
Meine persönlichen Highlights des radikal jung-Festivals 2024 am Münchner Volkstheater.
Das Münchner Volkstheater ist bei mir seit jeher mit sehr guten Erinnerungen an meine Studentenzeit verbunden. 2009 schrieb ich meine Diplomarbeit im Rahmen meines Diplomstudiums der „Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien“ an der Universität Passau über die Shakespeare-Inszenierungen des Münchner Volkstheaters, in den Jahren 2011 und 2012 war ich zweimal als Redaktionsleiterin für die Festivalzeitung des radikal jung-Festivals zuständig, das seit 2005 jährlich am Volkstheater stattfindet. Gerade ist die diesjährige Festivalausgabe zu Ende gegangen: Ich hatte die Gelegenheit, mit „Doktormutter Faust„, „Männerphantasien“ und „Die Gerächten“ gleich drei der eingeladenen Inszenierungen zu sehen. In diesem Artikel soll es aber vor allem um meine Begegnungen und Festival-Highlights abseits des Bühnengeschehens gehen.
1. radikal text
Jeden zweiten Tag erscheint die Festivalzeitschrift des „radikal jung-„-Festivals, die – wie ich mit Freude feststelle – immer noch so heißt wie zu meinen Studienzeiten, als meine Kommiliton*innen und ich ihr den Namen „radikal text“gaben. Mittlerweile sind es nicht nur die Studentinnen und Studenten des Masterstudiengangs Kulturjournalismus an der Hochschule für Musik und Theater München und der Theaterakademie August Everding, die über das Festival berichten – vor einigen Monaten startete das Volkstheater einen Open Call für den Blog „Radikal Blog„, der das radikal jung-Festival eine Woche lang kritisch begleitet. Die Journalist*innen und/ oder Content Creator besuchen unter der Leitung der Autorin und Heftleiterin der Zeitschrift „Die junge Bühne“ Anne Fritsch gemeinsam die Vorstellungen des Festivals und reflektieren das Festival in Beiträgen in Form von Interviews mit den eingeladenen Regisseur*innen, Kritiken, Social Media Formaten, Videos oder einem Festival-Podcast. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, dass das Themenfeld des Kulturjournalismus zu meiner Studentenzeit auch schon so breit gedacht worden wäre. Umso schöner, dass die jungen Kulturjournalist*innen jetzt die Möglichkeit haben, ihr Wissen in den verschiedenen journalistischen Formaten anzubringen. Die Lektüre ihrer Blog-Beiträge lohnt sich sehr:
https://www.muenchner-volkstheater.de/radikalblog
Darüber haben die jungen Kulturjournalist*innen ihre Eindrücke vom Festival auch auf den Social Medie-Kanälen des Volkstheaters geteilt.
2. Ein Festival der Begegnungen
Dieses radikal jung-Jahr war für mich geprägt von sehr schönen Begegnungen mit Theaterschaffenden, mit denen ich schon lange oder erst sehr kurzem in Kontakt stehe.
Die Regisseurin Selen Kara lernte ich im Jahr 2021 auf Instagram kennen. Seit der Spielzeit 2023/2024 ist sie gemeinsam mit Christina Zintl Intendantin am Schauspiel Essen. Beim radikal jung-Festival präsentierte Selen ihre neueste Inszenierung „Doktormutter Faust“ – die Uraufführung einer Faust-Überschreibung von von Fatma Aydemir, deren Romane „Ellbogen“ und „Dschinns“ Kara bereits für die Bühne adaptiert hat. Mit Selen und mit der Schauspielerin Abak Safaei-Rad, die ich bei radikal jung in Theresa Thomasbergers Inszenierung „Männerphantasien“ vom Deutschen Theater Berlin auf der Bühne erleben durfte, über das Theater von heute zu diskutieren zu dürfen, war eine sehr große Bereicherung. Abak Safaie-Rad lernte ich vor zwei Jahren kennen, als ich sie für meinen Hörspiel-Podcast der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zu dem herausragenden Hörspiel „Pisten“ von Penda Diouf interviewte, das Abak für den WDR eingesprochen hatte. „Männerphantasien“ ist ein temporeicher Theaterabend, der den legendären Text des Kulturwissenschaftlers Klaus Theweleit aus den 1970er Jahren über die Verbindung zwischen Männlichkeit und Faschismus weiterdenkt und ihn durch heutige, weibliche Perspektiven ergänzt.
Neben Abak und Selen traf ich am Premierenabend des radikal jung-Festivals zufällig auf meine Freundin Anna von Leen, die als freie Bühnen- und Kostümbildnerin unter anderem vor einigen Wochen Sapir Hellers Inszenierung einer Neuinterpretation von Friedrich Dürrenmatts modernem Klassiker „Der Besuch der alten Dame“ am Münchner Volkstheater ausstattete. Und auf Weronika Nina Demuschewski, die seit meiner Zeit als Kulturjournalismus-Studentin zu meinen meist geschätztesten Ansprechpartner*innen im Münchner Kulturleben zählt. Seit nunmehr 15 Jahren ist Weronika als Pressereferentin und mittlerweile auch als Bookerin für die zahlreichen Sonderveranstaltungen des Münchner Volkstheaters tätig . Auch inmitten des größten Festivalstresses findet sie immer Zeit für ein persönliches, herzliches Gespräch mit den von ihr betreuten Journalist*innen, was ich sehr an ihr schätze.
3. Die Atmosphäre
Egal, ob ich das Festivalzelt auf dem Vorplatz des Münchner Volkstheaters betrete oder in einem der Zuschauersäle der drei Bühnen Platz nehme: Auch im 14. Jahr, in dem ich radikal jung besuche, spüre ich immer noch die gleiche Leidenschaft und Begeisterung für ein Festival, das sich seinen individuellen Charme auch nach dem Umzug des Volkstheaters in den Neubau im Münchner Schlachthofviertel im Jahr 2021 nicht hat nehmen lassen.
Das radikal jung-Festival ist für mich der Ort in Deutschland, an dem ich meinen eigenen Theaterhorizont immer wieder erweitern darf. Und an dem ich auch immer wieder feststelle, dass meine Theaterliebe in einer Zeit ihren Lauf nahm, in der die psychologische Durchdringung von Figuren als Maxime für einen gelungenen Theaterabend galt. Und für mich persönlich auch weiterhin gilt. Trotz aller Vorbehalte liebe ich es, mich mit der größtmöglichen Offenheit verschiedenen Sichtweisen und Perspektiven rund um das Medium Theater zu nähern – und ich bin den Organisator*innen des radikal jung-Festivals sehr dankbar für all die bereichernden Inszenierungen und Begegnungen in meinen vergangenen 14 radikal jung-Jahren.
Mehr Informationen zu radikal jung am Münchner Volkstheater:
https://www.muenchner-volkstheater.de/programm/radikal-jung/das-festival