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#Interview mit dem Schauspieler und Fotokünstler Stefan Hunstein

Stefan Hunstein, fotografiert am 6.5.2015 in München © Dorothee Falke

Er ist nicht nur ein Ausnahmeschauspieler, sondern beeindruckt sein Publikum auch seit vier Jahrzehnten durch seine herausragende Fotokunst: Ein Interview mit Stefan Hunstein über das Theater der Gegenwart, die documenta, seine Skepsis gegenüber der Fotografie und Instagram.

Sag‘ mir, Gott, im Todesnahn!
Wiegt vor Dir auch nicht ein Gran
Eines Willens quantum satis -?

An meine erste Begegnung mit Stefan Hunstein kann ich mich noch sehr gut erinnern: Als ich im Rahmen meines Praktikums in der Pressestelle des Münchner Residenztheaters 2005 gerade dabei war, die Kästen mit den Monatsvorschauen aufzufüllen, beobachtete ich den Schauspieler dabei, wie er die Eingangshalle des Theaters auf- und ablief und dabei seinen Text für die Probe zur Inszenierung von Henrik Ibsen Vers-Tragödie Brand rezitierte. Eine besondere Aura umfing diesen Schauspieler, von dessen legendären Bühnendarbietungen an den Münchner Kammerspielen ich meine Eltern immer wieder hatte schwärmen hören. Nachdem der 1957 in Kassel geborene Darsteller seine Ausbildung an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart absolviert hatte, war er zunächst in Freiburg im Breisgau und am Bochumer Schauspielhaus engagiert. 1990 holte ihn der Regisseur und Intendant Dieter Dorn in sein legendäres Ensemble an den Münchner Kammerspielen, zu dem so renommierte Schauspieler wie Gisela Stein oder Rolf Boysen zählten. Dort war er unter anderem als Edgar in König Lear oder als James Tyrone jr. in Eines langen Tages Reise in die Nacht zu sehen.

Ein Bild aus dem Programmheft von „Brand“, einer Inszenierung von Thomas Langhoff am Bayerischen Staatsschauspiel aus dem Jahre 2006

2001 folgte Stefan Hunstein Dieter Dorn ans Münchner Residenztheater, wo er bis zum Jahre 2010 unter anderem als Brand in Thomas Langhoffs Interpretation der gleichnamigen Tragödie von Henrik Ibsen, als Alain Reille in Dieter Dorns Inszenierung Der Gott des Gemetzels oder als Lucky in Elmar Goerdens Inszenierung Warten auf Godot auf der Bühne zu erleben war. Während seiner Zeit an diesem Haus wurde schnell klar, dass Stefan Hunsteins Interesse an der Darstellenden Kunst weit über die Verkörperung seiner Rollen hinausging: In seiner ersten Regiearbeit bearbeitete er den dramatischen Prosatext Ein Monat in Dachau des russischen Autors und Dramatikers Vladimir Sorokin für die Bühne. Darüber hinaus inszenierte Stefan Hunstein im Haus der Kunst – eine damalige Spielstätte des Bayerischen Staatsschauspiels – Samuel Becketts Stück Gesellschaft mit ihm selbst in der Hauptrolle.

Mich faszinierte dieser Meister der Sprechkunst mit seiner unbändigen Bühnenenergie in all seinen unterschiedlichen Rollen am Bayerischen Staatsschauspiel: Bis heute ist mir vor allem der Abend Die Frau von früher, eine Inszenierung des Stücks von Roland Schimmelpfenning von Antoine Uitdehaag, in besonderer Erinnerung geblieben.

1989 war Stefan Hunstein schon einmal für kurze Zeit als Gast am Residenztheater engagiert und stand dort gemeinsam mit Rufus Beck in „Clavigo“ (Hans-Dieter Jendreyko) auf der Bühne.

2010 lernte Stefan Hunstein den niederländischen Theatermacher und Intendanten Johan Simons kennen: Eine Begegnung, die ihn sehr prägte. Abermals wechselte er die Straßenseite der Münchner Maximilianstraße und war bis 2015 Teil des Ensembles der Münchner Kammerspiele. Anschließend führten ihn Gastengagements unter anderem an das Deutsche Theater Berlin, zu den Salzburger Festspielen und zur Ruhrtriennale, bevor er 2018 unter der Intendanz von Johan Simons festes Ensemblemitglied am Schauspielhaus Bochum wurde.

2018, dreizehn Jahre nach meiner ersten Begegnung mit Stefan Hunstein, entdeckte ich den feinsinnigen Schauspieler und begnadeten Fotokünstler plötzlich auf Instagram. Als Künstler trat er sogar noch früher öffentlich in Erscheinung, als als Schauspieler: 1979 organisierte Stefan Hunstein seine erste Ausstellung in Kassel – seinem Geburtsort, an dem 1955 zum ersten Mal auf Initiative von Arnold Bode hin die Ausstellungsreihe documenta stattfand. Die Kunstausstellung wurde Stefan Hunsteins Lehrstube, ehe er sich Mitte der 1970er Jahre künstlerisch mit dem Medium der Fotografie auseinanderzusetzen begann. 1991 gewann er den renommierten Deutschen Photopreis und gestaltete in den letzten 40 Jahren zahlreiche Einzelausstellungen als Fotokünstler in mehreren europäischen Ländern.

Stefan Hunstein macht die Fotografie selbst zum Thema seiner beeindruckenden Kunst: In der Verfremdung und Neuinterpretation des als authentisches Abbild der Wirklichkeit wahrgenommenen Bildinhalts entstehen neue Bilder und Wahrnehmungsräume, die den Betrachter gleichsam irritiert wie fasziniert zurücklassen. Im Oktober und November 2019 präsentierte Stefan Hunstein unter dem Titel „Fotografie ist die Botschaft“ in Einzelwerken, Serien und Installationen eine sehr spannende Werkschau seiner Arbeiten aus den vergangenen 40 Jahren in der Münchner Rathausgalerie.

 

„Ohne Kultur gibt es keine Identität. Die Menschen denken immer, dass Kultur ein Zubrot neben den geldwerten Dingen sei. Das ist jedoch ein großer Irrtum“, sagte Stefan Hunstein im November 2019 zu Beginn unseres Gesprächs in der Brasserie Oskar Maria des Literaturhaus München. Unglaubliche 15.000 Besucher sahen seine Ausstellung „Fotografie ist die Botschaft“: Ein verdienter Erfolg für einen so vielseitig interessierten Künstler, der allen Entwicklungen im Kulturleben mit einer großen Offenheit und Neugierde gegenübersteht.

„Wir gehören einer Zeit an, deren Kultur in Gefahr ist, an den Mitteln der Kultur zugrunde zu gehen“: Das war Friedrich Nietzsche schon im 19. Jahrhundert bewusst. Wie steht es deiner Meinung nach heutzutage um die Kultur?

Ich denke, dass viele Probleme in unserer Gesellschaft auf einen mangelnden Diskurs darüber, was Kultur ausmacht, zurückgeführten sind. Wir könnten unsere Republik und ganz Europa stärken, indem wir den Fokus nicht nur auf Geldgeschäfte lenken, sondern darauf, welchen großen Schatz an Kulturgut jedes einzelne Land in sich birgt. Stattdessen gehen wir das Risiko ein, dass dieses Kapital nach und nach verfällt.

Bedeutet eine Stärkung des kulturellen Bewusstseins für dich auch, dass man mit Kultur so viele Menschen wie möglich erreicht?

Ja. Man sollte sich aber in diesem Zusammenhang nicht die Frage stellen, ob, sondern wie man Kultur idealerweise vermittelt. Wenn man sich allein die Einsparungen beim Bayerischen Rundfunk ansieht, wird einem bewusst, dass die Redakteure überhaupt keine Zeit mehr haben, sich in Themen zu vertiefen. Heute findet man anstatt drei Redakteuren aus unterschiedlichen Disziplinen (Text, Ton, Bild), die ein Thema inhaltlich bearbeiten, oft nur noch eine einzige Person in einer Redaktion. Trimedialität nennt sich diese Verkürzungsstrategie. Dabei macht gerade die Möglichkeit, die Dinge der Welt anders wahrzunehmen und sich intensiv mit ihnen auseinanderzusetzen, das Wesen der Kunst aus.

Ist das Theater dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in dieser Hinsicht um einiges voraus?

Auch die Theater könnten sich noch viel mehr gegenüber ihrem Publikum öffnen. Ich trage meinen Teil dazu bei, indem ich am Schauspielhaus Bochum, wo ich seit der vergangenen Spielzeit festes Ensemblemitglied bin, nach jeder Vorstellung der beiden Houellebecq-Inszenierungen „Plattform“ und „Unterwerfung“ auf eigene Initiative hin Publikumsgespräche anbiete. Sofort beginnen die Zuschauer, über den Inhalt des Theaterabends zu sprechen und über ihre Ängste in der Gesellschaft.

Auch im Rahmen deiner Ausstellung „Fotografie ist die Botschaft. Werkschau – Arbeiten aus den Jahren 1979 bis 2019“ in der Münchner Rathausgalerei/Kunsthalle fanden im November 2019 immer wieder Künstlergespräche und sogenannte „Kunstauskünfte“ statt.

Es war mir sehr wichtig, so oft wie möglich persönlich in meiner Ausstellung anwesend zu sein und Fragen zu meinen Arbeiten zu beantworten. Meine Kunst mag manch einem Betrachter zuweilen kryptisch und verschlüsselt erscheinen: Umso wichtiger ist es, dass ich mich mit dem jeweiligen Betrachter über das von ihm oder ihr Wahrgenommene austausche. Wir meinen fälschlicherweise immer, dass die Fotografie ein Spiegel der Wirklichkeit und als solcher sofort für jedermann und jede Frau verständlich ist. Ich hingegen versuche durch meine Kunst etwas über die Komplexität dieses Mediums zu erzählen.

Wir sehen also in einer Fotografie nicht das, was unser Auge als Realität wahrnimmt?

Nein, wir sehen darin erstmal die Absicht derjenigen Person, die das Bild gestaltet hat. Daher bezeichne ich mich selbst auch nicht als Fotograf, sondern als Künstler, der sich mit der Fotografie auseinandersetzt.

Ein Schauspieler müsste seine Berufsbezeichnung demzufolge auch viel breiter fassen, als das oftmals getan wird.

Definitiv. Ich bin nicht einfach nur am Theater, um dort meine Rollen zu spielen, sondern frage mich immer auch, was diesen Raum über mein Spiel hinaus ausmacht.

Welche grundlegenden Veränderungen in Bezug auf die Rezeption dieses Raums hast du bei dir im Laufe deiner vierzig Berufsjahre festgestellt?

1979 habe ich begonnen, als Regieassistent am Bremer Theater zu arbeiten. Damals waren die Nachwehen der 1968er zu spüren – das Theater entwickelte sich zu einem hochpolitischen Experimentierfeld. Wir veranstalteten zum Beispiel Lesungen gegen die Auswirkungen der Atomkraft direkt vor Ort in Gorleben und Brokdorf. Immer mit der leisen Hoffnung, dass mit jedem Satz, den wir Schauspieler sagen, die Revolution ausgelöst und das Bürgertum gestürzt wird. Mit zunehmenden Berufsjahren habe ich beobachtet, wie der politische Anspruch des Theaters zugunsten einer poetischeren Ausrichtung immer mehr in den Hintergrund trat. Das ändert sich heute wieder.

Deine Theatersozialisation fand Anfang der 2000er Jahre unter der Intendanz von Dieter Dorn am Münchner Residenztheater statt. Aus der Rückblende betrachtet war das Bayerische Staatsschauspiel ein Ort, an dem einerseits Schauspielkunst auf höchstem Niveau zelebriert wurde und man andererseits sein Elfenbeinturm-Dasein stolz zur Schau trug.

Ich kam 1990 als junger Schauspieler, der zwar schon Erfahrung an Theatern in Essen, Bremen, Bochum und Freiburg gesammelt hatte, aber noch relativ am Beginn seiner Karriere stand, zunächst in Dieter Dorns Ensemble an den Münchner Kammerspielen. Das war für mich ein heiliger Tempel mit einer großartigen Künstlergemeinschaft, in die ich erst hineinwachsen musste. Sich von diesen Schauspielvorbildern zu befreien, ist mir tatsächlich erst so richtig ab 2001 am Residenztheater gelungen. Hier genügte es nicht mehr, Teil eines großen Ganzen zu sein: Es wurde zunehmend wichtig, inmitten dieser renommierten Schauspielerschar seinen eigenen Weg zu gehen.

Was hat dich 2010 dazu bewogen, Teil des Ensembles von Johan Simons an den Münchner Kammerspielen zu werden?

Die Begegnung mit Johan Simons war für mich sehr prägend. Ich hatte das Gefühl, nicht nur eine Straßenseite, sondern gleich einen ganzen Kontinent zu wechseln. Da war zum einen die Hinwendung dieses Hauses zu anderen Künsten wie dem Tanz, der Musik und dem Diskurs. Und zum anderen die Tatsache, dass auf einmal auch theaterfremde Leute die Möglichkeit hatten, weit vor der Premiere einer Inszenierung Teil ihres Schaffensprozesses zu werden. Bei Johan Simons sind oft sogar schon in den ersten Leseproben Studenten zu Gast! Daran musste ich mich erst gewöhnen.

Wie schwer war es für dich, sich an diese offene Art der Probenarbeit, die sich fundamental von der eines Regisseurs wie Dieter Dorn unterscheiden, zu gewöhnen?

Ich habe einige Zeit dafür gebraucht. Die Probenarbeit ist schließlich immer mit einer hohen Konzentration verbunden, daher findet sie auch meist in einem intimen, geschützten Raum statt. Ich musste bestimmte Schutzschichten, die ich als Schauspieler hatte, an den Kammerspielen abstreifen und meine künstlerische Existenz noch einmal komplett neu hinterfragen.

Was ist für dich das Besondere an Johan Simons’ Art, Theater zu denken und umzusetzen?

Dass es im Hier und Jetzt, in einer gewissen Öffentlichkeit, entsteht und dem Publikum nicht irgendwann als fertiges Produkt präsentiert wird.

Warum würdest du dich als idealen Partner für jemanden wie Johan Simons beschreiben?

Auf der einen Seite kann ich auf mein erlerntes Handwerk zurückgreifen. Ich muss alles hundertmal hinterfragen, Johan Simons besitzt Intuition. Außerdem habe ich in den letzten Jahrzehnten die schrittweise Öffnung des Theaters gegenüber verschiedenen Zuschauerschichten miterlebt.

Die Öffnung gegenüber dem Publikum geht bei dir seit einiger Zeit noch einen Schritt weiter: Bei keinem Künstler war ich in den vergangenen Jahren so erstaunt, als ich ihn auf Instagram entdeckt habe! Dieses Medium muss für jemanden wie dich, der in seinem fotografischen Manifest festhält, dass die von der Fotografie behauptet Realität in Wahrheit eine Lüge ist, eine absolute Fundgrube sein.

Meine Tochter hat mich dazu motiviert, auf Instagram aktiv zu werden, um dadurch noch einmal ganz andere Leute auf meine Arbeiten aufmerksam zu machen. Ich liebe es, Bilder zu betrachten und zu beobachten, wie sich die Menschen auf ihren Fotos selbst in Szene setzen.

Erst neulich hast du ein sehr schönes Bild von der Verleihung des Bochumer Schauspielpreises, der dir in diesem Jahr verliehen wurde, gesposted. 

Und du hast es freundlicherweise sofort geliked! Ich freue mich über jedes Herz und über jeden neuen Abonnenten für meinen Kanal.

Spricht da ein wenig der Schauspieler aus dir?

Ich bin Überzeugungstäter und habe ein großes Sendungsbewusstsein für das, was ich tue – egal, ob als Schauspieler, oder als Künstler. Nicht aus einer Eitelkeit heraus, sondern aus Überzeugung für die Sache. Deswegen habe ich bei der Verleihung des Bochumer Schauspielpreises auch eine politische Rede und keine Rede über mich selbst gehalten. In einer Zeit, in der wir lernen müssen, wieder mehr miteinander zu kommunizieren, sollte man sich als Schauspieler seiner Verantwortung gegenüber dem Publikum voll bewusst sein und seine Möglichkeiten nutzen, Haltung zu zeigen.

In München bist du über die Jahrzehnte hinweg zu einer Art Marke geworden, mit der die Menschen einen exzellenten Schauspieler und Fotokünstler verbinden.

In Bochum hingegen genieße ich die Anonymität. Wenn die Zuschauer dort zu einem Publikumsgespräch kommen, sind sie daran interessiert, was ich zu einem Thema oder einem Theaterabend zu sagen habe.

„Die wahren Schauspieler lassen sich vom Autor bloß das Stichwort bringen, nicht die Rede. Ihnen ist das Theaterstück keine Dichtung, sondern ein Spielraum“, sagte Karl Kraus einmal. Eine schöne Vorstellung, wenn es da nicht den Regisseur bei einer Inszenierung gäbe. War deine Beschäftigung mit der Fotografie auch ein Ausdruck eines gesteigerten Gestaltungswillens, der als Schauspieler oft nicht möglich ist?

Nein, ich habe unabhängig davon und noch vor dem Beginn meiner Schauspielkarriere damit begonnen, mich mit dem Medium der Fotografie auseinanderzusetzen. Meine erste Ausstellung fand 1979 im Kasseler Kunstverein statt.

Hast du damals trotz deines Schauspielstudiums überlegt, nur als Fotokünstler in der Öffentlichkeit aufzutreten?

Letztendlich war es purer Zufall, dass ich mich für den Beruf des Schauspielers UND für die Kunst entschieden habe. Witzigerweise nahm mich mein Vater als Jugendlicher oft ins Schauspielhaus Bochum mit, das damals von Peter Zadek als Intendant geleitet wurde. Mein Vater war Zahnarzt, hatte aber eine große Affinität zum Theater und zur Kunst. Da er eine enge Freundschaft mit dem Gründer der documenta, Arnold Bode, pflegte, fanden bei uns zu Hause in regelmäßigen Abständen Künstlertreffen statt. Auch zu Manfred Schneckenburger, Rudi Fuchs, Jan Hoet und besonders zu Harald Szeemann bestanden freundschaftliche Beziehungen mit meinem Vater. Man kann also sagen, dass die Konzepte für die documenta quasi in unserem Wohnzimmer geboren wurden.

Welch spannende Begegnungen für dich in so einem jungen Alter!

Für mich war das als Kind vollkommen normal. Aus meiner Kindheit und Jugend in Kassel heraus entwickelte sich eine Freundschaft zu Sigmar Polke. Und ich erlebte hautnah mit, wie Joseph Beuys 1977 fast 100 Tage auf der Kasseler Documenta saß und mit den Besuchern über den erweiterten Kunstbegriff diskutierte. Darüber hinaus durfte ich 1972 zusammen mit dem Künstler Edward Kienholz seine Installation „Five Car Stud“ für die documenta 5 vorbereiten und im selben Jahr gemeinsam mit Richard Serra seine Installation „Circuit“ aufbauen.

Ein paar Jahre darauf hast du Ende der 1970er Jahre damit begonnen, deinen eigenen künstlerischen Weg zu gehen. Du bezeichnest dich in deinem 1991 veröffentlichten Manifest als großen Skeptiker der Fotografie. War diese Skepsis von Beginn deiner künstlerischen Tätigkeit an vorhanden?

Ja, sie war tatsächlich immer da. Sich mit Fotografie zu beschäftigen, heißt auch ein Stück weit, sich die Welt anzueignen und zu lernen, wie man aus der Verbindung verschiedener Faktoren eine Bedeutung herstellt.

Ist jede Art von Fotografie letztendlich ein Spiel mit der Realität?

Hinter jeder Fotografie verbirgt sich ein authentischer Moment, die Sekunde, in der das Foto gemacht wurde. Ich war immer skeptisch, was den dokumentarischen Charakter einer Fotografie anging. Für mich stellte in diesem Zusammenhang die Begegnung mit Sigmar Polke sehr wichtig heraus: Bei ihm entsteht durch Überlagerung und durch die Schichtung verschiedener Fotos ein neues, eigenständiges Bild. Damit ist die Fotografie kein Dokument mehr, sondern wird durch die künstlerische Beschäftigung einem anderen Bedeutungszusammenhang zugeführt.

Warum es dir wichtig, 1991 das „Erste fotografische Manifest“ zu verfassen?

Ich suchte nach einem Weg, um das, was die Fotografie für mich bedeutet, in Worte zu fassen. Die Grenzen der Fotografie und der fotografischen Möglichkeiten sind fließend – von der Werbe- über die Reportage- historische Bilder-bis hin zur privaten und zur Kunstfotografie. Mir war es wichtig, einen Standpunkt zu haben, anhand dessen ich mich orientieren konnte.

Du beziehst Dich immer gern auf ein Zitat aus Thomas Bernhards Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“: darin heißt es: “Die Fotografie das größte Unglück des 20. Jahrhunderts“.

Die Fotografie ist auch das größte Unglück des 21. Jahrhunderts. Der Gebrauch der Fotografie ist zur weltumspannenden Sucht geworden. Diese Unreflektiertheit‏‎ und Leere, die sich hinter der Selfie-Kultur auftut, ist erschreckend!

In „Say hi to the Camera“, einem deiner neuesten Werke, setzt du dich sehr ironisch mit dem Phänomen, ständig auf der Jagd nach dem perfekten Selbstporträt zu sein, auseinander.

Ich finde es kurios, Menschen dabei zu beobachten, wie sie sich selbst ablichten. Selbst in meiner Ausstellung „Fotografie ist die Botschaft“ habe ich dazu immer wieder die Gelegenheit, denn viele Besucher versuchen mit meiner Kunst im Hintergrund das perfekte Selfie zu machen!

Die Welt dient als Hintergrund und somit als Fototapete.

„Ich stelle den Fuß in die Bilderflut und stoppe die Strömung“, schreibst du in einem Text über deine Performance Musée Imaginaire auf deiner Website. Inwiefern versuchst du durch deine Fotokunst, die bewusste Wahrnehmung des Betrachters zu beeinflussen?

Mir ist am wichtigsten, dass sich ein Betrachter in die Bilder vertiefen kann. Ich versuche meine Arbeiten so offen zu gestalten, dass der Betrachter im Idealfall denkt, die Bilder in seiner Erinnerung selbst schon mal so gesehen zu haben, als wären es seine eigenen Bildern.

Ich fotografiere leidenschaftlich gerne und würde von mir selbst behaupten, dass ich meine Umwelt seither anders und geschärfter wahrnehme.

Ich glaube eher, dass du in einer gewissen Art und Weise versuchst, die Welt um dich herum zu gestalten. Das, was du siehst, bringst du in eine Form, um dem darauf abgebildeten Inhalt eine gewisse Bedeutung beizumessen. Wenn ich ganz ehrlich bin: Ich liebe die Fotografie, aber ich hasse das Fotografieren…Daher haben meine Bilder auch wenig Humorvolles an sich. Ich sehe dahinter immer Verzweiflung der darauf abgebildeten Menschen, die sich permanent selbst produzieren müssen, um sich zu spüren. Der Umgang mit der Fotografie, durch die wir anscheinend einen Großteil der Welt erkennen, scheint einfach zu sein, ist aber hochkompliziert.

Die Lösung wäre also, gar nicht mehr zu fotografieren?

Die Lösung ist immer das Maß, das man an den Tag legt – und der bewusste Umgang mit dem Medium der Fotografie. Deshalb heißt auch meine Ausstellung: „Fotografie ist die Botschaft“. Nach dem Satz von Marshall McLuhan: „Das Medium ist die Botschaft“. Ich für meinen Teil versuche das bloße Fotografieren zu vermeiden.

Außer die Ratten verlassen nach der Dernière der Inszenierung DIE RATTEN das Wiener Burgtheater: Da gibt es auch mal ein Spiegel-Selfie von dir auf Instagram!

Es kommt auf das richtige Maß an (lacht).

Was mich sehr erschreckt, ist die Unverfrorenheit und die fehlende Moral vieler Menschen, wenn es darum geht, an das beste Bild zu bekommen.

Dabei ist es doch am interessantesten, wenn es einem gelingt, persönlich, und nicht privat zu werden.

Als Schauspieler bleibt es nicht aus, dass man immer wieder von dem Auge der Fotokamera eingefangen wird. Wie reagierst du darauf, wenn Menschen ein Foto mit dir machen möchten?

Da sage ich nicht nein! Ich finde es wichtig. Ich bin ein Mensch der Öffentlichkeit, ich möchte ja auch, dass die Menschen zu mir ins Theater oder in meine Ausstellungen gehen.

Welcher Fotograf hat deiner Meinung nach das eindrucksvollste Inszenierungsfoto von dir im Laufe deiner 40jährigen Bühnenkarriere gemacht?

Ein Inszenierungsfoto habe ich gerade nicht im Sinn: Aber es gibt es sehr gelungenes Porträt von mir, das die Fotografin Katharina Abt gemacht hat. Es entstand zwischen Tür und Angel in meinem Atelier.

Stefan Hunstein, fotografiert von Katharina Abt

Zeugt dieses Porträt von einem großen Vertrauen zwischen der Fotografin und dir?

Eher von einer großen Erschöpfung meinerseits, in dem man keine Posen mehr einnimmt, sondern sich ganz natürlich vor der Kamera gibt.

2014 hast du deine faszinierende Videoinstallation „Gegenwart!“, 2016 die Installation „Zukunft“ in der Kirche St.Paul in München präsentiert. Nach welchen Gesichtspunkten – im wahrsten Sinne des Wortes – hast du die Porträtierten, zu denen unter anderem bei der Installation „Gegenwart!“ auch die Schauspieler Thomas Holtzmann und Ulrich Matthes zählen, ausgewählt?

Der Promi-Aspekt war für mich in diesem Zusammenhang überhaupt nicht wichtig, im Gegenteil. Ich wollte vor allem Menschen in den Fokus stellen, deren Gesichter eine ganze Lebensgeschichte widerspiegeln. Daher habe ich mich auf die Suche nach möglichst unterschiedlichen, anachronistischen Typen begeben.

Der Blick auf diese Männer hat etwas Irritierendes, Verstörendes. Warum ertragen wir es kaum, dass sie uns ebenso mit ihren Augen fixieren und beobachten, wie wir sie?

In der Kunst ist die Tatsache, dass sich die Blickrichtung ändert, neu. Natürlich ist es eine Illusion, dass der Besucher das Bild betrachtet und dabei auch selbst von ihm angesehen wird. Es geht mir vor allem um den Moment, in dem sich der Betrachter der Fotografien dieser zweiten Blickrichtung bewusst wird.

In deiner Reihe „Gegenwart!“ und „Zukunft“ hast du den Blick auf Männer, Kinder und Jugendliche gerichtet. Sind nun bald die Frauen an der Reihe?

Das ist der Plan. Die Installation soll wie die anderen Werke aus dieser Reihe „nicht mehr Fotografie, aber noch nicht Film sein“: Lebendige Portraits.

Lieber Stefan, du gehörst ohne Übertreibung zu den Helden meiner aktiven Zeit als Theaterzuschauerin und warst eine der ersten Schauspieler, die mich ab 2004 nachhaltig mit ihrem Spiel beeindruckt haben! Deine Fotokunst ist einzigartig, intensiv, verstörend und bewegend zugleich: Ich wünsche dir, dass du „Fotografie ist die Botschaft“ nach diesem überaus erfolgreichen Start in München noch an vielen anderen Orten in ganz Deutschland präsentieren kannst! Vielen herzlichen Dank für dieses sehr spannende Gespräch und bis bald wieder bei einer Lesung, einer Ausstellungseröffnung oder im Theater! 


Mehr Infos über Stefan Hunstein: 

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https://www.schauspielhausbochum.de/de/kuenstler-innen/312/stefan-hunstein

Instagram @stefanhunstein

Ein Veranstaltungstipp: Am Mittwoch, 12.12.2020, sind Stefan Hunstein, die Münchner Symphoniker und die Augsburger Philharmoniker um 20 Uhr mit dem Programm „Heldenleben“ im Münchner Herkulessaal zu erleben! Weitere Infos findet ihr unter:

https://www.muenchner-symphoniker.de/de/node/432

Von Die Kulturflüsterin

PR-Managerin I kulturbegeistert I Theater, Film, Fernsehen, Kunst I Social Media I Digitale Geschichtenerzählerin

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