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#Interview mit Benedikt Schwarzer

Mit „Die Geheimnisse des schönen Leo“ gelingt Benedikt Schwarzer nicht nur um umfassendes Porträt des CSU-Politikers Leo Wagner, der durch seine Stimmenthaltung 1972 beim Konstruktiven Misstrauensvotum gegen Willy Brandt für einen der größten politischen Skandale in der Geschichte der Bonner Republik sorgte. In seinem Debütfilm „Die Geheimnisse des schönen Leo“, der am 17.01. in den deutschen Kinos startet, begibt sich der Regisseur auch auf eine familiäre Spurensuche, die manch schmerzliche Wahrheit ans Tageslicht bringt.

Das Leben des CSU-Politikers Leo Wagner klingt wie aus dem Drehbuch eines Politthrillers. Er pflegte Kontakte ins Rotlichtmilieu, verwickelte sich in dubiose Geldgeschäfte und war nach dem Ende seiner aktiven politischen Karriere unter dem Decknamen „Löwe“ Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi. Der Mitbegründer der CSU zählte lange Jahre zum engsten Vertrautenkreis des CSU-Chefs Franz Josef Strauß und saß zwischen 1961 bis 1976 als Abgeordneter im Deutschen Bundestag in Bonn.

© Real Fiction Filmverleih

In einem Wahlkampfvideo, das in Benedikt Schwarzers Dokumentarfilm „Die Geheimnisse des schönen Leo“ zu sehen ist, spielt Wagner seinen potentiellen Wählern das heile Familienleben mit seiner Frau und seinen Kindern vor. Abwesend blickt die kleine Ruth vor sich hin, während ihr Vater sie für die Kamera für einen kurzen Moment in den Arm nimmt. Ruth ist nicht nur die Tochter eines hochrangigen Politikers, sondern auch die Mutter des Filmemachers Benedikt Schwarzer – und eine treibende Kraft in dem Debütfilm ihres Sohnes. Über mehrere Jahre hinweg betrieb Schwarzer akribische Recherchen in Bezug auf den Politiker und den Menschen Leo Wagner, traf sich mit ehemaligen Weggefährten, Journalisten, Kriegsveteranen, ehemaligen Geliebten und Vertretern aus dem Rotlichtmilieu und durchforstete Stasi- und Gerichtsakten, um Antworten auf die Fragen nach dem weißen Fleck in der Vergangenheit seiner Familie zu bekommen.

Leo Wagner mit seiner Frau und seiner Tochter Ruth, © Real Fiction Filmverleih

1919 in München geboren, studierte Leo Wagner an der Hochschule für Lehrerbildung in München und nahm von 1939 bis 1945 am Zweiten Weltkrieg teil. Von 1945 bis 1961 arbeitete er als Lehrer und Schulleiter. 1946 wurde er Vorsitzender des CSU-Kreisverbandes Günzburg, den er mit Unterstützung Fritz Schäffers 1945 mitbegründet hatte. Den Höhepunkt seiner politischen Karriere erlebte Wagner einige Jahre später zwischen 1961 bis 1976, als er dem Deutschen Bundestag angehörte. Dort war er zwischen 1963 und 1975 parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe. Erst im Jahr 2000 wurde durch einen Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ bekannt, dass Wagner neben dem CDU-Abgeordneten Julius Steiner der zweite Unions-Abgeordnete gewesen sein soll, der sich 1972 beim Konstruktiven Misstrauensvotum gegen Willy Brandt der Stimme enthielt. Damit scheiterte damals das konstruktive Misstrauensvotum der CDU/CSU-Fraktion gegen den ehemaligen Bundeskanzler.

Leo Wagners Enkel Benedikt habe ich während meines Studiums der Theater-, Film- und Fernsehkritik an der Hochschule für Fernsehen und Film München kennengelernt. Bereits sein experimenteller Dokumentarfilm „Shoot me“, den er mit der von mir sehr geschätzten iranischen Regisseurin Narges Kalhor realisierte, beeindruckte mich sehr. Kalhor lebt seit vielen Jahren in Deutschland im Exil – so wie auch der Rapper Shahin Najafi. Als gegen diesen eine Fatwa ausgerufen wird und er wegen Morddrohungen untertauchen muss, begeben sich Narges Kalhor und Benedikt Schwarzer auf die Suche nach ihm und nach der Antwort auf die Frage, wie weit der Arm des Regimes in Teheran nach Deutschland reicht.

Nun hat Benedikt Schwarzer seine eigene Familiengeschichte zum Thema seines Debütfilms „Die Geheimnisse des schönen Leo“ gemacht. Ohne jede Übertreibung oder Sentimentalisierung gelingt es dem Regisseur, die vielen Puzzlestücke im Leben eines Mannes, dem politische Macht über alles ging, zu einem klugen, vielschichtigen Porträt zu verweben. Ich habe mit ihm über den Weg von den ersten  Recherchen zu „Die Geheimnisse des schönen Leo“ bis zum Dreh mit den Protagonisten des Films – allen voran Benedikts Mutter – gesprochen.

 

Du hast zu Beginn deines Filmprojekts gleich einmal einige Interviewabsagen von ehemaligen politischen Weggefährten deines Großvaters wie Wilfried Scharnagl, Dr. Theo Waigl oder Egon Bahr bekommen. Warum ist Leo Wagner bis heute ein rotes Tuch für sie?

Das hängt vermutlich mit seiner Unehrlichkeit zusammen, die Alfred Sauter – ein CSU-Politiker aus dem Kreis Günzburg, der Leo Wagner gut kannte – im Film anspricht. Darüber hinaus war Leo Wagner mindestens nach dem Ende seiner aktiven politischen Karriere als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi tätig – ob wissentlich und willentlich ist umstritten – und hatte Verbindungen ins Rotlichtmilieu – das erweckt nicht unbedingt Vertrauen in bestimmten Kreisen.

Die Knappheit, in der die Absagen verfasst wurden, sagt meiner Meinung nach sehr viel über das Verhältnis der Politiker zu Leo Wagner aus.

Eine der spektakulärsten Absagen konnte ich leider gar nicht in meinen Film einbauen. Ich hatte Kontakt zu einem ehemaligen Kollegen meines Großvaters. Er war äußerst redselig, bis er nach mehreren Telefonaten das geplante Filmprojekt konkreter wurde und ich ihn darauf ansprach. Ich durfte mir unter anderem anhören, dass ich ein absolut unpolitischer Mensch sei und dass mir mein Großvater eine geknallt hätte, wenn er von meinem Vorhaben gewusst hätte.

Ich finde, dass das fehlende Interview mit dem anonymen Kollegen aber keinerlei Auswirkungen auf die starke emotionale Wirkung deines Films auf den Zuschauer hat.

Das freut mich zu hören. Wer sich übrigens ebenfalls geweigert hat, mit mir vor der Kamera über Leo Wagner zu sprechen, war seine zweite Ehefrau. Mir tat mein Großvater fast etwas leid, weil er so im Film keinen Anwalt hat, der stärker von seinen positiven Seiten aus erster Hand erzählen kann und versucht, sich für ihn einzusetzen.

Gab es zu Beginn deines Filmprojekts das ein oder andere Mal den Gedanken daran, sich nicht weiter auf Spurensuche in Bezug auf deinen Großvater zu begeben?

Nein, dazu wurde meine Fantasie bereits zu Beginn meiner Recherchen viel zu sehr angeregt. Ich habe sehr viel recherchiert und mit den unterschiedlichsten Menschen Gespräche geführt. Unter anderem hat mir dabei ein ehemaliger Schüler von Leo Wagner voller Dankbarkeit erzählt, dass mein Großvater ihm das Lesen beigebracht hätte. Oder ich bin auf einen Mann gestoßen, der seine Doktorarbeit über die Geschichte der CSU in Günzburg geschrieben hat. Dadurch, dass sich Leo Wagner bereits ab Kriegsende in der CSU in Günzburg engagierte, konnte man aus diesem Buch viele spannende Erkenntnisse gewinnen. Zum Beispiel setzte sich Wagner ab 1945 sehr intensiv für die Vertriebenen und Flüchtlinge im Ort ein.

© Real Fiction Filmverleih

Ich glaube, jeder Mensch vereint das Böse und das Gute gleichermaßen in sich. Als ich „Die Geheimnisse des Schönen Leo“ im letzten Jahr beim DOK.fest in München gesehen habe, fand ich es erstaunlich, wie ein Mensch ein solch drehbuchreifen Leben führen kann. Illegale Geldgeschäfte, Machtspiele, Verwicklung in Stasi-Geschäfte und regelmäßige Ausflüge ins Rotlichtmilieu: Gab es auch Überlegungen deinerseits, das Leben des Leo Wagner als Spielfilm auf die Leinwand zu bringen?

Daran arbeite ich tatsächlich gerade. Denn es gibt noch weitere wichtige Aspekte seines Lebens und dessen meiner Großmutter, die ich gerne weiter ergründen möchte.

Ich kann mir vorstellen, wie umfangreich das Recherche-Material zu deinem Film irgendwann gewesen sein muss. Wie ist es dir gelungen, aus dieser Materialfülle eine Auswahl zu treffen und einen erzählerischen Bogen für die Handlung zu finden?

Der Lernprozess fand für mich vor allem im Schnitt statt. Ich hatte im Zuge meiner Recherchen ja unter anderem den BND, die Rentenkasse, eine Universität in Südkorea und den Sohn von Gunter Sachs angeschrieben, um interessante Fakten über meinen Großvater herauszufinden. Viele Puzzleteile in Bezug auf Leo Wagners Leben sind zwar für sich betrachtet spannend, aber in den Verlauf der Filmhandlung haben sie nicht gepasst.

Die Grundidee deines Films bestand also erst einmal darin, deinen Großvater näher kennenzulernen.

Absolut. Ich konnte vor sechs Jahren nicht ahnen, was ich durch meine Nachforschungen alles in Gang setzen würde. Den Anstoß für dieses Filmprojekt hat mir übrigens der Regisseur Hans Steinbichler gegeben, der sich vor Jahren mit dem Politiker Rainer Barzel beschäftigte.

In seinem Fall handelte es sich bei dem Porträtierten aber nicht um den eigenen Großvater.

Mit der filmischen Aufarbeitung eines Teils der eigenen Familiengeschichte hat Hans Steinbichler aber ebenfalls intensiv solche Erfahrungen gemacht. In seinem TV-Dokumentarfilm „Die halbe Wahrheit“ erzählt er schonungslos und ehrlich die Geschichte seines Vaters, der mit sechs Geschwistern in dem kleinen Dorf Öd im Chiemgau aufgewachsen ist. Ich war damals bei den Dreharbeiten mit dabei und habe die Live-Gesprächsprotokolle für Hans Steinbichler und den Editor des Films verfasst. Diese Dreh-Erfahrung mit Hans war für meinen eigenen Film sehr wichtig.

Für einen Dokumentarfilm-Regisseur sind Interviews mit dem Protagonisten des Films immer eine Herausforderung. Erst Recht, wenn es sich dabei wie bei dir um die eigene Mutter handelt, die vor der Kamera auf eine sehr nüchterne, erschütternde Art und Weise über ein dramatisches Ereignis in ihrer Jugend spricht. Welche Erinnerungen hast du an die Drehtage mit ihr?

Meine Mutter hatte mit mir vor dem Filmprojekt nie über bestimmte Ereignisse in ihrer Vergangenheit gesprochen. Bei unserem Drehtag in der Schule, auf den du ansprichst, erinnerte sich meine Mutter nicht nur an die tragischen Dinge, die sich in ihrer Jugend abgespielt haben – sondern auch daran, wie sie einem Jungen ein Erdkundebuch auf den Kopf schmetterte, weil er sie mit den Dingen, die über die Familie meines Großvaters in der Zeitung standen, aufgezogen hatte.

So durchsetzungsfähig und schlagkräftig, wie ich deine Mutter beim Publikumsgespräch im Rahmen des Münchner DOK.fests erlebt habe, kann ich mir das bei ihr lebhaft vorstellen.

Der Drehtag in der Schule war zugegebenermaßen etwas überfrachtet und meine Mutter übernahm irgendwann das Kommando. Wie aus dem Nichts kam es plötzlich zu ihrem sehr emotionalen Geständnis, das im Film zu sehen ist.

Wie steht deine Mutter im Nachhinein zu ihrer eigenen Offenheit vor der Kamera?  

Das war natürlich alles sehr mutig von ihr. Es störten sie zwei Sachen. Mein Vater hätte ihrer Meinung nach im Film zu sehen sein müssen – ich hatte auch mit ihm gedreht als es für mich in den Schnitt ging. Es war aber extrem schwierig, ihn in „Die Geheimnisse des Schönen Leo“ unterzubringen, weil er im Gegensatz zu meiner Mutter komplett seinen Frieden mit meinem Großvater gemacht und ihm verziehen hat. Dieses Spannungsfeld hätte wieder eine ganz eigene Geschichte bedeutet.

Und ich dachte, du hättest ganz bewusst gar nicht mit deinem Vater gedreht.

Nein, keineswegs. Der zweite Kritikpunkt meiner Mutter war, dass ihr Geständnis im Schulhof zu viel Raum im Film einnimmt. Wir haben nachträglich noch einmal ausführlicher mit ihr gedreht – die Art und Weise, wie meine Mutter vor der Kamera agiert, entspricht aber zu hundert Prozent ihrem Naturell. Beim Screening in Kassel musste ich mich beinahe schon dafür erklären, warum ich denn meine Mutter im Film so wenig umarme. Ich finde die Reaktion des Publikums vollkommen berechtigt – aber es wäre unehrlich gewesen, im Film eine Körperlichkeit zwischen meiner Mutter und mir zu inszenieren, die im realen Leben so nicht zwischen uns besteht. Das bedeutet keineswegs, dass es überhaupt keine Nähe zwischen meiner Mutter und mir gibt.

Ist das nicht ein Ausdruck für eine bestimmte Erwartungshaltung, wie eine Mutter und ein Kind in solch einer emotionalen Gesprächssituation zu reagieren haben. Für mich gibt es nichts schlimmeres, als inszenierte Emotionalität in einem Dokumentarfilm.

Als ich meiner Mutter den Film vor dem ersten öffentlichen Screening gezeigt habe, meinte sie interessanterweise, dass sie die Kamera um sich herum oft komplett vergessen habe.

Das größte Kompliment für dich als Filmemacher.

Einerseits ja. Andererseits ist es meine eigene Mutter. Und so ist Chance und Gefahr, wenn sie viel von sich preisgibt. Es hat grundsätzlich sehr lange gedauert, bis meine Mutter ihr OK zur Mitwirkung am Film gegeben hat.

© Real Fiction Filmverleih

Im Nachhinein ist sie bestimmt froh, dass du bestimmte Fakten über ihre Vergangenheit herausgefunden hast.

Teilweise ja, teilweise sind das einfach Dinge, die nach wie vor nicht einfach sind. Die spannendste Film-Vorführung war auf jeden Fall diejenige vor einigen Tagen in Günzburg, weil meine Mutter in dem Haus schräg gegenüber dem Kino aufgewachsen ist und die zweite Ehefrau von Leo Wagner bis heute dort lebt.

Was war die Hauptsorge deiner Mutter in Bezug auf „Die Geheimnisse des Schönen Leo“?

Eigentlich dieselbe wie früher – dass sie in der Öffentlichkeit mit ihrem Vater assoziiert wird. Als wir das erste Gespräch mit ihr gedreht haben, legte sie gleich mit einem Bibelzitat aus dem Alten Testament los: „Die Ehre eines Kindes ist die Ehre seines Vaters“. Ich wusste von diesem Moment an, dass es zwischen uns zu Reibungspunkten während der Dreharbeiten kommen würde. Denn dieses Zitat kann ich für mein eigenes Leben definitiv nicht unterschreiben – so sehr ich meine Eltern schätze. Mir ist erst durch „Die Geheimnisse des Schönen Leo“ klargeworden, wie sehr meine Mutter das Verhältnis zu ihrem Vater beeinflusst und geprägt hat.

Kannte dein Vater eigentlich Leo Wagner?

Ja, denn er hat meine Mutter bereits kennengelernt, als sie als junge Frau im Internat war. Das Interessante ist, dass Leo und mein Vater einen ganz guten Draht zueinander hatten. Mein Vater ist Diplom-Politologe, daher gab es zwischen ihnen immer eine Gesprächsbasis, auf der man aufbauen konnte.

Wie steht es um deine eigenen Erinnerungen an deinen Großvater?

Die sind sehr verschwommen. Ich kann mich erinnern, dass wir mal zu ihm gefahren sind. Mir kam alles riesig vor in seinem Haus und es roch irgendwie seltsam dort. Meine Mutter legte mir nahe, dass ich den Opa doch auf seine Kriegsverletzung ansprechen solle. Ich war aber viel zu schüchtern, als dass ich ihn nach diesem merkwürdigen Loch im Arm gefragt hätte. Wirklich interessiert an mir zeigte er sich dann auch nicht.

War eigentlich zu seinen politisch aktiven Zeiten schon einiges über den Lebenswandel von Leo Wagner bekannt?

Definitiv! Er hat es sogar mal auf die Seite 1 der BILD-Zeitung geschafft mit der Schlagzeile „1 Million Schulden: Hoher bayrischer Politiker geisteskrank“. Ich hatte übrigens ganz zu Beginn meines Projekts auch mal überlegt, sein Leben und das von Franz Josef Strauß parallel zu erzählen. Beide sind in München geboren, beide waren im Krieg, beide beteiligten sich direkt danach am Wiederaufbau der BRD. Aber Franz Josef Strauß bewegte sich dann doch noch einmal auf einem ganz anderen Level, als mein Großvater.

Hast du zu Beginn deiner Dreharbeiten nach Parallelen zwischen Leo Wagner und dir gesucht?

Ja, und das fand ich sehr interessant. Meine Mutter meinte vor Jahren einmal: „Dein Nacken, den hast du definitiv von ihm“. Was für eine absurde Körperstelle, um eine Ähnlichkeit zwischen zwei Menschen festzustellen. Ich habe zu Beginn meiner Dreharbeiten auch mit dem Gedanken einer Art Masken-Rollenspiel gespielt, um über das Gefühl des Äußerlichen meinem Großvater auch innerlich noch einmal wesentlich näher zu kommen. Dann ist mir Leo Wagner mehrmals im Traum begegnet. So richtig greifbar war er da aber nicht für mich.

Wie würdest du Leo Wagner heute, sechs Jahre nach dem Beginn deiner Recherchen, charakterisieren?    

Ich habe ihn als Mensch mit einem sehr brüchigen Selbstbild kennengelernt, der dadurch gerade im Privatleben wahrscheinlich nicht so agieren konnte, wie er es vielleicht gerne getan hätte. Mein Anliegen war für den Film, eine entsprechende Ambivalenz seiner Person deutlich zu machen.

„Film ist nicht Gedanken in Bilder, sondern Gefühle in Bilder. Wir müssen bei jeder Szene etwas fühlen. Und wenn wir nur Informationen bekommen, dann ist die Szene leider falsch“: Würdest du dieser Aussage des Dokumentarfilm-Regisseurs Rosa von Praunheim, die er vor einiger Zeit in einem Interview mit der BR-Kultursendung Capriccio über das Filmemachen getroffen hat, zustimmen?

Dieses Zitat finde ich super, weil es den Lernprozess, den ich im Laufe der Recherche- und Dreharbeiten durchlaufen habe, sehr gut zusammenfasst. Zu Beginn war ich stark auf der Sachebene unterwegs – sicher eine Prägung durch meine Eltern, bei der die Emotion deutlich spürbar ist, aber nicht unbedingt angesprochen wird. In der Arbeit mit meinem Produzenten hat sich dann aber schnell herauskristallisiert, dass wir die emotionale Ebene im Film hervorheben müssen. Denn erst dadurch hat der Zuschauer eine Chance, nicht nur den Politiker, sondern auch den Menschen Leo Wagner kennenzulernen.

Ich finde es gleichzeitig sehr gut, dass man viele Informationen über die politischen Hintergründe der 1960er und 1970er Jahre in „Die Geheimnisse des Schönen Leo“ vermittelt bekommt. Denn ich habe den Eindruck, dass Leo Wagner auch in seinem Privatleben immer ein Politiker blieb.

Mir war bewusst, dass gerade jüngere Zuschauer heute nur noch wenig mit dem Misstrauensvotum von 1972 verbinden. Die meisten kennen vielleicht noch Willy Brandt, dann sind die politisch unruhigen Zeiten in der Bundesrepublik der 1960er und 1970er Jahre aber meist wenig präsent. Ältere Zuschauer erzählen nach dem Film von ihren Erinnerungen an die eigene Politisierung.

War dir eigentlich von Beginn an klar, dass du in deinem Film auch selbst vor der Kamera agieren möchtest?

Ja, eine Zeitlang habe ich sogar eine Art Videotagebuch gedreht. Irgendwann merkte ich aber, dass dies nicht die geeignete Form ist, um mich auszudrücken. Ich fand es wichtig, dass ich selber in meinem Film auftrete, da es nicht nur um Leo Wagner, sondern auch um meine ganz persönliche, mosaikhafte Spurensuche und um die Aufarbeitung von Traumata geht, die sich durch mehrere Generationen einer Familie hindurchziehen. Ich habe durch meinen Film auch begriffen, was für einen Einfluss die eigenen Großeltern und Eltern auf das eigene Leben haben und wie systemisch man solche Dinge betrachten muss. Im Deutschland des 20. Jahrhunderts liegen viele Schatten über der Vergangenheit von Familien.

Ich glaube, dass es sehr wichtig für einen selbst ist, zu wissen, woher man kommt und was die eigene Identität ausmacht.

Einen ähnlichen Satz hatte ich über meinem Treatment stehen. Er stammte von Michael Erdmann, einem Forscher im Bereich der transgenerationalen Psychologie. Erdmann sagte: „Ohne Erinnerungsarbeit gibt es kein Gefühl der Kontinuität des eigenen Lebens. Ohne diese gibt es keine positive Identität.“

Du hast deinen Film bereits auf dem DOK.fest München, auf Festivals und im Rahmen mehrerer Preview-Termine gezeigt. Warum lohnt sich gerade für einen Dokumentarfilm deiner Meinung nach der Gang ins Kino?

Kino steht für mich für eine gut erzählte Geschichte – ganz gleich, ob im fiktionalen oder im dokumentarischen Bereich. Gerade in einem Kinosaal, wo man sich konzentriert und ohne Ablenkung auf einen Film einlassen kann, besteht die Möglichkeit der Öffnung des Publikums für bestimmte Themen. Besonders spannend finde ich es dann, wenn bei Festivals und Kinotouren über den Film hinaus ein Dialog mit dem Publikum entsteht. Daher freue ich mich sehr auf die Gespräche, die ich im Rahmen unserer Kinotour zu „Die Geheimnisse des Schönen Leo“ in den kommenden Tagen noch führen darf.

Lieber Benedikt, ich danke dir ganz herzlich für das spannende Gespräch und wünsche dir einen erfolgreichen Kinostart! 


„Die Geheimnisse des schönen Leo“

Kinostart: 17.01.2019

Mehr Infos auf der Website des Verleihers Real Fiction Filme

Und auf Benedikt Schwarzers Website 

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Die Kulturflüsterin

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