Eine Liebeserklärung an ein Ausnahme-Streichquartett

Es war einmal ein schwül-heißer Nachmittag in Regensburg 2006, an dem ich das radio.string.quartet.vienna zum ersten Mal live erlebte…

Ein kleiner, intimer Kellerraum, schummriges Licht, konzentriertes Zuhören – in solch einer Umgebung hat der Jazzfreund die Möglichkeit, sich voll und ganz dem Klang der Musik hinzugeben. 30° Grad Mittagshitze, ein halbleerer Thon-Dittmer-Hof und ein verbleibendes Publikum, das sich seine Brotzeit inmitten dieses Klangfeuerwerks aus nuancenreichen Streicherklängen schmecken ließ: In dieser sehr speziellen Atmosphäre erlebte ich das radio.string.quartet.vienna 2006 im Rahmen des Jazzweekends Regensburg zum ersten Mal auf der Bühne.

Der Violinist Bernie Mallinger (links) und sein Kollege Johannes Dickbauer 2006 im Thon-Dittmer-Hof in Regensburg

Ich bin nach Regensburg gefahren, weil ich ein Jahr zuvor den Kopf des radio.string.quartets – Bernie Mallinger – nach einem Konzert im Passauer Café Museum kennengelernt hatte. Ob ich Lust hätte auf ein Blues-Konzert, hatte mich Anfang 2005 eine Freundin, die Musik- und Theaterkritiken für die Passauer Neue Presse verfasst, gefragt. Bereits nach wenigen Klängen an diesem Konzertabend war ich fasziniert von der ungewöhnlichen Mischung aus Gesang, Violin- und Akkordeonklängen. Wie gut, dass meine Freundin Ute Interviews mit dem Sänger Sir Oliver Mally, dem Geiger Bernie Mallinger und dem Akkordeonspieler Klaus Paier für ihre Berichterstattung benötigte – so kam ich mit Bernie ins Gespräch und erfuhr von seinen diversen anderen Projekten wie dem 2004 gegründeten radio.string.quartet.vienna.

Ein rein mit Streichinstrumenten besetztes Jazzquartett? Ich hatte Jazzmusik bis diesem Zeitpunkt vor allem mit Bigband-Klangräuschen und melancholischen Gitarren-Solos in Verbindung gebracht. Nun saß ich also 2006 im Thon-Dittmer-Hof und erlebte den magischen Musik-Moment meines Lebens. Bernie Mallinger und Johannes Dickbauer an der Violine, Cynthia Liao an der Viola und Asja Valcic am Violoncello versetzten mich trotz der Gluthitze in eine tranceartige, einmalige Stimmung, in der ich mich bis heute befinde, wenn ich ein Konzert des radio.string.quartets besuche.

Diese grenzenlose Freude am Experiment mit verschiedenen Musikstilen wie  Jazz, Pop, Folk und elektronische Musik – das ist es, wofür ich das radio.string.quartet Quartett bis heute so sehr schätze. Seit dem Julitag im Jahre 2006 in Regensburg habe ich fast jedes Konzert der Musiker, das in meiner Nähe stattgefunden hat, besucht. Kein anderes Konzert, keine Theateraufführung und keine Kinovorführung hat mich so in seinen Bann gezogen wie die Live-Auftritte dieser vier Ausnahme-Musiker. Ich erinnere mich zum Beispiel an das Konzert im Birdland Jazz Club in Neuburg an der Donau, wo das Quartett 2088 ihr „Celebrating the Mahavishnu Orchestra“-Programm präsentierte, für das es zurecht 2006 beim Berliner Jazzfest gefeiert worden waren. Mit diesem Projekt hatten Bernie, Cynthia, Johannes und Asja dem Mahavishnu Orchestra, einem der bedeutendsten Jazzrock-/Fusion-Bands der 1970er Jahre, und ihrem Gründer John McLaughlin ein Denkmal gesetzt. 2008 durfte ich die vier dann zusammen mit dem Gitarristen Ulf Wakenius im Jazzclub Unterfahrt in München erleben, wo sie in ihrem Programm „Love is Real“ mit der mit der Musik des Esbjörn Svensson Trios e.s.t. auseinandersetzten.

An das Konzert mit der schwedischen Sängerin Rigmor Gustafsson im Jahre 2010 im Jazzclub Unterfahrt erinnere ich mich ebenfalls sehr gerne zurück. Natürlich haben die dort dargebotenen Popsongs wie Pauls Simons „Still crazy after all these years“ oder Stevie Wonders „If it’s magic“ auch im Original ihren Reiz. Aber in der Kombination mit den Streicherklängen des radio. string.quartets bekamen die Lieder plötzlich noch einmal eine ganz andere Tiefe.

Wenig später erzählte mir Bernie, dass Johannes Dickbauer das Quartett verlassen würde. Ich konnte mir niemand anderen, geschweige denn einen ebenbürtigen Ersatz für Johannes an der Violine vorstellen, bis das Quartett 2011 ihr Album „Radiodream“ in Fürstenfeldbruck präsentierte. Igmar Jenners facettenreiches, hochsensibles Spiel war so einzigartig, dass ich mich den halben Abend nur auf ihn konzentrierte. Ein visueller und akustischer Rausch sollte dieses Konzert werden, eine Reise in mein Unterbewusstes.

,,Wie könnte eine ganze Nacht klingen?“, so hat Bernie Mallinger den Ausgangspunkt des „Radiodream“-Projekts formuliert. Eine Nacht voller verborgener Empfindungen, Sehnsüchte, Fantasien und Alpträume. „Dream Caused By The Flight Of A Bee Around A Pomegranate A Second Before Awakening“ hieß mein Lieblingsstück des Abends – es erinnert mich an die schönen wie verstörenden Gedanken, die einen nachts im Schlaf heimsuchen, obwohl man sie während des Tages erfolgreich verdrängt hat.

Zum ersten Mal seit 2006 musste ich 2016 ein Konzert des radio.string.quartets in München ausfallen lassen – keine leichte Entscheidung für mich, weil diese Abende zu meinen absoluten Highlights im Jahresverlauf zählen. Ich bin neugierig auf das neue Programm – und vor allem auf die neue Cellistin Sophie Abraham, die 2016 als Ersatz für die großartige Asja Valcic in das Quartett aufgenommen wurde. Ich bin mir sicher, dass auch sie mich mit ihrem Spiel verzaubern wird.

 

Von links nach rechts: Bernie Mallinger, Cynthia Liao, Sophie Abraham und Igmar Jenner

 

 

Die Kulturflüsterin

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