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Kulturgeflüster der Woche #3: Verena Richters „Dinggedichte“

Die Welt ist voller Dinge: Die Kunst liegt darin, ihren Besonderheiten zu erkennen und diese in Lyrik zu verwandeln. So wie Verena Richter in ihren „Dinggedichten“. Zwischen 2008 und 2010 Jahre lang druckte die Süddeutsche Zeitung zwei Jahren lang wöchentlich ein Gedicht der „Frau mit dem Täkst“, wie sich Verena Richter selbst nennt. 

Ich bin der Krach.
Meine Damen,
meine Herren,
mit Bitte um mehr Schall und Lärm!
Vor lauter Ruh,
krieg ich ja ein Auge zu!

Ich musste ein wenig an mich selbst denken, als ich Verena Richters Dinggedicht 183 zum ersten Mal las.

Ich bin die Schnur,
wie Seil oder Trick,
also fast, nur nicht so dick,
oder ein Tau,
bloß weniger rauh.
Man könnte auch sagen,
ich bin ein Faden,
nur nicht genau.
Dazu noch Fragen?

  Dinggedicht No.123

Der Begriff „Dinggedicht“ wurde 1926 von dem Germanisten Kurt Oppert geprägt. Gedichte, die dieser lyrischen Form ähneln, wurden aber bereits in früheren literarischen Epochen veröffentlicht. Das wohl bekannteste Gedicht dieser Gattung ist Rainer Maria Rilkes Der Panther aus dem Jahre 1903. Rilke gilt als Schöpfer des Dinggedichtes der Moderne um 1900. Rund 60 Jahre vor Rilke erschufen die Dichter des Parnasse – ein Kreis aus französischen Literaten, der sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am „L’art pour l’art“-Prinzip orientierte, in Frankreich bereits eine Art der Lyrik, die deskriptiv und objektorientiert war.

Im Zentrums des Dinggedichts steht ein Objekt, aus dessen Perspektive die ihn umgebende Welt beschrieben wird. Dadurch nimmt ein sogenanntes „Ding“ – also ein Gegenstand, ein Kunstwerk oder aber auch ein Lebewesen wie eine Pflanze oder ein Tier – menschenähnliche Züge an und bekommt eine Stimme verliehen.

Zwei Jahre lang druckte die Süddeutsche Zeitung zwischen 2008 und 2010 wöchentlich ein Dinggedicht der Schriftstellerin Verena Richter, die ihre Lyrik neben anderen „Täksten“ seit geraumer Zeit auch auf diversen Kleinkunstbühnen und im Rahmen von Poetry Slams präsentiert. Im April 2019 veröffentlichte Richter ihrer pointierten poetischen Betrachtungen der Welt unter dem Titel Dinggedichte 101-200 im Eigen- bzw. Fliegenzilp-Verlag. „Unverlegen verlegen“, wie sie es selbst bezeichnet, erschien bereits ihr erster Gedichtband im Jahre 2015 mit den Dinggedichten 1-100.

Die Kunst kommt in dem Gedichtband Dinggedichte 101-200 genau so zu Wort, wie der Tisch, das Telefon, das Croissant oder die Labertasche. Mit viel trockenem Humor gelingt es den Objekten in Verena Richters Gedichtband, in Anbetracht der Absurdität des täglichen Lebens nicht in Zynismus zu verfallen. „Ein großer Künstler sieht die Dinge niemals so, wie sie sind. Wenn er sie so sähe, wäre er kein Künstler mehr“, sagte Oscar Wilde einst. Verena Richters ironische Betrachtung der Welt durch die Augen ihrer Dinge hätte dem Meister der Wortspiele, Metaphern und Paradoxien sicherlich große Freude bereitet.

© Verena Richter

Verena Richters künstlerisches Talent beschränkt sich jedoch nicht nur auf das geschriebene Wort: Auf ihrer Website findet man zahlreiche „Dinggedichtzeichnungen“, Kunstdrucke und Postkarten. Im Frühjahr 2020 ist sogar eine Ausstellung der Dinggedichtezeichnungen in der Stadtbibliothek Neuhausen geplant.

Und dann wäre da noch das Saxophon: Erst im Alter von 20 Jahren begann Verena Richter mit dem Saxophon-Spiel, ein Jahr später bestand sie bereits die Aufnahmeprüfung am Richard-Strauss-Konservatorium in München. Daneben studierte sie Philosophie und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Nach ihrem Diplom im Fach Saxophon verbrachte sie drei Jahre in der Meisterklasse von Federico Mondelci am Conservatorio G. Rossini in Pesaro/Italien.

2007 gewann sie den Premio di Calpurnia del Festival delle Nazioni, 2008 wurde sie mit dem Tassilo-Hauptpreis der Süddeutschen Zeitung ausgezeichnet und 2009 wurde sie Stipendiatin bei Yehudi-Menuhin Live Music Now.

Auf dass deine Fantasie weiterhin so pointierte Reime regnen lasse und du in ihnen die Inspiration für deine wunderbare Zeichnungen findest, liebe Verena!


Mehr Infos über Verena Richter und ihre Dinggedichte findet ihr unter: 

http://dinggedichte.de

http://verenarichter.de/

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