Allgemein,  Buchgeflüster,  Interviews,  Reisegeflüster

#Interview mit Helme Heine

© Helme Heine/ helmeheine.de

Seit dem weltweiten Erfolg seines ersten Kinderbuches Das Elefanteneinmaleins veröffentlichte der renommierte Schriftsteller Helme Heine mehr als 50 Kinder- und Jugendbücher, die in 35 Sprachen übersetzt wurden. Ein Gespräch in seinem neuseeländischen Wohnort Russell über seine Wahlheimat Neuseeland, die Entwicklung seiner Figuren und den Wert von Freundschaften…

Als ich mich am 20.10.2018 zur Langen Nacht der Museen aufmachte, ahnte ich nicht, welch eine glückliche Fügung mich an diesem Abend zu einem meiner außergewöhnlichsten bisherigen Interviewpartner führen würde. Um Mitternacht herum war meine letzte Station im Rahmen der Langen Nacht der Museen das Museum Fünf Kontinente in der Maximilianstraße, wo noch bis 28. April 2019 die Ausstellung Spiegelbilder. Māori-Kunst und Helme Heines Blick auf Neuseeland zu sehen ist. Helme Heine, einer der Helden meiner Kindheit! Ob Na warte, sagte Schwarte, sein bekanntestes Werk Freunde aus dem Jahr 1982 oder Der Superhase: Die Figuren in Helme Heines Universum waren um einiges frecher und mutiger, als ich sie von anderen Kinderbüchern kannte. Er nahm seine jungen Leser ernst und konfrontierte sie auch mit schwierigen Themen wie Angst, Verlust und Trauer. Die kindliche Gefühlswelt stets im Blick behaltend, verstand es dieser Autor, ein Stück Philosophie in die Kinderzimmer zu bringen, ohne dabei zu elitär zu werden und seine Leserschaft zu überfordern. Auch als Erwachsene ist es heute für mich immer noch ein großes Vergnügen, Helme Heines Figuren auf ihren abenteuerlichen Wegen zu folgen.

Der 1941 in Berlin geborene Schriftsteller studierte Betriebswirtschaft und Kunst, bevor er Mitte der 1960er Jahre für zwölf Jahre mit seiner Frau Gisela von Radowitz und ihren Kindern nach Südafrika zog. Dort gelang es ihm, sich als Künstler zu etablieren, indem er als Regisseur, Bühnenbildner und Schauspieler arbeitete, eine satirische Zeitschrift herausbrachte und in Johannesburg das politisch-literarische Kabarett „Sauerkraut“ gründete. 1975 gelang ihm sein Durchbruch als Kinderbuchautor mit Das Elefanteneinmaleins. Das Buch wurde unter anderem von der Stiftung Buchkunst mit dem Preis „schönste deutsche Bücher“ ausgezeichnet. Mit „Na warte, sagte Schwarte“ folgte 1977 der erste große Erfolg für Helme Heine. 1977 kehrte er mit seiner Familie aus Südafrika nach Deutschland zurück und veröffentlichte mehr als 50 Kinder- und Jugendbücher,  die in 35 Sprachen übersetzt wurden. Sein berühmtestes Werk „Freunde“ erschien 1982. Bekannt wurde Helme Heine auch als Schöpfer des kleinen grünen Drachen Tabaluga, den er mit dem Musiker Peter Maffay und dem Texter Gregor Rottschalk entwickelte.

Im Münchner Museum Fünf Kontinente präsentierte Helme Heine Ende Oktober seinen ganz eigenen, humorvollen, aber auch kritischen Blick auf die Beziehung der Māoris und der Pākehās, wie die weißen Einwohner Neuseelands von den Māoris genannt werden. An diesem Abend fand ich heraus, dass Helme Heine seit beinahe 30 Jahren gemeinsam mit seiner Frau in seiner Wahlheimat Neuseeland lebt. Obwohl ich wusste, dass es extrem aufwändig werden würde, während meiner Neuseeland-Reise Anfang Januar 2019 von meinem Standort im Süden der Insel noch einmal ganz hinauf in den äußersten Norden nach Russell zu reisen, wollte ich diesen spannenden Autor unbedingt persönlich treffen. Einige Tage vor meiner Abreise nach Neuseeland bekam ich tatsächlich durch Helme Heines Sohn die Zusage für ein Interview – der Tag in Helme Heines Haus in der Bay of Islands sollte eines der absoluten Highlights meiner Reise werden.

Nach Neuseeland kam Helme Heine zum ersten Mal, als 1989/90 eine Theater- und Musical-Arbeit für die Weltausstellung im japanischen Osaka umsetzte. Auf dem Rückweg nach Deutschland hatten seine Frau und er die Möglichkeit, einen Zwischenstopp an einem von ihnen präferierten Ziel einzulegen. Helme Heine und Gisela von Radowitz, genannt Kiki, entschieden sich für Neuseeland – und verliebten sich sofort in die Insel. Ende der 1980er Jahre reifte ihr Plan, sich dauerhaft am anderen Ende der Welt niederzulassen. Drei Orte nannten ihnen die Neuseeländer, an denen es sich besonders lohnen würde, nach einem Haus zu suchen. Einer davon war Russell in der Bay of Islands. Welch ein Kleinod der rund 800 Einwohner zählende Ort im Far North District der Region Northland auf der neuseeländischen Nordinsel ist, merkte ich gleich bei meiner Ankunft. Während sich auf der gegenüberliegenden Seite des Wassers in Paihia die Touristenmassen tummelten, herrschten im belebten, aber trotzdem angenehmen ruhigen Russell beinahe paradiesische Zustände. Nach der Unterzeichnung des Vertrages von Waitangi 1840 wurde die Stadt für kurze Zeit zur neuseeländischen Hauptstadt erklärt. In dem kleinen, wunderbaren Museum der Stadt kann man auf den Spuren der ersten weißen Einwohner der Insel wandeln und mehr über die Geschichte der Bay of Islands erfahren.

Als ich Helme Heines Garten in Russell betrat, war ich absolut sprachlos und überwältigt. Wir liefen vorbei an zahlreichen Skulpturen aus aller Herren Länder, Grapefruit-, Pflaumen-, Kirschen- und Apfelbäumen, Palmen, einem Pavillon mit Blick auf das Meer und Helme Heines Atelier, das aussieht wie ein Haus aus seinen „Freunde“-Büchern und wie ein Ufo inmitten des riesigen Anwesens wirkt. Helme Heines Frau Kiki, die nicht nur bis heute gemeinsam mit ihrem Mann an seinen Büchern arbeitet, sondern auch selbst Romane für Erwachsene und Kinder veröffentlichte, als Übersetzerin tätig war und zahlreiche Drehbücher für Film und Fernsehen schrieb, servierte selbstgemachte Grapefruit- und Pflaumen-Marmelade. Die Grillen zirpten und direkt neben unserem Frühstücksplatz auf der Terrasse neben dem Haus der Heines beobachtete ich, wie sich ein Eisvogel auf einem Baum niederließ und dort für mehrere Minuten so mucksmäuschenstill ausharrte, als wolle er unser Gespräch mit anhören. Ich fühlte mich hier im Hause der Familie Heine so herzlich willkommen, als wäre ich zu Besuch bei zwei langjährigen Freunden.

Der einzige Wermutstropfen an diesem Tag war meine fehlende Stimme aufgrund einer heftigen Erkältung, die ich mir in meiner dritten Neuseeland-Woche zugezogen hatte. Ich ignorierte sie, so gut es ging und musste glücklicherweise nicht im Laufe des Tages irgendwann zu Zettel und Stift greifen.

„Die Verrückten mit dem Garten“ hätten ihre Nachbarn sie genannt, als sie vor rund 30 Jahren hier ankamen. Helme Heine, der Lebenskünstler, hat aus einem großen Stück brachliegendem Land sein eigenes Paradies mit Blick auf das Meer geschaffen, in dem man sich gar nicht satt sehen kann vor lauter unterschiedlicher Pflanzen und Skulpturen. Der 77-jährige ist ein Universalgenie mit der Neugier eines Kindes und der Sprachgewandtheit eines Philosophen. „Wir Deutschen blicken vor allem in die Vergangenheit und vergessen vor lauter Angst und Sorgen in Bezug auf unsere Zukunft, in der Gegenwart zu leben. Die Afrikaner hingegen leben voll und ganz im hier und jetzt, für sie gibt es kein Morgen. Und der Blick der Chinesen ist auf die Zukunft gerichtet – vor allem auf den Fortschritt in ihrem Land“, sagt der sein ganzes Leben über weit gereiste Schriftsteller, der unter anderem auch einige Zeit in Irland gelebt hat.

Ich habe in den vergangenen Wochen in Neuseeland festgestellt, wie einfach es ist, hier neue Leute kennenzulernen. Allerdings ist es oft schwer, über einen oberflächlichen ersten Kontakt hinauszukommen. Ging es Ihnen in den Anfangsjahren auf der Insel ähnlich?

Helme Heine: Als wir hier ankamen, waren unsere Nachbarn sehr aufgeschlossen und sind sofort auf uns zugegangen. In Deutschland hätte man erst mal hinter der Gardine hervorgelugt und sich gedacht: „Na ja, so jung sind die Neuankömmlinge auch nicht mehr“. Zugegebenermaßen kann man sich nur wenig über inhaltliche Themen mit den Neuseeländern austauschen, weil die meisten von ihnen kaum lesen. Wenn ich ihnen hingegen erzähle, wo ich gestern beim Segeln in der Bay of Islands die besten Snapper und Kingfische gesichtet habe, sind sie plötzlich hellwach. Das sind die Themen, die sie umtreiben, mehr als Literatur und Weltpolitik. Die Kreuzfahrtschiffe kommen meist nicht zu uns, da Russell auf einer schmalen Halbinsel liegt. Es gibt nur eine Ausfallstraße über Land, daher ist die Anzahl der Einbrüche überschaubar. Uns ist nur einmal in den fast 30 Jahren, in denen wir hier in Neuseeland leben, etwas gestohlen worden: Eine uralte Schubkarre!

Gisela von Radowitz: Und eine Bronzefigur von Helme vom Gartentor. Wir nehmen an, dass jemand mehr am Materialwert interessiert war, als am Kunstwert. Mit dieser „Räuber-Geschichte“ haben wir es sogar auf die erste Seite des New Zealand Herald geschafft! Wenn ich in Russell einkaufen gehe, muss ich die Haustür nicht abschließen. Auf der gegenüberliegenden Seeseite unseres Wohnorts auf dem Festland in Paihia ginge das schon nicht mehr. Dort gibt es zu viele Touristen und Menschen, die sich nur kurz in der Stadt aufhalten.

Helme Heine: Alles in allem ist Neuseeland ein sehr friedliches Land. Aber natürlich hat die Insel auch ihre düsteren Seiten. Es heißt zwar clean green New Zealand, aber das kann ich nicht unterschreiben. Hier werden teilweise Gifte in der Landwirtschaft eingesetzt, die in Deutschland längst verboten sind. Darüber hinaus gibt es in Neuseeland eine erschreckend hohe Selbstmordrate – die höchste unter Jugendlichen weltweit.

Gisela von Radowitz: Das Schulsystem ist gut, aber nach dem Abschluss gibt es wenig berufliche Perspektiven für junge Leute hier auf der Insel. Weil das Geld in vielen Familien knapp ist, wird meistens lieber gejobbt, anstatt eine Ausbildung zu beginnen.

Ich liebe die Neuseeländer und ihre entspannte Art sehr. Was mich aber wirklich immer wieder in Staunen versetzt, ist das gewöhnungsbedürftige Ess- und Trinkverhalten der meisten Kiwis: Die Ernährung ist sehr fleischhaltig, kalorien- und alkoholreich.

Neuseeland ist definitiv ein Land der Farmer. Trotzdem finde ich, dass sich dieses Land im Gegensatz zu Australien trotz aller rauen Elemente durch einen sehr britischen Charme auszeichnet. Australien hingegen merkt man bis heute seine Vergangenheit als ehemalige Sträflingskolonie an.

Gisela von Radowitz: Können Sie den neuseeländischen Akzent gut verstehen?

Auf der Südinsel gab es zwar einige Verständigungsschwierigkeiten mit den Freunden des Ehemanns meiner Freundin Julia – vielleicht lag es aber auch einfach an der Sprechgeschwindigkeit. Ansonsten aber bin ich ein großer Fan des neuseeländischen Akzents. In der Familie des Ehemanns meiner Freundin Julia bekam ich auch immer wieder einige Māori-Sätze zu hören, da Grants Vater Māori ist.

Helme Heine: Es leben ca. 800.000 Māori auf der Insel – ich behaupte trotzdem, dass es sich um eine sterbende Kultur handelt, da diese Zahl zu gering ist, um ihre Sprache dauerhaft zu pflegen. Selbst ein renommierter Māori-Künstler wie Cliff Whiting, dessen Werke gerade neben meinen Bildern in der Ausstellung „Spiegelbilder“ im Münchner Museum Fünf Kontinente zu sehen sind, wechselt bei einer Rede nach ein paar Sätzen Māori ins Englische, weil ihn viele Māori ansonsten nicht verstehen würden. Er hat darüber hinaus festgestellt, dass viele philosophische und ethische Begriffe, die mit seiner Kultur in Verbindung stehen, den meisten Māori nichts mehr sagen.

Der Vater des Ehemanns meiner Freundin Julia hingegen pflegt seine Kultur noch sehr bewusst. Gerade hat er gemeinsam mit dem Bürgermeister von Queenstown die Feierlichkeiten zum Waitangi Day am 06. Februar in der Stadt organisiert. Eine sogenannte „cultural experience“, wie ich sie beim Besuch der Waitangi Treaty Grounds erlebt habe, ist zwar interessant: Von einer authentischen Art und Weise, die Māori-Kultur zu erleben, ist man dabei als Zuschauer aber weit entfernt.

Helme Heine: Da geht es mir manches Mal wie mit dem Schuhplattler in Bayern: Der ist mittlerweile auch mehr eine Touristenattraktion als Teil einer gelebten Kultur. Im Laufe der Jahre wurde die Māori-Kultur in Neuseeland immer mehr zu einer Erinnerungskultur.

Gisela von Radowitz: Es gibt aber Bestrebungen, die Sprache der Māori wiederzubeleben, beziehungsweise sie zu erhalten. Zumindest in den Schulen.

Helme Heine: Ja, aber es fühlt sich ein bisschen an, als würde man Latein lernen. Es entwickelt sich daraus keine gelebte Sprachkultur.

In Bayern, wo ich aufgewachsen bin und bis heute lebe, gibt es gerade einen großen Bewusstseinswandel und ein damit einhergehendes Revival der eigenen Sprech- und Lebenskultur. Vor allem im kulturellen Bereich mit Musikern wie G.Rag & die Landlergschwister oder den Geschwistern Matthias und Maria Well.

Helme Heine: Ich glaube, das wiedererwachte Bewusstsein für die eigene Mundart hängt vor allem damit zusammen, dass unsere Welt immer homogener wird. Durch die eigene Sprachfärbung hat man die Möglichkeit, seine Individualität ein Stück weit zu bewahren. Hier in Neuseeland müssten sich die Māori heute wieder viel stärker ins Gedächtnis rufen, was für ein belebendes Kulturelement ihre Sprache darstellt.

Vielleicht kommt einem die hier vorherrschende „sweet as“-Mentalität in Bezug auf die Rettung einer Kultur nicht unbedingt zugute. Mich hat es erstaunt, dass die Māori-Bevölkerung den Waitangi Treaty Day als Feiertag ansieht: Für sie hatte die Vertragsschließung mit den Engländern im Jahre 1840 ja keineswegs nur Vorteile.

Helme Heine: Es ist nicht nur hierzulande unmöglich, die Vergangenheit mit Geld ungeschehen zu machen und die Menschen für die vor rund 200 Jahren geschlossenen Verträge adäquat zu entschädigen. Was man oft vergisst: auch die Māori haben Verbrechen begangen. Die Morioris – ein Volk polynesischer Herkunft, das zwischen 1500 bis Anfang des 19. Jahrhunderts weitgehend ungestört auf den neuseeländischen Chatham-Inseln siedelte – wurden beispielsweise im 19. Jahrhundert von zwei Māori-Stämmen überfallen und förmlich abgeschlachtet. Bis dahin hatte jahrhundertelang Nunuku’s Law  gegolten – das Gesetz des pazifistischen Morioris-Häuptlings Nunuku-whenua, nach dem Krieg, Kannibalismus und Mord in jeglicher Form verboten waren. Vor einigen Jahren habe ich dazu folgenden Satz eines Māori-Häuptlings im New Zealand Herald gelesen: „Wer sich so versklaven lässt, der hat auch kein Anrecht auf Wiedergutmachung“. Eine sehr harte Ansage.

Diese kriegerische Seite der Māori-Kultur zeigt sich ja auch noch heute im Haka-Tanz, der heute beeindruckend anzusehen ist, aber nicht mehr bedrohlich wirkt. Was mich an den Māori fasziniert, ist ihre tiefe Beziehung zur Natur, ihre Traditionen, Rituale und ihre Philosophie.

Helme Heine: Ich bin ein Bewunderer dieser Kultur und würde mir wünschen, dass sie von mehr Menschen aktiv gelebt würde.

Sind die in der Ausstellung „Spiegelbilder“ präsentierten Bilder und Skulpturen eigentlich im Auftrag des Museums Fünf Kontinente entstanden?

Helme Heine: Nein, Auftragsarbeiten mache ich nicht. Ich verkaufe auch niemals die Idee zu einem Buch, einer Ausstellung oder einem Film. Ideen verändern sich im Entstehungsprozess. Wenn man dann das fertige Drehbuch, den Roman vorlegt, beginnt irgendwann das große Tauziehen mit dem Kuratoren,  dem Verleger oder dem Produzenten – weil es anders geworden ist als sie sich das vorgestellt hatten. Dann wird nachgebessert, Kompromisse werden geschlossen und am Ende ist niemand glücklich über das Ergebnis.

Am Anfang meiner Überlegungen zu der Ausstellung Spiegelbilder stand die Beziehung der Māori und der Pākehās zueinander. Mir wurde bald klar, dass sich diese am besten durch einen Schwarz-Weiß-Kontrast in meinen Bildern ausdrücken lässt. Ich dachte damals überhaupt nicht daran, meine Werke zu verkaufen oder auszustellen. Doch dann sah sie mein Nachbar, der bekannte Maori-Künstler Cliff Whiting, der mir vorschlug, hier in Russell eine kleine Ausstellung im Stadtmuseum zu organisieren. Eine Freundin, die im Team des Museums Fünf Kontinente in München arbeitet, sah die Bilder und hatte die Idee, diese nach Deutschland zu bringen. Gerade wird seitens der deutschen Botschaft in Wellington darüber verhandelt, die Bilder nach dem Ausstellungsende im Museum Fünf Kontinente zurück nach Neuseeland zu holen.

Gisela von Radowitz: Da gehören sie meiner Meinung nach auch auf Dauer hin.

Helme Heine: Im Moment gibt es ein Thema, das mich schon seit langer Zeit umtreibt: Der Mensch und seine zerstörerische Beziehung zur Natur. Vermutlich werde ich mich die nächsten 2-3 Jahre mit diesem Themenkomplex beschäftigen.

Ihre Bücher wurden teilweise auch verfilmt. Inwiefern sind Sie in die dramaturgischen Prozesse vor dem Drehbeginn eingebunden?

Helme Heine: Der Tabaluga – Film basiert auf der groben Handlungsebene unseres gleichnamigen Romans. Das Drehbuch dazu haben wir nicht geschrieben. Trotzdem interessiere ich mich sehr dafür, was mit den einst von mir entwickelten Figuren geschieht und wie man sie filmisch zum Leben erweckt.

Im Falle der beiden Mullewapp-Filme über den Kinderbuch-Klassiker FREUNDE waren wir sehr stark beratend tätig, vor allem bei dem ersten Film.

700.000 Kinozuschauer bei dem ersten Mullewapp-Film sind wirklich beachtenswert. Es ist Ihnen gelungen, die drei Freunde Johnny Mauser, den dicken Waldemar und Franz von Hahn  auch als Marke zu etablieren.  

Mit dieser Marke gehe ich sehr sorgsam um. Sie finden nur wenige Merchandise-Produkte zu meinen Büchern im Handel. Es gibt diese schöne Geschichte von zwei Müttern, die sich gerade Janosch-Produkte gekauft haben und eine von ihnen sagt zur anderen: „Hast Du schon gehört, der Janosch macht jetzt auch Bücher!“ Ich möchte meine FREUNDE pflegen, und deshalb dürfen sie nicht auf jeder Kaffeetasse zu finden sein.

Was macht ein sehr gutes Kinderbuch für Sie aus?

Helme Heine: Reine Unterhaltungsliteratur ist für mich uninteressant. Zeitverschwendung. Kinderbücher sollten nur elementare Themen behandeln. Kinderbücher können sogar politisch sein.  Recht und Unrecht kennt jedes Kind aus seinem eigenen Lebensbereich.

Neben dem Text spielen die Bilder in meinen Büchern natürlich eine wichtige Rolle. Aber ein „Bilderbuch“ ist kein Buch mit Bildern, sondern  eine inszenierte Geschichte. Man kann die schönsten Bilder malen – wenn das Drehbuch nicht stimmt, ist das Buch nach drei Jahren verramscht. Ich erinnere mich an John Steinbeck, der 1962 den Nobelpreis für Literatur erhielt. In seiner Dankesrede sagte er: „Ich habe den Nobelpreis für meine Romane bekommen. Die viel größere Kunst ist es aber, eine Kurzgeschichte zu schreiben. Und die höchste Kunst besteht darin, ein Gedicht zu verfassen“. Da ist etwas wahres dran.

Gisela von Radowitz: Eines meiner Lieblingsbücher von Helme, Der Hase mit der roten Nase, geht genau in diese Richtung. Das ist ein Werk für die Allerkleinsten, die zum ersten Mal in ihrem Leben ein Buch in der Hand halten. Es geht darum, ihnen philosophische Denkanstöße zu geben und nicht nur zu erzählen, dass das Wasser blau und die Bäume grün sind.

Helme Heine: Mir hat einmal eine Kindergärtnerin erzählt, dass sie ihren Kindern mithilfe dieses Buches ein Gefühl für den eigenen Körper vermittelt. Daran habe ich natürlich beim Schreiben gar nicht gedacht – aber es ist toll, was sich aus einer elementaren Geschichte alles entwickeln kann!

Gibt es für Sie als Verfasser trotzdem Grenzen in Bezug auf die Themen, die man in Kinderbüchern behandeln kann?

Helme Heine: Erst einmal setze ich mir keine Grenzen. Wenn man über die Liebe schreibt, muss man auch über den Tod schreiben können. Diese beiden Dinge sind für mich untrennbar miteinander verbunden. Es gibt aber ein Tabu in meinen Kinderbüchern: Das Bett. Es ist ein heiliger Ort, der allen Schutz gibt.

Gisela von Radowitz: Und was ist mit Rotkäppchen?

Helme Heine: Rotkäppchen war ursprünglich eine erotische Erzählung aus Frankreich, war nie als Kindergeschichte geplant. Das hübsche Mädchen soll der kranken Großmutter Kuchen und Wein bringen. Dafür muss sie durch den Wald, wo der böse Wolf sie fragt, was sie unter der Schürze hat? Omas Haustür ist unverschlossen und Rotkäppchen überrascht den Wolf in Omas Bett.  Er hat sogar ihr Nachthemd an, muss es ihr also vorher ausgezogen haben. Jetzt möchte der böse Wolf auch noch das Rotkäppchen vernaschen. Wahrlich eine sehr elementare Geschichte.

Nicht nur die Literatur, sondern auch die Bühnenkunst spielte in Ihrem Leben immer eine entscheidende Rolle. In den 1960er Jahren haben Sie in Südafrika das politisch-literarische Kabarett „Sauerkraut“ gegründet, 1989-90 folgte dann eine Theater- und Musical-Arbeit für die Weltausstellung in Osaka/Japan. Gab es damals Überlegungen Ihrerseits, schwerpunktmäßig als Dramatiker zu arbeiten?

Helme Heine: Als ich 1977 aus Südafrika zurückkehrte, hatte ich bereits meinen ersten großen Erfolg als Kinderbuchautor mit  Das Elefanteneinmaleins hinter mir. Die Zeit in Südafrika hat mich sehr geprägt und war entscheidend für meinen künstlerischen Werdegang – in Deutschland hätte ich nie so eine entscheidende Entwicklung durchlaufen können. Ein Dramatiker bin ich nicht geworden, aber sehr wohl ein Dramaturg meiner Bücher. Zunächst entwerfe ich das Bühnenbild und die Charaktere. Davon ausgehend entwickle ich ihre Sprache. Ich frage mich, welche Musik sie hören würden, welche Ängste, welche Schwächen sie haben, auch wenn das in der Geschichte gar keine Rolle spielt. Erst dann beginne ich, die Figuren im Detail  weiter zu entwickeln.

Was ist in Ihren Augen für einen jungen Menschen, der ein ebenso erfolgreicher Kinderbuchautor wie Sie werden möchte, wichtiger: Die Geschichte oder die dazugehörigen Bilder?

Helme Heine: Die Geschichte hat Vorrang. Da muss jedes Wort in diesem ultrakurzen Text passen, die Dramaturgie muss stimmen. Den jungen, hervorragenden Zeichnern, die heute von den Hochschulen kommen, fehlt es oft an der passenden Geschichte. Sie müssen sich einen Autor suchen. Vor vielen Jahren wollte ich einen kleinen Gedichtband illustrieren, der das Mutter-Tochter-Verhältnis  zum Thema hatte, aus der Sicht der kleinen Tochter.

Wie haben Sie Ihre Figuren in diesem Fall, wo das „Bühnenkonzept“ bereits vorlag, entwickelt?

Helme Heine: Neben ein wunderschönes, duftiges Gedicht kann man kein Öl-Bild setzen, deshalb entschied ich mich für die Aquarelltechnik.  Die Mutter-Figur bereitete mir große Schwierigkeiten, denn ich hatte immer nur meine eigene Mutter vor Augen, aber es gibt doch tausend unterschiedliche Mutter-Typen auf dieser Welt und ich wollte mich nicht auf einen Typ beschränken. Ich umging das Problem, in dem ich niemals die komplette Mutter zeigte. Man sieht nur die Schuhe der Mama, ihre Hände, in denen die Tochter schläft, ihre Schürze.

Was muss bei einer Zusammenarbeit zwischen einem Zeichner und einem Autor unbedingt gegeben sein, damit das Ergebnis ein Erfolg wird?

Helme Heine: Wenn die Inszenierung stimmt, hat ein Werk einen langen Atem. Wenn ich beispielsweise Der alte Mann und das Meer von Ernest Hemingway illustrieren müsste, würde ich dies ablehnen. Aber ich könnte das Buch schmücken, indem ich Gegenstände aus der Hosentasche des alten Mannes, Familienbilder, Pfeife, Talisman oder verschiedene Angelhaken, Fische, Meeresvögel zeichne. Ich gebe dem Leser dadurch ein zeichnerisches Geschenk, das über den Text hinausgeht. Dabei überlasse ich es seiner eigenen Phantasie, wie der alte Mann aussehen könnte.

Ich erlebe es heute immer wieder, dass man gerade an den künstlerischen Hochschulen sehr stark in seinem eigenen Fach verhaftet bleibt und sich wenig von anderen Kunstformen inspirieren lässt. Ein genialer Künstler kann man auf diesem Wege sicherlich nicht werden.  

Helme Heine: Da bin ich absolut Ihrer Meinung. Die technische Ausbildung ist das eine – wichtig ist es aber auch, bewusst zu leben. Das Leben in sich aufzunehmen, um es nachher künstlerisch verarbeiten zu können. Wenn ich nach Europa reise, dann habe ich keinen Fotoapparat, sondern ein dickes Notizbuch bei mir. Dort halte ich alles, was mir auffällt und was ich interessant finde, fest – daraus entwickeln sich dann erste Ideen für neue Bücher.

Was war die Grundidee für ihr letztes Bilderbuch BÄRENSTARK, das im vergangenen Jahr bei den Hanser Literaturverlagen erschienen ist? 

Helme Heine: Der Held sollte dieses Mal ein Buch sein. Es wurde die Geschichte der kleinen Nandi, der es mithilfe ihres spannenden Buchs gelingt, einen mächtigen Bären in die Schranken zu weisen.

Und an wen dachten Sie, als Sie 2004 Ihre Gottesfigur in SAMSTAG IM PARADIES entwarfen?

Helme Heine: Ich wollte Gott nicht als alten Mann mit Rauschebart im Leinenkleid darstellen – wie soll so ein Mann denn die Kraft besitzen, die Erde zu erschaffen? Ein bis zwei Jahre lang fand ich keine Lösung dafür, wie meine Vision von Gott genau aussehen könnte, bis ich mit Kiki in Paris war und alte Fotos von Monet in seinem Atelier entdeckte. So bin ich auf die Idee gekommen, Gott als Künstler mit Strohhut und farbbekleckertem Arbeitskittel darzustellen, Monet nicht unähnlich.

Kluge Gedanken brauchen Zeit: Geduld ist eine Tugend, die sich junge Künstler heutzutage kaum mehr zugestehen.  

Helme Heine: Kunst ist für mich Form und Inhalt. Wenn ein Autor die Geschichte einer jungen Frau erzählt, deren Katze, die sie über alles liebt, zu Tode kommt, kann man als Maler oder Zeichner zwei Wege beschreiten. Einmal folge ich dem Autor und schaffe ein Bild, wie die Katze überfahren wird und tot am Straßenrand liegt. Oder ich entscheide mich, nicht die Katze, sondern die Trauer der Frau zu malen. Ich zeichne ein kleines  Haus in der Ferne, in dem nur ein Fenster erleuchtet ist, es regnet. Dahinter wähnt man die junge, trauernde Frau. Letzteres würde den Autor glücklich machen, weil ich zwischen den Zeilen illustriere und seinen Text nicht störe.

Wie sind Sie denn damals an die Entwicklung Ihrer berühmten Freunde-Figuren herangegangen?

Helme Heine: Es gibt Hunderte von Büchern über Freunde und die meisten von ihnen sind sehr Action-betont. Ich hingegen wollte ein Buch über die Bedeutung und den Wert der Freundschaft schreiben. Dazu brauchte ich nicht viele Worte, denn die meisten meiner Leser können noch nicht selbst lesen. Wie viele Personen brauchte ich, um eine Freundschaft darzustellen? Ein Einzelner wäre ein Narziss – davon gibt es auch im kindlichen Umfeld genügend Exemplare. Zwei Freunde sind  das „Normale“, deshalb brauchte ich unbedingt noch eine dritte Figur, da eine Gruppenbildung für mehr Konfliktpotential sorgt. Johnny Mauser machte ich zum klugen Kopf des Trios, der bei Gefahr auch schnell unter die Erde entwischen kann. Da er nicht besonders groß und stark ist, habe ich ihm den dicken Waldemar an die Seite gestellt, der alles über den Bizeps zu lösen versucht. Franz von Hahn als dritter Freund im Bunde kann zwar abheben wie wir Künstler – aber die Schwerkraft, das Leben holt ihn immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Damit hatte ich das Personal für mein erstes Freunde-Buch gefunden – nun fehlte noch ein Symbol für ihre ungewöhnliche Freundschaft. Die Lösung war das Fahrrad: Franz von Hahn sitzt auf dem Lenkrad und steuert es, der dicke Waldemar ist der Motor, er tritt kräftig in die Pedale, und Johnny Mauser sorgt dafür, dass die drei nicht das Gleichgewicht verlieren.

Diese sehr philosophischen Gedanken, die Ihre Bücher ausmachen, haben mich schon als Kind fasziniert. 2015 ist im C. Bertelsmann Verlag gleich ein ganzes Philosophen-Buch von Ihnen erschienen.

Helme Heine: Mich hat immer gestört, dass die Philosophen anscheinend nur für andere Philosophen schreiben, und das in einer oft verschnörkelten, umständlichen Sprache. Viele philosophische Grundgedanken sind zudem über die Jahrhunderte in Vergessenheit geraten oder mittlerweile überholt. Ich wollte meinen Leser daher ein kleines, verständliches Buch an die Hand geben, das ihnen einen Einblick in die Welt der großen Denker bietet.

Dieses Werk haben Sie aber bewusst nicht für Kinder verfasst.  

Helme Heine: Nein, natürlich nicht. Oh, diese Philosophen ist kein Kinderbuch. Ich brauche die Abwechslung. Nur für Kinder zu schreiben, würde mich zu sehr einschränken. Ich bin ja auch hin und wieder als Ghostwriter für die Industrie tätig. Um im Kopf beweglich zu bleiben, muss ich aktiv etwas dafür tun. Ich lerne zum Beispiel alle zwei Wochen ein Gedicht auswendig. Das aktuellste stammt von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahre 1813.

Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.
Ich wollt es brechen,
Da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?
Ich grub’s mit allen
Den Würzlein aus.
Zum Garten trug ich’s
Am hübschen Haus.
Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.

Das Gedicht „Gefunden“ habe ich tatsächlich als Kind auch auswendig gelernt. Meine Eltern hatten damals eine Goethe-CD für Kinder, die bei uns im Auto rauf- und runterlief.

Helme Heine: Sehr schön! Für mich ist es ein großer Unterschied, ob ich ein Gedicht bei Wikipedia nachlese, oder ob ich es mit mir umhertrage. Ich glaube, dass sich auch das eigene Sprachvermögen daran schleift, wenn man Gedichte lernt.

Noch einmal zurück zum Thema Freundschaft: Wie pflegen Sie am anderen Ende der Welt den Kontakt zu Ihren engen Freunden?   

Während meiner Zeit in Afrika – damals gab es noch kein Internet und man musste jedes Telefonat 36 Stunden vorher anmelden – habe ich jeden Donnerstag in mein altes Farmhaus vor den Toren von Johannesburg eingeladen. Jeder war willkommen, musste aber ein Geschenk mitbringen: eine Geschichte, die etwa 10-15 Minuten dauerte und die er oder sie erzählen musste. Es ging nicht darum, uns anderen aus einem Buch vorzulesen, sondern eine Geschichte in eigenen Worten wiederzugeben. Aus diesem Kreis aus 6-7 Leuten haben sich tiefe Freundschaften entwickelt. Heute pflege ich diese, indem ich jeden Sonntag einen Sonntagsbrief an meine Freunde schreibe. Darin geht es nicht um Alltagsprobleme, sondern um Dinge, die ich gelesen habe oder die mich ansonsten umtreiben. Dazu gibt es meistens noch eine kleine Zeichnung. Es hat über ein Jahr gedauert, bis ich Antworten auf diese Briefe erhalten habe – daraus sind wieder sehr rege Brieffreundschaften entstanden.

Ich bin als Kind und Jugendliche selbst in den Genuss einiger sehr intensiver Brieffreundschaften gekommen –  einer dieser Brieffreundinnen habe ich nun diesen wunderbaren Urlaub in Neuseeland zu verdanken.

Helme Heine: Ich finde Briefeschreiben wesentlich inspirierender als zu telefonieren. Denn in den Telefonaten geht es meist um Alltagsgeschichten. Meine Frau Kiki und ich sind sehr gerne Gastgeber und laden selten mehr als 6 Leute zu uns nach Hause ein. So können wir uns jedem Gast widmen.

Die Kunst des Zuhörens ist gerade in meiner Generation leider nicht weit verbreitet.  

Dabei ist sie die wahre Kunst und ein großes Geschenk an einen engen Freund.

Als ich Helme Heine und Gisela von Radowitz Anfang Januar 2019 nach einem halben Tag wieder verlasse, hat sich meine Stimme zwar vollständig verabschiedet – aber mein Leben ist dafür um einiges reicher. Lieber Herr Heine, liebe Kiki: Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für dieses außergewöhnlich inspirierende, spannende Gespräch und die Einladung zu Ihnen nach Hause! 


Mehr Infos über Helme Heine: 

https://helmeheine.de/

Ende des vergangenen Jahres war übrigens auch ARTE zu Besuch bei den Heines in Neuseeland:

https://www.arte.tv/de/videos/087133-000-A/helme-heine-zu-besuch-in-neuseeland/

Mehr Infos über Helme Heines Wohnort Russell:

https://www.newzealand.com/de/russell/

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: