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#Interview mit Marcel Heuperman

© Peter Kaaden

Ein Gespräch mit Marcel Heuperman über Talent, Selbstbewusstsein, die Liebe zum Theater und das Glück, zur richtigen Zeit auf die richtigen Leute im Leben zu treffen…

Kaum hat das Interview begonnen, bist du schon ganz in deinem Element.

Schauspieler ist man nicht nur 8 Stunden am Tag.

Aber gibt es an so einem durchschnittlichen Tag gar keine ganz privaten Momente im Leben eines Schauspielers?

Ich glaube, ich kann gar nicht mehr richtig unterscheiden, wer der private und wer der berufliche Marcel Heuperman ist. Das hat nichts mit Selbstvermarktung zu tun, sondern mit der Haltung gegenüber dem Beruf und sich selbst.

Ich treffe Marcel an einem Donnerstagabend im Juli 2018. Persönlich kennengelernt habe ich ihn vor gar nicht allzu langer Zeit durch ehrenamtliche Arbeit für die Freunde des Residenztheaters. Aufgefallen war mir das mit 23 Jahren jüngste Ensemblemitglied des Residenztheaters da schon längst in Inszenierungen wie Iwanow, In einem Jahr mit 13 Monden oder Don Juan unter der Regie von Frank Castorf. Die Begegnung mit dem langjährigen Intendanten der Berliner Volksbühne sollte prägend werden für Marcels noch junge, beachtliche Karriere: Frank Castorf engagierte ihn mit 13 Jahren für seine Produktion Emil und die Detektive. Am Residenztheater arbeitete er in den vergangenen Jahren immer wieder mit Marcel zusammen.

Wir laufen gerade durch Schwabing, während wir dieses Interview führen.

Ich finde das sehr angenehm, das habe ich vor einigen Jahren auch mit Christiane Lutz von der Süddeutschen Zeitung gemacht. Sie hat 2016 ein sehr schönes Porträt über mich geschrieben.

Das fand ich auch, ich habe es einige Stunden vor der Premiere von „Mensch Meier“ gelesen.

Wenn ich beobachte, wie hier in München Interviews geführt werden oder welche Künstler dafür überhaupt laut der meisten Journalisten in Frage kommen, dann finde ich die Entscheidungen oft wahnsinnig langweilig.

Ich muss eine Lanze für den Kulturjournalismus brechen: Man steht aufgrund der gesunkenen Auflagenzahlen unter einem unglaublichen Druck, den Nerv seiner Leser zu treffen. Im Zweifel druckt man lieber das 15. Interview mit einem bekannten Schauspieler ab, als einen Newcomer zu Wort kommen zu lassen.

Das kann ich nachvollziehen. Aber wenn keiner diesen Kreis durchbricht, wird sich nie etwas daran ändern. Bequemlichkeit führt meiner Meinung nach zu keiner Veränderung.

Es braucht vor allem einen Schau- oder Sensationswert in Bezug auf einen Schauspieler. Der ist bei dir definitiv gegeben – schließlich gibt es wenige Kollegen in deinem Alter, die bereits seit mehreren Jahren fest an einem der größten Staatstheater im deutschsprachigen Raum engagiert sind.

Es gibt genau einen: mich.

Mathilde Bundschuh war also 21 und nicht 20, als sie an das Residenztheater engagiert wurde?

Ja. Wo wir wieder beim eigenen Marktwert wären. Es gibt einfach niemanden im deutschsprachigen Raum, der in meinem Alter eine vergleichbare Vita hat.

Du wurdest mit 13 Jahren von Frank Castorf entdeckt. Hast du damals schon dasselbe Selbstvertrauen an den Tag gelegt hast, wie heute?

Nein, mit 13 bin ich vollkommen naiv in die „Emil und die Detektive“-Produktion hineingestolpert. Ich hatte keine Ahnung, wer Frank Castorf ist.

Irgendjemand muss dich aber dann dazu motiviert haben, bei seiner Inszenierung mitzuwirken?

Ich war auf einer Theaterschule in Berlin und dort hat mich eine Dramaturgin von Frank Castorf gesehen. Für mich gab es schon als Kind nie etwas anders, als den Schauspielerberuf. Ich habe immer gesungen und mich verkleidet – und ich hatte immer Freude an der Verstellung. Bis heute ist es ein großer Reiz für mich, den Leuten dort oben auf der Bühne etwas vorzuspielen – und das mit einer gewissen Modernität in Bezug auf meine Rollengestaltung tun zu können. Mein Ideal der Schauspielerei wäre, dass sowohl der Schauspieler selbst, als auch die Zuschauer total bewusst mit der Spiel-Situation in einem Theaterraum umgehen. Damit es für alle im Saal spannend bleibt, muss ein Restrisiko an jedem Abend bestehen, dass die Inszenierung in die eine oder andere Richtung kippt. Ich könnte zum Beispiel plötzlich dem Typen in der 4. Reihe sagen, dass er mal sein Handy ausschalten soll.

Was du aber nicht machen würdest, oder?

Doch, absolut. Als wir neulich Don Juan gespielt haben und ich mich inmitten eines langen Monologs befand, ist ein Zuschauer raus gegangen. Mein Text lautete in diesem Moment in etwa „Deswegen ist der Tabak für alle total super“ und ich habe ihm hinterher gerufen: „Na, für ihn zum Beispiel nicht. Tschüs“. Diese angebliche vierte Wand, von der aller immer reden, interessiert mich nicht. Ich habe Lust, Theater so zu machen, wie es mir als Zuschauer gefallen würde.

Aber gleichzeitig gibt es deine Spielpartner, mit denen du deine eigenen Vorstellungen in Einklang bringen musst – und einen Regisseur, der dir Grenzen setzt.

Das taktische Ziel muss es natürlich sein, diese Grenzen möglichst weit auszuloten.

Wie stelle ich mir das bei dir genau vor?

Das funktioniert über die Provokation. Das Residenztheater hatte mal als Motto auf einem Plakat stehen: „Konflikt ist Treibstoff“. Das trifft in meinem Fall total zu!

Ist das dein Lebensmotto?

Mein Spiel- und Lebensmotto. Das Mittel der Provokation ist seit der Kindheit mein Antrieb. Ich liebe es, Grenzen auszutesten und ertrage Harmonie nur sehr schwer.

Oh je…

Das klingt jetzt radikaler, als es tatsächlich ist. Vielleicht muss ich es anders formulieren: Ich finde es schwierig, mir bestimmte Denk- und Handlungsmuster vorschreiben zu lassen.

Aber du bist fest in ein Ensemble gegangen und unterwirfst dich dort freiwillig bestimmten Strukturen.

Ja, aber das bedeutet für mich noch nicht, dass ich bestimmten Mustern folge. Es kommt darauf an, wie man in diesem Theaterapparat seinen eigenen Weg findet.

Es bedarf also sehr guter Spiel- und Arbeitspartner um dich herum, damit du ein solches System nicht gleich wieder verlässt.

Ja, Talentlosigkeit halte ich nur sehr schwer aus.

Stell dir vor, jemand würde dich als talentfrei bezeichnen.

Wenn das seine Meinung ist, ok.

Würdest du Kollegen auch direkt ins Gesicht sagen, dass sie talentfrei sind?

Klar, da brauche ich nicht den Weg über Dritte zu gehen.

Eines ist Marcel definitiv nicht: Auf den Mund gefallen. Die Schauspielerei ist sein Leben, sein Weg zu diesem Beruf von außen betrachtet ziemlich außergewöhnlich. Für Marcel selbst ist es nicht der Rede wert, dass seine Mutter Krankenschwester ist und sein Vater als U-Bahn-Fahrer arbeitete. Das erfuhr ich durch Christiane Lutz‘ Artikel über Marcel für die Süddeutsche Zeitung 2016. In ihrem Text war auch zu lesen, dass sein Vater früh verstarb und seine Mutter Extraschichten einlegte, damit ihr Sohn seinem unbedingten Wunsch, Schauspieler zu werden, ein großes Stück näher kommen konnte. 

Noch einmal zurück zu Frank Castorf: Die „Don Juan“-Inszenierung, die Ende Juni am Residenztheater Premiere hatte, ist für seine Verhältnisse ziemlich kurz geraten mit „nur“ 4 ½ Stunden. Musst du dich auf diesen Theaterabend anders vorbereiten, als auf andere Abende am Residenztheater?

Klar, das ist jedes Mal wie ein Marathonlauf, der aber wahnsinnig Spaß macht! Die Verschwendung der eigenen Ressourcen und Energien ist ein Ideal für mich, das ich in Inszenierungen wie Don Juan einlösen kann. Es gehört dazu, dass ich nach so einem Theaterabend einfach nicht mehr kann.

Wie sehen deine Stunden vor einem Castorf-Abend aus?

Den ganzen Tag über mache ich sehr wenig, um ähnlich wie ein Extremsportler eine gewisse Konzentration aufzubauen.

Ich versuche immer noch herauszufinden, was Frank Castorf als Regisseur für Schauspieler so interessant macht – abseits der Möglichkeit der Komplett-Verausgabung auf der Bühne.

Er ist ein sehr intelligenter, kluger Mann, der sehr viel über Theater, Literatur und das Leben im Allgemeinen weiß. Es bedeutet für mich eine enorme Bereicherung, mit jemand wie ihm Zeit verbringen zu dürfen.

Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass du bereits mit 13 Jahren zum ersten Mal mit ihm zusammengearbeitet hast. Ein Alter, in dem man Regiegrößen wie Castorf noch unbedarft und ohne zu viel Ehrfurcht entgegen tritt.

Die Begegnung mit ihm war das beste, was mir passieren konnte. Wie er mit seinen Schauspielern probt, ist einfach in höchstem Maße ungewöhnlich und einzigartig. Schon damals war es mir übrigens extrem ernst mit meiner Berufswahl. Ich hatte im Gegensatz zu vielen anderen jungen Leuten nicht diesen naiven Gedanken im Kopf: „Oh, vielleicht werde ich mal Schauspieler und ganz berühmt“. Ich ging zum Ballett-Unterricht und schaute mir als Jugendlicher am liebsten Arthouse-Filme an. Dann begann ich damit, mir Aufzeichnungen der Inszenierungen von Christoph Schlingensief schenken zu lassen und das Schicksal um seine Krebskrankheit genau zu verfolgen.

Hast du ihn jemals kennengelernt?

Nein, leider nicht.

Obwohl es überhaupt nicht meine Art von Theater ist, beeindruckt mich „Kaprow City“, die einzige Inszenierung, die ich von ihm 2006 an der Volksbühne gesehen habe, bis heute sehr.

Seine Art, Theater zu machen, war mit 14 Jahren absolut mein Anker.

Deine Eltern haben keinen akademischen Background, unterstützten dich aber immer auf deinem für sie sicherlich ungewöhnlichen Weg.

Ja, das ist außergewöhnlich und dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Meine Mutter unterstützte mich blind in allem.

Bewundernswert, da kenne ich ganz andere Beispiele. Denkst du, dass du dein heutiges Selbstbewusstsein ohne den Rückhalt deiner Mutter hättest entwickeln können?

Natürlich wäre das schwieriger geworden. Ich muss sagen, dass ich meinen Werdegang gar nicht so besonders finde – aber natürlich kann ich verstehen, dass er für andere Leute ungewöhnlich ist. Meine Mutter hat mich und meinen Berufswunsch ernst genommen, weil ich immer wusste, wohin ich wollte. Mit 15 habe ich beispielsweise die Leitung der Theater-AG in meiner Schule übernommen. Eine ganze Inszenierung konnten wir allerdings nie auf der Bühne zeigen, da viele Schüler die AG vorzeitig verlassen haben.

Du warst also der Castorf des Berliner Schultheaters?

Ja, ich habe einfach versucht, das zu kopieren, was ich am professionellen Theater erlebt habe.

Damit konnte sich deine Umgebung aber nicht anfreunden?

Doch, einem harten Kern hat das durchaus imponiert – und die Mädchen waren alle in mich verliebt.

Dann hat es sich auf jeden Fall gelohnt, die anderen Schüler zu verschrecken. Man macht den Beruf ja schließlich nicht, um NICHT aufzufallen und gesehen zu werden.

Man macht ihn NUR, um gesehen zu werden!

Wirklich? Es könnte einem ja auch darum gehen, bestimmte Rollen zu spielen oder sich mit bestimmten Inhalten zu beschäftigen.

Klar, darum geht es auch.

Es ist aber vor allem die eigene Eitelkeit, die einen antreibt.

Das wiederum ist zu platt formuliert. Ich möchte mich gesehen und erkannt fühlen durch das, was ich auf der Bühne leiste. Es mag egoistisch klingen, dass ich mich gut finde und dass ich weiß, was ich kann. Aber genau das möchte ich mit anderen Leuten teilen.

Nach seinem Einstieg an der Berliner Volksbühne mit 13 Jahren folgten weitere Theaterengagements für Marcel Heuperman am Deutschen Theater Berlin und der Volksbühne. Unter anderem war er in Nurkan Erpulats Inszenierung CLASH, die 2011 eine Einladung zum Theatertreffen der Jugend erhielt, und in Vegard Vinges Interpretation von John Gabriel Borkman, die 2012 im Rahmen des Berliner Theatertreffens präsentiert wurde, zu sehen. Sein Regiedebüt feierte Marcel Heuperman 2011 im Alter von 16 Jahren mit der Inszenierung Frau Hegnauer kommt, in der er sich dem Thema Sterbehilfe näherte. Von 2012 bis 2015 studierte Marcel Heuperman Schauspiel an der Universität Mozarteum Salzburg und war währenddessen in namhaften Kino- und Fernsehproduktionen zu erleben. Unter anderem übernahm eine Hauptrolle in Andreas Dresens Film Als wir träumten, der seine Weltpremiere im Wettbewerb der 65. Berlinale 2015 feierte. Im selben Jahr sah man ihn in Christian Schwochows Fernsehfilm Die Täter – Heute ist nicht alle Tage. Seit der Spielzeit 2015/2016 gehört Marcel Heuperman zum festen Ensemble des Münchner Residenztheaters und war neben seinem Engagement 2017 auch einen Sommer in der Inszenierung „Der Anschlag“ auf der Bühne der Bad Hersfelder Festspiele zu erleben. 

Wenn wir schon beim Thema eigene Eitelkeit sind: Was unterscheidet dich von deinen Schauspielkollegen ähnlichen Alters?

Ich kann im Gegensatz zu ihnen die meiste Erfahrung vorweisen. Als ich in der Pubertät mitbekommen habe, wer mich da eigentlich fürs Theater entdeckt hat, war ich sehr stolz. Diese Souveränität besitzen viele Schauspieler meines Alters sicherlich nicht. Für mich gibt es absolut keine Hemmschwellen in Bezug auf den Beruf. Ich bin von Grund auf sehr frech, fordernd und direkt – und muss damit leben, dass mich einige dafür lieben und andere dafür hassen.

Ich glaube nicht, dass dich so viele Menschen hassen.

Kann sein.

An deinem Selbstbewusstsein kann also nichts und niemand rütteln.

Du darfst das nicht falsch verstehen. Ich behaupte nicht, dass ich ein total geiler Typ bin und alles am besten kann. Ich liebe einfach Widersprüche in der Arbeit. Mir gefällt es zum Beispiel, zu behaupten, ich sei der beste Schauspieler – junge Schauspieler – am Residenztheater. Und gleichzeitig liebe ich es, immer wieder in meinem Beruf zu scheitern. Das ist mein Leitmotiv.

Ausgerechnet du willst mir sagen, dass du schon einmal gescheitert bist?

Auf der Probe, na klar. Wenn man Grenzen auslotet und provokant sein möchte, dann kann es passieren, dass man immer wieder eine Bauchlandung hinlegt.

Kannst du dich zurücknehmen, wenn dich ein Regisseur in die Schranken weist?

Natürlich! Aber ich halte es nicht aus, nicht wenigstens einen Versuch gestartet zu und bestimmte Dinge angesprochen habe. Wenn es künstlerische Einwände meinerseits gibt, sind diese sehr aufrichtig gemeint und dienen dem Wohl der Sache. Ich setze mich vor und während einer Probenphase oder eines Drehs einfach extrem mit einer Produktion und ihren Inhalten auseinander. Da finde ich es nur berechtigt, wenn ich mich frage, ob wir uns mit dem, was wir gerade machen, nicht selbst in die Tasche lügen.

Aber wie andere Schauspieler hast auch du vermutlich nicht dein Einfluss darauf, nur in Produktionen mitspielen zu können, hinter denen du am Ende voll und ganz stehst.

Das stimmt. Man weiß es nie vorher. Aber meine Arbeitsweise führt dazu, dass ich meistens sehr nahe herankomme an das Ziel, dass es sich für mich gut anfühlt.

Das, was um dich herum passiert, kannst du also ausblenden, sobald du die Bühne betrittst?

Ja, weil ich mich im Probenprozess nicht selbst zensiert habe. Jeder Schauspieler hat eine andere Herangehensweise an seine Arbeit: Ich zum Beispiel muss zur Vorbereitung auf eine Inszenierung nicht tagelang zu Hause im Kostüm meiner Rolle herumlaufen.

Du gräbst dich aber letztendlich genauso in deine Rollenvorbereitung hinein wie manch andere Kollegen?

Das klingt so negativ. Wenn die Probe um 22 Uhr aus ist, muss ich meine Rolle nicht erst abstreifen, sondern kann sofort abschalten. Das ist das Wichtigste.

Was muss auf der Bühne gegeben sein, damit du dein volles Potential ausschöpfen kannst?

Ich muss einfach gut und locker drauf sein, dann kann ich mich bei der Vorstellung voll und ganz öffnen. Ich versuche an jedem Abend, durch mein Spiel mein Herz zu zeigen. Der Kontakt zum Publikum ist mir allgemein sehr wichtig – ich habe schlechte Laune, wenn eine Vorstellung nicht ausverkauft ist und ich zu wenig Applaus bekomme.

Marcel ist weit mehr als ein Bühnenberserker und ein wilder Provokateur. Ich habe ihn am Residenztheater als einen äußerst reflektierten jungen Mann kennengelernt, der es um sehr um Inhalte geht und der seine eigene Einstellung zu dem Beruf des Schauspielers immer wieder hinterfragt. Es sind vor allem Marcels Sensibilität und seine Verletzlichkeit, die sein Spiel in jeder Inszenierung zu einem sehr emotionalen Erlebnis machen. 

Und was ist, wenn die eigene Lockerheit mal fehlt, weil es nicht kontrollierbare, äußere Einflüsse auf das eigene Spiel wie private Schicksalsschläge gibt?

Dann kann man die Lockerheit auf keinen Fall erzwingen. Die Bühne ist aber so sehr mein Leben, dass sie mich vieles andere vergessen lässt.

Spürst du eine negative Grundstimmung im Theatersaal, wenn du auf der Bühne stehst?

Sicher – aber da kommt meine provokante Seite wieder zum Vorschein. Ich bin der Inbegriff einer Rampensau. Dazu gehört auch, dass ich es liebe, auf der Bühne nackt zu sein. Mich interessiert es, wie die Zuschauer in der geschützten, nicht realen Theateratmosphäre auf diesen Moment der gespielten Authentizität reagieren. Nichts symbolisiert für mich den Einbruch der Realität ins Theater besser, als die eigene Nacktheit. Meinen eigenen Körper kann ich nicht spielen – und das Publikum wird dazu gezwungen, sich für eine gewisse Zeit mit ihm zu beschäftigen.

Du bist also der Lars Eidinger der 2010er-Jahre!

Ich bin der Marcel Heuperman der 2018er Jahre! Am liebsten wäre mir, wenn sich das gesamte Publikum einmal gemeinsam mit mir ausziehen würde. Theater hat für mich sehr viel mit Sexualität zu tun. In keinem anderen Beruf liefert man sich und seinen Körper anderen Menschen so sehr aus.

Ich habe im Internet ein Interview mit dir auf deinem Demoband gesehen. Darin sprichst du von einer Unternehmensberaterin, die letztens in einem Interview auf die Frage, ob sie in München leben würdet, antwortete: „Ich arbeite hier nur“. Dein Kommentar: „Das werde ich in Zukunft auch sagen“. München fühlt sich also nicht an wie dein Zuhause?

Ich habe München wirklich schon viele Chancen gegeben und mir gefällt die Stadt durchaus. Aber ich halte es hier nicht dauerhaft aus und muss immer wieder aus München fliehen. Ich liebe es, unterwegs zu sein.

„Weg“ heißt nach Berlin?

Unter anderem, meine Mutter, die mir sehr wichtig ist, lebt ja dort. Aber generell bedeutet weg für mich überall dorthin, wo meine Freunde sind. Ich finde hier in München keine innere Ruhe.

Ist dir alles zu gesettelt?

Die Stadt pulsiert zu wenig, sie hat irgendwie kein Eigenleben.

In welcher anderen Großstadt spürst du diesen Puls?

In Wien – eine gute Mischung aus München und Berlin. Es gibt dort eine große Subkultur, die du hier in München nicht findest. Und man hat diese Nähe zum Balkan, die ich toll finde. In München finde ich gefühlt entweder nur „Mia san mia“-Bayern oder Menschen, die unglaublich viel Geld verdienen möchten.

Oder Künstler.

Eine sehr kleine Mittelschicht gibt es auch noch. Oder ein paar linksgerichtete lebende Lehrer, die in Altschwabing leben. Das ist mir einfach zu wenig für eine Großstadt. Für mich gibt es hier nichts mehr, was ich noch entdecken könnte.

Vielleicht kommst du ja in 10 Jahren wieder hierher. Als linksgerichteter, gesettelter Schauspieler.

In mir steckt tatsächlich ein totaler Spießer, wenn es um mein Privatleben geht. Da wäre ich manchmal gerne so cool, wie auf der Bühne. Aber nur durch diese Spießigkeit kann ich mir den Kontrollverlust in meinem Beruf leisten. Sehr langweilig wäre es auf jeden Fall, auf eine spießige Art und Weise Theater zu machen.

Das private Selbstbewusstsein ist also nicht ganz so stark ausgeprägt wie das künstlerische?

Doch. Aber privat habe ich eine viel größere Sehnsucht nach einer gewissen Ruhe und Einfachheit. Ich unterstelle vielen Kollegen, dass ihre Hipster-Selbstinszenierung im Privaten lediglich ein Ausdruck ihrer Unsicherheit ist. Man muss von innen heraus ein besonderer Mensch sein – nicht, weil man ein bestimmtes Kleidungsstück trägt oder sich in der Öffentlichkeit auf eine bestimmte Art und Weise verhält. Wo wir wieder bei Frank Castorf wären: Er lässt sich von solchen Äußerlichkeiten eben nicht blenden, sondern durchschaut die Leute schnell.

Naja, mit der Selbstinszenierung ist es bei ihm aber auch nicht weit her…

Die Presse provoziert das, was sie von ihm sehen will, aber auch schon sehr.

In Zeiten zunehmender Selbstvermarktung nehmen nicht nur Regisseure, sondern auch die Theaterbetriebe selbst meiner Meinung nach durchaus eine kritische Rolle ein. 

Es gibt eine gewisse Verlogenheit in unserer Branche, der ich mit absoluter Direktheit begegne. Ich finde es aber andererseits wichtig, dass sich Theaterschaffende die Frage stellen, wie sie mit ihrer Arbeit auf aktuelle politische Entwicklungen reagieren können. Der Regisseur Oliver Frljić, den ich neben Frank Castorf und Martin Kušej sehr schätze, hat am Maxim Gorki Theater eine Arbeit mit dem Titel Gorki. Alternative für Deutschland gemacht. Es ging darum, dass an diesem Theater nur noch Ausländer engagiert sind, die aber eigentlich gar nichts können. Ganz provokant wurde die Frage in den Raum geworfen, ob eine Stadt, die der AfD genauso viel Geld gibt, wie dem Gorki Theater, dieses Theater nicht gleich schließen müsste. Selbstironisch und ziemlich klug hat Frljić hier viele Fragen, die unsere Branche gerade umtreiben, zur Disposition gestellt. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass die Inszenierung das Publikum nicht halb so umgetrieben hat, wie mich.

Die Sinnkrise eines Schauspielers ist also heutzutage vorprogrammiert?

Während der Proben zu Mauser am Residenztheater haben wir uns die Frage gestellt, ob eine echte Revolution heute überhaupt noch möglich wäre. Würden wir in der Maximilianstrasse alle Schaufensterscheiben einwerfen, hätte das höchstens eine Anzeige zur Folge, mehr nicht. Allgemein kann man sagen: Wenn Kunst nur noch ein Bürojob ist, dann wird’s langweilig.

Muss das Theater überhaupt ein politischer Ort sein?

Definitiv. Aber es muss in erster Linie um Qualität gehen. Es ist nicht zwingend notwendig, dass ein syrischer Schauspieler in „Kabale und Liebe“ besetzt wird, um den Zuschauer von der Relevanz des Stückes zu überzeugen oder um eine Inszenierung noch politischer erscheinen zu lassen. Gute Stücke bleiben gut – egal, wie alt oder neu sie sind.

Inwiefern glaubst du, dass es sich lohnt, sich für die eigene Karriere zu verstellen?

Es lohnt sich überhaupt nicht, weil es dich nur unglücklich macht. Ich probiere mit allen Mitteln, mir treu zu bleiben.

Du bist in der glücklichen Situation, an einem der größten deutschsprachigen Sprechtheater engagiert zu sein und regelmäßig zu drehen. Andere Kollegen, die sehr stark an sich selbst zweifeln, fangen mit jeder Absage noch stärker an, sich in Frage zu stellen.

Es ist nicht so, dass ich überhaupt keine Zweifel an mir selbst hätte. Niemand ist perfekt und erst recht niemand ist ein Genie. Aber es ist die Frage, wie man mit seinen Zweifeln umgeht. Und ich kann jedem nur raten, manchmal etwas dreist zu sein, wenn man etwas wirklich will. Ich zum Beispiel habe Andreas Dresen eine lange Mail geschrieben, um mit ihm zu arbeiten.

Das klingt fast wie im Märchen…

Ein Ausschnitt aus dem Roman Als wir träumten von Clemens Meyer war meine erste Szenenarbeit an der Schauspielschule. In meinen Semesterferien im Sommer schlug ich die Zeitung auf und sah, dass Andi diesen Roman tatsächlich verfilmen wollte. Also habe ich im Zug auf dem Weg nach Italien eine ziemlich lange Mail an die Standardadresse von Rommel Film geschickt. Ich habe eine ganze Zeit nichts gehört – dann kam plötzlich eine Antwort meiner jetzigen Agentin. Sie ist auch Casterin und war für die Besetzung von Als wir träumten zuständig. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass die Freundin von Peter Rommel an jenem Tag vertretungsweise im Büro von Rommel Film arbeitete. Sie hat den 6-seitigen Text tatsächlich gelesen und ihn Peter vorgelegt.

Man braucht auch ein wenig Glück in diesem Beruf.

Klar: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, ist nicht verkehrt.

Und ab einem gewissen Punkt in der Karriere stellt man seine hohen Ideale bestimmt hinten an.

Nein, überhaupt nicht. Mich interessiert mein Beruf, der meine Berufung ist, viel zu sehr. Entweder ich mache ihn richtig und habe Erfolg damit – oder ich lasse es bleiben. Natürlich habe ich den roten Teppich bei der Weltpremiere von „Als wir träumten“ auf der Berlinale sehr genossen. Die ganze Zeit war ein absoluter Ausnahmezustand. Aber dann ist es auch wieder gut und ich widme mich meinen nächsten Projekten, die vor allem auf der Bühne stattfinden.

Als Marcel Heuperman an diesem Montagabend im Juli auseinandergehen, befinden sich knapp 3 Stunden Gesprächsmaterial mit einem Schauspieler, der mir gleich in seiner ersten Rolle in Die Netzwelt 2015 am Residenztheater sehr positiv aufgefallen ist, auf meinem Aufnahmegerät. Lieber Marcel, ich danke dir für das sehr interessante, ehrliche Interview und bin gespannt, wohin dich deine Reise als Schauspieler noch führen wird!


Mehr Infos über Marcel Heuperman:

https://www.residenztheater.de/person/marcel-heuperman

https://www.rietz-management.de/index.php?id=733

https://www.instagram.com/marcelheuperman/

Die Kulturflüsterin

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