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It’s showtime!

Vincent Sauer, Nina Steils, Anne Stein, Silas Breiding in „Das hässliche Universum“

Wie erfolgreich man dem COVID-19-Virus als Theater die Stirn bieten kann, beweisen der Intendant des Münchner Volkstheaters, Christian Stückl, und sein Team derzeit mit ihrem Sommertheater-Konzept. Im Rahmen dieses einmaligen Theatersommers feierten unter anderem Sapir Hellers Inszenierung „Das hässliche Universum“ und Abdullah Kenan Karacas Inszenierung „Probleme Probleme“ am Volkstheater Premiere.

Ein Sondereinsatzkommando, das mit einem „Grias di“ von dannen zieht, nachdem es eine Wohnung gestürmt hat; ein Influencer, der als „Engagierter Bürger mit A“ auf Follower-Fang aus ist; eine Frau namens Rosa, die Millionen Menschen im Internet bewegt, aber ähnlich wie Banksy nie selbst in Erscheinung tritt; eine alleinerziehende Mutter, ein Nein zu Gott, bauchfrei und rauchfrei und viel Musik: Willkommen in einer Welt der nicht enden wollenden Informationsflut und des schönen Scheins, in der die reale und die virtuelle Realität miteinander verschmelzen.

„Wahrheit ist eine krasse Sache“, sagt Silas Breiding, der mit seiner schmucken Rüstung wie der junge Brad Pitt als Achilles in Wolfgang Petersens Film „Troja“ aussieht. In Sapir Hellers Inszenierung von Laura Naumanns Stück „Das hässliche Universum“ am Münchner Volkstheater sind die Rollen, in die die vier Protagonistinnen und Protagonisten auf der Bühne schlüpfen, eine Projektionsfläche für das, was diese Männer und Frauen gerne nach außen darstellen würden.

Die blumenbekränzte Nina Steils wirkt wie die perfekte Kopie von Frida Kahlo, während die blondgelockte Anne Stein die Bühne als Möchtegern-Dolly Parton für sich einnimmt. Silas Breiding als strahlender Ritterschönling und Vincent Sauer als hinreißendes Freddie Mercury-Double stehen den beiden Damen in punkto Selbstinszenierung in nichts nach.

Vincent Sauer, Nina Steils, Anne Stein, Silas Breiding ©Arno Declair

„Wenn die ganze Zivilisation zum Teufel ginge – ich würde es nicht bedauern; nur um die Musik täte es mir leid“. Dieses Zitat von Leo Tolstoi könnte das Leitmotiv für Sapir Hellers kluge Inszenierung von Laura Naumanns 2017 uraufgeführtem Stück sein. Auf den ersten Blick wirkt das Bühnengeschehen am Volkstheater wie ein Endzeitstimmungs-Happening: Auf höchst vergnügliche, individuelle Art und Weise covern die vier Schauspieler*innen Songs von Tom Waits, Bon Jovi oder Tokio Hotel und begleiten sich dazu selbst auf der Gitarre, der Hammondorgel oder auf der Trommel. Das Universum dieser genialen Schaumschläger besteht aus nicht mehr als aus einem zu einer Wolke formierten Stahlgerüst mit einer Lichterkette, über der in rosaroten Neon-Lettern „The Goodbye Show“ zu lesen ist. Eine eindrückliche Metapher der Bühnen- und Kostümbildnerin Anna van Leen für die große Leere hinter der spektakulären Apokalypse-Show.

Nina Steils gibt eine genial überdrehte Version von Blurs „Song 2“ zum Besten und Anne Steins verdichtet eine Aneinanderreihung von „Neins“ (zu Dosenbier oder zu Gott zum Beispiel) zu einem grandiosen Song, der definitiv Hit-Potential besitzt. „Alles muss brennen“, verkündet sie, während sie peinlich genau darauf achtet, dass ihr blondes Perücken-Haar nicht verrutscht.

Die Regisseurin Sapir Heller spielt mit der Überforderung, die in dem tempo- und rythmusreichen Text der Dramatikerin Laura Naumann angelegt ist. Da erfährt der Zuschauer plötzlich in einem Nebensatz, dass die Kanzlerin bei einem Attentat ums Leben kam. Oder er hört von den Schwierigkeiten, mit denen eine alleinerziehende Mutter konfrontiert ist, bevor er einen Moment darauf mit den Erzählungen über die geheimnisvolle Rosa konfrontiert wird. Eine Informationsflut, die einen an den eigenen Facebook- oder Instagram-Feed erinnert, auf dem jeder und jede von uns täglich mit tausenden von Nachrichten, Videos und Fotos diversester Art konfrontiert ist. Wer in dieser Welt erfolgreich auf sich aufmerksam machen möchte, muss eine überzeugende Show abliefern.

So genial diese vier Showmaster auf der Bühne des Volkstheaters als Entertainer sind, so wenig fähig sind die Figuren, den drängenden Problemen in ihrem Umfeld mit dem nötigen Ernst zu begegnen. Denn gesellschaftliches Engagement geht für sie immer mit einem gewissen Maß an Selbstinszenierung einher. Sapir Heller macht sich in ihrer Inszenierung von „Das hässliche Universum“ die Kunst des Klamauks zunutze, um eine Geschichte über eine junge Generation zu erzählen, die sich selbst im Angesicht des drohenden Untergangs nur um sich selbst dreht. Sie wird auch dann weiter ihrem hedonistischen Lebensstil frönen, wenn die Party längst vorbei ist.

Ähnlich wie die Protagonist*innen in „Das hässliche Universum“ weiß auch der Intendant des Münchner Volkstheaters, Christian Stückl, wie man die Massen bewegt – aber er tut es im Gegensatz zu ihnen auf eine sehr authentische, grundehrliche Art und Weise. Im Mai 2020 fand im Volkstheater eine der emotionalsten, erfrischendsten Pressekonferenzen statt, die ich je gesehen habe: Per Facebook-Livestream verfolgte ich Christian Stückls Ankündigung, dass er von Ende Juli bis Mitte September ein Sommertheater an seinem Haus plane. Final abgesprochen hatte er sein Vorhaben zwar zuvor nicht mit den Entscheidungsträgern der Stadt München: Aber wer kann diesem  Bühnenfuror und Theatermacher aus Leidenschaft schon einen Wunsch abschlagen.

Ich verbinde sehr viele positive Erinnerungen mit dem Münchner Volkstheater, dessen Shakespeare-Inszenierungen Gegenstand meiner Diplomarbeit waren und an dem ich während meines Studiums der Theater-, Film- und Fernsehkritik an der Festivalzeitung des radikal jung-Festivals mitarbeitete.

Abdullah Kenan Karaca, der mittlerweile Hausregisseur am Volkstheater ist und am vergangenen Mittwoch mit seiner Inszenierung „Probleme Probleme“ Premiere feierte, lernte ich damals am Oberammergauer Passionstheater kennen, wo ich nach für einen Vorbericht zur Inszenierung „Joseph und seine Brüder“ recherchierte. Die drei Protagonist*innen in „Probleme Probleme“ sind ähnlich intensiv mit sich selbst beschäftigt wie die Figuren in „Das hässliche Universum“. Das größte Problem im Leben der Protagonistin Beatrix: Jeden Tag wenigstens ein Minimum an Aktivität vorzutäuschen. Dabei würde sie doch einfach am liebsten die ganze Zeit schlafen. Ihre platonische Affäre Erich hingegen kämpft mit einer ganz anderen Herausforderung: Seine Frau versucht immer wieder, sich das Leben zu nehmen. Und Beatrix‘ Freundin Jeanne? Stimmt etwa etwas nicht mit ihr oder warum legt sie freiwillig so viel Tatendrang an den Tag?

Schlussapplaus nach der Premiere von „Probleme Probleme“

1972 veröffentlichte Ingeborg Bachmann die Geschichte „Probleme Probleme“ in ihrem Erzählband „Simultan“. Nun hat Abdullah Kenan Karaca die satirische Erzählung, mit der Bachmann Kritik am Frauenbild der 1950er und 1960er Jahre übte, mit den Schauspieler*innen Henriette Nagel, Jakob Immervoll und Max Poerting für die Bühne adaptiert. In „Probleme Probleme“ geht es um eingebildete und tatsächliche Sorgen, Freiheit und Sicherheit, Langeweile, halluzinierte Oasen und den ganz großen Weltschmerz. Die einzige Flucht aus dem dem Kreislauf des Immergleichen ist für Beatrix der Schönheitssalon RENÉ, wo sie am Ende feststellen muss, dass sie sich nicht in ein zeitloses, sondern in ein einsames, unverstandenes Kunstwerk verwandelt hat.

Abdullah Karaca und der Bühnenbildner Vincent Mesnaritsch haben für ihre Inszenierung einen Bühnenraum aus Plastikfolie geschaffen, der wie das Setting eines expressionistischen Science-Fiction-Stummfilms anmutet. Das möblierte Zimmer und die reizende Umgebung des Friseursalons René sind in Wahrheit nichts weiter als imaginierte Traumwelten, die so flüchtig sind wie Beatrix Make-Up.

Die Schauspieler Henriette Nagel, Jakob Immervoll und Max Poerting bilden als Trio das Sprachrohr für eine Frau, deren übersteigerte Weltsicht jede echte menschliche Empfindung unmöglich macht. Die drei androgyn wirkenden Figuren sind nicht nur Ausdruck von Beatrix‘ multipler Persönlichkeit, sondern auch das Spiegelbild einer Gesellschaft, die den schönen Schein für sich als Maß aller Dinge definiert hat.

Henriette Nagel, Jakob Immervoll, Max Poerting © Arno Declair

In ausgewählten Momenten gelingt es dem Regisseur Abdullah Karaca in seiner Inszenierung immer wieder, Ingeborg Bachmanns Prosatext auf der Bühne in eine skurrile Formensprache übersetzen. Doch die meiste Zeit über wirkt „Probleme Probleme“ wie ein bebildertes Hörspiel, in dem Karaca mehr auf Klamauk setzt, als auf die Stärke von Bachmanns Text zu vertrauen.

Mehr Informationen zu den beiden Inszenierungen und Karten für die nächsten Vorstellungen gibt es hier: 

https://www.muenchner-volkstheater.de/spielplan/premieren/das-h%C3%A4ssliche-universum

https://www.muenchner-volkstheater.de/spielplan/premieren/probleme-probleme

Von Die Kulturflüsterin

PR-Managerin I kulturbegeistert I Theater, Film, Fernsehen, Kunst I Social Media I Digitale Geschichtenerzählerin

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