Wunschtheater

© Nikolaus Habjan/ Schubert Theater Wien

Offene Briefe, Kündigungen und harte Worte: Die seit Monaten anhaltende Diskussion über verschiedene Theaterkonzepte, Spielweisen und Anforderungen an ein Theater von morgen fand Mitte März 2018 seinen Höhepunkt, als Matthias Lilienthal ankündigte, seinen Vertrag an den Münchner Kammerspielen über 2020 hinaus nicht verlängern zu wollen.

Ein Kommentar von mir zu der aktuellen Debatte und eine Reflexion darüber, was interessantes Theater für mich ausmacht…

Ich werde nie diesen einen Tag im August 2006 vergessen, als ich zum ersten Mal ein Stück der im Jahre 2000 verstorbenen, englischen Dramatikerin Sarah Kane an der Schaubühne Berlin gesehen habe. Kane hob meine heile, geordnete (Theater-)Welt mit ihrem Drama „Zerbombt“ buchstäblich aus den Angeln – ich war entsetzt und zugleich fasziniert von dem, was sich vor meinen Augen darbot. Nicht nur in diesem Stück fand Kane extreme, kaum auszuhaltende Bilder, um dem Zuschauer einen Einblick in den Seelenzustand ihrer Figuren, deren Beziehungen durch Abhängigkeit und Erniedrigung geprägt sind, zu gewähren. „Zerbombt“, „Geschändet“, „Phaidras Liebe“ und „Gier“ – vier von insgesamt fünf Sarah Kane-Stücken, die ich bisher auf verschiedenen Bühnen erleben durfte – sind aber keine Grusel-Performances und erst recht keine Kriegs-Reenactments: Sie zeichnen sich nicht nur formal, sondern auch sprachlich durch eine ungeheure Virtuosität aus und entwickeln einen Sog, dem man sich auch dann nicht entziehen kann, wenn man diese Art des Theaters als verwirrend und abstoßend empfindet.

Diese Momente der absoluten physischen wie psychischen Überwältigung spüre ich heute nur noch sehr selten, wenn ich im Theater sitze. Natürlich sehe ich auch heute immer wieder gute Inszenierungen, manchmal sogar sehr gute. Doch die inhaltlichen Schwerpunkte an den deutschsprachigen Häusern haben sich verschoben, seit ich im Jahre 2004 zu einer regelmäßigen Theater-Besucherin wurde.

Für mich ist und bleibt die Bühne der Ort, an dem die Kunst der Sprache zelebriert werden kann und darf. Viele Regisseure, die wie ich Anfang/ Mitte 30 sind, interessiert aber gerade das jedoch am allerwenigsten. Das Prinzip der Überwältigung ist ihre Maxime: Es darf gerne laut, schrill, grell und bunt werden in ihren Inszenierungen. Schließlich ist man radikal jung. Besonders glücklich schätzen dürfen sich diejenigen Regisseure, die ihren Stil bereits nach ein oder zwei Inszenierungen gefunden haben – als gehypte Youngster können sie ihr einmal entwickeltes Theaterkonzept auf so gut wie jedes Stück, das ihnen im deutschsprachigen Raum angeboten wird, anwenden. Ihre bereits etablierten, älteren Kollegen arbeiten oft mit sehr großem Erfolg nach demselben Prinzip: Theater ist nicht nur Kunst, sondern auch eine Ware, die sich verkaufen muss.

Zwei junge Virtuosinnen des Sprechtheaters: Stefanie Reinsperger (l.) und Sina Martens (r.) in der Inszenierung von Bertolt Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“ am Berliner Ensemble. Foto: Matthias Horn

Bei mir lösen viele Inszenierungen – egal ob von jüngeren oder älteren Regisseuren – heute häufig ein Gefühl der Gleichgültigkeit aus. Denn eine experimentelle und formal außergewöhnliche Herangehensweise an ein Thema oder einen Stoff muss noch lange nicht spannend sein. Ein Theater sollte aber andererseits auch kein elitärer Kulturtempel sein, an dem lediglich der schönen Sprechkunst gefrönt wird. Vielmehr begreife ich die Bühne als Denkort, an dem Diskussionen über aktuelle politische und soziale Entwicklungen auf eine sehr unmittelbare, direkte und im besten Sinne verspielte Art und Weise geführt werden können.

Ein Schauspieler, der jede Inszenierung zu einem besonderen Ereignis macht: Thomas Lettow, Ensemblemitglied am Münchner Residenztheater – hier zu sehen als Ödipus, König von Theben

Ich bin für Diversität am Theater, sowohl in Bezug auf die Inszenierungsarten an einem Haus, als auch die Zusammensetzung des Ensembles und die Wahl der Regisseure. Doch der Grund für das Engagement eines Schauspielers oder Regisseurs sollte nicht eine durch die Herkunft oder eine auffällige physische Präsenz bedingte Außergewöhnlichkeit eines Theaterschaffenden, sondern vor allem die Qualität seiner Arbeit sein.

In meinem Wunschtheater der Zukunft arbeiten vor allem Regisseure, die sich mit der Interpretation klassischer und zeitgenössischer Dramentexte beschäftigen und diese ernst nehmen.

Ich wünsche mir ein Theater, in dem etablierte Regisseure an namhaften Bühnen nicht einfach nur ihr Programm abspulen, sondern die Zuschauer immer wieder mit neuen, außergewöhnlichen Inszenierungen überraschen.

Ich wünsche mir eine Kulturlandschaft, in der Diskussionen über Intendanten-Neubesetzungen ohne Polemik, Hassparolen und die Kultivierung von Feindbildern geführt werden. Und in der es dem jeweiligen Intendanten eines Hauses gelingt, der kulturellen und sozialen Vielfalt einer Stadtgesellschaft ein Gesicht auf der Bühne zu geben.

Eines der größten Theatertalente, das ich derzeit auf deutschsprachigen Bühnen erleben darf: Nikolaus Habjan

 

P.S. Ja, ich wage es als Münchnerin, über die Institution Theater zu schreiben. Und das, obwohl ich manchmal den Eindruck habe, dass wir außerhalb der Grenzen Bayerns als theaterästhetisches Neandertal ohne Berliner Volksbühnen-Flair gelten. Wie gut, dass Frank Castorf immer wieder in der bayerischen Landeshauptstadt arbeitet und sein theatraler Glanz wenigstens von Zeit zu Zeit auf uns Hinterwälder abstrahlt…

 

Die Kulturflüsterin

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