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Kulturgeflüster der Woche #2: Raus aus dem Konzertsaal!

Raus aus dem Konzertsaal und mitten hinein in eine möglichst spektakuläre Umgebung, in der noch nie zuvor ein klassisches Konzert stattgefunden hat! Der Event-Charakter allein sorgt jedoch noch nicht für einen musikalischen Hochgenuss.

Eine Liebeserklärung an die Konzertreihe Nightingale natur I kultur des Bariton Thomas Schütz im Chiemgau, bei der die Natur mehr, als bloße Kulisse für ein ungewöhnliches musikalisches Ereignis ist. Immer wieder kommt im Gespräch mit Musikern und Konzertveranstaltern die Frage auf, wie es heutzutage gelingen kann, mehr und vor allem junge Leute wieder für klassische Musik zu begeistern. Wenn die Besucher ausbleiben, muss man wohl zu ihnen kommen.

Ich war in den vergangenen Jahren zu Gast an vielen ungewöhnlichen Konzertorten – darunter verschiedene Clubs und ein Bergrestaurant, die Scheune eines Bauernhofs, eine PWX-Werkstatt, das Gebäude einer alten Baumwollspinnerei oder der Stadl eines bayerischen Gasthofs. Einige dieser Konzerte wie trugschluss #13 im Februar 2018 in der PWX-Werkstatt des Clubdesigner Geradi Rade im Münchner Werksviertel oder die Konzerte der Reihe Klassik Underground der BR KLASSIK-Sendung Sweet Spot im Milla Club waren sehr inspirierend, weil es den eingeladenen Musikern gelange, die vibrierende Energie des jeweiligen Raums zu erspüren und sich diese für ihre Konzerte zunutze zu machen.

Doch andere „Konzerte mit Erlebnisfaktor“ ließen mich eher ratlos zurück. Ein musikalisches Schmankerl von Loriotschem Format ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Im Rahmen des Bayerischen Jazz-Weekend in Regensburg 2006 präsentierte man dem Publikum bei 30° sengender Hitze ausgerechnet auf der Bühne des Thon-Dittmer-Palais die Musik des einzigartigen radio.string.quartet, das als Grenzgänger zwischen Klassik, Jazz und Weltmusik in seinen Kompositionen immer wieder vollkommen neue Klangräume erschafft.

Während einige Zuschauer das Konzert als die perfekte Gelegenheit sahen, ihre Brotzeit auszupacken und viele Kinder munter zwischen den Reihen hin- und herliefen, kämpften die Musiker auf der großen Bühne um den Platz unter dem kleinen Sonnenschirm. Kammermusik in einem Innenhof mit 400 Sitzplätzen, wo man eher eine Freilicht-taugliche Theater- oder Operninszenierung erwarten würde: Dieses Konzert der ganz besonderen Art in Regensburg im Jahre 2006 werde ich nie vergessen.

Versteht mich nicht falsch: Ich bin ein großer Freund davon, ausgetretene Pfade zu verlassen und nach neuen Wegen der Musikvermittlung im klassischen Bereich zu suchen. Allerdings darf die musikalische Qualität nicht unter der leichteren Zugänglichkeit und Konsumierbarkeit des Dargebotenen leiden.

Letzte Woche wurde mir beim ersten Konzert der im Chiemgau angesiedelten Reihe Nighingale natur I kultur klar, welch ein Hochgefühl die perfekte Symbiose zwischen einer Konzertidee und dem dazugehörigen Ort bei einem Zuschauer auslösen kann.

In der Bootshalle der Chiemsee-Schifffahrt in Prien wurde für das Konzert „Naturfreiheit“ am 02.06.2019 nicht einfach nur eine Bühne an einem Ort aufgebaut, an dem üblicherweise Motorschiffe gelagert werden: Dieser Abend folgte angefangen von der Programmheft-Gestaltung bis hin zur spontanen Bezugnahme der Musiker auf die sie umgebenden Elemente und dem Spiel mit verschiedenen Lichtstimmungen einer sehr klug durchdachten musikalischen und visuellen Dramaturgie.

Gemeinsam mit dem Hornisten Christian Loferer, der in Prien aufgewachsen und seit 2005 Teil des Bayerischen Staatsorchesters ist, und dem Pianisten Christoph Schnackertz präsentierte der ebenfalls aus Prien stammende Bariton Thomas Schütz, der die Nightingale-Reihe Ende 2016 initiierte, in seinem Konzert ein Programm, durch das sich der Bezug zu dem Element Wasser wie ein roter Faden hindurchzog. Richard Strauss „Empfindungen am Meere“ und Wolfgang Amadeus Mozarts „Hornkonzert KV 447, Es-Dur: Allegro“ für Horn und Klavier wurden an diesem Abend ebenso gespielt wie Robert Schumanns „Abends am Strand“ für Bariton und Klavier: Denn Thomas Schütz war im Rahmen des von ihm organisierten Konzerts auch selbst auf der Bühne zu erleben.

Der Ausblick von meinem Sitzplatz auf den Chiemsee

Manchmal hatte man bei diesem Konzert das Gefühl, als würden die Wellen im Takt mit der Musik tanzen – und als würden sich die in der Bootshalle umher zwitschernden Vögel dem Rhythmus des jeweiligen Stücks anpassen. Selten habe ich ein Publikum so ergriffen und gleichzeitig so beschwingt nach Hause gehen sehen.

Lieber Thomas, lieber Christian, lieber Christoph: Ich danke euch für dieses wunderbare musikalische Erlebnis abseits eines Konzerthauses und freue mich schon auf die nächsten Nightingale-Konzerte in diesem Jahr im Chiemgau.


Mehr Infos über Nightingale natur I kultur und die nächsten Konzerttermine findet ihr unter: 

https://www.nightingale-natur-kultur.com/

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