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„Nach draußen muss man schauen frei“

Janus Torp in „Draußen vor der Tür“ © Christoph Hertel

Ein Jahr nach der live aus den Wohnungen seiner Darsteller*innen gestreamten Inszenierung „Wir sind noch einmal davongekommen“ mit Studentinnen und Studenten der Bayerischen Theaterakademie August Everding ist dem Regisseur Marcel Kohler mit dem Tonfilm „Draußen vor der Tür“ am Nationaltheater Weimar wieder ein Geniestreich gelungen. Ein paar Gedanken über sehr beeindruckendes filmisches Theaterexperiment.

„Warum, ach sag warum geht nur die Sonne fort? 
Warum, auch sag warum wird unsere Stadt so still?
Schlaf ein, mein Kind und träume sacht. 
Es kommt wohl von der dunklen Nacht“

 

Beckmann lebt. Äußerlich unversehrt wandert der 25-jährige auf der Suche nach sich selbst durch die Stadt Hamburg. Seine inneren Dämonen haben zu diesem Zeitpunkt längst die Kontrolle über den Körper und den Geist des jungen Kriegsheimkehrers übernommen.

Warum sehen ihn die Menschen um ihn herum so seltsam an? Kann er das, was er nach den Jahren der Abwesenheit hier vorfindet, noch als Heimat bezeichnen? Und warum will es ihm einfach nicht gelingen, das Verantwortungsgefühl für seine toten Kameraden an seine ehemaligen Vorgesetzten abzugeben?

 

1947 schrieb der 26-jährige Wolfgang Borchert, der im Sommer 1941 eine leidvolle Zeit in der Tannenbergkaserne in Weimar-Lützendorf verbrachte, im Jahr seines Todes ein Drama, das wie kaum ein anderes die Auswirkungen traumatischer Kriegserfahrungen auf die Seele eines Menschen spürbar macht. „Draußen vor der Tür“ ist die Geschichte des jungen Soldaten Beckmann, dem die Rückkehr in das zivile Leben nach drei Jahren in Kriegsgefangenschaft nicht gelingen will. Zu groß ist seine Wut über das Schweigen der Bevölkerung über die Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg, zu schwer wiegt die Last der Erinnerung an all diejenigen Gefolgsleute, deren Leben in den Schützengräben abrupt beendet wurde.

Im  Jahr von Wolfgang Borcherts 100. Geburtstag findet der junge Regisseur Marcel Kohler eine außergewöhnliche ästhetische Form, um den Inhalt des Nachkriegsdramas in die Jetztzeit zu transportieren: Er drehte einen 75-minütigen Film, der sich in vielerlei Art und Weise von dem abhebt, was man in den vergangenen Monaten im digitalen Raum zu sehen bekam.

Als „Tonfilm“ bezeichnet Marcel Kohlers 102 Jahre alter Großvater, der ehemalige Wehrmachtssoldat Gerhard Gläser, „Draußen vor der Tür“ in seinem Prolog des Films. „Es ist eine abgeschlossene Zeit, aber manchmal wird sie wieder sehr lebendig“: In Herrn Gläser glaubt man als Zuschauer*in den um mehrere Jahrzehnte gealterten Beckmann vor sich zu sehen. Vor dem idyllischen Panorama der Schwäbischen Alb, wo Gläser lebt, berichtet er unsentimental und dadurch umso eindrucksvoller von einem Leben mit der Erinnerung an die Kriegstoten als ständigem Wegbegleiter.

Als Gläser seine Erzählungen beendet hat, nimmt das filmische Theaterexperiment von Marcel Kohler seinen Lauf. In stark komprimierten Szenen hält der Regisseur dabei die Chronologie des Dramas von Wolfgang Borchert ein. Die große Stärke dieser Interpretation von „Draußen vor der Tür“ ist vor allem die Tatsache, dass der Regisseur gänzlich auf den Einsatz von Fremdtexten anderer Autor*innen verzichtet und sich stattdessen auf die Kraft von Borcherts Texten konzentriert.

Man beobachtet eine junge Frau, die in dem Regal des ehemaligen Wehrmachtssoldaten Gerhard Gläser das Buch „Draußen vor der Tür“ findet und es mit nach Weimar nimmt. Isabel Tetzners „Die Andere“ schafft als Stimme aus dem Hier und Jetzt eine Verbindung zwischen dem Vergangenen, der Gegenwart und der Zukunft. Wenn sie zu Beginn durch Weimar spaziert – vorbei an einer Döner-Bude und an den sanierten Fassaden, auf denen teilweise Hakenkreuze angebracht sind – macht sie dadurch die Risse sichtbar, die 76 Jahre nach dem Ende des Zweiten Kriegsende derzeit wieder durch unser Land gehen.

„Die Andere“ ist in Marcel Kohlers Interpretation von Borcherts Drama ein Sinnbild für die heutzutage oft schwierigen Versuche einer jungen Generation, sich einer Welt anzunähern, die sich nur aus Geschichtsbüchern kennt. Als die junge Frau das Stück zu lesen beginnt, taucht sie aus ihrer farbigen Welt ein in einen Bühnenkosmos voller Schwarz-Weiß-Kontraste.

Zwei kopflose Gestalten formieren sich auf der Bühne des Nationaltheaters Weimar wie zwei lebende Mahnmale hinter Beckmann und beobachten diesen stummen jungen Mann, der viel zu nah am Wasser steht. Marcel Kohlers Hauptdarsteller Janus Torp ist die große Entdeckung des Tonfilms von Marcel Kohler: Ihm gelingt es auf eine faszinierende Art und Weise, in „Draußen vor der Tür“ das Porträt eines vom Krieg traumatisierten jungen Mannes zu zeichnen. Sein Beckmann ist dabei nicht nur eine tragische Figur, sondern eine vielschichtiger Charakter, der immer versucht, sich seiner inneren Stärke bewusst zu werden.

© Candy Welz

 

Marcel Kohler und seinem Kameramann Christoph Hertel ist mit „Draußen vor der Tür“ ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk gelungen, durch das sich die Songs des Musikers Christoph Bernewitz wie ein roter Faden hindurchziehen. Der Klang der E-Gitarre ist der perfekte Sound für die Gedichte von Wolfang Borchert – ein Hauch von Melancholie, Trauer, Sehnsucht und Hoffnung liegt in der Luft, sobald Bernewitz eines seiner Lieder anstimmt.

Marcel Kohlers Ansatz für seine Interpretation von Borcherts Drama geht weit über das Ansinnen hinaus, einen Kunstfilm in minimalistischer Theaterdekoration wie einst Lars von Trier mit seinem Film „Dogville“ zu drehen. Denn Kohler bebildert Borcherts Texte nicht einfach, sondern findet einen ganz eigenen ästhetischen Zugang zum Inhalt eines Stücks, das in Zeiten weltweiter Krisen und den damit einhergehenden Kriegserfahrungen einheimischer Soldaten im Ausland nichts an Aktualität verloren hat.

„Es lebe der Zirkus. Der ganz große Zirkus“: Als Beckmann diese Worte auf der Bühne sagt, öffnet sich der schwarz-weiße Bühnenkosmos und damit Kohlers filmisches Kammerspiel mit expressionistischen Zügen in Richtung der Welt außerhalb der Bühne. Die Kamera wandert mit Janus Torps Beckmann durch die menschenleeren Gänge des Theaters, in die Wohnung der „Anderen“ und durch die Straßen Weimars. Doch auch die farbige Umgebung kann die dunklen Gedanken der Nacht nicht vertreiben: So verfolgen Beckmann die Geister von einst bis in die Gegenwart.

In einer der schönsten Szenen dieses besonderen Theaterfilms findet Kohler ein traurig-schönes Bild für die Einsamkeit und die gleichzeitige Sehnsucht seines Protagonisten nach Nähe und Geborgenheit: Nachdem Frau Kramer (Anna Windmüller) Beckmann aus der Elbe gerettet hat, liegen sie wenig später Rücken an Rücken in dem schmalen Bett in ihrer Wohnung, in dem sie bis vor einigen Jahren mit ihrem Mann schlief. Langsam bewegt sich die Kamera zur Musik von Christoph Bernewitz nach oben und legt sich wie eine schützende Hand über die Szenerie. „Nach draußen muss man schauen frei“, singt Bernewitz einmal in einem seiner Songs. Und fordert den Zuschauer dadurch leise dazu auf, sich seinen eigenen Ängsten und seiner Erinnerung zu stellen.


Der Tonfilm „Draußen vor der Tür“ von Marcel Kohler ist noch bis 22.04. auf der Website des Nationaltheaters Weimar zu sehen: 

https://www.nationaltheater-weimar.de/de/programm/stueck-detail.php?SID=2646

Mehr Informationen über den Regisseur Marcel Kohler, der derzeit als Schauspieler am Deutschen Theater Berlin engagiert und Teil der Künstlergemeinschaft Neues Künstlertheater ist: 

https://www.deutschestheater.de/ensemble/marcel_kohler/
https://www.neueskuenstlertheater.de/

 

 

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