Meeresdramatik

Das Meer ist der Raum der Hoffnung, heißt es in Friedrich Schillers Die Braut von Messina. Eine kleine Reflexion über die Darstellung des Meeres in klassischen und zeitgenössischen Dramentexten anlässlich der Blogparade „Europa und das Meer – was bedeutet mir das Meer?“ (#DHMMeer) des Deutschen Historischen Museums Berlin

Was ist das? – Der Mond ist unter – der Morgen kommt feurig aus der See. Wilde Phantasien haben meinen Schlaf aufgeschwelgt – mein ganzes Wesen krampfig um eine Empfindung gewälzt. – Ich muß mich im Offenen dehnen. 

Diese Verse des unvollendeten, 1783 uraufgeführten Drama Die Verschwörung des Fiesco zu Genua lässt Friedrich Schiller seinem titelgebenden Helden Fiesco im 3. Akt des Trauerspiels vortragen. In der Mitte des Hintergrunds eine große Glastüre, die den Prospekt über das Meer und Genua öffnet. Fiesco hadert mit seiner Rolle als Revolutionär und der Unterdrückung derjenigen Menschen, dessen Freiheit er verteidigen will. 

Diese majestätische Stadt. Mein! – und drüber emporzuflammen gleich dem königlichen Tag – drüber zu brüten mit Monarchenkraft – all die kochenden Begierden – all die nimmersatten Wünsche in diesem grundlosen Ozean unterzutauchen? 

Schauplatz der Handlung ist die Handelsstadt Genua im Jahre 1547, deren Freiheit zu dieser Zeit tatsächlich durch einen Machtwechsel bedroht war. Der tyrannische Sohn des Dogen Andreas Doria möchte sich in Die Verschwörung des Fiesco zu Genua der Republikaner entledigen und die Macht an sich reißen, während Fiesco als Anführer der Verschwörer plant, die Herrschaft der Dorias zu beenden und die Republik auszurufen. Derweil bereitet der Republikaner Verrina für den Fall, dass ihr Anführer nicht zu seinem Wort steht und die Republik verrät, dessen Sturz vor.

Er macht die Glastür auf. Stadt und Meer vom Morgenrot überflammt. Fiesco mit starken Schritten im Zimmer.

Das feurige Rot, in das Fiesco das Meer getaucht sieht, ist ein Sinnbild für seine aufgewühlten Gedanken, denen der nur wenig später Taten folgen. Als  Anführer der Rebellion siegt Fiesco gegen die Dorias und die Bürger der Stadt sind bereit, ihn als neuen Herrscher anzuerkennen. Doch seine Idee von Freiheit weicht schnell einem unstillbaren Machthunger. So ist es nur konsequent, dass Schiller das tragische Ende seines Protagonisten Fiesco ausgerechnet am Meer besiegelt. Denn es gibt kaum einen Ort, an dem man die Bedeutung des Wortes „Freiheit“ intensiver spüren kann. Aber nur wer sich auch der zerstörerischen Kraft des Meeres bewusst ist, vermag es, ihr zu trutzen.

1974 fand am Wiener Burgtheater die Uraufführung eines Stücks des US-amerikanischen Dramatikers Edward Albee statt, zu dessen bekanntesten Werken unter anderem Wer hat Angst vor Virginia Woolf? und Die Zoogeschichte zählen: In Seeskapade (Seascape) lässt Albee Nancy und Charles, die seit unzähligen Jahren miteinander verheiratet sind und am Strand über ihr Leben reflektieren.

NANCY
Still … Ahhh; breathe the sea air.
(Tiny pause; suddenly remembers)
Didn’t you tell me? When you were a little boy you wanted to live in the sea?

CHARLIE
Under.

NANCY (Delighted)
Yes! Under the water—in it. That all your friends pined to have wings? Icarus? Soar?

CHARLIE
Uh-huh.

NANCY
Yes, but you wanted to go under. Gills, too?

CHARLIE
As I remember. A regular fish, I mean fishlike—arms and legs and everything, but able to go under, live down in the coral and the ferns, come home for lunch and bed
and stories, of course, but down in the green, the purple, and big enough not to be
eaten if I stayed close in. Oh yes; I did want that

Als hätte Charlie ihre Ankunft durch seine Worte heraufbeschworen, tauchen plötzlich zwei Eidechsen in Menschengestalt namens Leslie und Sarah an „ihrem“ Teil des Strandes auf. Einst lebten der Meermann und die Meerfrau im Wasser, bis sie sich dort nicht mehr wohl fühlten und ihr Glück an Land suchten. Beinahe treibt sie das, was sie dort mit Charlie und Nancy erleben, zurück ins Meer – doch das Angebot von Charlie und Nancy, Leslie und Sarah zu helfen, bewegt die beiden dazu, zu bleiben. Der Strand wird in Seeskapade zum Schauplatz für eine Begegnung wie von einem anderen Stern, zu einem Kammerspiel voller absurder, fantastischer und satirischer Wendungen. 

Die Anziehungskraft des Meeres. Die Sehnsucht nach dem Meer. Die Menschen sind verwandt mit dem Meer. Das Meer beherrscht die Macht der Stimmungen, eine Macht, die wie ein Wille wirkt, schreibt der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen in den ersten Aufzeichnungen zu seinem Drama Die Frau vom Meer. 1889 fand die Uraufführung des Schauspieles sowohl am Hoftheater in Weimar und am Christiania Theater in Oslo statt. 

Schwer lasten die Sehnsucht und die Erinnerungen auf den Menschen im Haus des Bezirksarztes Doktor Wangel und seiner zweiten Frau Ellida, die dort mit Bolette und Hilde, Wangels Töchtern aus erster Ehe, leben. Zehn Jahre zuvor hat Ellida die Bekanntschaft eines Seemanns gemacht und sich heimlich mit ihm verlobt. Nachdem ihn der Mord an einem Kapitän zur Flucht zwang, taucht der nie vergessene Geliebte nun wieder in der Kleinstadt an der Westküste Norwegens auf. Gegenüber dem Oberlehrer Arnholm äußerst sich Doktor Wangel über das merkwürdige Verhalten seiner Frau und ihre Affinität zu dem Element Wasser. 

Arnholm 
Ist Ihre Frau heut nicht zu Hause?

Wangel
Doch, – sie muß nun bald kommen. Sie ist hinunter, um zu baden. Das tut sie jeden lieben Tag, die ganze Zeit. Was für Wetter auch sein mag.

Arnholm
Fehlt ihr denn etwas?

Wangel
So eigentlich fehlen tut ihr nichts. Obgleich sie allerdings merkwürdig nervös in den letzten paar Jahren gewesen ist. Ich kann nicht recht klug daraus werden, was eigentlich mit ihr los ist. Aber ins Wasser zu gehen, sehen Sie, das ist so recht ihr Lebenselement. (…) Die Zeit da draußen, können Sie glauben, hat tiefe Spuren in ihr zurückgelassen. Die Leute hier in der Stadt können das gar nicht begreifen. Sie nennen sie die »Frau vom Meere«.

Doch Ellida, die nur kurze Zeit später zu den beiden dazu stößt, bezeichnet das Wasser in den Fjorden als „krank“. Und ich glaube, es macht einen auch krank. Die Erinnerungen, die das tägliche Bad im Meer bei ihr hervorrufen, schmerzen. Gleichzeitig verleihen ihr die kurzen Auszeiten in den Fjorden eine Freiheit und Unabhängigkeit, die sie in ihrer Ehe mit Wangel nicht ausleben kann. 

Nun, sehen Sie wohl, Herr Arnholm. Erinnern Sie sich, wir haben gestern davon gesprochen! Wenn man einmal eine Festlandskreatur geworden ist, dann findet man nicht mehr den Weg zurück – zum Meer. Und auch nicht zum Meeresleben.

Am Ende des Stückes wird Ellida beschließen, bei ihrem Mann zu bleiben, da er sie selbst über ihr Schicksal entscheiden lässt. 

Im zeitgenössischen Drama rückt der mit dem Anblick des Meeres verbundene Freiheitsgedanke angesichts der unruhigen politischen Weltlage beinahe ganz in den Hintergrund – das Meer wird zum Symbol der Zerstörung und der Vernichtung. In Dea Lohers Unschuld (2003) beobachten die beiden illegalen schwarzen Immigranten Elisio und Fadoul, wie Frau im Meer verschwindet – und helfen ihr nicht. Während einer von ihnen aufgrund seines schlechten Gewissens nicht mehr schlafen kann, überlegt der andere, was er mit einer gefundenen Tüte voll Geld macht. In Steilwand (2008), einem Stück des britischen Dramatikers Simon Stephens, beendet ein tragisches Ereignis mit einem Schlag das Sommerglück einer jungen Familie am Strand. Und in Elfriede Jelinks Sprachkunstwerk Die Schutzbefohlenen (2013) werden das Wasser und das Meer von den  Sprechenden als tödliche Bedrohung wahrgenommen: Das Meer ist ein Loch, ein Schlund, eine Schlucht. (…) Das Meer trägt uns auch nicht. 

Für mich ist und bleibt das Meer trotz aller Dramen, die sich aktuell auf den Gewässern der Erde abspielen, ein Ort, an dem ich zur Ruhe und zum Nachdenken komme. Ein Ort, an dem alles so unendlich weit scheint und einem gleichzeitig die eigene Endlichkeit sehr bewusst wird. Ich wünschte, ich könnte öfter ans Meer reisen.


Mehr Infos über die Blogparade „Europa und das Meer – was bedeutet mir das Meer?“(#DHMMeer), die noch bis zum 25. Juli läuft:
http://www.dhm.de/blog/2018/06/20/blogparade-europa-und-das-meer-was-bedeutet-mir-das-meer-dhmmeer/

Zitatnachweise:

Fiesco zu Genua: http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3326/1

Die Frau vom Meer: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-frau-vom-meere-1707/1

Seeskapade: Dramatists Play Service

 

Die Kulturflüsterin

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4 Gedanken zu „Meeresdramatik

  1. Tanja Praske sagt:

    Liebe Lena,

    soooo wunderbaaarrr – ich merke, wie flüssig dir dieses #DHMMeer von der Hand geht – bereits der 20. Beitrag unserer Blogparade und was für ein schöner!

    Wir sind restlos begeistert welche Gedanken zur Blogparade gesponnen wurden, mal poetisch lyrisch, mal psycholigisierend oder faktisch, mal Gedanken fliegen lassend oder den Spuren der Auswanderung nachfolgend, wie beim 21. Beitrag von Museum Burg Posterstein. Und du mittendrin mit Dramentexten zum Meer – klasse!

    Herzlichen Dank dafür!
    Sonnige Grüße

    Tanja von KULTUR – MUSEUM – TALK

  2. Achim Spengler sagt:

    Hach, das macht Spass, einmal in der Literatur nach den Schauplätzen zu suchen, in denen das Meer nicht nur als Kulisse steht, sondern auch als eine Art wirkungsmächtiger Protagonist der Handlungen. Schön, dass auch du an der Blogparade teilnimmst. Schöner, lehrreicher Text, Danke dafür.

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