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 Ein Tyrann zum Verlieben

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Ein faszinierender, denkwürdiger Theaterabend im Londoner Barbican Centre mit einem grandiosen Lars Eidinger als Richard III…

Am Ende dieses Abends ist alles, was von Richard III. übrig bleibt, sein nackter, von der Decke baumelnder Körper. Dabei hat er sich kurz davor noch aufgebäumt und große Reden geschwungen – doch sie sind nichts als Schall und Rauch. Denn alles, was diesen Richard ausmacht, ist seine geniale Verführungs- und Manipulationskunst.

Es wird viel und laut gelacht an diesem Abend im Londoner Barbican Centre, wo die Berliner Schaubühne Ende Februar vier Abende lang mit Thomas Ostermeiers „Richard III.“-Inszenierung gastierte. Wenn man nicht wüsste, dass in William Shakespeares 1592 erschienenem Drama die Geschichte eines der grausamsten Schurken der Theatergeschichte erzählt wird – man hätte sich an diesem Abend auch in einer „Sommernachtstraum“-Vorführung wähnen können. Egal, was Lars Eidinger als Richard III. tut oder spricht – das Publikum jubelt, johlt, feiert ihn wie einen Pop-Star und wird schleichend zu einer Masse an unkritischen Claqueuren, die sich von einem herrschsüchtigen Hipster um den Finger wickeln lässt.

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Es ist nicht das erste Mal in meinem Leben, dass ich lautes Lachen im Saal vernehme, während sich auf der Bühne tragische Szenen abspielen. Meistens gehe ich nach solchen Theaterabenden genervt und wenig inspiriert nach Hause, weil ich das Gefühl habe, dass die Schauspieler mit allen Mitteln um die Gunst des Publikums buhlen wollten. Nicht so beim Gastspiel der Schaubühne Berlin in London – denn auf eine sehr erschreckende Art und Weise habe ich in diesem Saal begriffen, wie schnell ein Einzelner durch geschickte Selbstinszenierung eine Menschenmasse hinter sich versammeln kann. Lars Eidinger hat an diesem Abend sowohl auf der Bühne als auch im anschließenden Publikumsgespräch alle Fäden in der Hand. Sein Richard ist ein grandioser Selbstvermarkter: Der Buckel, die missgebildete Gestalt – alles reine Behauptung! Doch Richard sinkt auch dann nicht in der Gunst des Publikums, als er sein T-Shirt abstreift und ein Buckel-Kissen darunter zum Vorschein kommt. Mit faszinierenden Beiläufigkeit lässt er all diejenigen ermorden, die ihm auf dem Weg zur Macht lästig werden. Wie elektrisiert lauschen die Zuschauer Richards gehässigen, abschätzigen Aussagen über seine Gefolgsleute und Familienangehörigen, die er am liebsten über ein von der Decke hängendes Mikrofon wie süßliches Gift in die Ohren der Zuschauer träufelt.

Lars Eidinger steht unbestritten im Zentrum von Thomas Ostermeiers Inszenierung. Die wohltuende Überraschung für mich an diesem Abend ist jedoch, dass der Schauspieler auf der Bühne keine One-Man-Eidinger-Show hinlegt, sondern dass sich der Wahnsinn seines Richard vor allem in der Interaktion mit dem bis in die kleinste Nebenrolle sehr gut besetzten Ensemble der Schaubühne III. offenbart. „Ihr werdet die nächsten sein“, spricht Sebastian Schwarz als Lord Hastings mahnend ins Publikum, bevor er enthauptet wird. Die Zuschauer bleiben ungerührt von diesem Appell, weil sie die heraufziehende Gefahr nicht sehen wollen. Das Gelächter im Publikum ist selbst dann noch groß, als Richard den von ihm verleumdeten Clarence (Christoph Gawenda) von seinem Erfüllungsgehilfen Catesby (Robert Beyer) ermorden lässt. Ich kann es nicht fassen, was gerade in diesem Saal passiert. Ist ja alles nur Theater – oder eben doch nicht?

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Publikumsgespräch nach der Vorstellung von „Richard iii.“ mit Thomas Ostermeier (l.) und Lars Eidinger (r.)

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Der eindringlichste, verstörendste Moment dieses Abend sollte allerdings noch kommen. Während das Berliner Publikum die Vorliebe von Lars Eidinger, während einer Inszenierung bei Gelegenheit aus seiner Rolle herauszutreten, kennt, waren die Londoner Zuschauer darüber einigermaßen erstaunt. „Did you already lick a pussy today?“, wollte Eidinger von einem Mann in den vorderen Reihen des vollbesetzten, riesigen Saals wissen. Was dann folgte, war für den Schauspieler wie Folter: Der Gefragte saß nur ruhig da und schwieg. Eidinger fragte ihn wieder, schließlich „Auf Deutsch?“ – abermals keine Reaktion. „Fuck off“, hört ich es aus den hinteren Sitzreihen einen älteren Mann rufen, der sich wütend erhob und aus dem Saal rannte. „He doesn’t want to say anything“, raunte weiter vorne eine weibliche Zuschauerin. Und ich selbst? Saß erstarrt da und wusste, dass ich dem Befragten in einer realen Situation hätte beistehen müsste. Oder ich hätte zumindest ein Zeichen setzen und mich von der Vorstellung entfernen sollen. Doch ich beobachtete nur mit klopfendem Herzen, wie und ob Eidinger die Situation auflösen würde. Diese Minuten seien für ihn die Hölle gewesen, sagte der Schauspieler später im Publikumsgespräch. Denn Eidinger glaubte, dass er die Sympathie des Publikums genau an diesem Punkt verloren hätte. Doch das Gegenteil war der Fall. Nach der Vorstellung hörte ich mich im Foyer nach Stimmen zu diesem einmaligen Theatermoment um – die meisten der jungen Zuschauer hielten den von Eidinger angesprochenen Mann für spießig und konnten nicht verstehen, dass er nicht mal ein „Yes“ oder „No“ von sich geben wollte. Da begeht ein Mensch eine extreme Grenzüberschreitung und konfrontiert sein Gegenüber mit einer kompromittierenden Frage – und fast alle im Saal halten uneingeschränkt zu Richard, der nichts anderes als Lügen verbreiten und Hassreden zum Besten geben kann.

Natürlich ist das alles Theater, was wir am 17.02. auf der Bühne des Londoner Barbican Centres gesehen haben. Aber diese Inszenierung hat mir auf erschreckende Weise gezeigt, wie plötzlich und unerwartet sich aus denkenden, aufgeklärten Menschen eine gelenkte Masse formieren kann. Die Zuschauer – und auch ich selbst – waren Lars Eidinger an diesem Abend komplett verfallen. Muss jemand also erst aussehen und sprechen wie ein von uns als „typisch“ wahrgenommener Diktator, damit wir ihn als Bedrohung ernstnehmen?

„Die Tragödie an diesem Stück ist, dass Shakespeare es vor hunderten von Jahren geschrieben hat und wir niemals an den Punkt kommen werden, an dem die in diesem Drama verhandelten Konflikten sich in Luft auflösen“, sagt Eidinger im Publikumsgespräch nach der Vorstellung.

Es gibt nicht viele Inszenierungen, die in meinem Leben einen solch starken Eindruck auf mich hinterlassen haben wie „Richard III.“. Die letzte war vor 11 Jahren interessanterweise auch an der Berliner Schaubühne. Damals sah ich meine erste Inszenierung eines Stücks der mittlerweile verstorbenen, zeitgenössischen Dramatikerin Sarah Kane – und auch da führte Thomas Ostermeier Regie.

 

Die Kulturflüsterin

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