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#Konzerttipp: “Rape&Culture” im Rahmen des HIDALGO Festival 2021

© Max Ott

Das seit 2018 in München stattfindende HIDALGO Festival für junge Klassik geht mit einem äußerst engagierten, mutigen Programm in seine vierte Runde: Am 11., 12. und 14.09.2021 steht das Thema sexualisierte Gewalt im Zentrum des Musiktheaters “RAPE&CULTURE“.

Eine Sängerin wird vergewaltigt. Der Täter ist ihr Mentor, dem sie blind vertraut hat: Denn von ihm hängt ihre Karriere ab. Vier Tänzer*innen spiegeln die inneren Konflikte der Sängerin wider, Interviews mit Betroffenen aus der Klassikszene brechen die Fiktion auf. Ein szenischer Liederabend für Frauenstimme, Sprecher*in, Klavier und vierköpfiges Tanzensemble über Macht, Abhängigkeit und einen mächtigen Vergewaltiger.

Die fiktive Bühnengeschichte, die Mitte September im Rahmen des Musiktheaters RAPE & CULTURE auf der Bühne des Sugar Mountain zu sehen sein wird, hat einen sehr ernsten Hintergrund: Seit dem Beginn der #MeToo-Debatte 2018 ist auch die Klassikbranche verstärkt in den Fokus der Debatten um Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffigkeit geraten. Man ist sich zwar darüber einig, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden sollen: Wie schwer es jedoch ist, den hehren Worten auch rechtliche Konsequenzen folgen zu lassen, zeigt der Fall Siegfried Mauser. Der ehemalige Präsident der Münchner Musikhochschule und der Ex-Rektor des Mozarteums Salzburg, hat seine 2018 verhängte Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten wegen sexueller Nötigung in drei Fällen bis heute nicht angetreten – aus gesundheitlichen Gründen sei er derzeit nicht haftfähig, ließen seine Anwälte im vergangenen Jahr verlauten.

Umso wichtiger, dass sich das HIDALGO Festival in diesem Jahr in einem seiner Programmschwerpunkte intensiv mit dem Thema Machtmissbrauch beschäftigt. Das Musiktheater RAPE & CULTURE zeigt, wie es dazu kommen kann – und was nach dem Missbrauch geschieht. Die Geschichte wird entlang von bekannten Kunstliedern und den Soundscapes der Klangkünstlerin Martine-Nicole Rojina erzählt. Es sind Lieder aus dem Standardkanon, in denen sexualisierte Gewalt verharmlost wird – zum Beispiel das “Heidenröslein“, das Franz Schubert 1815 und der Braunschweiger Kleinmeister Heinrich Werner 1829 nach einem Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe vertonten – oder Lieder, in denen Täter zu Opfern werden – wie beispielsweise “Die Loreley“e, in frühes Lied Franz Liszts nach einem Gedicht von Heinrich Heine.

Die Soundscapes sind psychische Klanglandschaften, die sich aus musikalischem Material und Geräuschen zusammensetzen. Sie brechen in die Lieder ein und spiegeln die innere Verfassung der Sängerin wider. Verwebt werden sie mit der Choreografie von Francesco Vecchione: Fließend werden die vier Tänzer*innen, die Sängerin Ketevan Chuntishvili, die Sprecherin Enea Boschen und die Pianistin Brigitte Helbig am 11., 12. und 14.09.2021 auf der Bühne des Sugar Mountain zwischen situativer Erzählung, personalisierter Darstellung der Charaktere oder architektonischer Bühnenraumgestaltung hin- und herwechseln.

Eine Besonderheit dieser Produktion sind die Interviews, die der Regisseur Tom Wilmersdörffer im Vorfeld des Probenprozesses mit Betroffenen sexualisierter Gewalt geführt hat. Die Interviewpartnerinnen berichteten ihm darin von übergriffigen Hochschulprofessor*innen, Dirigenten und Regisseuren, von Machtmissbrauch bis hin zu versuchten Vergewaltigungen. Diese realen Erlebnisse brechen in die fiktive Bühnengeschichte ein und geben einen dokumentarischen Einblick in die oft toxische Umgebung, in der Kunst und Musik entstehen.

90 Minuten

WERKE
Lieder u.a. von Beethoven, Brahms, Haydn, Mahler, Mahler-Werfel, Schoeck, Schubert, Schumann, Strauss, Wolf mit Soundscapes und Ausschnitten aus Betroffenen-Interviews

AUFFÜHRUNGEN
11./12./14.09.2021

HIDALGO Festival 2021

LOCATION
Sugar Mountain, Helfenriederstr. 12, 81379 München

BESETZUNG

SOPRAN – Ketevan Chuntishvili
PIANO – Brigitte Helbig
KLANGKUNST – Martine-Nicole Rojina
4 TÄNZER*INNEN – Sade Mamedova, Alfonso Fernández Sánchez, Shih-Ping Lin, Elodie Lavoignat
SPRECHERIN – Enea Boschen

IDEE & INSZENIERUNG – Tom Wilmersdörffer
CHOREOGRAFIE – Francesco Vecchione
BÜHNENBILD – Linda Sollacher
TECHNIK & LICHTDESIGN Lukas Kaschube
TECHNIKASSISTENZ – Philipp Frankl
REGIEASSISTENZ – Johanna Ortner
PRODUKTIONSLEITUNG – Julia Wimmer

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