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#Interview mit Sina Martens

© René Fietzek

2017 wurde sie von der Fachzeitschrift Theater heute als Nachwuchsschauspielerin des Jahres ausgezeichnet, seit dem Beginn der Spielzeit 2017/2018 ist sie festes Ensemblemitglied am Berliner Ensemble. Ein Gespräch mit Sina Martens über die Überwindung der eigenen Angst, den Umgang mit sozialen Netzwerken und ihre Leidenschaft für das Theater.

„Sina Martens ist die Nachwuchsschauspielerin des Jahres“: 2017 wurde ich durch die Kritikerumfrage der Zeitschrift Theater heute zum ersten Mal auf Sina Martens aufmerksam.  46 Kulturjournalisten äußern sich im Rahmen dieser Umfrage jedes Jahr zu ihren Highlights der Theatersaison. In einem wenig später erschienenen Porträt über Sina Martens fielen in der Theater heute  unter anderem Worte wie „Klarheit“, „Genauigkeit“ und „Präzesierung“ in Zusammenhang mit ihrem schauspielerischen Können und ihrem Arbeitsstil. 

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Ernsthaft, sehr reflektiert, freundlich und kommunikativ erlebe ich Sina, als wir uns an einem Nachmittag im Mai zu einem Interview verabreden. Nach dem Premierenmarathon zu Beginn der ersten Spielzeit von Oliver Reese am Berliner Ensemble hat Sina gerade probenfrei und erzählt mir, dass sie unter anderem vor kurzem die Gelegenheit hatte, sich die „Faust“-Inszenierung von Frank Castorf beim Berliner Theatertreffen anzusehen. Vor einem knappen halben Jahr erst feierte sie selbst Premiere in einer Castorf-Inszenierung am Berliner Ensemble – dort ist seit Dezember 2017 eine Bühnenfassung von Victor Hugos „Les Misérables“ zu sehen. Nicht nur mit Frank Castorf, sondern auch mit vielen weiteren namhaften Theaterregisseuren wie Sebastian Hartmann, Hans-Werner Kroesinger, Ulrich Rasche, Alexander Eisenach oder Michael Thalheimer hat Sina Martens in den letzten Jahren zusammengearbeitet. 

Ihr Schauspielstudium absolvierte die 1988 in Köln geborene Darstellerin an der Hochschule für Musik und Theater  Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig. Bereits ab dem dem dritten Jahr war sie als Ensemblemitglied auf der Bühne des Centraltheaters Leipzig zu sehen. Es folgten Gastengagements am Schauspiel Hannover, am HAU Berlin, in Oberhausen und Bonn. Eine erste große Auszeichnung für ihre aussergewöhnliche Schauspielkunst – den Förderpreis des Bundesministeriums für Bildung und Forschung – erhielt Sina 2013 für „Der große Marsch“ beim Schauspielschultreffen 2013. 

Mit dem Beginn der Spielzeit 2016/17 wurde Sina Martens Mitglied im SCHAUSPIELstudio des Schauspiel Frankfurt – ein einzigartiges Projekt in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main, im Rahmen dessen angehenden Schauspielern und Regisseuren eine praxisbezogene Aus- und Weiterbildung im Rahmen der ersten Berufsjahre ermöglicht wird. Es folgten fünf Neuproduktionen und zwei Umbesetzungen für Sina in nur einem Jahr am Schauspiel Frankfurt: „Ich habe einfach eine ganz tiefe Leidenschaft für meinen Beruf“, sagt Sina lachend, als ich sie frage, woher sie die Kraft und Energie für jedes neue Projekt nimmt. „Genug Schlaf und Sport helfen aber auch“. 

Mich faszinieren Sinas Ehrgeiz, ihre Motivation, sich durch jede ihrer Rollen ein bisschen besser selbst kennenzulernen – und die Leidenschaft, mit der sie von ihrer großen Liebe, dem Theater, spricht. Man spürt sofort, dass Schauspielerei bei Sina kein Mittel zur eitlen Selbstbespiegelung ist, sondern eine Möglichkeit, die Welt durch die Augen ihrer Figuren immer wieder aus einer anderen Perspektive zu betrachten. 

Es loht sich nicht nur, dem Berliner Ensemble demnächst einen Besuch abzustatten, um Sina Martens live auf der Bühne zu erleben, sondern auch, ihr auf Instagram zu folgen. Dort präsentiert sie auf eine unpretentiöse Art und Weise und mit der richtigen Prise an (Selbst-)Ironie nicht nur Bilder aus ihrem beruflichen Alltag, sondern auch Schnappschüsse kurioser Begebenheiten und Situationen.

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Ich bin im vergangenen August auf dich aufmerksam geworden, als du von der Zeitschrift THEATER HEUTE zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres gewählt wurdest. Hast du beobachtet, dass das Interesse an deiner Person seit dieser Zeit stark zugenommen hat?

 Mich hat vor allem sehr gerührt, dass meine Arbeit gesehen und anerkannt wurde. Klar kennen dich plötzlich mehr Menschen und es gibt mehr Interviewanfragen vor der Premiere meiner Stücke. Der Standort Berlin trägt aber sicher auch zu dem größeren Bekanntheitsgrad bei. Für mich steht aber vor allem die Beschäftigung mit Inhalten im Vordergrund – so sehr ich mich über das Interesse an meiner Person freue.

Was war der ausschlaggebende Grund für dich, über die Zusammenarbeit mit einer PR-Agentur nachzudenken?

 Ich möchte mich gerne so weit wie möglich auf meine Projekte konzentrieren. Aber es gibt da auch einen anderen Teil meiner Arbeit, der für uns Schauspieler sehr wichtig ist und den ich nicht ignorieren oder außen vorlassen möchte. Daher bin ich sehr froh, mit meinem PR-Agenten einen Arbeitspartner gefunden habe, dem es wie mir vor allem um Inhalte geht. In welch einer Rolle sieht man sich als Spielerin? Was möchte man erzählen?

Siehst du einen Schauspieler als eine Person öffentlichen Interesses an, der die Zuschauer zumindest teilweise an seinem Privatleben teilhaben lassen sollte?

Es sollte jedem Schauspieler – und jedem Menschen generell – freistehen, wie viel er über sich und sein Privatleben in der Öffentlichkeit berichtet. Für mich gibt es ganz klar einen Unterschied zwischen „privat“ und „persönlich“: Der private Raum ist mein Rückzugsort, den ich als Darstellerin brauche, um künstlerisch überhaupt arbeiten zu können. Und dann gibt es da die eigene Persönlichkeit, die eine Haltung zu bestimmten Themen hat – oder wie in meinem Fall eine Haltung zur Stellung der Frau in der Gesellschaft oder ähnliches. Ich finde es zum Beispiel toll, an einem Haus spielen zu dürfen, wo es mit Helene Weigel die erste weibliche Intendanz gab und wo ich in die Fußstapfen von vielen wunderbaren Schauspielerinnen treten darf. Mein Privatleben dagegen behalte ich lieber für mich. Ich finde es aber überhaupt nicht verwerflich, wenn Kollegen offener damit umgehen. Die eigene Privatsphäre ist letztendlich ja auch eine Sache der Auslegung.

 Es ist also die persönliche Sina Martens, die auf Instagram, Facebook und Twitter über ihren beruflichen Alltag berichtet, oder? Was ist dir im Umgang mit den sozialen Netzwerken besonders wichtig?

Ich bin immer noch auf der Suche danach, was die Kommunikation in den sozialen Medien genau für mich bedeutet. Außerdem finde ich es gut manche Arbeitsprozesse zu dokumentieren, die zeigen, wie kreative Arbeit stattfindet – außerhalb der ganzen Casting Shows.

Ich finde, du machst das sehr gut! In meinem Fall hat es dazu geführt, dass ich mir beim nächsten Berlin-Besuch sofort ein Stück mit dir am Berliner Ensemble angesehen habe.

 Danke, das freut mich sehr zu hören! Ich möchte mich den sozialen Netzwerken auf keinen Fall verweigern, schätze es aber eigentlich sehr, analog in der Welt unterwegs zu sein. Ich versuche auf jeden Fall, meine Posts mit Humor und einem Augenzwinkern zu kombinieren.

Du wurdest in der Spielzeit 2016/2017 fest ans Schauspiel Frankfurt engagiert. Warst du froh, als es für dich nach einem Jahr weiter nach Berlin ging?

 Berlin kam zur absolut richtigen Zeit für mich. Ich bin in Norddeutschland aufgewachsen, habe in Leipzig studiert und habe anschließend in Leipzig, Hannover, Berlin, Oberhausen und Bonn gespielt, bevor ich an das Schauspiel Frankfurt engagiert wurde. Dort bin ich auf das Team um Oliver Reese gestoßen und mir war schnell klar, dass ich für längere Zeit mit diesem Team arbeiten möchte.

In der Oberstufe hattest du eigentlich vor, Psychologie zu studieren. War die psychologische Annäherung an deine Figuren das, was dich in deiner Schauspielausbildung vor allem interessiert hat?  

Eigentlich gar nicht. Das Tolle an unserem Beruf ist, dass er viele Komponenten miteinander vereint, die mich interessieren. Natürlich ist es sehr spannend, die Psyche einer Figur zu begreifen, wenn man an einem psychologischen Stoff arbeitet. Das kann aber immer nur über eine Annäherung geschehen – jeder Mensch ist einfach zu komplex, als das man alle Facetten seiner Persönlichkeit erfassen könnte. In meiner Arbeit als Schauspielerin treffe ich aber immer wieder auch auf Regisseure, die gar nicht mit Figurenzuschreibungen arbeiten und für die figurenpsychologisches Denken keine Rolle spielt. In diesen Projekten geht es eher, ein Thema für den Zuschauer emotional erfahrbar zu machen. Dann gibt es Inszenierungen, in denen vor allem politische Aspekte im Vordergrund stehen. Und ich war auch schon in zwei Stücken von Hans-Werner Kroesinger auf der Bühne zu sehen, in denen es weder um die Psychologie der Figuren, noch um eine emotionale Anbindung für das Publikum geht.

Sondern?

Vor allem um die Vermittlung von Fakten. In Graecomania 200 years ging es zum Beispiel um 200 Jahre deutsch-griechische Beziehungen. Zwei Monate lang hatte ich die Möglichkeit, mich wie in einem Uni-Seminar mit verschiedenen Fragestellungen und Problematiken im deutsch-griechischen Verhältnis auseinanderzusetzen.

Erlebt man einen Schauspieler als Zuschauer in so einer Bühnensituation ehrlicher, als im Schutzmantel einer Rolle?

Ich glaube, dass man auch im Kleid einer Figur sehr ehrlich werden kann. Gerade, wenn man die eigenen Rollen stark an sich anbindet, wie ich das tue – und dadurch vielleicht sogar etwas Neues über sich selbst erfährt.

 Auch wenn die Trennung von Rolle und Privatleben seitens vieler Schauspielern oft vehement bejaht wird: Gab es in den vergangenen Jahren eine Rolle, die außergewöhnlich stark von dir Besitz ergriffen hat?

Jede meiner Arbeiten hat etwas mit mir gemacht, weil ich mich mit immer neuen Themen und Inhalten beschäftige. Ich begreife meinen Beruf als ständiges Suchen und Lernen – nicht als einmal erlerntes Handwerk, das bei jedem Projekt auf eine ähnliche Art und Weise zum Einsatz kommt.

„Der Moment, kurz bevor man die Bühne betritt – das ist meine Lieblingsangst“, heißt es auf der Website des Berliner Ensembles. Was gibt dir in diesem Moment die Sicherheit, dein Können aber trotzdem dem Publikum präsentieren zu wollen?

Ich liebe es, mich meiner Angst zu stellen und versuche, meinen Schmerz, meine Ängste, meine Zweifel auf der Bühne zu zeigen. Diese „Lieblingsangst“, kurz bevor ich die Bühne betrete, lähmt mich nicht – sie ist vielmehr mein Antrieb, diese Angst durch mein Spiel in etwas Positives zu verwandeln.

Du hast in den vergangenen Jahren sehr viel gearbeitet – allein in der laufenden Spielzeit am Berliner Ensemble warst du bereits in vier Premieren zu sehen. Woraus schöpfst du deine Energie und deine Kraft für die wochenlangen Probenphasen?

Ich empfinde wirklich eine sehr große Leidenschaft für meinen Beruf und für das Theater an sich. Im besten Fall verschmilzt man auf der Bühne für ein paar Momente mit dem ganzen Raum und allen Menschen, die sich darin befinden. Dieses wunderbare Gefühl, das man dabei empfindet, kann sich aber nur einstellen, wenn man ein tolles Ensemble um sich herum hat. Ich habe gerade das großes Glück, am Berliner Ensemble mit wunderbaren Kollegen und Regisseuren zusammenarbeiten zu dürfen. Und darüber hinaus helfen auch genug schlafen und ausreichend Sport.

In der „Les Misérables“-Inszenierung hast du zum ersten Mal mit Frank Castorf zusammengearbeitet. Worin liegt seine ganz besondere Qualität als Regisseur?

Er hat einen unglaublichen Horizont, der unendlich weit ist, wenn man mit ihm zusammenarbeitet. Darüber hinaus ist Herr Castorf sehr intelligent und gebildet. Ich arbeite gerne mit ihm zusammen, weil man mit ihm gemeinsam plötzlich ganz neue Welten erschafft. Der Kosmos, aus dem heraus seine Arbeiten entstehen hat mich total fasziniert. Er ist unglaublich komplex, mannigfaltig, strotzt vor Energie und besitzt darüberhinaus eine Menge Humor. Nichts scheint unmöglich.

Musst du mit deinen Kräften vor einem Abend, an dem „Les Misérables“ gespielt wird, anders haushalten?

Tatsächlich vergehen die Stunden wie im Flug – in der langen Version sind es sogar mehr als sieben Stunden! Beim Theatertreffen habe ich mir Castorfs „Faust“-Inszenierung endlich ansehen können. Sie hat mich in vielen Bereichen berührt und zum Denken angeregt. Danach saß ich mit meinen Kollegen zusammen und war nach kurzer Zeit so erschöpft, dass ich nach Hause gehen musste (lacht). Es ist also offensichtlich anstrengender, die sieben Stunden Input auf der Bühne als Zuschauer zu verdauen, als selbst zu spielen!

 Ob nach „Les Misérables“ oder einer anderen Vorstellung: Freust du dich, wenn du danach in der Kantine von Zuschauern angesprochen wirst?

Ich freue mich sehr, wenn mich jemand anspricht! Ich bin auch ein großer Fan von Publikumsgesprächen, weil ich spannend finde, mich unter die Menschen dort unten im Zuschauerraum zu mischen. Theater bedeutet für mich vor allem auch ein Angebot zum Gespräch, zum Austausch. Das schönste Kompliment, das ich bisher bekommen habe, kam von einem Mann nach einer Vorstellung von „Menschen, Orte und Dinge“, der zu mir meinte: „Ja, genau so wie du das auf der Bühne darstellst, fühlt es sich an, wenn man drogensüchtig ist“. Er erzählte mir, dass er in einer Entzugsklinik arbeitet und ich eine Körperlichkeit für meine Rolle gefunden hätte, die derjenigen eines Drogensüchtigen sehr nahe kommt. Das hat mich sehr berührt, weil man dadurch plötzlich noch einmal einen anderen Bezug zu der Realität dieser Menschen bekommen hat.

Liebe Sina, ich möchte mich ganz herzlich bei dir für dieses wunderbare Gespräch bedanken! Und wenn ich das nächste Mal im Berliner Ensemble bin, spreche ich dich gerne in der Kantine an 🙂


Mehr über Sina Martens:

http://www.sinamartens.com/
https://www.berliner-ensemble.de/sina-martens
https://www.andislawinski.de/martens-sina

https://www.instagram.com/sina_martens
Twitter: @martenssina

Die Kulturflüsterin

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