geschiedene Frau wahrnimmt.

Das finde ich schon wieder sympathisch und menschlich…

Definitiv! Arthurs „Thema“, über das er lange Zeit nicht offen sprechen konnte, war hingegen ein viel tragischeres: Sein Bruder durfte nicht mit ihm nach Frankreich. Die Kinder für die Kindertransporte wurden damals unter sehr strengen Kriterien ausgewählt, da man verhindern wollte, dass sie einen schlechten Eindruck im Ausland machen. Beide Brüder standen auf der Liste der dringenden Fälle für Frankreich, aber nur Arthur konnte Nazi-Deutschland letztendlich verlassen. Denn sein Bruder litt an einer Form von Epilepsie und einer starken Lernschwäche. Jahrelang hat Arthur in Interviews davon gesprochen, dass sein Bruder zu jung gewesen sei für den Kindertransport, was aber nicht stimmte. Es fiel ihm schwer, sich einzugestehen, dass sein Bruder aufgrund seiner körperlichen Defizite ausgemustert wurde.

In deiner Bachelor-Arbeit hast du dich das erste Mal intensiv mit dem Thema Kindertransporte beschäftigt. Wie hast du damals deine Gesprächspartner gefunden?

Als ich während meines Studiums im Auslandssemester in Washington D.C. beschloss, einige Überlebende der Kindertransporte für meine Bachelor-Arbeit zu interviewen, kannte ich außer Arthur niemanden. Es war zu Beginn nicht einfach, Gesprächspartner zu finden: Zu der generellen Skepsis der Überlebenden kam hinzu, dass ich Österreicherin bin und dass ich meine Arbeit auf Deutsch schrieb, viele der Überlebenden also nicht lesen konnten, was ich schrieb. Arthur war aber schließlich ein sehr guter Türöffner für mich: Am Ende trafen sich 13 Interviewpartner mit mir.

 Nach deiner spannenden, preisgekrönten Bachelorarbeit folgte 2017 deine Masterarbeit „Das Schicksal des Arthur Kern – Eine biographische Studie zu den Französischen Kindertransporten“.

Ich kam nur bis zum Jahr 1941, dann war die maximale Seitenzahl für eine Masterarbeit erreicht. Daher war ich sehr froh über die Möglichkeit, das Buch „Arthur und Lilly“ im Heyne Verlag zu veröffentlichen, weil ich dafür tatsächlich mein gesamtes Recherchematerial verwenden konnte.

Es ist sehr schade, dass Arthur dein Buch nicht mehr lesen konnte…

Ja, vor allem, weil ich noch Dinge herausgefunden habe, die er selbst nicht wusste. Zum Beispiel gibt es einen Brief von Arthurs Eltern an Ernst Papanek, wo sie sich bei ihm bedanken oder eine 100 Seiten starke Jugendamtsakte aus seiner Zeit in Amerika, über die Arthur wenig gesprochen hat.

In „Arthur und Lilly“ gelingt es dir in hervorragender Art und Weise, historische Fakten zu vermitteln und den Leser mit auf eine sehr persönliche Reise durch Arthurs und dein Leben zu nehmen. War von Beginn an klar, dass du selbst eine wichtige Rolle in deinem Buch spielen wirst?  

Eine befreundete Autorin gab mir den Rat, lieber einen Roman zu schreiben, als ein Sachbuch, das verkaufe sich besser.. Aber die Geschichte von Arthur und mir ist nun mal auch meine ganz persönliche Geschichte. Ohne diesen subjektiven Zugriff wäre mein Buch glaube ich nicht so erfolgreich.

„Arthur und Lilly“ ist aber weit mehr als ein hochemotionaler Erfahrungsbericht, da du immer mit den Augen der Historikerin auf die Ereignisse in Arthurs Leben blickst.

In Österreich stellt der Rezensent einer Tageszeitung die Frage, ob „Arthur und Lilly“ nun ein Fachbuch, ein Sachbuch oder eine Autobiographie sei. Das Fazit von ihm war, dass es nicht darum geht, ein Kategorie zu finden, in die man mein Buch einordnen kann – es sei einfach sehr gut geschrieben. So ein Lob freut mich natürlich sehr.

Ich finde es sehr schön, dass du die sozialen Netzwerke so intensiv nutzt, um auf „Arthur und Lilly“ aufmerksam zu machen.

Man verbringt als Autor so viel Zeit mit sich selbst. Daher finde ich es toll, nach der einsamen Zeit des Schreibens nun auf Instagram und Facebook Kontakt mit meinen Lesern aufzunehmen. Den Verlag hat es sehr überrascht, dass eine Sachbuch-Autorin in den sozialen Netzwerken so aktiv ist. Vielleicht hat mich meine Zeit in Amerika da stark geprägt: In amerikanischen Reportagen liest man gerne mal, ob während des Interviews draußen ein Vogel zwitschert oder welche Farbe das Hemd des Interviewpartners hat.

Gibt es für dich Grenzen in Sachen Selbstvermarktung auf Instagram und Facebook?

Definitiv. Mir geht es vor allem darum, meinen Followern die Inhalte meines Buches näherzubringen. Daher steht unter meinen Bildern auf Instagram auch immer ein längerer, erklärender Text und ich achte darauf, dass die darin enthaltenden Informationen auch für die diejenigen Follower interessant sind, die meinem Kanal schon länger folgen.

Ist der Hashtag #Kindertransport für dich wichtig, um die richtigen Leute auf deine Instagram-Seite zu verweisen?

Ja, aber es ist absurd, in welchem Kontext er ansonsten noch verwendet wird. Zum Beispiel von einem Ehepaar, das gerne Radtouren mit ihren Kindern unternimmt.

Du veröffentlichst auch immer wieder Fotos und Stories von deinen zahlreichen Schullesungen. 

Ja, obwohl ich es sehr schade finde, dass darauf keine Schüler abgebildet sein dürfen. Denn ich schätze den direkten Austausch mit ihnen sehr. Meine Lesungen sind sehr interaktiv gestaltet, um die Schüler zu motivieren, sich in die Diskussion um das Thema Kindertransporte mit einzubringen.

Was hast du bisher für Erfahrungen in diesen Lesungen gemacht?

Man denkt am Anfang oft, dass die Schüler einem gar nicht so aufmerksam zuhören. Sobald der Vortragsteil meiner Lesung aber vorbei ist, stellen sie jedoch sehr detaillierte Fragen und mir wird bewusst, dass sie wirklich alles in sich aufgesogen haben.

Lilly Maier spricht bei der Kindertransport Association Conference © Jon LowensteinNOOR

Wie hast du deinen eigenen Geschichtsunterricht während deiner Schulzeit erlebt?

Ich hatte immer wieder sehr gute Geschichtslehrer. Heute kommt ja oft der Vorwurf, dass das Thema Holocaust einen zu großen Raum im Geschichtsunterricht einnimmt, weil die Schüler eh schon so viel darüber wissen. Das finde ich nicht – man sollte viel eher überlegen, welche Aspekte aus dieser Zeit für Schüler wirklich spannend und relevant sind.

Ich finde es gerade in der heutigen Zeit, in der rechtsextremes Gedankengut wieder salonfähig ist, umso wichtiger, den Schülern begreiflich zu machen, wohin diese Gedanken im Ernstfall führen können.

Deshalb arbeite ich auch als Referentin in der KZ-Gedenkstätte in Dachau. Wir stehen gerade vor dem Problem, dass die letzten Überlebenden des Holocaust sterben. Die Schilderung eines persönlichen Schicksals bewegt Schüler einfach viel mehr, als bloße Daten und Fakten.

In deinen Lesungen sprichst du auch über die Auswirkungen der Kindertransporte auf die zweite Generation.

Die Kinder der Kindertransport-Überlebenden aus Frankreich wissen in der Regel vom Schicksal ihrer Mütter und Väter – bei den Überlebenden der englischen Kindertransporte wurde darüber oft geschwiegen. Allgemein wird zum Thema Kriegstraumata und die Auswirkung auf die nachfolgende Generation gerade sehr viel geforscht.

Hat Arthur den Bezug zu seiner Heimat dadurch nie verloren, dass er der deutschen Sprache bis zum Schluss mächtig war?

Zum einen – zum anderen hatte Artur einfach grundsätzlich eine sehr positive Lebenseinstellung. Bis zu seinem Tod bestand eine sehr familiäre Verbindung zwischen ihm und den mittlerweile erwachsenen Kindern, die damals auf dem Kindertransport nach Frankreich geschickt wurden. Rund 20 von ihnen leben übrigens ganz in der Nähe von Arthurs Familie.

Hat sich seit Arthurs Tod etwas in dem Verhältnis von dir zu seiner Familie verändert?

Überhaupt nicht. Ich wurde irgendwann zu ihrer „Austrian granddaughter“ und kenne Arthurs Kinder und Enkelkinder bereits, seit ich 20 bin. Wir sind in den vergangenen Jahren sehr eng zusammengewachsen und normalerweise bin ich immer zu Thanksgiving in Amerika.

Was war dir in Bezug auf „Arthur und Lilly“ besonders wichtig?

Dass mein Buch nicht im Jahr 1945 endet, wie sehr viele Biografien von Holocaust-Überlebenden. Arthur war damals 17 und hatte noch ein langes Leben vor sich, in dem es um weit mehr ging, als um die Aufarbeitung eines Traumas.

Und steht bald die Verfilmung dieses unglaublichen Stoffes an?  

Ich hätte nichts dagegen. Und Arthur hätte sich auch sehr darüber gefreut.

Arthur und Lilly II Handlettering by Lilly Maier © Sabine Maier

 Liebe Lilly: Ich danke dir ganz herzlich für dieses spannende Gespräch und die interessanten Einblicke in deine Arbeit und deine Forschungen! Alles Gute für deine nächsten Projekte und bis bald hoffentlich wieder! 


Am Montag, 27.05., liest Lilly Maier um 19 Uhr im NS-Dokuzentrum aus „Arthur und Lilly“: 

https://bit.ly/2MbGfH8

 

Mehr Infos über die Autorin: 

https://lillymaier.wordpress.com/

Instagram @lillymaier_author 

Twitter @lillymaier

Mehr über das Buch Arthur und Lilly: 

https://www.randomhouse.de/Buch/Arthur-und-Lilly/Lilly-Maier/Heyne/e536881.rhd

 

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