Bühnengeflüster

Mein erstes Mal Sarah Kane oder wie meine Theaterwelt aus den Fugen geriet

„Du weißt, was dich heute Abend erwartet?“, fragt mich Christof Belka, als er mich im Eingangsbereich der Schaubühne in Empfang nahm. „Naja, ein zeitgenössisches Theaterstück halt“ dachte ich – davon hatte ich schließlich während meines Praktikums am Residenztheater schon einige gesehen.

Christof arbeitete 2006 als Pressesprecher an der Schaubühne in Berlin und hatte wie ich Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien in Passau studiert. Ich stand im Gegensatz zu ihm jedoch ganz Anfang meines Studiums stand und absolvierte in der Hauptstadt ein Praktikum am Internationalen Theaterinstitut.

Vorhang auf, Bühne frei für Thomas Ostermeiers Inszenierung von Sarah Kanes Stück „Zerbombt“. Eine Frau und ein Mann in einem anonymen Hotelzimmer irgendwo in einer englischen Stadt. Er, Ian, ist Journalist und schwerkrank. Sie, Cate, war einmal seine Geliebte. Ian fühlt sich zu Cate hingezogen, sie weist ihn zurück. Draußen vor der Tür tobt ein grausamer Krieg, der aber nur durch das Fernsehen in das schicke, vermeintlich sichere Refugium von Ian und Cate durchdringt. Schon die ersten Sätze, die an diesem Abend auf der Bühne fallen, klingen ungewöhnlicher, abstoßender, faszinierender, als ich das von den Anfangssätzen anderer Theaterabende gewohnt war. Dialoge wie Faustschläge, brutal und hochpoetisch zugleich.

„Ich habe dich geküsst, das ist alles. Ich liebe dich“ (Cate)

„Sorg nicht dafür, dass ich einen Steifen kriege, wenn du es nicht zu Ende bringst“ (Ian)

Theater, das war für mich bis dahin vor allem Shakespeare, Goethe und Schiller. Allzu ausgefallen durften die Interpretationsansätze eines Regisseurs nicht sein – jedes nackte Stück Haut, Kunstblut und requisitenarme Einheitsbühnen erzeugten vor allem zu Schulzeiten großes Unbehagen bei mir. Dann schon lieber eine opulente Theaterverfilmung wie „Othello“ von Oliver Parker aus dem Jahre 1995.

Nun also Sarah Kane – zunächst kein Spur von Kunstblut, dafür aber eine  Vergewaltigungsszene. Die kommt so leise, so unaufgeregt daher, dass sie mich umso mehr schockiert. Ulrich Mühe spielt als Ian die ganze Klaviatur der phsychischen und physischen Grausamkeiten, ohne dabei nur ansatzweise ein Klischee vom kriegsgeschädigten Journalisten zu bedienen. In einer perfiden Art und Weise sucht er in den Gesprächen mit Cate einen Weg der Erlösung von seinem psychischen und physischen Leiden. Doch Katharina Schüttlers Cate ist keine sanftmütige Heilsbringerin, sondern versteht es geschickt, ihre Worte als Waffe gegen Ian einzusetzen.

Plötzlich ist er da – der Moment, der mit einem Mal das Ende meines konservativen Theatergeschmack markiert. Eine Explosion auf der Bühne, durch die sich der fern geglaubte Krieg einen Weg in das Hotelzimmer von Ian und Cate bahnt. Die dadurch ausgelöste Druckwelle rollt so rasant in den Zuschauerraum, dass ich es kaum wage, zu atmen. Als ich den  zerbombten Rest des Hotelzimmers sehe, wird mir klar, dass diese Explosion erst der Beginn von noch größerem Leid und Elend ist. Keine Katharsis, keine Hoffnung. Ein Soldat (Thomas Thieme) tritt auf und geht einen Schritt weiter, als Ian nur von der Brutalität des Krieges , vor der der Journalist zuvor die Augen verschlossen hat, zu berichten: Er reißt ihm selbige aus. Ian muss nun in einem Erdloch sein Dasein fristen – was für ein ärmliches und zugleich faszierndes Bild Ulrich Mühe in seiner Rolle abgibt. Cate kehrt zu Ian zurück mit einem Baby, um das sie sich kümmern will. Doch inmitten der Zerstörung hat das kleine Lebewesen keine Chance. Ist es ein Akt der Barberei, als Ian das tote Kind kurz darauf isst, nachdem sich Cate von der Szenerie entfernt hat? Oder ein Ausdruck purer Verzweiflung in einer ausweglos erscheinenden Situation?

Früher hätte ich eine Inszenierung spätestens an solch einem Punkt abgelehnt und gequält meine Zeit im Zuschauerraum abgesessen. Doch dieser Abend in der Schaubühne sollte meine Sicht auf das Theater für immer verändern. Ich habe in den Jahren darauf noch weitere wunderbare Inszenierungen von „Sarah Kanes“ Stücken am Münchner Residenztheater wie „Gesäubert“ und „Gier“ sehen dürfen. Umso erstaunlicher finde ich es, dass ihre Texte derzeit kaum auf deutschen Bühnen zu sehen sind. Vielleicht ist die Zeit des „In-Yer-Face“-Theaters, mit dem die englische Dramatikerin und ihre Kollegen wie Mark Ravenhill in den 1990er-Jahren das Publikum schockierten, endgültig vorbei. Natürlich gibt es viele zeitgenössische Theatertexte, die – oft auch auf eine direkte und grausame Art und Weise – mit der aktuellen Wirklichkeit beschäftigen. Für mich ist Sarah Kanes sprachliche Virtuosität und ihre Fähigkeit, und auf eine grausame wie faszierende Art und Weise mit unseren menschlichen Emotionen und Abgründen zu konfrontieren, einmalig.

Dieser Theaterabend hat mir die Augen geöffnet, mich wachgerüttelt und mein Interesse für zeitgenössische Dramatik geweckt. Elf Jahre ist es mittlerweile her, dass ich neben Christof Belka in der Schaubühne saß. Es kommt mir vor, als sei es erst gestern gewesen – so lebendig ist meine Erinnerung an Thomas Ostermeiers Inszenierung.

Die Kulturflüsterin

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