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Endzeitstimmung in Bildern

Der Berliner Reprodukt Verlag ist bekannt für sein vielfältiges, fein kuratiertes Comic- und Graphic-Novel-Programm. Mit „Mumin und der Komet“ von Tove Jansson und der im Juli 2024 erstmals in deutscher Sprache erschienen Comic-Adaption von Cormac McCarthys Roman „Die Straße“ möchte ich euch zwei Graphic Novels aus dem Hause Reprodukt vorstellen, die bei mir einen besonders starken Eindruck hinterlassen haben.

„Wir werden nie jemanden essen?“
– „Nein, Niemanden“
„Weil wir die Guten sind…“
– „Genau“

Es ist eine düstere Welt aus Trümmern, Schutt und Asche, in der ein kleiner Junge und sein Vater versuchen, sich ihren Weg in den Süden desjenigen Landes zu bahnen, was vor dem Weltuntergang einmal als Vereinigte Staaten von Amerika bekannt war. Ein Werbeplakat mit der Aufschrift „Beach Body Ready?“ und eine Packung Backpulver für Schokomuffins wirken inmitten all der Verwüstung wie eine Reminiszenz auf die oberflächlichen Werte, für die das Land einst stand.

2006 veröffentlichte der 2023 verstorbene US-amerikanische Autor Cormac McCarthy seinen Roman Die Straße, der angesichts der gegenwärtigen kriegerischen Konflikte rund um den Globus und der sich zuspitzenden Klimakrise aktuell erscheint wie nie. Der französische Comiczeichner Manu Larcenet, dessen Werke wie „Blast“ den Leser oft in eine dystopische Welt voller Abgründe und Allegorien entführen, nimmt uns in „Die Straße“ mit auf eine Reise durch eine Gegend, in der man als Leser den Geruch der verbrannten Häuser und der verwesenden Leichen förmlich riechen kann.

Während der todkranke Vater des kleinen Jungen als einer der wenigen Überlebenden alles dafür tut, sein eigenes Leben und das seines Sohnes zu schützen, steht für seinen kleinen Sohn vor allem die eigene moralische Integrität im Vordergrund. Der Revolver mit zwei Patronen, den sein Vater mit sich trägt, irritiert ihn – darüber hinaus versteht er nicht, warum sich die vielen hungernden Menschen, denen Vater und Sohn auf ihrer Reise begegnen, ihnen nicht anschließen können.

Manu Larcenet gelingt es in „Die Straße“ mit wenigen Dialogen und durch die Variation einer unendlich erscheinenden Palette an Grautönen ein bildgewaltiges, in Tusche gezeichnetes Epos über das Ringen seiner Protagonisten um die eigene Menschlichkeit zu zeichnen. In einer der ergreifendsten Szenen betet der kleine Sohn für diejenigen Menschen, in deren Keller sein Vater und er mehrere lebensrettende Konserven und Vorräte gefunden haben. „Wir hoffen, dass ihr in Sicherheit seit, im Himmel“, steht neben der Zeichnung eines Krans geschrieben, von dessen Seilen drei menschliche Körper baumeln.

https://www.instagram.com/reprodukt_berlin/reel/C9adGGZI1jK/

Eine ganz andere, im Gegensatz zu „Die Straße“ sehr hoffnungsvoll stimmende Geschichte über eine Welt in Endzeitstimmung erzählt die wohl bekannteste finnische Autorin und Schöpferin der „Mumin“-Trollwesen Tove Jansson in „Mumin und der Komet„. 2014 erschien die Graphic Novel in der deutschen Übersetzung von Michael Groenewald und Matthias Wieland 2014 im Reprodukt Verlag. Neben ihren bekannten, reich illustrierten Kinderbüchern ließ Jansson ihre Figuren nämlich auch in einer Comic-Reihe auftreten, die in den Fünfzigerjahren für eine englische Zeitung erdacht und gezeichnet wurden.

Die Geschichte „Mumin und der Komet“ existiert auch in einer Schwarz-Weiß-Variante, die in dem ebenfalls vom Reprodukt Verlag herausgegebenen Mumins-Sammelband Nr. 4 enthalten ist. In Buchform auf knapp 43 Seiten und in leuchtenden Farben erzählt Jansson in der Einzelausgabe von „Mumin und der Komet“ die Geschichte einer aufregenden Begebenheit: Denn nach der Nachricht, dass ein Komet auf das Mumintal stürzen soll, sind seine Bewohnerinnen und Bewohner in heller Aufruhr! „Kleine Abenteuer sind ja ganz nett, aber da hier nimmt bedrohliche Ausmaße an“, meint das Snorkfräulein, Mumins Freundin und Bewunderin. Während die Mumin-Mama nicht einmal daran denkt, ihren Mittagsschlaf angesichts der drohenden Katastrophe zu unterbrechen, entdeckt der tollpatschige Sniff an anderer Stelle seine Qualitäten als querdenkender Prediger.

So sehr die Mumin-Familie die Nachricht über den Einsturz des Kometen auch beunruhigen mag: Mumin und Snorkfräulein entscheiden sich letztendlich dafür, sich ihr Leben nicht von ihren Sorgen um den drohenden Weltuntergang vermiesen zu lassen. Ihre positive Weltsicht und ihre Fürsorge für die Menschen um sie herum werden schließlich belohnt…

„Mumin und der Komet“: Ein zauberhaftes, Mut machendes Buch in einer Zeit voller Kriege und Untergangsszenarien – und eine Motivation für uns alle, sich den großen und kleinen Herausforderungen im Leben durch Kreativität und ein positives Gesellschaftsbild zu stellen.


Mehr Informationen über den Reprodukt Verlag: 
https://reprodukt.com/

Und über die Graphic Novels „Die Straße“ und „Mumin und der Komet“: 

Die Straße – Nach dem Roman von Cormac McCarthy

Mumin und der Komet

Die Comics und Graphic Novels aus dem Reprodukt Verlag findet ihr zum Beispiel in dem Berliner Comic-Laden Modern Graphics: 
https://modern-graphics.de/

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