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Kulturgeflüster der Woche #1: „Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren“

Kulturgeflüster der Woche #1: Wie das Salsa tanzen in Kuba mein Leben veränderte…

In dieser Woche wurde ich auf die Veranstaltung Tanz den Gasteig aufmerksam, die am 15.06.2019 im Münchner Gasteig stattfindet. Grund genug, mich in dem ersten Blogeintrag meiner neuen Reihe Kulturgeflüster der Woche näher mit meinem eigenen Verhältnis zum Tanz zu beschäftigen. Denn ich tanze schon immer leidenschaftlich gerne. Als Kind nahm ich Ballettunterricht, den ich zugegebenermaßen irgendwann wegen mangelnder Grazie freiwillig aufgegeben habe. Mehr Anmut bewies ich im jugendlichen Alter als Storch in unserem Schul-Musical „Paar für Paar“. Ein paar Jahre später durfte ich mich dann zu Beyonce Knowles Single Ladies bei der Abirevue meines Jahrgangs mit zehn anderen jungen Damen über die Bühne der Schulaula bewegen. Gut, die gemeinsam einstudierte Choreographie mag etwas bemüht gewirkt haben – aber dafür waren wir Mädels in unseren zehn unterschiedlich langen Tennisröcken eine wahre Augenweide.

Als Storch auf der Musical-Bühne 1999

Zum Zeitpunkt meiner Abirevue konnte ich bereits auf eine jahrelange Erfahrung im Paartanz zurückblicken. Lauri, mein Partner seit dem zweiten Standard- und Latein-Tanzkurs in der Tanzschule Cecconi in Pfaffenhofen an der Ilm, war ein absoluter Traum. Seine Lockerheit und seine Improvisationsfreude machten aus jeder Runde Cha Cha Cha, Walzer, Jive, Rumba oder Tango ein Erlebnis. Vor dem Abitur trennten sich unsere tänzerischen Wege aus Zeitgründen leider wieder: Mittlerweile hat mein Bruder Lauris Platz als bester Tanzpartner an meiner Seite eingenommen.

Das tänzerische Erweckungserlebnis meines Lebens sollte ich aber erst viele Jahre später in einem Land haben, in das es mich nach dem Abschluss meines Kulturwirt-Studiums an der Universität Passau verschlug: In Kuba lernte ich 2010 in einem zweistündigen Tanzkurs die ganze Bandbreite des Salsa kennen und tanzte mich anschließend gefühlt durch den kompletten restlichen Urlaub. Durch Zufall hatte ich vor meiner Ankunft in Kuba den Film Salsa&Amor aus dem Jahr 2000 gesehen, in der ein junger Franzose jeden Preis als Salsa-Musiker anerkannt werden will und sich dafür als Kubaner ausgibt. Ich hielt es für ein wenig übertrieben, wie urplötzlich sich die Zurückhaltung seiner Angebeteten Nathalie in vollkommene Hingabe und Leidenschaft verwandelte, als die Französin zum ersten Mal die Bühne eines Salsa-Clubs betrat. Doch dann kam ich selbst nach Kuba und erlebte, was der Salsa-Tanz mit mir machte.

Salsa, das bedeutet für mich Lebensfreude und pure Energie. Diesem Tanz begegnet man in Kuba überall: Auf der Straße, am Strand, im Café oder abends in einem Club. Es gab keinen Tag in diesem zweiwöchigen Urlaub mit meiner Reisegruppe von Marco Polo Young Line Travel, an dem ich nicht mindestens zwei Stunden auf irgendeiner Tanzfläche zu finden war. Das Glücksgefühl, das ich dabei empfand, lässt sich schwer in Worte fassen. Dass diese Insel trotz aller Salsa-Freuden viele Probleme hat und dass das Leben im sozialistischen Kuba aufgrund fehlender wirtschaftlicher Perspektiven bis heute sehr beschwerlich ist, sollte man als wacher, aufmerksamer Tourist nicht ignorieren. Mich beeindruckte aber die Art und Weise, wie es den meisten Menschen jeden Tag für einen kleinen Moment gelingt, ihre Sorgen und Nöte buchstäblich weg zu tanzen und sich die eigene Lebensfreude weder von sozialistischen Machthabern, noch von der Angst vor der Zukunft zerstören zu lassen.

Viele Freunde fragen mich, warum ich nach meiner Rückkehr aus Kuba nicht weiter Salsa hier in Deutschland tanze. Ich habe es ein paar Mal versucht – aber das Glücksgefühl, die Energie und die Stimmung im Saal waren nicht dieselben, wie in Kuba 2010. Mir ist klar, dass sich Deutschland nicht im Rhythmus dieser Insel bewegt: Daher bevorzuge ich es, in meinen Erinnerungen zu schwelgen und hierzulande eher andere Tanz-Gelegenheiten zu suchen.

So wie bei der besten Silvester-Party meines Lebens im Dezember 2017 an der Bayerischen Staatsoper: Mit GELIEBT/GEHASST und … SUPERFUNKYPARTYTIME läutete das Haus sein Doppeljubiläum im Jahr 2018, bei dem der 200. Geburtstag des Nationaltheaters und der 100. Jahrestag der Bayerischen Staatsoper gefeiert wurde, ein. Wie man in dem kurzen Video sehen kann, legten mein Bruder und ich nicht in der Oper selbst, sondern auch vor dem Gebäude eine flotte Walzersohle aufs Parkett :).

Mein absolutes Highlight im jährlichen Tanzkalender ist übrigens der Tanz in den Mai am 30.04. im Münchner Hofbräuhaus. Denn mit einer Volkstanz-Session mit den Well Buam und Michael Well, dem besten Tanzmeister der Welt, kann nicht einmal ein Abend in einem Salsa-Club konkurrieren. Wie es Michael gelingt, inmitten einer riesigen Menschenmenge Runde für Runde verschiedenste Tänze einzustudieren – mal gemeinschaftlich, paar- oder gruppenweise – ist faszinierend mit anzusehen. Wer diese Riesengaudi noch nie selbst miterlebt hat, sollte sich unbedingt Karten für den nächsten Maitanz im Hofbräuhaus besorgen!

„Tanzt, tanzt, sonst seid ihr verloren“, sagte die weltberühmte Choreographin Pina Bausch 2007 in ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Kyoto Prize:

„Lassen Sie mich mit einer Geschichte beginnen. In Griechenland war ich einmal bei einigen Zigeunerfamilien.
Wir saßen zusammen und haben uns unterhalten, und irgendwann fingen sie an zu tanzen, und ich sollte mitmachen.
Ich hatte große Hemmungen und das Gefühl, ich kann das nicht. Da kam ein kleines Mädchen zu mir, vielleicht zwölf Jahre alt,
und hat mich wieder und wieder aufgefordert mitzutanzen. Sie sagte: „Dance, dance, otherwise we are lost.“ 

Diese Hemmungen, von denen Pina Bausch spricht, kenne ich selbst allzu gut. Mir ist es gelungen, sie 2010 in Kuba abzulegen.

Ich schätze Veranstaltungen, bei denen Menschen mit unterschiedlichen tänzerischen Vorkenntnissen zusammenkommen können, um ihrer Leidenschaft für den Rhythmus und die Bewegung Ausdruck zu verleihen: So wie Tanz den Gasteig – das größten Tanzfest der Stadt, das am 15. Juni 2019 zum vierten Mal im Gasteig stattfindet. Es wird international werden: Ob Bollywood-Dance, lateinamerikanische Rhythmen oder Gaga aus Israel – hier treffen Tanzstile aus aller Welt an einem Ort zusammen. Alle Tanzbegeisterten und die, die es werden wollen, können mittanzen, ausprobieren oder auch nur zuschauen. Ob Kinderdisco, „Cuban Fury“, Tanztee bei galanter Salonmusik oder „Fancy Footwork“ in die Philharmonie am späten Abend: An 15 Uhr wird an diesem Tag durchgetanzt bis um 2 Uhr am nächsten Morgen!


Tanz den Gasteig 2019


Philharmonie, Carl-Orff-Saal, Black Box, Carl-Amery-Saal, Chorprobensaal, Foyers, Open Air

Rosenheimer Str. 5
81667 München

https://www.gasteig.de/veranstaltungen/tanz-den-gasteig-2019.html,v59802

Eintritt frei

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