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#Interview mit Götz Schubert

Foto: Roman Goebel

Gerade ist er in „Der steinerne Gast“ und „Irrlichter“, dem dritten und vierten Teil der ARD-Krimireihe „Wolfsland“, zu sehen. Ein Gespräch mit Götz Schubert über seine Rolle des Kommissars Burkhard „Butsch“ Schulz, über die Region Görlitz und über sein 30-jähriges Bühnenjubiläum im vergangenen Jahr…

„Hallo, hier ist Edgar Wallace! Kleiner Scherz, hier schreibt Ihnen Götz Schubert“. Tatsächlich zeigt mein Handy den Namen des großen britischen Kriminalautors an – ein amüsanter Beginn der Begegnung mit dem Schauspieler Götz Schubert. Wäre der Regisseur Alfred Vohrer heute auf der Suche nach einem souverän reagierenden, besonnenen Kommissar für die Verfilmungen der Romane von Edgar Wallace – er würde in Götz Schubert den richtigen Schauspieler finden.

2017 feierte Schubert sein 30-jähriges Bühnenjubiläum, fast genauso lang ist er in Film- und Fernsehproduktionen zu sehen. Unter anderem war er 2007 als Hauptkommissar Helmut Enders in der ZDF-Krimiserie „Kriminaldauerdienst“,  2012 in dem ARD-Zweiteiler „Der Turm“ sowie 2014 in Lars Kraumes Spielfilm „Der Staat gegen Fritz Bauer“ sowie im selben Jahr in Raymond Leys Doku-Drama „Meine Tochter Anne Frank“ zu erleben.

Ausgebildet wurde der 1963 in Pirna geborene Götz Schubert zwischen 1983 bis 1987 an der renommierten Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Es folgten Engagements am Deutschen Theater und am Maxim-Gorki-Theater in Berlin, wo Götz unter anderem mit namhaften Regisseuren wie Jürgen Gosch, Thomas Langhoff und Alexander Lang zusammenarbeitete. 1989 wurde er einem breiten Publikum durch seine Rolle in der Filmsatire Zwei schräge Vögel bekannt. 

2016 wurde die erste Folge der Krimiserie „Wolfsland“  in der ARD ausgestrahlt, in der Götz Schubert Burkhard „Butsch“ Schulz, Hauptkommissar bei der Kripo Görlitz, spielt. Im Laufe der Zeit hat der notorische Einzelänger gelernt, seine aus Hamburg stammende Kollegin Viola Delbrück (Yvonne Catterfeld) als gleichberechtige Arbeitspartnerin zu akzeptieren. Butsch lebt im Görlitz des Hier und Heute – doch die Vergangenheit hat tiefe Spuren bei ihm hinterlassen. 

Neben seiner TV- und Filmkarriere ist Götz Schubert derzeit auch in mehreren Stücken am Deutschen Schauspielhaus Hamburg in Hauptrollen zu sehen. Im April feierte er dort Premiere mit dem Stück „Junk“ von Ayad Akhtar – ein Wirtschaftsthriller von shakespearischer Tragik. Seit Karin Beier 2013 die Intendanz des Deutschen Schauspielhaus übernommen hat, ist Götz Schubert regelmäßiger Gast an diesem Theater – so wie 2015 in Beiers Inszenierung von Alan Aykbourns „Ab jetzt“. 


Sie treten seit 2017 gemeinsam mit dem Musiker Manuel Munzlinger, der einen Abend voller „Geschichten von der allgemeinen Undurchschaubarkeit“ entwickelt hat. Ein „Musik/Hör/Spiel“, bei dem Schauspiel, Text, Musik und Soundtrack miteinander verwoben werden. Wie entstand die Idee zu diesem Projekt? 

Die hatte Manuel Munzlinger, der bei mir angefragt hat, ob ich mir eine Zusammenarbeit vorstellen könnte.  Ich fand die ausgewählten Texte von Kathrin Passig, Kai Weyand, und Philipp Weiss – allesamt Teilnehmer des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs Klagenfurt – sehr spannend. Wir haben eine ganze Zeit lang herumexperimentiert und uns Gedanken darüber gemacht, was man mit diesen Texten alles anstellen könnte.

Ist es Ihnen bei der Erarbeitung ihrer Theater- und Filmfiguren wichtig, dass sich ihre Rollen eine gewisse „allgemeine Undurchschaubarkeit“ bewahren – auch, wenn man sie im Laufe einer Inszenierung oder eines Kino- oder TV-Abends immer besser kennenlernt?  

Der Begriff der „allgemeinen Undurchschaubarkeit“ stammt aus einer der Geschichten, die Manuel Munzlinger und ich im Rahmen unseres gemeinsamen Abends auf der Bühne präsentieren. In dem Text geht es um einen Künstler, der mit sich und mit seinem Beruf hadert. Ich sehe den Sinn meines Schauspielerberufs unter anderem darin, etwas Undurchschaubares sichtbar oder „durchschaubar“ zu machen, um dem Zuschauer einen Einblick in das Innenleben einer Figur zu ermöglichen. Aber dem Schauspieler muss es gelingen, ein Interesse für seine Figur beim Publikum zu wecken.

Seit 1987 sind Sie in unzähligen Inszenierungen auf großen deutschen Bühnen zu sehen gewesen. Welche dieser Arbeiten waren Ihnen besonders wichtig für Sie – sowohl persönlich als auch im Hinblick auf den Verlauf Ihrer weiteren Karriere betrachtet?

Thomas Langhoffs Inszenierung von George Taboris „Mein Kampf“ 1990 am Maxim Gorki Theater gehört da sicherlich dazu. Damals kam alles zusammen: Ein interessantes Stück, ein wunderbarer Regisseur und tolle Kollegen. Die Atmosphäre im Theater so kurz nach der Wende war (RAUS einfach) auch eine ganz besondere.

1996 habe ich dann gemeinsam mit dem Regisseur Peter Dehler den Soloabend „Helden wie wir“ erarbeitet. Diese Arbeit war eine Art Befreiungsschlag, weil wir uns getraut haben, die DDR-Staatssicherheit aus einem satirischen Blickwinkel zu betrachten. Den zweistündigen Abend habe ich anschließend über 200 Mal gespielt.

Programmheft Maxim Gorki Theater 1990.
© Maxim Gorki Theater

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine weitere wichtige Inszenierung in meiner Laufbahn war auch „Die Nibelungen“ unter der Regie von Dieter Wedel bei den Nibelungenfestspielen in Worms im Jahr 2002. Und 2013 hatte ich die Gelegenheit, in Karin Beiers Eröffnungsinszenierung „Die Rasenden“ am Schauspielhaus Hamburg mit dabei zu sein. Ein spannender, sechsstündiger Abend, in dem Karin Beier Euripides Tragödien »Iphigenie in Aulis« und »Die Troerinnen« sowie Aischylos’ Stücke »Agamemnon« und »Die Eumeniden« aus seiner Trilogie »Die Orestie« mit Hugo von Hofmannsthals »Elektra« von 1904 miteinander verknüpft.

Gratulation übrigens zu ihrem 30-jährigen Bühnenjubiläum im vergangenen Jahr!

Vielen Dank! Die Haupt-Arbeitsfelder haben sich seit 1987 etwas verschoben, aber ich stehe trotz meiner verschiedenen Drehprojekte immer mit einem Bein auf der Bühne. Theater war für mich immer eine große Erfüllung – aber es ist ein Unterschied, ob ich ein fester Teil eines Ensembles bin und 20 Vorstellungen im Moment zu spielen habe oder nur von Zeit zu Zeit an einem Haus gastiere. Heute ist Theater für mich mehr denn je eine Herzensangelegenheit. Vor wenigen Wochen hatte ich übrigens am Schauspielhaus Hamburg mit „Junk“ – einem Stück des US-amerikanischen Autors Ayad Akhtar über die Auswüchse des Finanzkapitalismus – Premiere.

Das Stück habe ich vor kurzem erst am Münchner Residenztheater gesehen.  

Unsere Premiere fand eine Woche vor der in München statt. Das Stück ist eine Herausforderung, aber die Arbeit war wahnsinnig spannend. Und es macht Spaß, mit so einem großen Ensemble von 18 Leuten auf der Bühne zu stehen!

Mein Bruder ist Banker, daher bin ich ein wenig mehr in der Finanzwelt zu Hause, als mancher Zuschauer. Trotzdem musste auch ich mich sehr auf das Stück einlassen, um die Zusammenhänge zu verstehen.

Ayad Akhtar macht es dem Zuschauer nicht leicht. Aber wenn das Publikum versteht, wohin die Figuren wollen und welcher Mittel sie sich bedienen, um ihre Ziele zu erreichen, wird ihr wirtschaftliches Vorwissen eher zur Nebensache.

Götz Schubert; Foto: Roman Goebel

Ich finde es oft amüsant, wie sich der Kulturschaffende die Welt des gemeinen Bankers vorstellt.  

Selbstredend mag vieles auf der Bühne oder im Film etwas zugespitzt dargestellt werden. Aber letztendlich geht es um das Interesse, wie diese Leute ticken und was sie antreibt. Steht Geld über allem? Oder ist es nicht auch eine Art Produkt? Und was bedeuten Schulden in einer von wirtschaftlichem Profit geprägten Welt, in der sich die Banker bewegen?

Wie sieht das bei Ayad Akhtar am Ende aus? 

Er lässt seine Hauptfigur Merkin im Gefängnis eine Kreditaufrechnung für den Wärter machen und will ihm demonstrieren, wie er mithilfe seines spärlichen Gehalts und Steuertricks zumindest ein bisschen Profit für sich herausschlagen könnte. Diese Fixierung und Gier eines Menschen auf Geld und Gewinnmaximierung verstehen alle Zuschauer – egal, wie wenig oder wie sehr sie sich zuvor mit der Welt der Banker beschäftigt haben. Wir müssen uns zwangsläufig mit dieser Welt auseinandersetzen, denn sie betrifft uns alle.

Absolut – denn die Gefahr, von den Ereignissen um uns herum überrannt zu werden, ist ansonsten groß.

Es gibt einen beliebten Satz, der heutzutage gerne fällt: „Ah ja, dafür haben sie also Geld!“ Je mehr ich mich über die Vorgänge um mich herum informiere, desto mehr entwickle ich ein Gespür dafür, dass es auch in der Politik und in der Wirtschaft bestimmte Zwänge gibt, denen die Entscheidungsträger unterliegen. Selbstverständlich sollten wir uns darüber unterhalten, wie Steuergelder verteilt werden. Bloße Behauptungen helfen uns aber nicht weiter, wenn wir ernsthaft über ein Thema diskutieren möchten.

Sie stehen nicht nur mit einem Bein auf der Theaterbühne, wie Sie es formuliert haben, sondern sind regelmäßig in TV- und Kinospielfilmen zu erleben. Gerade sind die neuen Folgen der Krimi-Reihe „Wolfsland“ mit Ihnen in der Hauptrolle als Kommissar Burkhard „Butsch“ Schulz in der ARD zu sehen. Was zeichnet diese Krimi-Reihe Ihrer Meinung nach aus? 

Als dieses Format erfunden wurde, waren meine Kollegin Yvonne Catterfeld und ich sehr früh bereits als Hauptdarsteller gesetzt. Unsere beiden Figuren wurden daher quasi auf uns zugeschrieben, was ich als ein großes Geschenk empfinde. Ein weiteres großes Geschenk war die Tatsache, dass wir an einem Ort drehen durften, den das deutsche Fernsehen bis dahin noch nicht für sich entdeckt hatte. Und es gab glücklicherweise einen recht großen erzählerischen Spielraum und die Möglichkeit, uns abseits konventioneller Krimi-Pfade zu bewegen. Daher erfährt man in „Wolfsland“ viel mehr über die Biographie der beiden Figuren Butsch und Viola Delbrück, als eventuell in anderen Krimi-Formaten. Vieles mag in dieser Krimireihe zu Beginn erst einmal undurchschaubar wirken. Doch – und das ist das Schöne an solch einer Reihe – dem Zuschauer wird genügend Zeit gegeben, die Figuren von Fall zu Fall besser kennenzulernen.

Fanden Sie es interessant, dass vier in Westdeutschland aufgewachsene und sozialisierte Regisseure bei einer Krimi-Reihe, die in der ostdeutschen Provinz spielt, Regie führten? 

Die Geschichte spielt im Hier und Jetzt und die Wende-Zeit ist ziemlich lange her. Natürlich spielt sie in der Biographie von Butsch eine große Rolle, weil er 25 Jahre seines Lebens in dem DDR-System verbracht hat. Aber die Vergangenheit von Butsch ist nicht das Hauptthema der „Wolfsland“-Reihe. Zu unseren Regisseuren kann ich sagen, dass man nicht unbedingt seine Kindheit und Jugend in der DDR verbracht haben muss, um die besondere Stimmung an einem Ort wie Görlitz aufzufangen. Das haben André Erkau, Tim Trageser, Max Zähle und Till Franzen sehr gut hinbekommen.

Wie nehmen Sie die Stadt Görlitz abseits des Drehs wahr? 

Görlitz hatte es endlich geschafft, dass es wieder Familienzuzug in die Stadt gab – da kamen die Nachrichten von der möglichen Schließung des Siemens-Werks und von der unsicheren Lage bei Bombardier. Beide Firmen sind die Hauptarbeitgeber in der Region. Die Gegend um Görlitz hat nicht nur das Problem, dass sie von der Politik jahrelang vergessen wurde, sondern dass sie etwas ab vom Schuss liegt. Es ist kein Wunder, dass dort irgendwann entsprechende Wahlergebnisse auftauchten. Über die Formen des Protests, die so mancher Einwohner in seinem Frust wählt, kann man sich wahrlich streiten – aber die Lösung kann nicht darin bestehen, die Region komplett sich selbst zu überlassen. Ich warne daher vor der Arroganz, sich über „die da drüben im Osten“ zu erheben. Denn im Glashaus sitzen wir alle.

Das lässt nichts Gutes für die Zukunft von Görlitz und Umgebung erhoffen.

Oh doch: Wenn ich sehe, was dort in den letzten Jahren alles geschaffen wurde! Junge Menschen, die neue Cafés und Restaurants eröffnen und in der Stadt für eine sehr schöne Atmosphäre sorgen; Touristen, die Görlitz und vor allem das landschaftlich attraktive Umland entdecken… Es braucht viel Zeit, Kraft, Geduld und einen langen Atem, um diese Region dauerhaft nach vorne zu bringen.

Finden Sie, dass ein Schauspieler seine Bekanntheit nutzen sollte, um auf politische oder gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen? 

Oft hört man immer wieder dieselben Statements von Künstlern zu einem bestimmten Thema. Ich halte davon ehrlich gesagt nicht viel. Diese seltsame Anonymität des Internets trägt natürlich dazu bei, dass jeder sich dazu verpflichtet und befähigt fühlt, sich in irgendeiner Art und Weise öffentlich zu äußern. Mir fehlt bisher ein visionärer Gedanke, wie man in dieser Parallelwelt für Recht und Ordnung sorgen kann, ohne gleichzeitig das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken. Ich engagiere mich eher nachhaltig und bin seit mehreren Jahren der Botschafter der Deutschen Hospiz- und Palliativstiftung.

Und um einen Missstand aufmerksam zu machen, hat man als Schauspieler ja letztendlich die Bühne oder ein Filmprojekt, an dem man beteiligt ist.

Das sehe ich auch so. Ich finde es spannend, einen Ausschnitt, eine Situation aus einem großen Ganzen auf der Bühne oder im Film zu beleuchten. Durch meinen Beruf habe ich die Möglichkeit, die Zuschauer an dem Schicksal meiner Figuren teilhaben zu lassen. Ich möchte ihnen aber unter keinen Umständen vorschreiben, was sie denken sollen. Ich habe eher immer die Hoffnung, dass die Zuschauer in unserer Geschichte etwas aus ihrer eigenen entdecken.

Lieber Götz Schubert, ich danke Ihnen ganz herzlich für das interessante Gespräch! Bis im Schauspielhaus Hamburg…


Mehr über Götz Schubert: 

http://www.die-agenten.de/actors_vita.php?name=G%C3%B6tz_Schubert&gender=m

https://video.filmmakers.de/goetz-schubert

https://www.schauspielhaus.de/de_DE/ensemble/goetz_schubert.80811

http://www.daserste.de/unterhaltung/film/wolfsland/darsteller/goetz-schubert-als-burkhard-butsch-schulz-100.html

http://www.dhp-stiftung.de/stiftung-botschafter.html

Die Kulturflüsterin

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