Verloren und wiedergefunden

Die schwedische Regisseurin Therese Willstedt und die isländische Autorin Sigurbjörg Þrastardóttir habe ich vor einigen Jahren interviewt und nun im Jahre 2018 wiederentdeckt! Þrastardóttir ist nächste Woche im Rahmen des Welttages der Poesie im Max Liebermann Haus in Berlin zu Gast, während Willstedts Woyzeck-Inszenierung am Schauspielhaus Köln Premiere feiert…

Therese Willstedt ist eine der interessantesten Theater-Persönlichkeiten, die mir in meinem Leben je begegnet sind. 2011 traf ich sie im Rahmen des Festivals Körber Studio Junge Regie, wo der Regienachwuchs der Hochschulen in Deutschland, Österreich, der Schweiz besonders herausragende Arbeiten seiner Studierenden präsentierte und Therese als einzig nicht-deutschsprachige Teilnehmerin für die Danish National School of Performing Arts an dem Wettbewerb teilnahm. Geboren und aufgewachsen ist die 34-jährige im schwedischen Växjö. Sie besuchte von 2001 bis 2004 die Ballettakademie in Göteborg, bevor sie 2008 ihr Regiestudium an der Danish National School of Performance Arts in Kopenhagen aufnahm. Ich selbst hatte 2011 gerade mal ein halbes Jahr Theater-, Film- und Fernsehkritik an der Hochschule für Fernsehen und Film München und der Bayerischen Theaterakademie August Everding studiert, als meine Kommilitonen und ich nach Hamburg reisten, um dort die Festivalzeitung des Körber Studios zu gestalten.

Die Jungfrau von Orleans hatte ich bis dahin zwei Mal auf der Bühne gesehen. Ich konnte jedoch keinen rechten Zugang zu diesem Stück finden, obwohl darin so zeitlose Themen wie religiöser Fanatismus und Emanzipation behandelt werden. Dann aber saß ich im Hamburger Thalia in der Gaußstrasse und erlebte die dänische Schauspielerin Danica Curcic als Johanna. Etwa 100 Zuschauer saßen damals rund um den schweren Stahlkubus in der Mitte des Theaterraums, den Therese Willstedt zusammen mit Hans Ditlev Brinth Christiansen für ihre Inszenierung entworfen hatte. Keine Chance also für das Publikum, dieser klaustrophobischen Situation physisch oder psychisch zu entkommen. Nie wieder habe ich so viele gut aussehende Männer auf einer Bühne gesehen, für die ich während des gesamten Theaterabends eine Mischung aus Faszination und Abscheu empfand. Sie ließen diese zwar zart wirkende, aber sehr durchsetzungsstarke junge Frau Teil ihres Männer-Kreises werden – doch im Gegensatz zu der für die Sache kämpfende Johanna ging es den Herren vor allem darum, ihren Machtanspruch mit aller Brutalität und Härte nach außen zu verteidigen.

Therese Willstedt © Lina Alriksson

Therese Willstedts Interpretation von Schillers Johanna von Orleans ist mir bis heute nicht nur so sehr im Gedächtnis geblieben, weil ich nach dem Ende des Theaterabends meine erste Festivalkritik im Rahmen des Studiums verfasste (und in der Nacht auch noch die Uhren um eine Stunde vorgestellt wurden). Diese Inszenierung wurde aufgrund der besonderen bühnentechnischen Gegebenheiten nicht untertitelt – das Spiel ihrer Darsteller war jedoch so kraftvoll, dass ich nach nur wenigen Minuten das Gefühl hatte, jedes dänische Wort verstehen zu können. Willstedt sparte nicht mit Pathos, der mich sonst häufig in Inszenierungen stört. Doch im Falle von Johanna von Orleons war er Teil der fanatisch-ideologischen Verblendung der Figuren, mit der sie glaubten, die Welt aus den Fängen Andersdenkender befreien zu können.

In den vergangenen Jahren inszenierte Willstedt hauptsächlich in Dänemark, unter anderem am Königlichen Theater in Kopenhagen, dem Odense Teater und dem Teater NordkraftSeit Mitte 2017 ist sie Leiterin des Schauspiels am Regionteatern Blekinge Kronoberg in ihrer schwedischen Heimatstadt Växjö. 

In Deutschland waren 2016 gleich an zwei namhaften Häusern Inszenierungen von Therese zu sehen: Im Januar feierte die Regisseurin am Schauspiel Frankfurt mit ihrer Dramatisierung von Joan Didions autobiographischem Roman Das Jahr magischen Denkens Premiere, im November desselben Jahres brachte sie eine Bühnenfassung des genialen Films Adams Äpfel von Anders Thomas Jensen auf die Bühne des Schauspiel Köln. Dorthin ist sie nun zurückgekehrt und befindet sich gerade in den Endproben zu ihrer Inszenierung von Georg Büchners Dramenfragment Woyzeck, die ab 22.03. in der Spielstätte Depot 1 zu sehen ist. Seht euch diesen Theaterabend unbedingt an, wenn ihr demnächst in Köln sein solltet!

Dagens dokumentation behind the scenes.

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Von einer schwedischen Regisseurin zu einer außergewöhnlichen isländischen Schriftstellerin: Sigurbjörg Þrastardóttir. Am Mittwoch, 21. März – dem Welttag der Poesie, der im Jahre 2000 erstmals von der UNESCO ausgerufen wurde – könnt ihr Þrastardóttir auf der Bühne des Max Liebermann Hauses am Pariser Platz in Berlin erleben. Dort findet im Rahmen einer Veranstaltung des Hauses für Poesie und der Stiftung Brandenburger Tor mit zahlreichen weiteren Partnern wie dem Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia Bamberg eine Lesung mit internationalen Autoren anlässlich des Welttags der Poesie statt: http://bit.ly/2G0OkKu.

Zwischen 2011 und 2012 war Þrastardóttir, die als eine der bedeutendsten isländischen Lyrikerinnen der Gegenwart gilt, eine der StipendiatInnen der Villa Concordia. Während dieser Zeit recherchierte ich für eine Reportage über die isländischen Künstler der Villa, zu denen damals auch die Bildende Künstlerin Geirþruður Finnbogadottir Hjorvar zählte, in Bamberg und lernte Þrastardóttir dabei kennen.

Foto: mbl.is/​Eggert Jó­hann­es­son

Jährlich werden 12 oder mehr bereits etablierte Künstler aus Deutschland und einem anderen Land vom Kuratorium des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia ausgewählt, ein Jahr als Stipendiaten in Bamberg zu leben und zu arbeiten. Die 1973 geborenen Schriftstellerin Sigurbjörg Þrastardóttir hat neben Gedichtbänden auch Romane und Dramen veröffentlicht. „Das Erzählen von Geschichten hat meine Vorfahren immer am Leben erhalten“, erzählt sie mir damals. Denn „ein Mensch ohne Bücher ist blind“, besagt ein isländisches Sprichwort.

„und / er schneidet mit nacktem oberkörper eine zwiebel / rasch und quetscht tomaten, / das ist verdächtig / alltäglich, zerbricht ein weinglas / in der spüle, aus versehen / ich bin zeuge.“ (Aus „Fakelzüge“, 2011)

Þrastardóttirs erstes Buch, der Gedichtband Blálogaland („Land der blauen Flammen“), erschien 1999. Danach veröffentlichte sie zwei weitere Gedichtbände sowie den Roman Sólar saga („Sols Geschichte“), für den sie 2002 den Tómas-Gudmundsson-Literaturpreis erhielt. „Fakelzüge“, ihr gefeiertes, romanlanges Prosagedicht, in dem sie in einer so zärtlichen und leichten wie unsentimental und klaren Sprache eine Liebesgeschichte erzählte, erschien 2011 in Deutschland im blumenbar Verlag. Mehrere Jahre war Sigurbjörg Þrastardóttir neben ihrer Autorentätigkeit vor allem als Journalistin bei der größten isländischen Tageszeitung Zeitung Morgunblaðið tätig, wo sie eine Kolumne für die wöchentliche Beilage Lesbók verfasste. Zuletzt feierte ihr Einakter Decent People über den wohl bekanntesten isländischen Autor und Nobelpreis-Träger Halldór Laxness Premiere im Londoner Kings Place.

2011 unterhielt ich mich mit der Autorin nicht nur über den Stellenwert der Literatur in der isländischen Kultur, sondern auch über die schwere Wirtschaftskrise in Þrastardóttirs Heimatland 2008. „Ich war gerade in Argentinien, als mich die Nachricht vom Zusammenbruch unseres Finanzsystems erreichte. Eine sehr seltsame Stimmung machte sich bei ihr breit, denn „laut der isländischen Medien und laut der Anrufe von zu Hause war nun der Weltuntergang in unserem Land vorprogrammiert“, sagte Þrastardóttir damals. Sie habe sich eine kriegsähnliche Situation ausgemalt – doch als sie nach sechs Wochen in ihr Heimatland zurückkehrte, war die Situation zwar hart, aber die Leute machten weiter wie bisher. Ein sehr beruhigendes Erlebnis für die Schriftstellerin damals.

„Sigurbjörg Þrastardóttir spannt ihre Texte weit und schaut mit neugieriger Distanz auf Berlin, ‚die neue stadt / wo die schönsten frauen / in kalter pasta rühren'“, schreibt das Haus für Poesie 2018 auf seiner Website über die Schriftstellerin. Liebe Berliner, auf zu dieser wunderbaren Veranstaltung am 21.03., wo neben Þrastardóttir noch andere spannende Schriftsteller aus vielen Teilen der Welt ihre lyrischen Werke präsentieren werden!

Wer meine Reportage über die Villa Concordia, die 2011 auf der Website unseres Studiengangs Theater-, Film- und Fernsehkritik erschienen ist, übrigens noch einmal nachlesen möchte: Reportage Villa Concordia_2011.


Mehr Infos über Therese Willstedt und ihre aktuellen Projekte:

https://www.theresewillstedt.com/

https://www.instagram.com/theresewillstedt/

 

Weitere Infos über die Werke von Sigurbjörg Þrastardóttir:

http://www.die-horen.de/autoren/sigurbjoerg-thrastardttir.html

Die Kulturflüsterin

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