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Wundertüten-Post #2: Joseph Beuys, Instawalks und digitale Kulturvermittlung

Eine Annäherung an den Künstler Joseph Beuys und ein Loblied auf die kompetente und umtriebige Kunsthistorikerin, Kunstvermittlerin und Autorin Anke von Heyl.

„Oha“, war mein erster Gedanke, als ich die Postkarte von Anke von Heyl vor einigen Wochen in meinem Briefkasten entdeckte. Mit finsterer Mine blickte mir der Künstler Joseph Beuys darauf entgegen.

Beuys und ich, das ist seit jeher ein Thema für sich. Zum ersten Mal traf ich 2007 im New Yorker Museum of Modern Art auf die Kunst des weltberühmten Aktionskünstlers: Dort sah ich die Videoaufzeichnung von I Like America, America Likes Me – eine Aktion, die vom 21. bis zum 25. Mai 1974 in der Galerie René Block in New York stattfand. Nachdem der Künstler 1974 am John F. Kennedy Airport in New York angekommen war, ließ er sich komplett in Filz einwickeln, um laut eigener Aussage nichts von Amerika sehen zu müssen. Ein Ambulanzwagen brachte ihn in die Galerie René Block, wo er mehrere Tage mit einem Kojoten namens „Little John“ verbrachte. Beuys spielte mit ihm und Little John durfte dem als Schäfer mit Hirtenstock und Filzumhang bekleideten Künstler sogar seinen Mantel herunterreißen. Während der gesamten Aktion stapelte Beuys die jeweiligen Ausgaben der Tageszeitung Wall Street Journal. Nachdem Little John über die Tage hinweg eine Nähe zu seinem menschlichen Kompagnon aufgebaut hatte, die sehr untypisch ist für Präriewölfe, ließ sich Beuys erneut in Filz einwickeln und zurück zum Flughafen bringen. Es war ihm gelungen, eine Reise nach Amerika zu unternehmen, ohne einen Blick auf das Land außerhalb der Räume der Galerie René zu werfen.

Heute, mit einigen Jahren Abstand zu meiner ersten Beuys-Erfahrung, kann ich dieser Art von Aktionskunst sehr viel abgewinnen, solange es allein um ihre Aussagekraft geht. Das Interessante an Joseph Beuys‘ Aktion I Like America, America Likes Me ist für mich, dass nicht etwa der Zustand permanenter Reizüberflutung im öffentlichen Raum, sondern die selbstgewählte Isolation den Künstler dazu brachte, dieses beeindruckende Sinnbild für die Entfremdung der amerikanischen Gesellschaft von ihren Wurzeln zu erschaffen. Zunächst wirkt die eindringende Natur in Form des Kojoten in I Like America, America Likes Me bedrohlich – bis der Mensch damit beginnt, sein eigenes Handeln und Tun und damit seine Rolle in der Welt zu hinterfragen.

So sehr ich Beuys damals für seinen klugen Blick auf eines der mächtigsten Länder der Welt bewunderte, so sehr verwunderte es mich 2007 bei meinem Besuch im New Yorker Museum of Art, dass weder die Auseinandersetzung mit der Videoaufzeichnung von I Like America, America Likes Me, noch die Betrachtung einiger anderer Werke des Konzeptkünstlers wie Schlitten (1969) oder Filzanzug (1970) einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterließen.

„Für manche Kunstbetrachtung braucht es eine gewisse Reife“, schrieb mir die Kunsthistorikerin Anke von Heyl als Antwort auf meine Postkarte „Kunst-Popo I“ aus der Serie VON AH NACH BEH des Künstlers Frank Dehner, die in dem Wiener Kunst- und Postkartenverlag art postal erschienen ist.

Anke berichtete mir von einem Besuch auf der documenta mit Anfang 20 und von ihrer Faszination für Joseph Beuys Kunstwerk „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch“. Es war eines der letzten großen Environments des deutschen Künstlers, mit dem er, wie es sein Vertrauter Heiner Bastian in seiner Werkmonographie über Beuys ausdrückte, einen „Raum, der sich zur Kälte neigt“, einen „Raum ohne Erinnerung“ schuf.

Beuys sei für sie heute einer der Größten, schrieb mir Anke weiter. Ich hingegen empfinde es immer noch als Herausforderung, mich dem Œuvre dieses genialen Selbstvermarkters zu nähern. Um Menschen wie mir einen umfassenden Einblick in das Universum des weltberühmten Aktionskünstlers zu verschaffen, hatte Anke im Jahr 2016 mit den „Gesprächen zur Kunstvermittlung“ eine sehr spannende Reihe ins Leben gerufen. Mit #beuysheute erinnerte das internationale Beuys-Zentrum Museum Schloss Moyland vor vier Jahren anlässlich des 30. Todestags von Joseph Beuys mithilfe einer außergewöhnlichen digitalen Kampagne an den Ausnahmekünstler. Die Aktion #beuysheute, die vom 13.12.2015 bis 23.1.2016 auf Twitter, Facebook, Instagram, Vine und auf der Homepage des Museums stattfand, wäre absolut im Sinne des großen Meisters der medialen Selbstinszenierung gewesen. Oberstes Ziel der Kampagne war es, einen niederschwelligen Zugang zu Beuys´ Kunst zu schaffen, Impulse zu geben und den Dialog darüber anzuregen, welche Ideen und Konzepte hinter seinem Kunstverständnis stehen.

Anke arbeitete dafür mit der Stiftung Museum Schloss Moyland zusammen, die mit annähernd 6.000 Arbeiten die weltweit größte Sammlung an Werken von Joseph Beuys besitzt. Gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen der Stiftung in den Bereichen Kunstvermittlung, Marketing und PR, Nina Schulze und Sofia Tuchard, entwickelte Anke von Heyl Ideen für diverse Aktionen im Online- und Offline-Bereich, in denen sich die Kunstexpertinnen mithilfe der Hashtags #beuysheute und #beuysundich mit dem vielschichtigem künstlerische Erbe des Künstlers auseinandersetzen. Auf spielerische, informative Art und Weise machten #beuysheute und #beuysundich den nicht immer einfach zu fassenden Kosmos des Künstlers für die Museumsbesucher erfahrbar.

„Kunstvermittlung, wie ich sie verstehe, hat sehr viel mit einer bestimmten Haltung zu tun, die ich gerne jenseits eines formalästhetisch begründeten Kunstverständnisses ansiedeln möchte. Für mich geht es immer auch um einen Austausch und um die Ermutigung zu einer eigenen Meinung zur Kunst“: So äußerte sich Anke von Heyl 2016 in einem Interview mit Nina Schulze auf ihrer Website. Es gibt kaum jemand anderen, der sich so leidenschaftlich und engagiert dafür einsetzt, die Kunstvermittlung aus ihrem Elfenbeinturm zu befreien, wie Anke.

2011 gründete sie zusammen mit Wibke Ladwig und Ute Vogel das Kulturkollektiv Die Herbergsmütter. Darüber hinaus ist sie seit vielen Jahren als Kulturtussi auf Instagram, Twitter und Facebook unterwegs und berichtet dort täglich über interessante Neuigkeiten im Kunst- und Kulturbereich.

Nachdem ich ihr bereits längere Zeit auf Instagram gefolgt war, lernte ich Anke im August 2018 während meines ersten Instameets im Marta Herford auch persönlich kennen. Das Museum für zeitgenössische Kunst, Architektur, Design im ostwestfälischen Herford wurde seither immer wieder ein Ort für Begegnungen zwischen Anke und mir.

Was ich an Anke sehr schätze, ist ihre Fähigkeit, kunst- und kulturbegeisterte Menschen auf nachhaltige Art und Weise miteinander zu vernetzen. Ihre Vielseitigkeit ist bewundernswert – und ihre Leidenschaft für Kunst und Kultur sehr ansteckend. In diesem für sie überaus erfolgreichen Jahr 2020 beobachte ich mit großem Staunen, wie Anke ein spannendes Projekt nach dem anderen an Land zieht. Unter anderem sucht sie derzeit als Teil der Jury des DigAMus Award nach dem herausragendsten digitalen Angebot eines Museums im deutschen Raum.

Wie hätte Joseph Beuys wohl zu Twitter, Facebook und Co. gestanden, fragte Anke 2016 die Kunstvermittlerin Nina Schulze. „Kommunikation war für Beuys der Schlüssel für gesellschaftliche Prozesse und das große Versprechen der Medien, die zu seiner Zeit nutzbar waren, Rundfunk, Fernsehen, Satellitenfernsehen und die Presse (…) Im Grunde war er schon so etwas wie der Prototyp eines sozialen Netzwerks. Nur analog“, so Schulze. Würde Beuys heute noch leben, wäre Anke von Heyl der erste Mensch, dem es gelänge, den Künstler zu einem Instagram-Live-Talk zu überreden. Vielleicht säße Beuys dazu in einem Käfig oder auf einem Baum. In jedem Fall würde sich zwischen diesen beiden Kunstverrückten ein äußerst lebhafter Dialog entspinnen. Beuys wäre heute sicherlich ein Künstler im Dauer-Onlinemodus und wüsste genau, wie er seine künstlerische Botschaft jederzeit auf der ganzen Welt verbreiten kann.

Schade, dass es keine Möglichkeit mehr geben wird, Anke und den 1986 verstorbenen Künstler für ein Gesprächshappening miteinander zu vernetzen. Ich blicke noch einmal auf die Postkarte, die mir Anke geschickt hat: Die Revolution sind wir aus dem Jahr 1972 ist Teil einer zwischen 1968 und 1974 entstandenen Postkartenserie von Joseph Beuys. Kaum ein Kunstwerk steht exemplarischer für Ankes Einsatz für die Kunst und Kultur, als dieses. Hoch lebe die Rebellion und Menschen wie sie, die sich nicht mit dem Ist-Zustand im Kulturbetrieb abfinden wollen.

Auf die Freundschaft: Mit Anke von Heyl und Daniela Sistermanns, Pressesprecherin des Museums Marta Herford, im August 2020 in Köln

Mehr Informationen über Anke von Heyl:

https://www.ankevonheyl.de/

https://www.kulturtussi.de/

Instagram @kulturtussi

Facebook @kulturtussi 

Twitter @kulturtussi

Von Die Kulturflüsterin

PR-Managerin I kulturbegeistert I Theater, Film, Fernsehen, Kunst I Social Media I Digitale Geschichtenerzählerin

2 Antworten auf „Wundertüten-Post #2: Joseph Beuys, Instawalks und digitale Kulturvermittlung“

Liebe Lena,
ich danke dir sehr für diesen tollen Beitrag. Und jaaaa, ein Insta-Live mit Beuys! Davon träume ich bestimmt heute noch. Es ist tatsächlich so, dass es auch Dinge bei Beuys gibt, die man kritisch durchdenken muss. Seine Kunst hat sehr tief gewirkt und wirkt heute noch. Und seine soziale Plastik ist das, was ich immer im Hinterkopf habe, wenn ich an Vernetzung denke.
Deine Postkartenaktion hätte ihm übrigens bestimmt auch sehr zugesagt.
Ich freue mich schon auf ein baldiges Wiedersehen und sende herzliche Grüße nach München

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