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#Interview mit dem SIGNUM saxophone quartet

Das SIGNUM saxophone quartet: Guerino Bellarosa (Baritonsaxophon), Alan Lužar (Tenorsaxophon), Blaž Kemperle (Sopransaxophon) und Hayrapet Arakelyan (Altsaxophon)© Andrej Grilc

Ob Klassik, Jazz, Balkan-Beats oder lateinamerikanische Rhythmen: Das SIGNUM saxophone quartet entführt sein Publikum in unterschiedliche musikalische Welten und sorgt dabei durch seine aussergewöhnlichen Arrangements immer wieder für überraschende Hörerlebnisse. Innerhalb eines Monats erscheinen nun mit „Echoes“ (Neue Grammophon) und „Starry Night“ (Berlin Classics) zwei neue CDs der vier Musiker.

Ein Gespräch mit den Quartett-Mitgliedern Guerino Bellarosa und Alan Lužar über ihre musikalische Prägung, die Faszination für ihr Instrument, die Beatles und Musik als Zeichen der Hoffnung.

Es wirkt, als würden ihre magischen Klänge jeden Moment aus dem Fenster entweichen und dort mitten in das Herz der Passanten treffen: Mit seiner zärtlichen und zugleich sehr kraftvollen Interpretation der „Clair de Lune“, dem berühmten dritte Teils der Suite bergamasque von Claude Debussy, gelingt es SIGNUM saxophone quartet und dem Percussionisten Alexej Gerassimez, in einer Zeit der Unsicherheit ein musikalisch-poetisches Zeichen der Hoffnung zu setzen. Vor wenigen Wochen veröffentlichten die Musiker mit „Clair de Lune“ ihre zweite Single aus dem Album Starry Night, das am 07.05.2021 erscheinen wird.

Erfahrungen mit dem Spiel im Quartett machten Blaž Kemperle (Sopransaxophon), Hayrapet Arakelyan (Altsaxophon), Alan Lužar (Tenorsaxophon) und Guerino Bellarosa (Baritonsaxophon) bereits während ihres Studiums. 2006 gehörte Kemperle zu den Gründungsmitgliedern des international erfolgreichen SIGNUM saxophone quartet – 2018 stieß Hayrapet Arakelyan als neuestes Mitglied zu dem Ensemble dazu.

Die Liebe zu ihrem Instrument brachte die Musiker als junge Erwachsene aus ihren Heimatländern nach Köln, Wien, Amsterdam und Paris: Blaž Kemperle und Alan Lužar stammen aus Slowenien, Guerino Bellarosa wuchs in Süditalien in der Nähe von Neapel auf, Hayrapet Arakelyan verbrachte seine Kindheit und Jugend in Armenien. Die Wege der Saxophonisten kreuzten sich schließlich in Köln, wo sie bei Daniel Gauthier an der dortigen Hochschule für Musik und Tanz studierten.

In den vergangenen Jahren war das SIGNUM saxophone quartet auf sehr vielen wichtigen nationalen und internationalen Konzertbühnen wie dem Festspielhaus Baden-Baden, der Hamburger Elbphilharmonie, dem Concertgebouw Amsterdam sowie beim Festival d’Aix-en-Provence live auf der Bühne zu erleben.

Im Jahr 2013 erfolgte ihr Debüt an der New Yorker Carnegie Hall. Eine besondere Auszeichnung für das Quartett war die Ernennung als „ECHO Rising Stars“ durch die European Concert Hall Organisation (ECHO) 2014/2015. Darüber hinaus erhielt es 2017 den NORDMETALL-Ensemblepreis der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern.

Ihre erste CD mit Werken von Grieg, Ravel, Bartók und Shostakovich veröffentlichten die Musiker im Jahr 2011. Drei Jahre später nahmen sie ihre zweite CD unter dem Titel „Balkanization“ auf. Nun erscheinen am heutigen 02.04.2021 mit „Echoes“ und im Mai mit „Starry Night“ innerhalb eines Monats zwei Alben, auf denen das Quartett einmal mehr seine Virtuosität und Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellt.

© Deutsche Grammophon
© Berlin Classics

Zehn Stücke verschiedener Komponisten von John Dowland über Max Richter bis hin zu Paul Hindemith und Guillermo Lago sind auf „Echoes“ zu hören. „Das Gefühl der Einsamkeit hat uns in Bezug auf diese CD sehr beschäftigt“, sagt der Tenorsaxophonist Alan Lužar. Sie entstehe nicht nur aus der Tatsache heraus, dass wir in einer immer individualistischer denkenden und handelnden Gesellschaft leben – sondern auch dadurch, dass es uns an gemeinsamen Ideen fehlt, für die wir bereit sind, zu kämpfen, so Lužar. Auch in „Starry Night“ beschäftigen seine Quartett-Kollegen und ihn die großen Fragen der Menschheit: Wer sind wir? Wo kommen wir her und wo gehen wir hin? Mit Stücken wie mit „Flying Theme (E.T.)“ (1982) von John Williams oder „Connectome“ (2019) von  John Psathas entführen die Saxophonisten ihre Zuhörer*innen darüber hinaus in übernatürliche Sphären.

Nachdem ich erst vor wenigen Wochen auf Instagram zum ersten Mal mit dem Ensemble in Kontakt gekommen war, hatte ich nun die Gelegenheit, mit dem Baritonsaxophonisten Guerino Bellarosa und dem Tenorsaxophonisten Alan Lužar ins Gespräch über ihre musikalischen Anfänge, „Echoes“ und ihre musikalischen Visionen zu kommen.

 

„Kein Instrument verschlingt seine Solisten so wie das Saxophon. Es treibt sie in den Rausch, in die dauernde Selbstüberschreitung, die Auszehrung“, schrieb der deutsche Publizist, Fernsehmoderator und großer Jazzfan Roger Willemsen.

Guerino: Wahrscheinlich würde ein Cellist oder eine Pianistin dasselbe von seinem Instrument behaupten (lacht)!

Alan: Aber die Aussage von Roger Willemsen ist natürlich ein unglaubliches Kompliment für das Saxophon.

2019 wurde es von der Konferenz der Landesmusikräte zum Instrument des Jahres gewählt. Hat sich dadurch eurer Meinung nach der Blick auf die Vielseitigkeit eures Instruments gewandelt?  

Alan: Natürlich kann so ein Jahr aber dabei helfen, mehr Aufmerksamkeit auf klassische Werke für Saxophon wie das Konzert für Alt-Saxophon und Streichorchester Es-Dur op. 109 von Alexander Glasunow zu lenken. Aber eigentlich hat unser Instrument keine Werbung nötig: Schließlich spielt sogar Lisa Simpson in den „Simpsons“ Saxophon!

Was macht euer Instrument für euch so einzigartig?

Alan: Es hat von den tiefen Tönen des Baritonsaxofon bis zu den hohen Tönen des Sopransaxofons eine enorme Klangbreite zu bieten. Für uns ist das Saxofon daher ein ideales Mittel, um Gefühle auszudrücken.

Guerino: Ich schätze das Saxophon vor allem für seine Vielseitigkeit: Man findet es im klassischen Bereich genauso, wie im Jazz oder in der Popmusik. Wenn es einem als Musiker gelingt, bis in die Tiefen unseres Instruments vorzudringen, dann entstehen dadurch unglaublich viele unterschiedliche Farben und Klänge.

Gab es bei euch beiden als Kinder oder Jugendliche ein musikalisches Erweckungserlebnis in Bezug auf euer Instrument? 

Guerino: Als ich 14 Jahre alt war, fand ein Konzert des klassischen Saxophonisten Federico Mondelci in meiner Heimatstadt statt. Er wurde später mein Lehrer und hat mich geprägt wie kein anderer Musiker.

Alan: Für mich war die Begegnung mit Blaž Kemperle, dem Sopransaxophonisten des Signum Saxophone Quartett, sehr wichtig – denn wir haben sehr viel voneinander gelernt. Während des Studiums wurde der Saxofonist Lars Mlekusch eine wichtige Inspirationsquelle für mich.

Wie war euer Verhältnis zur klassischen Musik als Kinder und Jugendliche?

Guerino: Ich bin der Einzige in meiner Familie, der ein Instrument spielt und habe auch erst im Jugendalter damit begonnen, richtig intensiv Saxofon zu üben. Musik war immer ein Weg, um mich auszudrücken.

Alan: Ich komme auch nicht aus einer Musikerfamilie, habe aber früh zu singen begonnen. Die Liebe zur klassischen Musik war bei mir immer vorhanden: Mit 14 oder 15 Jahren war ich hin und weg, als ich die Konzerte von Mozart hörte. Als Jugendlicher hatte ich in Ljubljana die Möglichkeit, Musiker wie Valery Gergiev auf der Bühne erleben und viele Konzerte zu besuchen – auch wenn die Auswahl an Konzerten insgesamt bei uns natürlich nicht so groß war, wie in Deutschland.

Ihr habt in Köln, Pisa, Wien und Paris studiert. Inwiefern habt ihr Unterschiede festgestellt, was die musikalische Ausbildung in den verschiedenen Ländern angeht?

Guerino: Die Stile, die dort gelehrt werden, unterscheiden sich sehr voneinander. Als ich nach Paris kam, fühlte ich mich verloren. Ich lebte zuvor 25 Jahren in dem Land der Oper und meiner Meinung nach sollte das Saxofon idealerweise so klingen wie die menschliche Stimme. In Frankreich aber musste ich lernen, mein Instrument auf eine sehr reduzierte, intime Art und Weise zu spielen. Das Klangbild, das sich dadurch ergab, empfand ich als sehr beengend.

Alan: Man muss aus all den Stilen, die einem während der Ausbildung begegnen, letztendlich diejenigen Techniken filtern und verfeinern, die notwendig sind, um die Menschen im Zuschauersaal mit seiner Musik zu berühren. Im Hinblick auf die Erfahrungen, die wir während des Studiums gemacht haben, finde ich es heute innerhalb unseres Quartetts umso wichtiger, unsere künstlerischen Visionen und Ideen jederzeit frei und offen zu äußern – auch wenn wir manche von ihnen nachher nicht verwirklichen können.

Euer neues Album „Echoes“, das seit Januar 2021 digital erhältlich ist, erscheint am 02.04. unter dem Label der Deutschen Grammophon auf CD. Die beeindruckende Stückauswahl reicht vom „Pieu Jesu“ aus dem Fauré-Requiem, op. 48 über Bearbeitungen von Werken von Philip Glass und Pēteris Vasks bis hin zu der eindringlichen Interpretation des Stückes “Sarajevo” aus Ciudades von Guillermo Lago.

Guerino: Als wir die CD aufnahmen, befand sich die Welt in einem „Tempo adagio“-Zustand. Es gab keine Möglichkeit mehr zu reisen, sich zu treffen und zusammen zu spielen. Es geht daher auf diesem Album darum, was uns abseits der Musik als Menschen auszeichnet. Von der Geburt bis zum Tod durchlaufen wir in „Echos“ alle Phasen des menschlichen Daseins – und haben dazu Stücke aus 500 Jahren Musikgeschichte ausgewählt.

Alan: Uns war es wichtig, zu verstehen, aus welcher Emotion die jeweiligen Komponisten ihre Werke geschrieben haben – und welche Gefühle sie in uns hervorrufen. Ich bin sehr froh, dass wir in Bezug auf unsere Arrangements so gute Unterstützung hatten bei dieser CD-Aufnahme.

Guerino: Besonders an dem Stück Lago: Ciudades: Sarajevo (Bosnia and Herzegovina) zeigt sich, dass es trotz aller kultureller und religiöser Unterschiede und Auseinandersetzungen etwas Verbindendes zwischen den Menschen gibt, das über das Nationale und Trennende hinausgeht. Mit „Echos“ wollen wir zeigen, dass alle Menschen gleich sind, wenn es um ihre ureigensten Emotionen wie Trauer, Schmerz und Freude geht.

Glaubt ihr gerade in einer Zeit wie dieser an eine heilende Kraft der Musik?

Alan: Ich glaube, dass man den Menschen durch die Musik Hoffnung, Mut und positive Gedanken mit auf den Weg geben und sie dadurch zum Nachdenken bringen kann.

Ihr spielt seit Jahren in den großen Konzertsälen im deutschen und internationalen Raum. Welche Ziele und Visionen wollt ihr in den kommenden Jahren noch mit eurem Quartett verwirklichen?

Alan: Wir feilen immer wieder an unserer Aufnahmetechnik, um den Zuhörer*innen eine möglichst perfekte Hörerfahrung bieten zu können. Ich bringe an dieser Stelle mal ein gelungenes Beispiel aus der Popmusik für eine perfekte CD-Produktion: Britney Spears‘ erstes Album „… Baby One More Time“ aus dem Jahr 2004. Man kann als klassischer Musiker sehr viel von den Kolleginnen und Kollegen aus dem Bereich der Pop- und Rockmusik lernen, wenn es um die technische Präzision bei CD-Aufnahmen geht.

In einem Artikel im Hamburger Abendblatt wurdet ihr vor einigen Jahren mit den Beatles verglichen. Ehrt euch dieses Kompliment?

Alan: Was soll ich sagen: Die Beatles hatten 20 Nr. 1 Hits und wir noch keinen (lacht)! Natürlich schmeichelt einem ein solches Kompliment – aber unser musikalischer Fokus liegt dann doch wo anders.

Würdet ihr euch darüber freuen, irgendwann mit eurer Musik ähnlich wie damals die Beatles die großen Hallen und Stadien zu füllen?

Alan: Mit den richtigen Arrangements im Gepäck könnte man zumindest darüber nachdenken. Die Aussicht auf das große Geld und auf die Steigerung der eigenen Popularität sollte auf jeden Fall nicht das Hauptmotiv für einen Auftritt vor tausenden von Zuschauer*innen sein.

Guerino: Für mich geht es vor allem darum, mit guten Leuten zusammenzuspielen – egal auf welcher Bühne.

Lieber Alan, lieber Guerino: Ich danke euch ganz herzlich für dieses sehr interessante Gespräch und freue mich darauf, euch bald persönlich kennenzulernen und euch gemeinsam mit dem SIGNUM saxophone quartet auf der Bühne zu erleben! Alles Gute für euch in den kommenden Monaten! 


Mehr Informationen über das SIGNUM saxophone quartet: 

ECHOES

Facebook @SIGNUMsaxophonequartet

Instagram @signumsax4

Album „Echoes“: 

Mit Werken von Dowland · Max Richter · Glass
Fauré · Gregson · Beving · Lago
Albinoni · Hindemith · Vasks
Deutsche Grammophon

Erscheinungsdatum digital: 15.01.2021, Erscheinungsdatum CD: 02.04.2021 (17,39€)

Album „Starry Night“ : 

Signum Saxophone Quartet – Starry Night (Werke für Percussion & Saxophonquartett)

Mit Werken von John Psathas, John Williams, Gustav Holst, Claude Debussy

Mitwirkende: Alexej Gerassimez, Signum Saxophone Quartet
Berlin Classics

Erscheinungsdatum CD: 07.05.2021 (19,99€)

Von Die Kulturflüsterin

PR-Managerin I kulturbegeistert I Theater, Film, Fernsehen, Kunst I Social Media I Digitale Geschichtenerzählerin

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