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Eine Begegnung mit der Fotografin Cordula Treml

Bibiana Beglau © Cordula Treml

Für ihr Langzeitprojekt „Vor dem Auftritt“ hat Cordula Treml namhafte Schauspieler an deutschsprachigen Theatern in der Maske und ihren Garderoben porträtiert…

Der Bildband „Vor dem Auftritt“

Auf die Fotos von Cordula Treml stieß ich zum ersten Mal im Jahr 2015, als das Residenztheater einen Blog-Eintrag zu ihrem Projekt „Vor dem Auftritt“ veröffentlichte. Es waren renommierte Schauspieler wie Bibiana Beglau, Sebastian Blomberg, Sophie von Kessel, Juliane Köhler oder Andrea Wenzl, die sich damals kurz vor ihrem Auftritt in der Maske und in ihrer Garderobe von Cordula Treml und ihrer Kamera begleiten ließen.

„Angefangen mit dem Projekt „Vor dem Auftritt“ habe ich in Frankreich. In Paris und Marseille kannte ich viele der von mir porträtierten Schauspieler persönlich. Ich habe mir dann aber überlegt, auch einmal auf Darsteller zuzugehen, deren Arbeit ich sehr schätze, aber zu denen ich bis dato keine private Verbindung über mich selbst oder über Dritte hatte. Stefanie Reinsperger zum Beispiel schrieb ich einen Brief. Fotografiert habe ich sie anschließend in Wien und bei den Salzburger Festspielen.“

Stefanie Reinsperger 2017 © Cordula Treml

„Die Maske ist für mich der Ort, an dem ich zum Diener meiner Figur werde. Ich fange ganz und gar an hineinzuschlüpfen in den Text, das Geschehen, diese Person, die ich für diese kostenbaren Stunden sein darf“, sagt Stefanie Reinsperger in dem Bildband „Vor dem Auftritt. Schauspieler in der Maske“ von Cordula Treml, der in diesem Jahr erschienen ist.

Es ist der intimste Raum überhaupt, zu dem viele Schauspieler der Fotografin in den vergangenen Jahren Zugang gewährt haben. Ihre Ausbildung als Fotografin erhielt Cordula Treml an der Ecole de l’Image des Gobelins in Paris und arbeitet seither vor allem als Bühnen- und Porträt-Fotografin in Frankreich und Deutschland, aber regelmäßig auch in anderen europäischen Ländern, wie zum Beispiel in Österreich, England oder Irland. „Während meines Studiums war mir schnell klar, dass ich irgendwas in Richtung Porträtfotografie machen möchte. Idealerweise am Theater, weil meine Theaterleidenschaft immer schon sehr groß war“. Seit rund 10 Jahren arbeitet die Fotografin an ihrem Langzeitprojekt, 2009 fanden die erste Ausstellung ihrer Bilder im Lucarne des Ecrivains in Paris statt.

„2016 hatte ich am Wiener Burgtheater nur sehr wenig Zeit mit Nicolas Ofczarek. Er hat mir danach gesagt, wie beeindruckend er mein Foto findet, weil er etwas darin sieht, in dem er sich wiederkennt. So ein Kompliment freut einen natürlich sehr“.

„Mein Lieblingsort im Theater ist nicht die Bühne, sondern die Maske“, wird Nikolaus Ofczarek in dem Bildband „Vor dem Auftritt. Schauspieler in der Maske“ zitiert. © Cordula Treml

„Ich lernte Cordula Treml in Paris auf einem Gastspiel am Odeon-Theater kennen. Sie sprach mich an, dass sie auf der Suche sei, dass sie das Spielen auf der Bühne begeistert und eine Nähe zu Schauspielern empfindet. Ungewöhnlich war, wie lebendig ihre Augen dabei waren, die mich mit einer ganz anderen Neugier ansahen, als ich sie sonst kannte“. Cordula Tremls Leidenschaft für ihren Beruf im allgemeinen und das Theater im Besonderen spürte nicht nur Bibiana Beglau bei ihrer ersten Begegnung mit der Fotografin 2013, sondern auch ich, als ich Cordula Treml Mitte September 2018 zum ersten Mal im Schauraum 1999 in der Landwehrstrasse in München begegnete.

„Bibiana hatte ich 2013 beim Gastspiel von Die bitteren Tränen der Petra von Kant in Paris gesehen. Ich fotografierte sie anschließend am Münchner Residenztheater zuerst in Reise ans Ende der Nacht, einen Tag darauf spielte sie in Zement. Die Bilderserie mit ihr ist in zwei Etappen entstanden – bei den Fotos in der oberen Reihe dieser Ausstellung hatte ich die Zement bereits gesehen. Selten entstehen bei einer Begegnung hinter der Bühne so viele intensive Momente. Bibiana ist in vollkommener Konzentration ihrer Arbeit nachgegangen und ich meiner. 2016 und 2017 habe ich sie zwei oder drei Mal fotografiert. In diesem Jahr bin ich ihr hinter den Kulissen der Inszenierung Phädras Nacht von Martin Kušej wieder mit meiner Kamera begegnet.“

Ein Foto eines Teils der Bilderserie von Bibiana Beglau, das ich bei meinem Besuch in der Ausstellung im SCHAURAUM 1899 gemacht habe.

„Bevor ich Bibiana Beglau fotografierte, zeigte ich ihr einige Bilder, die ich bereits von Schauspielkollegen gemacht hatte. Wir sprachen anschließend bei unser fotografischen Begegnung nicht viel in der Maske. Meine Arbeit an dem Projekt „Vor dem Auftritt“ ist eine, die ohne viel Worte auskommt. Es geht um die eigene Beobachtungsgabe und darum, Momente extremer Intimität und Konzentration in einem Bild einzufangen.“

Cordula Tremls Bilder entstehen in einer magischen Umgebung, einem Zwischenraum zu einer anderen Welt, in die der Schauspieler für einige Stunden eintauchen darf. Ganz unverklärt betrachtet ist die Maske aber auch ein Ort, an dem Menschen abseits des Schauspielerbetriebs ihrer täglichen Arbeit nachgehen. In jedem Fall sind die Minuten vor dem Auftritt eine Zeit höchster Konzentration und Kontemplation. „Ich will auf keinen Fall den Betrieb hinter der Bühne stören, sondern sehe mich als neugierige Beobachterin. Daher weiß ich, in welchen Momenten ich mich zurückziehen muss“, sagt Cordula Treml.

Elisabeth Orth, die Grande Dame des Wiener Burgtheaters © Cordula Treml

Wenn der erste Kontakt zu den für sie spannenden Schauspielern nicht wie im Falle von Bibiana Beglau persönlich erfolgen kann, schreibt Cordula Treml ihnen meistens einen Brief und lässt ihn an der Theaterpforte hinterlegen. Eine äußerst sympathische, respektvolle Art der Kontaktaufnahme in unserer heutigen Zeit.

„Wenn ich einen Schauspieler vor einem Theaterabend in der Maske oder in der Garderobe fotografiere, sehe ich mir die dazugehörige Inszenierung meistens erst danach an. Don Giovanni. Letzte Party hingegen habe ich im Gastspiel 2015 in Avignon gesehen – fotografiert habe ich den Hauptdarsteller Sebastian Zimmler dann anschießend im Thalia Theater in Hamburg. Dort hat der Regisseur Antú Romero Nunes das Stück 2013 inszeniert.“

Sebastian Zimmler 2015 vor seinem Auftritt als Don Giovanni am Thalia Theater Hamburg © Cordula Treml

„Als privat würde ich den Bereich in der Maske und in der Garderobe kurz vor einem Auftritt nicht mehr bezeichnen. Eine sehr spannende Zeit sind die letzten 30 Minuten vor der Vorstellung. Was da alles passiert – die Zigaretten liegen bereit, die Garderobiere, die Maskenbildnerin machen ihre letzten Handgriffe. Ich sitze dann manchmal auch nur auf dem Fenstersims und schaue einfach zu, wenn ich merke, dass es nicht der richtige Augenblick ist, um zu fotografieren.“

Cordula Treml gelingt es, ihren Porträtierten sehr nahe zu kommen – die Kunst ihrer Fotografie drückt sich vor allem dadurch aus, dass die Fotografin die Wirkung ihrer Porträts nie durch äußerlichen Sensationen und voyeuristische Effekte verstärkt. Cordula Treml ist eine Augenblicksammlerin, eine Frau mit feinen Antennen für besondere Situationen und Stimmungen.

„Ich erinnere mich sehr gerne an die wunderbare Begegnung mit Katharina Thalbach zurück! Sie spielte 2014 am Renaissancetheater in Berlin in Der nackte Wahnsinn und unterhielt sich mit mir, während ich die Fotos von ihr machte. Das Gespräch fühlte sich aber mehr an wie ein Bühnendialog, von daher passte es wieder sehr gut zu der ganzen Situation. Ich kann mich noch erinnern, dass Frau Thalbach sehr beeindruckt war, als ich ihr erzählte, dass ich den ganzen Weg vom Prenzlauer Berg nach Charlottenburg geradelt bin. Ihre Reaktion darauf: ‚Oh, det is‘ was für’n Po!‘.“

Katharina Thalbach © Cordula Treml

Ich stehe an diesem Nachmittag im Schauraum 1999 nicht nur lange Zeit vor den Fotos von Bibiana Beglau, sondern vor allem vor diesem überwältigenden Porträt von Genija Rykova, die ich seit dem Beginn meiner Vorstandstätigkeit bei den Freunden des Residenztheaters 2013 kenne. Mehrere Jahre war sie im Ensemble des Residenztheaters, mittlerweile ist sie erfolgreich als freie Schauspieler und Sängerin tätig. Zement in der Regie von Dimiter Gotscheff war eine der ersten Inszenierungen, in denen ich Genija auf der Bühne erleben durfte. Zwischen Anspannung und freudiger Erwartung hat Cordula Treml hier einen ganz besonderes eindrucksvollen, intimen Moment mit Genija in der Maske eingefangen.

Genija Rykova © Cordula Treml

Später tauchte Genija Rykova übrigens noch selbst in der Ausstellung auf:

„Ich finde es besonders schön, die Wirkung meiner Fotos auf diejenigen Leute zu sehen, die mit der Theaterbranche an sich nichts zu tun haben, aber laut eigener Aussage nicht ohne Theater leben können.“

Schöner als Cordula Treml selbst könnte man ihre Arbeit an diesem Langzeit-Projekt nicht beschreiben. Liebe Cordula, ich danke dir ganz herzlich für das interessante Gespräch und freue mich, dass du mit deiner Porträtserie von 10. Januar bis 1. März 2019 im Bosco Gauting zu Gast sein wirst!


Mehr über Cordula Tremls Arbeit: 

http://www.cordulatreml.com/

Instagram: https://www.instagram.com/cordulatreml/

„Vor dem Auftritt“: Von Do, 10.01.2019 bis Fr, 01.03.2019 im Bürger- und Kulturhaus Gauting: 

https://bosco-gauting.de/veranstaltungen/cordula-treml-vor-dem-auftritt

Theaterforum Gauting e.V.
c/o bosco, Bürger- und Kulturhaus Gauting
Oberer Kirchenweg 1
82131 Gauting

 

Die Kulturflüsterin

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