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#Interview mit dem Schriftsteller und Aktivisten Maximilian Dorner

„Steht auf, wenn ihr nicht könnt“: Derzeit jongliert der Münchner Autor Maximilian Dorner nicht nur auf dem Papier virtuos mit Worten. Am 15. März 2020 tritt er bei der Kommunalwahl in München als Stadtradtskandidat für die GRÜNEN an, um seine Stimme für alle Menschen mit Behinderung zu erheben, die in der bayerischen Hauptstadt leben. Dorner ist ein Tausendsassa, der das Leben mit einem Handicap nicht nur aus Büchern kennt, 2006 erkrankte der Aktivist und Schriftsteller an der unheilbaren Nervenkrankheit Multiple Sklerose. Ein Gespräch in Haidhausen über Kommunikation, Münchner Kulturschaffende und den Umgang mit dem Thema Behinderung.

Der Schriftsteller und Aktivist Max Dorner © privat

„Steht auf, wenn ihr nicht könnt“: Derzeit jongliert der Münchner Autor Maximilian Dorner nicht nur auf dem Papier virtuos mit Worten. Am 15. März 2020 tritt er bei der Kommunalwahl in München als Stadtradtskandidat für die GRÜNEN an, um seine Stimme für alle Menschen mit Behinderung in der bayerischen Hauptstadt zu erheben. Dorner ist ein Tausendsassa, der das Leben mit einem Handicap nicht nur aus Büchern kennt: 2006 erkrankte der Aktivist und Schriftsteller an der unheilbaren Nervenkrankheit Multiple Sklerose. Ein Gespräch in Haidhausen über Literatur, die Münchner Kulturlandschaft und den Umgang mit dem Thema Behinderung.

Wer Maximilian Dorner auf Instagram folgt, kann angesichts seiner vielen Aktivitäten nur ins Staunen geraten: Hier ein Bild, auf dem er ein neues Podcast-Gesprächs auf seiner Website ankündigt, dort der Hinweis auf eine Veranstaltung seiner 2019 gegründeten Initiative WHEELCHAIRS FOR FUTURE. Dazwischen viele Impressionen von Wahlkampfveranstaltungen für die GRÜNEN, ein Foto von einer Diskussionsrunde auf münchen.tv anlässlich der bevorstehenden Kommunalwahl oder din Selfie von seinem letzten Treffen mit der zwölffachen Paralympics-Siegerin und Präsidentin des größten deutschen Sozialverbandes VdK, Verena Bentele.

 

Mit erfrischender Selbstironie und dem nötigen Ernst betreibt Max nicht nur seinen Instagram-Kanal, sondern verfolgt auch seine Karriere als Schriftsteller, Moderator und Politiker. Er weiß, wovon er spricht und schreibt: Denn das Thema Behinderung ist für ihn kein theoretisches Gedankenkonstrukt, sondern eine Tatsache. 2006 wurde bei dem heute 46jährigen Max Dorner die unheilbare Nervenkrankheit Multiple Sklerose diagnostiziert. Nach seinem Romandebüt Der erste Sommer 2007 veröffentlichte er ein Jahr später mit Mein Dämon ist ein Stubenhocker sein erstes Buch, in dem er schonungslos, aber nicht ohne Ironie und Lebensfreude über seine Behinderung, Sanitätshäuser, Amelotatisten, Party-Krankheits-Smalltalks vor Minestrone-Töpfen und die Veränderung des eigenen Körpers schreibt. Mittlerweile hat Max Dorner sieben weitere Bücher mit so wunderbaren Titeln wie Ich schäme mich. Ein Selbstversuch (2010), Einsam, na und? Von der Entdeckung eines Lebensgefühls (2015) oder Steht auf, auch wenn ihr nicht könnt! Behinderung ist Rebellion (2019) veröffentlicht.

Ausgebildet als Dramaturg an der Bayerischen Theaterakademie August Everding in München, arbeitet Dorner seit dem Jahr 2000 als Theaterregisseur, Literaturlektor und Autor. Von 1996 bis 1999 war er Autor der BR-Hörfunksendung Lyrik nach Wunsch, von 1998 bis 2001 schrieb er Theaterkritiken für die Zeitung Die Welt. Mitte der 2000er Jahre gründete er als selbsternannter Unternehmenskünstler unter dem Künstlernamen „maximin“ den maksverlag. Ein Unternehmen, das „Bücher für käufliche Menschen produziert“, wie Max Dorner es in einem Interview mit dem BR 2008 formulierte. Denn „schöne Menschen sind käuflich, das ist unsere Annahme. Und deswegen machen wir für sie Bücher“. Und weil schöne Menschen gerne schöne Veranstaltungen besuchen, ist Max Dorner seit vielen Jahren immer wieder auch live auf der Bühne zu erleben: Zum Beispiel gemeinsam mit Susanne Plassmann in ihrem gemeinsamen Comedy-Programm „Suzie Diamonds & Käpt’n Wheelchair – Voll in love“ und in der inklusiven Open Stage „Mit alles“, die am 07. März 2020 zum nächsten Mal im TamS Theater stattfindet.

Maximilian Dorner und Susanne Plassmann mit ihrem Comedy-Programm „Suzie Diamonds & Käpt’n Wheelchair – Voll in love“ über Liebe und andere Behinderungen © Kleines Theater Haar

Als wäre sein Leben durch seine vielen künstlerischen Aktivitäten nicht schon genug ausgefüllt, hat Maximilian Dorner nun auch noch beschlossen, sich auf eine ganz andere Bühne zu begeben: Am 15. März 2020 kandidiert er bei der Kommunalwahl als Stadtrat für die Grünen. Er will „München aufrollen“ und etwas verändern für Menschen mit Behinderung in einer Stadt, in der gerade in Sachen Barrierefreiheit noch einiger Nachholbedarf ist. Max ist derzeit nicht nur auf fast jeder Veranstaltung, die sich mit Themen wie Inklusion, Stadtentwicklung und Kulturpolitik beschäftigt, unterwegs, sondern diskutiert auch noch bis Anfang März regelmäßig in seinem politisch-literarischen Format „München aufrollen. Der Salon. Max Dorner im Gespräch mit Gästen über Themen der Stadt“ mit hochkarätigen Gästen über wichtige Themen wie die Frage, wie man die Medizin wieder stärker humanisieren kann. Seit einiger Zeit hat er auch einen eigenen, sehr spannenden Podcast, für den er unter anderem mit der Trikont-Verlegerin Eva Mair-Holmes über Rebellion gesprochen hat.

Und Max fotografiert leidenschaftlich gerne. Am liebsten hält er in seinen Bildern die Absurditäten des Alltags wie die unermessliche Anzahl an kaputten Liften in den U- und S-Bahnhöfen Münchens fest.

In den Gemeinschaftsräumen in der Metzstraße 31, in denen Max Dorners literarisch-politischer Salon am 04. März zum letzten Mal vor der Kommunalwahl am 15. März stattfindet, traf ich Max im Februar 2020 zum Interview.

Gab es für dich ein bestimmtes Schlüsselerlebnis, das dich dazu motiviert hat, dein Engagement für Menschen mit Behinderung auf den politischen Bereich zu erweitern?

Die Begegnung mit Verena Bentele. Sie sagte zu mir: „Max, es bringt wenig, wenn du nur Bücher schreibst. Geh in die Politik, wenn du wirklich etwas für Menschen mit Behinderung bewirken willst“. Als Oswald Utz, der Münchner Behindertenbeauftrage, schließlich nicht noch einmal für den Münchner Stadtrat kandidieren wollte, war das ein Grund mehr für mich, für die GRÜNEN aktiv zu werden.

Hättest du bei der vom Verband der Münchner Kulturveranstalter und des Berufsverbands Bildender Künstler Diskussion über Kunst und Kultur in München am 03.02. im UTOPIA anders reagiert, wenn du selbst auf dem Podium gesessen hättest?

Ja, denn ich scheue mich nicht davor, unbequeme Wahrheiten offen auszusprechen. „Kultur ist schön“ reicht den meisten Künstlern und Kulturschaffenden als Aussage nicht, wenn sie ihre eigene Lebensrealität betrachten.

Was ich immer schwierig finde – so auch bei der Diskussion der drei Münchner Oberbürgermeister-Kandidaten – ist die ständige Trennung zwischen Hochkultur und freier Szene.

Absolut! Warum soll man nicht über die Renovierung des Gasteigs reden dürfen? Schließlich handelt es sich hier um das größte Kulturprojekt dieser Stadt. Natürlich muss man darüber sprechen, wer die Hoheit über die Vermietung der Säle hat und wie diese künftig bespielt werden sollen. Das Projekt Renovierung jedoch grundsätzlich in Frage zu stellen, halte ich für falsch.

Bei allem Verständnis für die prekäre Situation der freien Künstler in München müssen diese glaube ich lernen, dass die Politiker nicht einfach einen großen Geldtopf über ihnen ausschütten können.

© privat

Das zum einen. Zum anderen müssen vor allem die freien Künstler lernen, dass reine Anklage nicht zum Ziel führt.

Die oft sehr aggressive Rhetorik von Künstlern und Kulturschaffenden erschreckt mich. Ich halte es für gefährlich, sich eines bestimmten Sprachjargons zu bedienen und gleichzeitig darauf zu beharren, dass man für die gute Sache kämpft.

Die Politik kann und sollte in so einem Fall zu einem Moderator werden, der die Vertreter der sogenannten Hochkultur und der freien Szene miteinander ins Gespräch bringt.

Sind die GRÜNEN für dich ein Vorreiter, was die Förderung von Kunst und Kultur in München angeht?

Sie sind in erster Linie eine Partei, die sich für Diversität und die Umsetzung der Inklusionsziele einsetzt. Themen, die mir sehr wichtig sind. Ich spüre eine große Neugierde und Aufbruchsstimmung in dieser Partei, die sich vor allem auf die Förderung der Sub- und Popkultur in dieser Stadt auswirkt.

Du selbst hast einen starken Hochkultur-Background.

Ja, durch mein Studium an der Theaterakademie August Everding und dadurch, dass ich immer im Bereich der Hochkultur gearbeitet habe, kenne ich mich in diesem Bereich tatsächlich am besten aus. Durch meine Erfahrung kann ich sicherlich ein Stück dazu beitragen, dass der Dialog mit den freien Künstlern noch weiter intensiviert wird.

Der Vorwurf eines Großteils dieser Kulturschaffenden geht vor allem dahin, dass sie den herrschenden Parteien jegliches Kunst- und Kulturverständnis absprechen.

Man kann beispielsweise gegen die CSU wettern, wie man will: Aber München ist ein renommierter Kulturstandort mit einer Vielzahl von spannenden, namhaften öffentlichen Kulturinstitutionen. Natürlich muss man darüber sprechen, wie Fördergelder künftig verteilt werden – und wie es gelingen kann, die freie Szene vielleicht stärker in die etablierten Häuser zu integrieren. Dazu muss man aber für Kulturinstitutionen wie das Residenztheater oder die Bayerische Staatsoper erst einmal die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen.

Für mich ist der Maßstab immer die Qualität eines jeweiligen Künstlers, eines Kunstwerks oder einer Inszenierung. Diversität und Inklusion sind großartige Schlagwörter: Doch es fehlt oft an einer Idee, was diese hehren Ziele letztendlich für die künstlerischen Produktionsprozesse am Haus bedeuten.

Ich arbeite seit 5 Jahren im Kulturreferat der Stadt München an der Öffnung des Kunst- und Kulturbetriebs gegenüber dem Thema Inklusion und weiß, wie schwierig die Umsetzung dieses Ziels jenseits der wenigen Leuchtturmprojekte ist.

Hattest du in den vergangenen Jahren öfter das Gefühl, eine Art „Vorzeigebehinderten“ in der Öffentlichkeit spielen zu müssen?

Das weniger. Ich hatte eher das Gefühl, dass das Thema Inklusion oft als abgehakt betrachtet wurde. „Strukturell“ ist so ein Adjektiv, das ich in diesem Zusammenhang immer wieder höre. Es geht aber um einen grundsätzlichen Umgang mit den Zielen der Inklusion.

Inwiefern hat sich in dieser Hinsicht bereits gesamtgesellschaftlich etwas bewegt in den vergangenen Jahren?

Von einer erfolgreichen Umsetzung der Inklusionsziele sind wir tatsächlich noch sehr weit entfernt. Man müsste beispielsweise die von einer Stadt wie München geförderten Institutionen dazu verpflichten, konkrete Ansätze für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention zu formulieren.

„Inklusion“: Ein Wort, das zunächst einmal hoffnungsvoll, modern und in die Zukunft gewandt klingt. Ist dieser Begriff in einer Welt, in der Leistung, Vollkommenheit und Perfektion das Maß aller Dinge für viele Menschen zu sein scheinen, am Ende nur ein euphemistischer Leitgedanke?

Viele Aktivisten – mich eingeschlossen – verspüren eine große Müdigkeit in Bezug auf diesen Begriff, weil er oft sinnentleert verwendet wurde. Mir gefällt das Wort „Solidarität“ wesentlich besser, weil es für mich die wichtige Augenhöhe zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten mit beinhaltet.

Wie kann man aus einer Gesellschaft, die zwar beständig Moral predigt, aber oft in den entscheidenden Momenten nicht moralisch handelt, eine solidarische Gesellschaft machen?

Indem man bei sich selbst anfängt. Wo beginnt meine Solidarität, wo endet sie? Wo erwarte ich mir Hilfe, wo ist sie mir zu viel?

Sprechen wir deiner Meinung nach derzeit zu viel über Inklusion oder zu wenig?

Wir sprechen sehr viel darüber und gleichzeitig gibt es viele Themen, die extrem Tabu-behaftet sind, wie die Situation von Behinderten im Alter. Die große Aufgabe der Politik sehe ich darin, einen Raum zu schaffen, in der man uns alle – egal ob behindert, oder nicht-behindert – befähigt, über wichtige Dinge zu diskutieren.

Wie bist du selbst mit dem Thema Behinderung umgegangen, bevor du 2006 die Diagnose Multiple Sklerose erhalten hast?

Es gab keinerlei Berührungspunkte zu behinderten Menschen. Weder in der Schule, noch in der Ausbildung oder im Berufsleben. Bis auf eine Ausnahme: Während meines Zivildienstes habe ich mit dementen Menschen zusammengearbeitet. Die Leichtigkeit, die ich damals im Umgang mit behinderten Menschen hatte, vermisse ich heute.

„Wenn man genau hinsieht, gibt es niemanden ohne“, schreibst du in einem deiner Bücher. Was war dein größtes Handicap vor der Erkrankung an Multipler Sklerose?

Rückblickend betrachtet war mein Blick auf die Welt extrem verengt. Natürlich habe ich viele Bücher gelesen und war viel unterwegs. Aber nun habe ich plötzlich mit Menschen zu tun, auf die ich früher nie gestoßen wäre. In diesem Punkt hat die eigene Behinderung mein Leben sehr bereichert.

Du hast dein erstes Buch ein Jahr nach Bekanntwerden deiner Multiple Sklerose-Erkrankung im Jahr 2007 veröffentlicht. „Die Zukunft ist unklar, die Vergangenheit wiegt schwer wie Blei“, heißt es im Klappentext zu „Der erste Sommer“, in dem es um einen heißen Sommer in München im Jahr nach der „Stunde Null“ geht. War die Diagnose Multiple Sklerose im Jahr 2006 deine persönliche „Stunde Null“?

Die Diagnose habe ich inmitten des Schreibprozesses zu Der erste Sommer erhalten. Ich glaube, es war kein Zufall, dass ich mir damals dieses Thema gesucht habe. München im Jahr 1945: Das bedeutete nicht nur Trümmer und Zerstörung, sondern auch ein großes Aufatmen und eine neue Lebenslust. Genauso waren meine ersten Jahre mit der Krankheit ein unglaubliches Abenteuer. Aber genauso wie auf den ersten kriegsfreien Sommer in München im Jahr 1945 der erste Winter folgte, habe auch ich nach einigen Jahren gemerkt, wie zermürbend die eigene Behinderung sein kann, wenn man tagtäglich mit ihr konfrontiert ist.

Hast du beim Verfassen deiner Texte immer einen bestimmten Leser im Kopf?

Im Gegenteil: Was bei den Lesern ankommt und was nicht, weiß ich mit den Jahren immer weniger. Als Autor kann ich nur zu einem Teil beeinflussen, welch eine Wirkung meine Texte letztendlich entfalten. Ein entscheidendes Aha-Erlebnis hatte ich, als ich mich für Björn Bickers URBAN PRAYERS-Format zum Thema „Ist Behinderung gerecht oder nicht?“ äußerte. Aber diese Zeilen haben damals bei vielen Lesern unglaublich viel ausgelöst.

Vielleicht ist es dieser unverkrampfte Umgang mit dem Thema Behinderung, den man anderswo oft vermisst.

Als Autor musste ich erst lernen, meine Texte nicht ständig zu überarbeiten. Der Lektor meines ersten Buches „Mein Dämon ist ein Stubenhocker“ meinte einmal zu mir: „Hör auf, alles immer glatt zu schleifen“. Er fand das Raue, sich-Widersprechende, „Unperfekte“ gerade das Charmante an meiner Art, zu schreiben.

Deine Bücher sind keine Sachbücher, sondern du erzählst darin Anekdoten aus deinem Leben. Gerade durch diesen persönlichen Zugang wird das abstrakte Thema Behinderung sehr greifbar. Das Schöne an deinen Büchern ist aber auch, dass du als Schriftsteller die Fähigkeit besitzt, viele Dinge poetischer auszudrücken, als dies ein Laie könnte.

Eine entscheidende Sache hat sich für mich wesentlich verändert, seit ich mit meiner Krankheit lebe: Ich schreibe nicht mehr nur für mich selbst.

Schreibst du derzeit neben deinem politischen Engagement und deiner Arbeit im Kulturreferat im Moment regelmäßig neue Texte?

Eigentlich wollte ich während meiner Wahlkampf-Zeit regelmäßig Tagebuch-Einträge auf meiner Website veröffentlichen. Aber die Tage fliegen nur so an mir vorbei. Das Wort „Wahlkampf“ mochte ich zunächst übrigens gar nicht – es fühlte sich an, als würde man sich wie ein wildes Tier in die Arena begeben… Aber je länger ich mich damit beschäftige, desto mehr merke ich, dass der Wahlkampf tatsächlich ein richtiger Kampf ist, den man vor allem mit sich selbst führt.

Es ist eine sehr fordernde, aber ungemein erfüllende Aufgabe, der du dich da gerade widmest.

Obwohl ich mich manchmal frage, ob ich mit meiner Botschaft überhaupt jemand erreiche.

Daran habe ich keinen Zweifel. Es gibt nicht viele Leute wie dich, die aus einer Betroffenenperspektive heraus argumentieren können und die Welt gleichzeitig durch ihren Background in so einer geschärften Art und Weise wahrnehmen. Darum finde ich es umso wichtiger, dass sich Schriftsteller wie du in der Politik engagieren.

Das freut mich sehr zu hören. Ich finde, wir Behinderten dürfen uns nicht damit zufriedengeben, Beiräte zu sein, sondern müssen endlich die Rolle der Räte einnehmen.

War das rebellische Gen in dir immer schon vorhanden?

 Ja, aber erst durch meine Behinderung kam ein Thema auf, für das ich mich unbedingt und mit voller Kraft engagieren wollte. In früheren Jahren hätten Eitelkeit und Machtstreben sicherlich eine größere Rolle in Bezug auf meine politische Tätigkeit gespielt.

 Wie schwer ist es für einen derart aktiven Autor und Aktivisten wie dich, die Rebellen-Rolle immer wieder abzulegen und Hilfe anzunehmen?

 In vielen Bereichen gelingt mir das mittlerweile sehr gut. In anderen Bereichen mute ich mir oft zu viel zu.

Kein Wunder, denn selbst gesunden Menschen fällt es in unserer Leistungsgesellschaft schwer, sich Schwächen einzugestehen. Ich würde mir von einer solidarischen Gesellschaft wünschen, dass sich Menschen gegenseitig so viel Aufmerksamkeit schenken, dass das Gegenüber von selbst aktiv wird, wenn es vonnöten ist.

Auch in diesem Punkt kann man nur bei sich selbst anfangen und als gutes Beispiel vorangehen. Wenn einem bewusst ist, wo man tatsächlich Hilfe braucht, kann man sie leichter einfordern. Obwohl „fordern“ schon fast wieder nach einem Wort klingt, das in der Veranstaltung mit den drei Oberbürgermeister-Kandidaten im UTOPIA Anfang Februar ein bisschen zu oft gefallen ist…

Im Zusammenhang mit Behinderung und Inklusion finde ich dieses Wort aber sehr angebracht. Wenn man Unterstützung braucht, darf und soll man auf sich aufmerksam machen.

Definitiv. Was ich mir aber wünsche, ist, dass man manchmal einen Schritt zurücktritt und sein eigenes Handeln hinterfragt. Die eigenen Nöte und Sorgen zu artikulieren ist richtig und wichtig. Aber es gibt auch viele andere Menschen, die unter noch wesentlich schwierigeren Umständen leben müssen als man selbst.

Welche Fähigkeit wünscht du dir als hoffentlich baldiger Stadtrat beibehalten zu können?

Sich in dieser schnelllebigen Welt die Zeit zu nehmen, zuzuhören, sich ausgiebig Gedanken zu einem Thema zu machen und diese ausformulieren zu können.

 

Lieber Max: Wenn ich derzeit deinen Terminkalender ansehe, wird mir schwindelig 🙂 Ich finde es sehr richtig und wichtig, dass ein Autor und Aktivist wie du sich dazu entschließt, politisch Verantwortung zu übernehmen. Denn nur wer in seiner eigenen Welt etwas verändert, kann auch die Gesellschaft ein Stück gerechter machen. Ich danke dir ganz herzlich für dieses sehr interessante Gespräch und ich wünsche dir alles Gute für die Kommunalwahl am 15. März!


Mehr Infos über Max Dorner: 

http://www.maxdorner.de/

Grüne stellen Stadtratsliste auf

Instagram @maxdornermuc

Twitter @maxdorner

Max hat übrigens in der letzten Zeit noch viele andere tolle Interviews geführt – wie dieses hier auf dem YouTube-Channel DAS GRETCHEN der Journalistin Sylvia-Sophie Schindler:

Von Die Kulturflüsterin

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