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#Interview mit der Sopranistin Marlis Petersen

Marlis Petersen 2016, © Yiorgos Mavropoulos

Sie ist eine der vielseitigsten, aufregendsten Vertreterinnen ihres Fachs: Die Sopranistin Marlis Petersen begeistert ihr Publikum nicht nur durch ihre außergewöhnliche Stimme, sondern auch durch ihre schauspielerische Präsenz, mit der sie ihren Opernrollen eine große Wahrhaftigkeit verleiht. Seit vielen Jahren ist die Sängerin auch eine gefragte Konzert- und Liedinterpretin. Eine Begegnung mit einer einzigartigen Frau in der Brasserie Oskar Maria des Münchner Literaturhauses.

„Dich such ich, Bild!
Mit dir hab ich zu reden!
Schön bist du und gleichst mir. 
Sag, gleichst du mir noch?
Sag, wo ist deine Macht?“

Als Marlis Petersen am 11.12.2019 in der ersten Szene des dritten Bildes der Inszenierung Die tote Stadt an der Bayerischen Staatsoper Mariettas Arie an die tote Marie singt, ist es bereits völlig um mich geschehen. Noch nie hat mich eine Operninszenierung so nachhaltig bewegt wie Simon Stones Interpretation dieser Oper von Erich Korngold. Vielleicht gerade weil der australisch-schweizerische Regisseur darauf verzichtet, den Seelenzustand des Protagonisten Paul (Jonas Kaufmann) in den Traumsequenzen durch ein großes Bühnenspektakel zu illustrieren. In der Konfrontation von Paul mit der unausweichlichen, bitteren Realität wird die ganze Tragik eines gebrochenen Mannes spürbar, dessen innere Dämonen sein Leben auf unkontrollierbare Art und Weise beherrschen.

Dass es Jonas Kaufmann gelingt, mit seinem Spiel Die tote Stadt eine derartig emotionale Kraft zu erzeugen, liegt auch an seiner Partnerin Marlis Petersen. Sie ist das Kraftzentrum dieser Inszenierung der 1920 uraufgeführten Oper, die es wie kaum eine andere vermag, Themen wie Verlust, Trauer, Verzweiflung und Tod in musikalische Bilder zu übersetzen. Die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwimmen immer mehr, nachdem der um seine verstorbene Frau Marie trauernde Paul auf die Tänzerin Marietta trifft. Ihre verblüffende äußerliche Ähnlichkeit verleitet Paul dazu, Marietta zur Projektionsfläche für seine erotischen Wünsche zu machen, bis ihn das bizarre Verwechslungsspiel im dritten Akt endgültig in den Wahnsinn zu treiben scheint. Marlis Petersen spielt ihre Doppelrolle der Maria/ Marietta auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper nicht nur: Sie geht von Beginn an vollkommen in ihr auf. Und verleiht ihren Figuren dadurch ein sehr menschliches Antlitz, anstatt sie auf das zu reduzieren, was Paul in ihnen sehen will.

Die Karriere der 1968 in Sindelfingen geborenen Sängerin Marlis Petersen begann nach ihrem Studium an der Musikhochschule Stuttgart 1994 mit ihrem ersten Engagement an den Städtischen Bühnen Nürnberg. Mit sechs Jahren fing sie in ihrem Heimatort Tuttlingen an, Klavier zu spielen, später kamen die Querflöte und der Gesang mit hinzu. Nach ihrem Eintritt in den Tuttlinger Kirchenchor im Alter von 16 Jahren sang Marlis Petersen ein Jahr darauf das Sopran-Solo in einer Schubert-Messe, ohne jemals eine Stunde Gesangsunterricht genommen zu haben. Nach dem Abitur studierte sie zunächst Schulmusik in Stuttgart – ihren Eltern zuliebe, die selber keine Musiker sind. Doch dann lernte Marlis Petersen die ungarische Koloratursopranistin und Pädagogin Sylvia Geszty kennen, die ihr Gesangstalent förderte und ausbaute. Darüber hinaus absolvierte Marlis Petersen eine Jazz- und Steptanzausbildung an der New York City Dance School in Stuttgart.

In ihrem Erstengagement in Nürnberg sang sie anschließend Partien wie Ännchen in „Der Freischütz“, Blondchen in „Die Entführung aus dem Serail“, Adele in „Die Fledermaus“ oder die Königin der Nacht in „Die Zauberflöte“. In Nürnberg kam Marlis Petersen aber auch mit neuer Musik wie Sergei Prokofjews „Der feurige Engel“ in Berührung. Von 1998 bis 2003 war die Sängerin Ensemblemitglied der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf/Duisburg. Dort erweiterte sie ihr Repertoire um Partien im italienischen und französischen Fach, zum Beispiel als Norina in „Don Pasquale“, Marie in „Die Regimentstochter“ oder Susanna in „Die Hochzeit des Figaro“. Anschließend startete Marlis Petersen ihre Weltkarriere, die sie an viele namhafte Häuser wie die Metropolitan Opera in New York, das Megaron Athen, die Wiener Staatsoper oder zu den Salzburger Festspielen führte.

Eine Schlüsselrolle in Marlis Petersen Opernlaufbahn ist Lulu, die Protagonistin in Alban Bergs 1937 uraufgeführtem, gleichnamigem Opernfragment. 18 Jahre begleitete ihre Herzensrolle die Sopranistin seit ihrem Debüt an der Wiener Staatsoper im Jahre 2002. In den Jahren darauf war sie unter anderem 2003 an der Staatsoper Hamburg, 2008 an der Lyric Opera in Chicago, 2010 an der Metropolitan Opera in New York City und 2015 an der Bayerischen Staatsoper als Lulu auf der Bühne zu erleben zu erleben.

Marlis Petersens große Leidenschaft gilt neben der Oper seit einigem Jahren dem Lied. 2012 veröffentlichte sie die CD „Goethe – Das Ewig Weibliche“, 2017 erschien der erste Teil ihre Trilogie DIMENSIONEN – WELT mit dem Untertitel Mensch&Lied beim Label Solo Musica. Dieser Streifzug durch die musikalische Romantik ist der erste Teil eines Reihe, in der sich Marlis Petersen und ihre jeweiligen Klavierbegleitungen mit der menschlichen Seele und ihren verschiedenen Wahrnehmungszuständen auseinandersetzen. 2018 wurde mit ANDERSWELT der zweite, 2019 mit INNENWELT der dritte Teil der Trilogie veröffentlicht. Darin unternehmen die Zuhörer gemeinsam mit Marlis Petersen eine Reise durch die Romantik über die klassische Moderne bis hin zu einem Neuarrangement des dritten der „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauß durch Gregor Hübner.

Wer wie ich im Dezember 2019 die große Ehre hat, Marlis Petersen zu einem Interview treffen zu dürfen, erlebt mit ihr das absolute Gegenteil dessen, was man sich unter einem Star ihrer Größe vorstellt. Von Diva keine Spur, von Müdigkeit nach der kräftezehrenden Probenzeit zu Die tote Stadt ebenfalls nicht. Marlis ist nicht nur wegen ihrer bunten Haare eine außergewöhnliche Erscheinung in der Opernwelt: Sie fährt leidenschaftlich Motorrad, lebt seit 10 Jahren in ihrem Haus in Griechenland und erzählt mit voller Leidenschaft von der Zeit während des Abiturs, als sie Mitglied der Popband Square wurde. Mit Cover-Hits von Whitney Houston bis Pink Floyd traten ihre Kollegen und sie gerne auch mal in Bierzelten auf: Schließlich konnte man auf diese unterhaltsame Art und Weise auch noch ganz nebenbei das eigene Studium finanzieren. Ich habe den Eindruck, als plaudere ich an diesem Abend in der Brasserie Oskar Maria im Literaturhaus mit einer alten Freundin über vergangene Zeiten: So offen und herzlich gibt sich Marlis in unserem Gespräch.

 

In vielen Arien und Lieder besingt man die Liebe, den Schmerz, den Mond oder die Schönheit der Natur. Warum kam noch kein Komponist darauf, ein Loblied auf das Motorrad zu schreiben?

Oder gleich eine ganze Biker-Oper!

Wie müsste die deiner Meinung nach aussehen?

Es wäre sicher eine Ensemble-Oper mit viel Maske und Kostüm. Ich stelle mir das gerade sehr schön vor: Alle Sänger in Lederkluft…

Und musikalisch gesehen: Zwölfton-Musik?

Eher eine Mischung aus Oper und Song mit ein bisschen Funk und Schlagzeug.

Was die Besetzung angeht: Ich glaube, Jonas Kaufmann hätte nach all der Dramatik in „Die Tote Stadt“ bestimmt Lust auf so ein ganz anderes Projekt.

Er würde definitiv einen tollen Biker abgeben!

Verleiht einem das Motorrad als Sängerin die nötige Bodenhaftung in einer Branche, die einen durchaus zum Abheben verleitet?

Absolut. Und es verleiht einem ein großes Freiheitsgefühl, das ich vor allem spüre, wenn ich in meinem Zuhause in Griechenland bin. Dort kann man noch einmal ganz andere Strecken fahren, als hierzulande. Was ist denn dein Ausgleich zu deiner Arbeit als PR-Managerin?

Zum einen die Arbeit an meinem Blog. Richtig abschalten aber kann ich nur in der Natur. Daher versuche ich so oft wie möglich, wandern zu gehen.

Das kann ich sehr gut verstehen. Ich versuche vor einer Vorstellung an der Bayerischen Staatsoper immer einige Zeit im Englischen Garten zu verbringen. Wenn ich wenigstens für eine viertel Stunde frische Luft atmen kann, macht mich das glücklich!

So sehr ich den Kulturbetrieb liebe: Sich dauerhaft in ihm zu bewegen, bedeutet auch immer, die Show hinter der Bühne mitzuspielen. Wie herausfordernd ist es gerade in den Anfangsjahren einer Gesangskarriere, auf die eigene Stimme zu hören, was die berufliche Weiterentwicklung angeht?

Wenn man in seinen Anfangsjahren auf eine Person trifft, der man in beruflicher Hinsicht vertrauen kann, finde ich es gut, sich auf ihren Rat zu verlassen. Eine gewisse Neugierde sollte man sich trotzdem immer bewahren. Die Kunst liegt darin, sich nicht zu verzetteln und die eigene Stimme nicht mit falschen Rollen zu strapazieren.

Wie hast du während deines Studiums an der Musikhochschule Stuttgart deinen goldenen Weg gefunden?

Entscheidend dafür war die Begegnung mit meiner Gesangslehrerin Sylvia Geszty. Nach einer kleinen Krise, in der ich keinen gerade Ton mehr singen konnte, belegte ich einen zweiwöchigen Gesangskurs bei ihr. Sylvia ist es in dieser kurzen Zeit gelungen, meiner Stimme wieder Klang zu verleihen und mir noch eine Oktave dazu zu öffnen. Plötzlich konnte ich Die Königin der Nacht und ähnliche Partien singen.

War die musikalische Fachkompetenz von Sylvia Geszty der ausschlaggebende Grund dafür, warum eure Zusammenarbeit so gut funktioniert hat?

Ja, ich habe bei ihr einfach nichts hinterfragen müssen. Es gab aber auch Studenten, die gar nicht mit ihr zurechtkamen, da sie auf eine bestimmte Art und Weise in dein Privatleben eingriff.

Wie muss ich mir das vorstellen?

Sie sagte schon mal zu einer Studentin: „Der Mann ist nicht gut für Sie, Sie sollten sich trennen“. Oder sie bezeichnete geraffte Abendkleider als „Wurstkleider“.

Das gefällt mir: Ich bin sehr für Direktheit und Geradlinigkeit.

Es gab einfach Stimmen, die gut und die bei ihr weniger gut aufgehoben waren. Sylvia brachte einem hervorragend bei, Koloraturen zu singen und dabei eine bestimmte Leichtigkeit zu bewahren. Wer eine große Wagner-Interpretin werden wollte, hatte es hingegen eher schwer bei ihr (lacht).

Du wurdest 1994 an die Städtischen Bühnen in Nürnberg engagiert. Unter dem damaligen Leiter der Nürnberger Oper, Eberhard Kloke, hast du nicht nur Partien wie das Ännchen in „Der Freischütz“ oder die Königin der Nacht in „Die Zauberflöte“ gesungen, sondern dich auch mit ausgefallenen Werken wie Prokofjews „Feuriger Engel“ oder Schönbergs Opernfragment „Moses und Aron“ auseinandergesetzt. Inwiefern war die Beschäftigung mit diesen Werken eine einschneidende Erfahrung für dich?

Ich hatte ein wahnsinniges Glück, meine Karriere als Sängerin unter dem GMD Eberhard Kloke beginnen zu können. Er hat nicht nur die Oper, sondern ganz Nürnberg umgekrempelt. Hier kam ich intensiv in Berührung mit neuer Musik. Sie birgt natürlich große Gefahren für die Stimme: Daher sollte man sich als Anfänger nicht gleich jede Partie zutrauen.

Ist das auch der Opernleitung bewusst?

Je nachdem, aber junge Sänger werden in dieser Hinsicht keinesfalls geschont. Ich hatte zu Beginn meiner Zeit in Nürnberg einen großen Disput mit Herrn Kloke, da ich mich geweigert hatte, eine Partie zu singen, in der ein hohes G verlangt wurde.

Wie ging dieser Streit aus?

Ich bin froh, dass ich mich getraut habe, meinen Unmut zu äußern: Denn ich musste die Rolle letztendlich nicht singen. Das Witzige an der Sache war, dass Herr Kloke anschließend einen Gast ans Haus holte, der das hohe G auch nicht sang.

Es bringt also doch etwas, als Künstler seine Stimme zu erheben.

Ich kann jedem jungen Sänger nur raten, in sich selbst hineinzuhören und zu spüren, was einem gut tut und was nicht. Natürlich ist das heute, wo die begehrten Jobs rar sind, noch schwieriger geworden als zu meinen Anfangszeiten.

Worin siehst du heutzutage die größte Gefahr für einen Sänger?

Dass er oder sie jahrelang an einem Haus festsitzt und kurz vor dem Unkündbarkeit entlassen wird. Oder dass die jeweiligen Agenten nach einer gewissen Zeit im Festengagement nur noch wenig Energie in einen Sänger oder eine Sängerin investieren und ein Wechsel in eine andere Agentur aufgrund von Kapazitätsengpässen kaum mehr möglich ist. Rückblickend hatte ich selbst einfach das große Glück, den Unterbau von zwei großartigen Häusern – den Städtischen Bühnen in Nürnberg und der Deutschen Oper am Rhein – zu bekommen, mit dem ich mich hinaus in die Welt bewegen konnte.

Hättest du dir damals zu irgendeinem Zeitpunkt vorstellen können, doch noch Lehrerin zu werden?

Nein, Gott bewahre! Ich unterrichte sehr gerne, aber ich hätte mit den alten Strukturen, in denen die Lehrer gefangen sind, meine Probleme.

Dabei wären gute Musiklehrer gerade heute sehr vonnöten.

Ich hatte selber einen solchen Musiklehrer am Gymnasium in Tuttlingen! Aber diese festen Arbeitszeiten, Lehrpläne und so weiter: Das alles würde mich nicht in meiner Kreativität beflügeln.

Du hast im Alter von 7 Jahren begonnen, Klavier zu spielen.

Später kam die Querflöte hinzu und dann das Singen im Kirchenchor. Als Jugendliche habe ich dann meine ersten Preise bei „Jugend musiziert“-Wettbewerben gewonnen. Rückblickend wundere ich mich oft über diese Selbstverständlichkeit, mit der die Musik immer schon ein großer Teil meines Lebens war.

Wenn sich ein Musiker diese Leichtigkeit auch auf einem hohen professionellen Niveau bewahren kann, spürt man das als Zuhörer sofort. Ich habe im September einen Teil des ARD-Musikwettbewerbs mitverfolgt und man erkennt sofort, welche musikalische Erziehung der jeweilige Kandidat oder die jeweilige Kandidatin genossen haben.

Diese Wunderkinder sind oft brillant, was ihre Technik angeht. Aber sie spüren sich oft nicht selbst, sondern sind trainiert. Zur einer musikalischen Darbietung gehört für mich untrennbar das menschliche Erleben mit dazu. Deswegen wird man immer wahrhaftiger, je älter man wird.

Marlis Petersen 2016, © Yiorgos Mavropoulos

Auf welcher Bühne ist deine eigene Seele am stärksten im Einklang mit der Musik?

Beim Liedgesang, den ich erst relativ spät in meiner Karriere entdeckt habe. Ich hatte ein Erweckungserlebnis mit einem Opern-Korrepetitor in Wien, der fantastisch orchestral spielen konnte und eine große Affinität zum Lied besaß. Wir haben angefangen, sämtliche Schumann-, Schubert- und Brahms-Bände einfach vom Blatt zu spielen und singen. Ehe wir uns versahen, war aus all den Liedern, hinter die wir ein Doppelkreuz gesetzt hatten, ein ganzes Programm entstanden.

Was war dir in Bezug auf deine Liederabende und CD-Einspielungen am wichtigsten?

Viele Lieder wie die Winterreise von Schubert hat man hunderte Male von den unterschiedlichsten Sängerinnen und Sängern gehört. Mir ging es mehr darum, eine Sammlung an Liedern zusammenstellen, bei der ich den Zuhörer mit auf eine musikalische Reise nehme. Die Thematik der Liederauswahl sollte unbedingt etwas mit unserer heutigen Welt zu tun haben.

Ein sehr schöner Gedanke in einer Zeit, in der wir Musik fast ausnahmslos Musik über Streaming-Dienste beziehen.

Gerade deshalb wollte ich mit meiner Trilogie DIMENSIONEN, die 2019 mit der CD Innenwelt ihren Abschluss fand, eine Art Gesamtkunstwerk herausbringen. Denn die Produktion einer CD ist für mich immer eine ganzheitliche Angelegenheit. Die Fotos in den Booklets meiner CDs entstanden daher an ganz speziellen Orten: Zum Beispiel auf Lesbos in einem versteinerten Wald oder im Teufelsgrund in der fränkischen Schweiz.

Wenn man dich so erzählen hört, kann man sich vorstellen, wie viel Energie dein Job nicht nur in musikalischer, sondern auch in emotionaler Hinsicht kostet. An welchem Punkt merkt man als Künstlerin, dass man sich für eine gewisse Zeit zurückziehen muss, um wieder neue Kraft für kommende Projekte zu tanken?

Das merkt man meistens erst dann, wenn man sich einmal in eine Krise hinein manövriert hat. Die ersten Anzeichen der Überlastung spürte ich 2010, als ich gerade Medea an der Staatsoper in Wien probte. Ich bekam einen Anruf, dass ich in der Hamlet-Inszenierung an der Metropolitan Opera in New York einspringen sollte. Vom Flughafen ging es direkt in die Kostümabteilung, danach gleich in die ersten Proben – dann wechselte ich noch schnell die Wohnung, weil die erste schrecklich war. Am darauffolgenden Tag gab es weitere Proben.

Am dritten Tag in New York lernte ich bei einer halben Bühnenorchesterprobe meine Kollegen Larmore und Keenlyside kennen und abends stand ich in der Premiere an der Metropolitan Opera auf der Bühne. Danach bin ich vor lauter Erschöpfung zusammengebrochen.

Wie findet man aus so einem akuten Erschöpfungszustand wieder heraus?

Unsere Souffleuse hat mich zu einem wunderbaren Akupunkteur geschickt, der wahre Wunder bei mir bewirkt hat! Auch, weil er mir klar machte, dass es nicht nur um eine momentane Erschöpfung, sondern um ein ganz generelles Thema in meinem Leben geht: „What’s the purpose of the decisions you are taking?“ Am Tag nach dem ersten Besuch bei diesem Akupunkteur spürte ich bereits bei meinem morgendlichen Kaffee-Kauf bei Starbucks, dass das nicht die richtige Wahl war. Bei allen Entscheidungen, die man trifft, ob klein oder groß, sollte man sich immer klar werden, warum man sie tut und ob sie wirklich stimmig sind oder doch auf Autopilot laufen.

Es bedeutet viel Arbeit, sich selbst immer wieder zu fragen, was man eigentlich vom Leben will. Ich beobachte in meinem Umfeld, dass es selbst in positiver Hinsicht immer einen Anstoß von außen braucht, damit die Leute aktiv werden.

Es gibt viele Taten, die nicht von innen her belebt sind. Wir vollbringen sie, weil wir vor anderen gut dastehen möchten. In solchen Situationen würde es helfen, ehrlicher zu sich selbst zu sein. Man kann vieles auch einfach sein lassen…

Hast du deinen Akkupunkteur aus New York übrigens irgendwann noch einmal wiedergetroffen?

Nein, er wurde Mönch in Malaysia. Die Begegnung mit ihm prägt mich bis heute sehr.

Glaubst du an Zufälle?

Nein, ich glaube an Energie und Resonanz. Wenn man seine Schwingung erhöht, indem man versucht, positiv durchs Leben zu gehen und auch in dunklen Momenten immer wieder dem Licht folgt, stellt sich der eigene Energiekörper allmählich auf die höhere Frequenz ein.

Bei einem so kontaktfreudigen und zugewandten Menschen wie dir schlägt das Pendel doch eh immer positiv aus!

Es hat lange gebraucht, bis ich zu dieser Offenheit gefunden habe. Ich bin Einzelkind und mein Vater war aufgrund seines ersten Berufes als Schiffsingenieur mit seinen Ohren extrem lärmempfindlich. Als Kind wuchs ich sehr behütet, aber auch sehr abgeschottet von der Außenwelt auf. Aus dieser Zeit ist mir geblieben, dass ich mich in stressigen Momenten gerne zurückziehe.

Da trifft es sich gut, dass du mit deinem Haus in Griechenland den perfekten Rückzugsort gefunden hast.

Ich lebe mittlerweile schon seit 10 Jahren in diesem schönen Land, in das ich zum ersten Mal als Schülerin im Alter von 15 Jahren kam. Griechenland ist einfach ein Traum, weil dort alles entspannter und lockerer zugeht, als hierzulande. Ich bin so oft es geht in meiner Wahlheimat.

Von Griechenland an die Bayerische Staatsoper: Deine Rolle in „Die tote Stadt“ an der ist in jeglicher Hinsicht eine große Herausforderung. Wie bereitet man sich auf so eine Vorstellung vor?

Ich versuche den Aufführungstag so normal wie möglich zu gestalten – natürlich ohne dabei viel zu sprechen oder einen größeren Einkaufsbummel einzuplanen. Wenn ich hingegen andere Partien wie früher die Adele in Die Fledermaus singe, kann ich auch schon mal bis 16 Uhr shoppen gehen.

„Die tote Stadt“ hat mich wirklich vollkommen überwältigt. Nach diesem Abend musste ich erst einmal einen kleinen Spaziergang rund um die Oper machen, um die sehr intensiven Eindrücke dieser Inszenierung zu verarbeiten.

Dieser Abend war auch für mich etwas ganz besonderes. Wir Sänger sehen ja hinter der Bühne auf den Monitor des Dirigenten und haben einen relativ freien Blick auf die Zuschauer, die bis in der 7. oder 8. Reihe sitzen. Letztens habe ich in der ersten Reihe zwei Damen beobachtet, die am Ende der Inszenierung geweint und sich gegenseitig umarmt haben. Wenn man es schafft, Menschen derartig emotional zu berühren, hat man als Sängerin oder Sänger alles geschafft an so einem Abend. Dann fließen auch bei uns die Tränen.

Du hast die Doppelpartie der Marie/ Marietta 2017 schon einmal an der Opera Narodowa in Warschau gesungen.

Ja, das war auch eine tolle Erfahrung! Der polnische Regisseur Mariusz Treliński hatte einen sehr filmischen Blick auf das Stück. Die Traumsequenz im zweiten Akt war bei ihm ein skurriler Mix aus Elevationen, Masken und schrägen Typen auf der Bühne.

Ich finde es immer am schönsten, wenn man als Zuschauer spürt, dass es einen Einklang zwischen der Musik und der Regie gibt.

Absolut. Ein Dirigent muss natürlich offen gegenüber einem Regisseur wie z.B. Peter Konwitschny sein, der sich gerne auch mal in musikalischer Hinsicht einmischt. Kirill Petrenko sitzt übrigens in der Bayerischen Staatsoper bereits ab einem frühen Zeitpunkt in den Proben und beobachtet, wie Regie, Musik und die Persönlichkeiten der Sänger unter einen Hut zu bringen sind, damit der Abend strahlt.

Für mich die einzig wahre Methode, damit die Oper nicht zu einem reinen Illustrationstheater verkommt…

Wie sagte man früher so schön: „Park and bark!“.

Was ist dir als Sängerin in Bezug auf dein Publikum sehr wichtig?

Dass sich emotional etwas von mir auf der Bühne in den Zuschauersaal überträgt – und dass die Zuhörer den Text verstehen können.

Ist der Starkult, der oft um Opernsänger herum herrscht, etwas, das dich amüsiert oder eher abschreckt?

Auf der einen Seite finde ich ihn sehr schön und auf der anderen Seite würde ich nach manch einer Vorstellung gerne einfach nur durch die Hintertür verschwinden. Ich mache mir dann aber immer bewusst, dass viele Menschen lange vor der Bayerischen Staatsoper oder anderenorts ausgeharrt haben, um uns für einen kurzen Moment zu sehen.

Eigentlich wollte ich in meinem Interview nicht über deine Rolle als „Lulu“ sprechen, weil sie schon so oft Thema in den Gesprächen mit dir war. Ich hatte immer meine Probleme mit dieser männlichen Projektionsfläche Lulu, bis ich vor einiger Zeit die Inszenierung von Bastian Kraft im Marstall des Residenztheaters sah, die mir einen vollkommen neuen Blick auf dieses Stück eröffnete. Kannst du dich noch an deine erste Begegnung mit einer Figur, die deine Karriere geprägt hat wie keine andere, erinnern?

Natürlich! In meinem ersten Engagement in Nürnberg sang ich jedoch nur den ersten Akt von Alban Bergs Opernfragment. Es gab damals drei Sängerinnen von ähnlichem Format an diesem Haus und der Intendant Eberhard Kloke hatte die Idee, die Austauschbarkeit der Frau in den Augen der Männer zu zeigen.

Marlis Petersen und Jonas Kaufmann in „Die tote Stadt“ an der Bayerischen Staatsoper © Wilfried Hösl

Ein ähnliches Konzept hat Bastian Kraft nun für seine Inszenierung am Residenztheater entwickelt: Dort verkörpern drei Schauspielerinnen unterschiedlichen Alters Lulu in all ihren unterschiedlichen Facetten.

Das klingt sehr spannend! Alles, was Lulu widerfährt, passiert ja tatsächlich zwischen ihrem 15. und ihrem 18. Lebensjahr. Ich diskutiere oft mit Kritikern über den Begriff „Femme fatale“, weil er meiner Meinung nach auf Lulu nicht zutrifft.

Wenn sie nicht die selbstbestimmte, alle moralischen Grenzen sprengende Verführerin ist: Wer ist Lulu dann?

Allein die Tatsache, dass sie mit 12 Jahren auf der Straße gestrandet ist und sich mit dem wesentlich älteren Schigolch einlässt, zeigt uns, dass sie ein sehr lockeres Verhältnis zu ihrer eigenen Sexualität hat. Essen, trinken, Sex – der selbstverständliche Alltag ihres jungen Lebens. Sie muss nur mit dem Finger schnipsen, um einen Mann zu bekommen: Daher gibt es einige andere Themen, die in ihrem Leben in den Hintergrund treten. Lulu hat nie tiefe Gefühle gegenüber einem Menschen erlebt und ihr Handeln nie hinterfragt. Die Beziehung zu Dr. Schön erweckt im 2. Akt zunächst einen Anflug von Normalität: Doch sie ist zum Scheitern verdammt, weil Schön glaubt, Lulu zu besitzen.

Wer war deine Lulu bei deinem Debüt an der Wiener Staatsoper 2002 – und welche Art von Lulu erlebten die Zuschauer auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper 2015?

Gute Frage. Im Prinzip ist diese Rolle in meiner Wahrnehmung überwiegend gleich geblieben. Im Laufe der Jahre wird man als Darstellerin allerdings sensibler für die Details. Mir wurde erst in diesen letzten Jahren, in denen ich „Lulu“ verkörpert habe, die große Brutalität, die mit dieser Figur zusammenhängt, richtig bewusst. Wenn man Lulus Tod am Ende der Oper immer wieder spielen und durchleben muss, macht das auch als Privatperson etwas mit einem. Ich hatte immer Empathie für Lulu, die im ersten Akt dieses faszinierende, unbegreifliche, quirlige Etwas ist, das die Männer alle haben wollen. Im zweiten Akt fällt dann der Schuss und Dr. Schön stirbt durch ihre Hände. Viel entscheidender als dieser Mord an ihrem Ehemann ist die Tatsache, dass Lulu ihr kindliches Dasein in diesem Moment abstreift und sich bewusst wird, was sie da gerade getan hat.

Andreas Hörl als Athlet und Marlis Petersen als Lulu in Peter Konwitschnys „Lulu“-Inszenierung an der Hamburger Staatsoper 2003, © Claudia Esch-Kenkel

Insofern sagt diese Figur doch viel über die meisten Frauen aus: Die eigene Naivität rettet einen bis zu dem Augenblick der Erkenntnis über so manches hinweg.

Sobald wir Dinge erkennen, begeben wir uns ins Höllenfeuer der Bewusstwerdung. Man darf aber nie vergessen, dass man da hinterher gereift wieder heraus kommt.

Meinst du, Lulu konnte die Quadratur des Kreises nicht durchbrechen, weil ein Mann die Oper komponiert hat?

Vielleicht (lacht). Das Libretto stammt ja auch von einem Mann – ebenso wie Wedekinds Theatervorlage.

Ist diese Rolle ein so großes Geschenk für eine Sängerin, da man wie in kaum einer anderen Opernrolle Zuschreibungen hinterfragen und mit Erwartungen brechen kann?

Ja, durchaus. Für mich besteht die Aufgabe von Oper genau darin: Dem Zuhörer andere Sichtweisen anzubieten und nicht nur das Erwartbare zu präsentieren. So wie Peter Konwitschny, der es meiner Meinung nach 2003 an der Hamburger Staatsoper geschafft, dem Opernfragment Lulu noch einmal ganz neue Dimensionen zu verleihen.

Kam nach deiner letzten „Lulu“-Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper in den letzten Jahren noch einmal so etwas wie Wehmut auf?

Ich hatte noch einmal eine kurze Begegnung mit Lulu, als ich in Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern in diesem Jahr die „Lulu-Suite, eine Zusammenstellung von Stücken aus Bergs Oper, präsentierte. Da habe ich schon kurz eine Träne verdrückt. Diese Rolle war jahrelang so fest in mir verankert, dass ich sie im wahrsten Sinne des Wortes entwurzeln musste, um sie loslassen zu können. Ich hatte übrigens den schönsten Abschied von Lulu, den man sich vorstellen kann.

Inwiefern?

An der Metropolitan Opera in New York bekommst du normalerweise als Sängerin extra ein Schrei-Double für den Todesschrei am Ende der Inszenierung zur Seite gestellt. Bei meiner allerletzten Vorführung stand ich aber alleine hinter einem Paravent und habe Lulu buchstäblich in den Kosmos geschrien. Und ich merkte, wie sie ganz langsam aus mir entwich. Ihre Seele wohnt bis heute in mir: Aber die Figur ist jetzt wieder frei, sich andere große Interpretinnen zu suchen.

Liebe Marlis: Es war mir eine überaus große Freude, mich im Dezember so ausführlich mit dir über die Musik und das Leben unterhalten zu dürfen! Toi toi toi für die „Salome“-Premiere am Theater an der Wien am 18.01.2020 und ich freue mich sehr darauf, dich bald wieder auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper oder eine anderen Bühne erleben zu dürfen! 


Mehr Infos über Marlis Petersen: 

https://www.marlis-petersen.de/

https://www.staatsoper.de/biographien/detail-seite/petersen-marlis.html

Facebook @Sopranissifee

Am Samstag, 18. Januar, feiert Marlis Petersen als Salmone in der gleichnamigen Inszenierung von Nikolaus Habjan Premiere am Theater an der Wien.

Am 19. Juli ist Marlis Petersen wieder in Die tote Stadt an der Bayerischen Staatsoper zu erleben.

Von Die Kulturflüsterin

PR-Managerin I kulturbegeistert I Theater, Film, Fernsehen, Kunst I Social Media I Digitale Geschichtenerzählerin

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