Bühnengeflüster

Die Kunst der Reduktion

Sie bewegen und verzaubern mich mit ihrem Spiel wie derzeit kaum zwei andere junge Schauspieler: Die Residenztheater-Ensemblemitglieder Valerie Pachner und Thomas Lettow…

Kennengelernt habe ich Valerie Pachner und Thomas Lettow im März 2015 bei einer Veranstaltung der Freunde des Residenztheaters im März 2015 nach einer Vorstellung von Tina Laniks „Drei Schwestern“-Inszenierung am Münchner Residenztheater. Während ich Thomas an diesem Abend nur von der Ferne sah, da zwei Freundeskreis-Mitglieder ihn den gesamten Abend über in ein Gespräch über moderne Inszenierungsformen versus traditionelles Regietheater verwickelten, plauderte ich mit Valerie über alle möglichen Themen – auch über Theater-ferne. Diese beiden jungen Schauspieler, die damals am Beginn ihrer Karriere standen, machten kein Aufheben um die eigene Person – bescheiden und gleichzeitig sehr souverän präsentierten sie sich vor den Mitgliedern der Freunde des Residenztheaters.

Gruppenbild des Freundeskreises des Residenztheaters mit Thomas Lettow (3.v.l.) und Valerie Pachner (4.v.l.).

In diesem Jahr erhielten Thomas Lettow und Valerie Pachner den Bayerischen Kunstförderpreis, mit dem der Bayerische Staatsminister für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst jedes Jahr die Leistungen begabter Nachwuchskünstlerinnen und -künstler honoriert. Zurecht – denn diese beiden Schauspieler machen jede Theaterinszenierung, jeden Film und jede Lesung zu einem besonderen Erlebnis.

Ich erinnere mich an eine verstörende Szene in David Böschs Inszenierung von Ödön von Horváths Drama „Glaube Liebe Hoffnung“, in der die vom Leben geplagte und von der Gesellschaft verachtete Elisabeth – gespielt von Valerie Pachner – die ultimative Demütigung in Form einer brutalen Vergewaltigung durch den Baron (Thomas Huber) über sich ergehen lassen muss. So hatte sich Elisabeth das mit dem Verkauf ihres Körpers nicht vorgestellt – der sollte schließlich erst nach ihrem Tod dem Anatomischen Institut zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt werden. Doch Elisabeth begreift, dass ihr letztendlich nur der Suizid die Möglichkeit bieten wird, ihr Leben auf selbstbestimmte Art und Weise zu Ende zu führen. Valerie Pachner lässt sich in ihrer Darstellung der Elisabeth nicht auf das Klischee vom traumatisierten Mädchen reduzieren. Ihre Elisabeth ist eine facettenreiche Figur, die den Zuschauern bisweilen in ihrem Wahnsinn und ihrer Raserei nervt – man wünscht sich gar, sie würde ihr armseliges Leben endlich beenden. Dann hat man jedoch wieder Mitleid mit dieser jungen Frau, die sich unter anderen Umständen eine normale Existenz hätte aufbauen können. Valerie Pachners Gespür für die Vielschichtigkeit ihrer Figur, ihr Verständnis für Elisabeths Ängste und Nöte machen diese Inszenierung zu einem einzigartigen Erlebnis.

Valerie Pachner in „Glaube Liebe Hoffnung“ © Thomas Dashuber

Valeries bisher intensivsten schauspielerischen Moment habe ich aber vor einigen Monaten im Kino erlebt – bei der Premiere des Films Egon Schiele – Tod und Mädchen in den Münchner City Kinos. Valerie spielt in diesem Film Wally Neuziel, eines der wichtigsten Modelle von Egon Schiele und die bedeutendste Frau seiner Kunst bis zu dem frühen Tod des Malers mit 28 Jahren. Nachdem Egon (Noah Saavedra) Wally eröffnet hat, dass er aus finanziellen Gründen auf das Heiratsangebot der vermögenden Edith Harms eingehen muss, verlässt sie Hals über Kopf die gemeinsame Wohnung in Wien – um kurz darauf ein letztes Mal dorthin zurückzukehren. Der österreichische Regisseur des Films, Dieter Berner, meinte beim Publikumsgespräch nach der Premiere, dass es einige Überzeugungsarbeit seinerseits gebraucht habe, um Valerie von der Notwendigkeit dieser letzten Begegnungsszene zu überzeugen. An keiner anderen Stelle tritt Egon Schieles Egoismus, seine Unfähigkeit zu lieben und auch einmal unbequeme Entscheidungen zu treffen, so klar zutage wie in dieser Szene. Valerie Pachner kehrt nicht als eine von Liebeskummer geplagte Emanze in die Wohnung zurück, sondern als eine in ihrer Ehre verletzte Frau, die sich an die Hoffnung klammert, dass sich Egon in der Zeit ihrer Abwesenheit auf die Suche nach ihr gemacht haben könnte. Doch der Künstler wendet sich einfach weiter seiner Kunst zu. Durch wenige Blicke und Gesten zwischen Valeria Pachner und ihrem Spielpartner Noah Saavedra offenbart sich die ganze Tragik der Liebesgeschichte ihrer Figuren.

Noah Saavedra und Valerie Pachner als Egon Schiele und Wally Neuziel in „Egon Schiele – Tod und Mädchen“ © Novotny & Novotny Film

Wie Valerie Pachner beherrscht auch Thomas Lettow meisterlich die Kunst, seine Zuschauer durch wenige Gesten und Blicke und vor allem durch ein einzigartiges Sprachgefühl in seinen Bann zu ziehen. In einem der stärksten Theatermomente, in denen ich ihn bisher erleben durfte, hat Thomas als König Ödipus in Mateja Koležniks gleichnamiger Inszenierung gerade vom Tod seiner Frau Iokaste erfahren. Verblendet war Ödipus, als er den Weissagungen des blinden Sehers Teiresias (Hans-Michael Rehberg), nicht glauben wollte und mit Iokaste seine eigene Mutter ehelichte. In einem grausamen Akt der Selbstbestrafung sticht sich Ödipus nach Iokastes Tod die Augen aus – Thomas Lettow nutzt diese Szene nicht für einen effekthascherischen Auftritt, sondern präsentiert seinen Ödipus als einen Herrscher, dessen Sicht auf die Welt mit einem Mal vollständig ins Wanken geraten ist. Zwischen Mitleid und Abscheu schwankt der Zuschauer beim Anblick des nach festem Halt suchenden Ödipus, dem Thomas Lettow auch in den Momenten größter Verzweiflung Haltung und Würde verleiht. Er scheut in dieser Szene keinen Pathos, verfällt dabei aber nie ins Pathetische.

Thomas Lettow und Hans-Michael Rehberg als König Ödipus und Teiresias in „König Ödipus“ am Residenztheater © Thomas Dashuber

Thomas Lettow ist nicht nur ein großartiger Tragödien-Mime, sondern kann auf der Bühne auch sehr komische Seiten von sich zeigen. Das beweist er derzeit als Titelheld in Robert Gerloffs „Robin Hood“-Inszenierung. Sein vorwiegend junges Publikum nimmt er jedoch sehr ernst und präsentiert ihnen keinen Kinderquatsch auf der Bühne. Sein mit einem erfrischenden Sinn für Selbstironie dargestellter Robin Hood ist nicht frei von Fehlern und Schwächen – aber er hat das gewisse Etwas, um die Welt ein Stück besser zu machen.

Thomas Lettow (Mitte) als Robin Hood  © Julian Baumann

Zweimal durfte ich Thomas Lettow übrigens im Laufe des vergangenen Jahren auch noch auf einer anderen Bühne erleben – nämlich auf der des Literaturhauses München. Zuletzt las er dort aus der deutschen Übersetzung des hochgelobten Romans „Ein wenig Leben“ der US-amerikanischen Schriftstellerin Hanya Yanagihara. Dass diese Lesung zu solch einem besonderen Ereignis wurde, lag auch an Thomas Lettows Vorlesekunst – denn dem Schauspieler gelang es eindrucksvoll, die Gefühlswelt von Yanagiharas vier männlichen Romanfiguren für den Zuhörer spürbar zu machen. Lettow musste sich dafür nicht künstlich auf der Bühne in Szene setzen, sondern nahm sich stets wohltuend zurück, sobald Yanagihara nach seinen Lesepassagen wieder das Wort ergriff.

Moderatorin Felicitas von Lovenberg, Hanya Yanagihara (Mitte) und Thomas Lettow bei der Lesung im Literaturhaus München

Große Schauspielkunst kann auch ganz leise und unaufgeregt daherkommen – dazu müssen Valerie Pachner und Thomas Lettow   nicht erst den Bühnenraum durch körperdominierte Präsenz sprengen oder übertriebenes Pathos in ihren Filmen an den Tag legen. Ich bin gespannt auf die neuen Projekte von Valerie und Thomas – und hoffe, dass ich sie bald wieder in der Kantine des Residenztheaters antreffe.

 

Die Kulturflüsterin

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