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#Interview mit dem Arcis Saxophon Quartett

Das Arcis Saxophon Quartett von links nach rechts: Jure Knez, Ricarda Fuss, Edoardo Zotti und Claus Hierluksch, © Harald Hoffmann

Das Saxophon verband ich in der Vergangenheit vor allem mit Jazz und Bigband-Klängen – doch dann lernte ich die Mitglieder des Arcis Saxophon Quartett kennenlernte. In einem Jahr, in dem das Saxophon nur vom Deutschen Musikrat zum „Instrument des Jahres“ gekürt wurde, feiert das außergewöhnliche Kammermusik-Ensemble sein 10-jähriges Jubiläum. Ein Gespräch über musikalische Perfektion, Sympathie, Castings und Konzertreisen…

The saxophone is an imperfect instrument, especially the tenor and soprano, as far as intonation goes. The challenge is to sing on an imperfect instrument that is outside of your body. Diese Worte stammen von dem 1927 in Philadelphia geborenen Stan Getz, der bis zu seinem Tod im Jahre 1991 jahrzehntelang zu den einflussreichsten Saxophonisten weltweit gehörte. If you like an instrument that sings, play the saxophone. At its best it’s like the human voice: So beschrieb Getz sein Instrument.

Im Februar 2018 hieß es auf Instagram: „Das Arcis Saxophon Quartett folgt dir jetzt“. Die nächsten Musiker, die dir für einen oder mehrere Tage hinzufügen, bis ihre Follower-Zahl einen weiteren Höhepunkt erreicht hat und sie dir wieder entfolgen können. So jedenfalls dachte ich damals. Doch die virtuelle Begegnung mit diesem Ensemble war für mich nicht nur der Beginn einer klanglichen Entdeckungsreise der besonderen Art, sondern brachte mich auch mit vier außergewöhnlichen Menschen zusammen, die mehr sind, als nur gute Musiker. 

2009 wurde das Ensemble an der Hochschule für Theater und Musik München gegründet und dort im klassischen Fach ausgebildet. Anschließend studierten die Musiker ab 2013 Kammermusik in der Klasse des Artemis Quartetts Berlin und in München bei Herrn Asatryan und Prof. Berger. Seit 2015 ist das Arcis Saxophon Quartett Mitglied der European Chamber Music Academy – ein österreichischer Verein, der 2004 auf Initiative des Kammermusikers, Dirigenten und Universitätsprofessors Hatto Beyerle gegründet wurde und als Kooperation europäischer Ausbildungsinstitutionen und Festivals ein zweijähriges Weiterbildungsprogramm für ausgewählte Kammermusikensembles anbietet.

Im Jahr 2013 war das Arcis Saxophon Quartett gleich mehrfach international erfolgreich: Es gewann unter anderem den Ersten Preis und den Publikumspreis beim Musikwettbewerb des Kulturkreises Gasteig e.V., den Ersten Preis beim Internationalen Musikwettbewerb Concorso Argento in Italien und den Ersten Preis beim First Classical Music International Internet-Festival „Chance Music“ in Russland.

2016 wurde das Ensemble mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet und erhielt ein Stipendium der Theodor-Rogler-Stiftung, ein Stipendium für Musik von der Landeshauptstadt München sowie ein Stipendium der Ernst von Siemens Musikstiftung. Nach ihrem internationalen Debut im Großen Saal des Tschaikovsky Konservatoriums in Moskau 2013 und in der Wigmore Hall in London 2016, folgte 2017 ein weiterer Meilenstein in der Karriere des Quartetts: die Einladung in die Berliner Philharmonie.

Wer einmal in einem Konzert dieser vier jungen Musiker war, merkt schnell, dass sie nicht nur Virtuosen auf ihrem Instrument sind. Denn sie vermögen es, ihr Publikum ohne Effekthascherei, sondern mit einer klugen Mischung aus technischer Brillanz und emotionalen Darbietung zu begeistern. Der ganze Raum vibrierte vor Energie, als das Arcis Saxophon Quartett im November 2018 im Rahmen der Reihe Klassik Undergrond von SWEET SPOT, dem jungen Programm von BR KLASSIK, im Milla Club im Münchner Glockenbachviertel und im März 2019 im Rahmen der neuen Konzertreihe des Ensembles, ASQ PLUS Vol. 1, im Einstein Kultur zu erleben war. 

Mitte Februar habe ich mich mit den vier Musikern zu einem Gespräch über musikalische Perfektion, Sympathie, Castings und Konzertreisen getroffen.

Vor ein paar Jahren gab es auf eurem YouTube-Kanal die sogenannten chamberTALK-Videos zu sehen, wo ihr zum Beispiel mit den Mitgliedern des Armida Quartetts über das Wesen der Kammermusik und den Zugang des Ensembles zu dieser Musik gesprochen habt. Wie kam es zu der Idee für diese Videoreihe?

Ricarda: Wir sind alle Teil der European Chamber Music Academy und haben es dort mit vielen Koryphäen der Kammermusik zu tun. Vor allem abends plauderten sie damals bei einem Glas Wein gerne aus dem Nähkästchen. Da kam Claus auf die Idee, diese Musiker ausführlicher zu interviewen. Im Gegensatz zu Solisten sprechen Kammermusiker nämlich viel seltener vor laufender Kamera über ihre Arbeit.

Ich fand nicht nur die Idee dieser Reihe, sondern auch ihre Umsetzung sehr gut. Eine gelungene Mischung aus einer professionellen Herangehensweise, Humor und Herzlichkeit.

Claus: Wir haben vor allem gelernt, dass wir immer alle Kameras laufen lassen müssen – die lustigsten Szenen sind oft dann passiert, wenn gerade nicht gedreht wurde. Die chamberTALKs waren eine tolle, aber auch sehr aufwändige Angelegenheit. Als wir im Dezember 2018 unser Konzert zum 10jährigen Jubiläum des Arcis Saxophon Quartetts organisierten, wurde uns wieder bewusst, wie viel wir in den letzten Jahren ausprobiert haben.

Was war das spannendste Gespräch, an das ihr euch zurückerinnert?

Ricarda: Inhaltlich waren alle Interviews sehr interessant. An das Gespräch mit dem Geiger und Komponisten Aleksey Igudesman, der unter anderem durch seine Musiktheater-Comedy-Programme bekannt wurde, erinnere ich mich besonders gerne zurück. Als wir uns vor der Aufnahme des Chamber Talks mit ihm trafen, war er sehr entspannt und ernst. Sobald aber die Kamera lief, brachte er uns total aus dem Konzept. Er erzählte Witze, machte viel Blödsinn und antwortete auf seine ganz eigene Art und Weise auf unsere Fragen.

Claus: Das Thema des Talks war eigentlich „Humor in der Musik“ – aber Aleksey Igudesman wollte dann doch lieber über „Hummer in der Musik“ sprechen.

Wie war es für euch, in die Rolle der Interviewer zu schlüpfen? Normalerweise steht ihr als Künstler selbst bei Interviews im Fokus.

Ricarda: Man muss in diese Rolle hineinwachsen. Es hat in meinem Fall ein paar Folgen gedauert, bis ich mich richtig wohl vor der Kamera gefühlt habe.

Claus: Wir hatten am Anfang kein wirkliches Konzept und auch nicht viel Ahnung, was Kameraführung, Schnitt und so weiter angeht. Aber das finde ich gerade das Sympathische an YouTube, wo es weniger um Perfektion, als um den Inhalt eines Videos geht. Der Zuschauer wird Teil des Entwicklungs- und Lernprozesses.

© Harald Hoffmann

Ich bin durch euren sehr individuell und ansprechend gestalteten Instagram-Account auf euer Quartett aufmerksam geworden. Habt ihr euch jemals Unterstützung in Sachen Online-Marketing geholt?

Jure: Wir haben uns das Wissen im Bereich Online- und Social-Media-Marketing tatsächlich selbst angeeignet und probieren immer wieder neue Dinge auf unseren Accounts aus. Wenn man Musik studiert, lernt man sehr viel – aber zur Arbeit als selbstständiger Musiker gehört noch wesentlich mehr, als sein Instrument perfekt zu beherrschen.

Ihr bespielt eure Social Media-Kanäle tatsächlich alle selbst?

Claus: Ja, das würde ich nie aus der Hand geben. Als wir 2017 unsere CD Rasch veröffentlichten, hatten wir ein einziges Mal eine PR-Agentur engagiert. Ansonsten aber ist es uns sehr wichtig, unsere PR- und Marketing-Aktivitäten selbst zu steuern. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Redaktionen mittlerweile so viele Informationen von diversen PR-Agenturen erhalten, dass sie sich sehr darüber freuen, wenn sie Musiker wie wir direkt anschreiben.

Ich erinnere mich auch noch sehr gerne an Jures Mail an mich zurück. Obwohl ich beruflich als PR-Managerin arbeite und weiß, welchen Weg man typischerweise bei einer Interviewanfrage gehen muss, habe ich auch schon Künstler direkt auf Instagram angeschrieben.

Claus: Ich glaube, der Trend geht ganz stark dahin zurück, dass wir Künstler unsere eigene Selbstvermarktung wieder stärker in die Hand nehmen und kontrollieren.

Wie möchtet ihr, dass euer Quartett in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird?

Claus: Uns ist es vor allem wichtig, uns kein Image für das Arcis Saxophon Quartett auszudenken und dieses zu pflegen.

Edoardo: Wir möchten nichts einfach nur dafür machen, dass es nachher etwas Schönes auf Instagram zu posten gibt. Aber wenn wir eine tolle Idee haben, setzen wir alles daran, diese umzusetzen. Während unserer Konzerttour durch Amerika entdeckten wir zum Beispiel am Rande von San Francisco eine kleine Insel mit einem sehr schönen Strand und beschlossen, dort Fotos zu machen.

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• ‼️Goodbye San Francisco‼️ ____ • It’s going to be a long night! We are leaving San Francisco and traveling to Tennessee! We have to first take a flight to Denver but unfortunately it’s delayed for 2,5 hours and we are worried about catching the connecting flight 😱But we can use that time to share with you this great photo which we took at the Golden Gate Bridge 😉 • #saxophone #quartet #saxophonequartet #chambermusic #music #classicalmusic #lifeofamusician #ensemble #musicians #reeds #instrument #practice #performingartists #artistsofinstagram #concert #delayedflight #delay #waiting #airport #sanfrancisco #california #city #citylife #naturephotography #landscape #goldengatebridge #bridge

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Ich erinnere mich an diese sehr schönen Aufnahmen. Wie konntet ihr vor Ort so schnell einen Fotografen engagieren?

Jure: Das Gruppenfoto ist mit dem Selbstauslöser entstanden – wir sind mittlerweile schon geübt darin. Neben der Musik bin ich sehr interessiert an Fotografie und habe mir daher in den letzten Jahren sehr gutes Equipment zugelegt. Das Schöne ist für uns Künstler, dass es uns die technischen Möglichkeiten heute erlauben, relativ frei und unabhängig unser eigenes Marketing zu betreiben.

Claus: Natürlich machen wir schöne Fotos von uns, um möglichst viele Leute auf unsere Musik aufmerksam zu machen. Letztendlich möchten wir aber dem Zuhörer die Möglichkeit geben, das in uns zu erkennen, was wir als Künstler für sie darstellen.

Edoardo: Der Spaß an der eigenen Selbstvermarktung darf meiner Meinung nach nicht fehlen! Wenn man vor einem Shooting schon denkt: „Oh Gott, jetzt muss ich einen Anzug anziehen und am Strand posieren, weil es meine Agentur unbedingt möchte“, ist die Motivation nicht besonders groß.

Aber die entsprechenden Ideen muss man erst einmal haben – und dann noch das entsprechende Wissen, um sie in die Tat umzusetzen.

Claus: Ja, definitiv. Ich glaube, dass das „Machen“ oft der entscheidende Knackpunkt ist.

Nachdem ich euch ein paar Monate auf Instagram verfolgt habe, war ich im vergangenen November zum ersten Mal auf einem eurer Konzerte. Es war unglaublich zu spüren, wie sich die Energie im Raum von der Bühne auf die Zuschauer übertragen hat. War das Konzert im Milla Club auch für euch ein ganz besonderes?

Claus: Seit ungefähr einem Dreivierteljahr machen wir die Erfahrung, dass die Kritiken über unsere Konzerte viel euphorischer sind und das Publikum noch sehr viel enthusiastischer auf unsere Musik reagiert, als früher. Wir freuen uns sehr darüber, obwohl wir gefühlt gar nicht so viel anders machen.

Vielleicht hat das nicht nur mit eurer musikalischen, sondern auch mit eurer persönlichen Entwicklung zu tun.

Claus: Das kann durchaus sein. Man wächst mit der Zeit immer mehr in seine Rolle als Künstler hinein und weiß immer genauer, wohin die Reise mit dem Quartett gehen soll. Wir sehen uns zum Beispiel heute viel mehr als internationales Quartett, als wir das noch vor einem Jahr getan haben. Daraus erwächst eine große Verantwortung, aber auch ein größeres Bewusstsein dafür, was uns ausmacht. Das strahlt man glaube ich auch nach außen aus.

Claus und Ricarda, ihr habt das Arcis Saxophon Quartett vor 10 Jahren während eures Studiums an der Hochschule für Theater und Musik in München gegründet. Welche Ideen und Visionen hattet ihr damals für euer Projekt?  

Ricarda: Damals mussten wir zunächst einmal Kammermusik-Erfahrung vorweisen, um unseren Kammermusik-Schein im Studium zu bekommen. Mir wurde sofort das Alt-Saxophon zugeteilt, ohne dass ich irgendeine Wahl gehabt hätte.

Wir sind nicht mit einer höheren Idee oder Vision an das Projekt Arcis Saxophon Quartett herangetreten, sondern haben erst einmal leichte, lockere Stücke gespielt, die uns Spaß machten. Unser damaliger Lehrer hat uns damals ziemlich hart angegriffen, anstatt uns zu ermutigen, weiterzumachen.

Inwiefern?

Ricarda: Er war ein etwas älterer Herr aus Frankreich und der Meinung, dass es vor allem um Perfektion gehen muss in der Musik. Anstatt uns auf eine schonende, aber konstruktive Art und Weise auf unsere Fehler hinzuweisen, hat er lieber den sehr direkten Weg gewählt. Aber wir ließen uns davon nicht beirren und irgendwann kam ein neuer Lehrer, mit dem wir gemeinsam ein Ziel für unser Quartett definieren konnten.

Was war dieses Ziel im Jahre 2009?

Ricarda: Damals wollten wir vor allem die Aufnahmeprüfung für die Kammermusik-Klasse des Artemis Quartetts in Berlin schaffen. Dieses Studium hat uns enorm bei der Weiterentwicklung unseres musikalischen Repertoires geholfen – und dabei, der Frage nachzugehen, was eigentlich einen sehr guten Künstler ausmacht.

Dass ihr beiden schon seit 10 Jahren Musik zusammen macht, finde ich sehr bewundernswert. Man muss sich schließlich nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich über diesen langen Zeitraum hinweg sehr gut verstehen. Was waren die größten Herausforderungen für euch, als sich in der Vergangenheit abzeichnete, dass es eine Umsetzung in eurem Quartett geben würde?

Claus: Ohne Schwierigkeiten und Brüche geht so etwas nie vonstatten. Besetzungswechsel bedeuteten harte Arbeit für alle Beteiligten.

Kamt ihr schon einmal an einen Punkt, an dem ihr überlegt habt, das Quartett komplett aufzulösen?

Ricarda: Nein, das stand nie zur Debatte. Aber natürlich stellt man sich Fragen wie: „Wird es lange dauern, bis wir unseren Klang wiedergefunden haben?“ oder „Wie werden die Konzertveranstalter reagieren?“.

Ich habe zwei Besetzungswechsel bei einem von mir sehr geschätzten Streichquartett mitbekommen und kann mir vorstellen, wie schwierig es ist, einen adäquaten Ersatz für den Musiker, der das Ensemble verlässt, zu finden.

Ricarda: Als Jure vor vier Jahren neu zu uns gestoßen ist, haben wir tatsächlich ein dreitägiges Casting veranstaltet. Sobald wir den Raum, in dem das Vorspiel stattgefunden hat, betraten, wussten wir witzigerweise alle immer sofort ohne, dass wir miteinander gesprochen hätten, ob jemand grundsätzlich als neues Quartett-Mitglied in Frage kommt, oder nicht. Zwischen Jure und uns stimmte die Chemie sofort. Das Menschliche ist im Falle einer Neubesetzung im Quartett oft noch wichtiger, als die musikalische Komponente. Jure hatte zum Beispiel bis dahin noch sehr wenig Erfahrung am Baritonsaxophon.

Claus: Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass bei Jure zunächst NUR das Menschliche ausschlaggebend war. Wir konnten absolut nicht absehen, in welche Richtung sich die Zusammenarbeit mit ihm entwickeln würde.

Jure: Wir haben im Rahmen einer mehrmonatigen „Testphase“ ausprobiert, ob wir tatsächlich als Quartett funktionieren können.

Claus: Damals hatten wir ein Konzert für die European Chamber Music Academy geplant, das wir eigentlich unter den gegebenen Umständen absagen wollten. Ich habe also Hatto Beyerle davon erzählt, der bis dahin noch gar nichts von dem Wechsel bei uns wusste. Er meinte: „Doch, genau mit diesem Neuzugang bestreitet ihr das Konzert“. Ich rief Jure an und meinte, dass ich Herrn Beyerle leider nicht umstimmen konnte (lacht).

Wie lange spielt ihr schon in dieser Besetzung zusammen?

Edoardo: Ich bin als letzter von uns vieren im Januar 2017 zu dem Quartett dazu gestoßen. Damals bekam ich als Student an der Hochschule für Theater und Musik eine Einladung…

Zum Casting?

Claus: In diesem Fall nicht, da wir gezielt auf Edoardo zugegangen sind. Wir hatten aus unserer Erfahrung davor gelernt und wollten dieses Mal einen anderen Weg gehen. In der Zwischenzeit hatten wir nämlich mit dem Artemis Quartett gesprochen, das extrem kurz mit den in Frage kommenden Kandidaten probt, wenn eine Stelle in ihrem Quartett neu besetzen werden muss. Das anschließende Kaffeetrinken ist dann quasi schon die zweite Runde.

So läuft das…

Claus: Die Musiker des Artemis Quartetts meinten, dass man bereits nach 45 Minuten sagen kann, ob die Chemie zwischen dem Kandidaten und den übrigen Quartett-Mitgliedern grundsätzlich stimmt.

Welche Voraussetzungen müssen eurer Meinung nach gegeben sein, dass es vier charakterlich vollkommen unterschiedlichen Musikern wie euch gelingt, als Quartett erfolgreich zu sein?

Ricarda: Man braucht eine gemeinsame Idee – diese darf aber Diskussionen um musikalische Themen auf keinen Fall ausschließen.

Claus: Wir kommen prinzipiell alle aus derselben Schule und hatten dieselben Lehrer, was sehr hilfreich ist für die gemeinsame Arbeit.

Jure: Und wir sind ziemlich einig darüber, welches klangliche Ideal wir anstreben. Ich bin in Slowenien aufgewachsen und habe dort eine Ausbildung nach französischen Standards durchlaufen, die viel mit Technik zu tun hat. Die Ausbildung hier in Deutschland ist dagegen wesentlich freier.

Edoardo: Das war bei mir ähnlich: Erst kam die Technik, dann die Musik. Ohne die entsprechende Technik kannst du natürlich keinen schönen Klang erzeugen. Aber wir versuchen, auf der Bühne nicht nur perfekt zu spielen, sondern das Publikum an einem Konzertabend auch emotional zu erreichen.

Weil ihr gerade von eurer gemeinsamen Idee gesprochen habt: Wie würdet ihr diese beschreiben?

Claus: Dadurch, dass wir Teil der European Chamber Music Academy sind und in der Kammermusik-Klasse des Artemis Quartett studiert haben, sind wir sehr von der Streichquartett-Mentalität geprägt: Wir arbeiten zunächst einmal textgetreu und informieren uns darüber, was der Komponist genau wollte. Wobei ich das etwas relativieren muss: Wir waren immer sehr strikt und sind es auch immer noch: Aber man muss auch darauf achten, was beim Publikum ankommt und darf nicht ausschließlich an der Partitur hängen.

Ricarda: Uns war es immer wichtig, dass wir ein Stück nicht einfach nur spielen, sondern uns eingehend damit beschäftigen. Das zeichnet einen wahren Künstler für mich aus.

Das Saxophon habe ich eher mit Jazz-Klängen und Big Band-Musik in Verbindung gebracht, bevor ich auf das Arcis Saxophon Quartett gestoßen bin.

Ricarda: Das ist nicht verwunderlich, da wir als Saxophon-Quartett, das hauptsächlich in der klassischen Musik zu Hause ist, eher die Ausnahme sind. Was wir vermeiden wollen, ist es, zu gefällig zu werden mit dem, was wir machen. Gerade beim Saxophon muss man da meiner Meinung nach besonders aufpassen. Der tiefere Anspruch muss immer der treibende Impuls sein.

War euch vor 10 Jahren bereits bewusst, dass das Arcis Saxophon Quartett ein Langzeit-Projekt werden würde?

Ricarda: Darauf haben wir zumindest hingearbeitet. Natürlich weiß man nie, was auf einen zukommt oder wie die Dinge genau verlaufen – aber einen gewissen Ehrgeiz, das Projekt Quartett zu einem Erfolg zu machen, sollte man auf jeden Fall mitbringen.

Jure: Da geht es einem wie in einer guten Beziehung, bei der man ja auch nicht will, dass sie nach 2 Jahren wieder vorbei ist.

Claus: Ich muss immer an Meister Yoda aus Star Wars denken: „Do or don’t do. There is no try“.

Gibt es Stücke aus eurer Anfangszeit, die ihr heute noch spielt?

Ricarda: Es gibt eine Version für Saxophon-Quartett von György Sándor Ligetis Klavierwerk „Musica ricercata“, die Sechs Bagatellen, die wir immer noch im Repertoire haben. An diesem Stück sind wir unglaublich gewachsen, weil es technisch und musikalisch sehr intensiv ist.

Claus: Bei unserem Jubiläumskonzert am 16. Dezember im Einstein Kultur haben wir ein Stück gespielt, das unser Publikum bei unserem allerersten Konzert vor 10 Jahren bereits zu hören bekommen hat.

Dieses Konzert war ein ganz besonderer Abend für euch, oder?

Ricarda: Absolut! Auch wenn die Zeit davor etwas stressig war. Wir hatten die Zusage von vielen Musikern, die uns über die Jahre hinweg begleitet haben, also mussten wir mit jedem auch extra proben. Und als Veranstalter schließlich auch noch alle Rollen selbst koordinieren – vom Ticketverkauf über das Licht bis zur Garderobe. Ich war wirklich froh, als der Abend des Konzerts endlich gekommen war und alles so gut geklappt hat.

Welche Musiker begleiten euer Quartett schon von den Anfängen an?

Claus: Unser Kammermusik-Professor Friedemann Berger zum Beispiel. Ich kenne ihn persönlich schon, seit ich 15 bin, weil ich bereits als Jungstudent bei ihm Unterricht hatte. Er hat am 16. Dezember auch eine Festrede gehalten.

Seit wann spielt ihr Saxophon und was hat für euch den Ausschlag gegeben, genau dieses Instrument zu wählen?

Ricarda: Ich spiele das Instrument, seit ich 12 bin. Begonnen habe ich mit Klavier – als Tochter eines Musikers war es immer klar, dass ich auf jeden Fall ein Instrument lernen würde. Ich habe mich dann in das Saxophon verliebt, als ich einen Saxophon spielenden Klassenkameraden am Klavier begleitet habe.

Edoardo: Ich habe mit 9 Jahren mit dem Saxophon spielen angefangen. Eigentlich wollte ich damals lieber Basketball spielen. Aber ich bin sehr glücklich darüber, dass ich mich auf den Saxophon-Unterricht eingelassen habe.

Und die Basketball-Karriere?

Edoardo: Habe ich an den Nagel gehängt (lacht). Zu gefährlich für die Finger…

Claus: Ich habe mit sechs Jahren erst einmal damit begonnen, Klavier zu spielen. Bei uns zu Hause war es üblich, noch ein zweites Instrument zu lernen. Da mein Vater eigentlich immer Saxophon spielen wollte, aber nie damit angefangen hat, widmete ich mich diesem Instrument ab dem Alter von 9 Jahren.

Jure: In meinem Fall war es so, dass mein Bruder Gitarre gespielt hat. Er ist acht Jahre älter als ich und ich wollte ihm am liebsten alles nachmachen. Aber es gab damals keinen freien Unterrichtsplatz für Gitarre an unserer sehr kleinen Musikschule. Der Platz für Saxophon war hingegen zufällig noch frei (lacht).

Gott sei Dank! Sonst wärst du einer von tausend Gitarristen geworden…

Jure: Das stimmt! Ich war damals sehr jung und habe mit sechs Jahren zunächst mit Blockflöte begonnen. Relativ schnell habe ich aber dann mit acht Jahren zum Saxophon gewechselt.

Die Männer waren also mit dem Saxophon alle ein wenig früher dran, als du, Ricarda.

Ricarda: Das liegt bestimmt daran, dass ich größentechnisch kleiner war (lacht).

Was macht das Saxophon für euch zu einem außergewöhnlichen Instrument?

Claus: Es ist ein extrem vielfältiges Instrument. Eigentlich wurde es für die Militärmusik erfunden. Später fand man das Saxophon im Jazz und in der Popmusik wieder. Wir sind zwar alle mit klassischer Musik sozialisiert worden und das Repertoire des Arcis Saxophon Quartetts ist vor allem klassisch ausgerichtet. Aber trotzdem behalten wir uns die Offenheit gegenüber anderen musikalischen Genres bei. Wir stellen auch immer wieder fest, dass es kaum Berührungsängste gegenüber dem Saxophon gibt, da die meisten Zuhörer den Klang des Instruments erst einmal als „cool“ empfinden. Sie sind in unseren Konzerten dann oft überrascht und begeistert davon, was das Saxophon noch alles zu bieten.

Ich finde, dass sich in den letzten Jahren gerade unter jungen Kammermusikern generell viel getan hat, um den Zuhörern die Hemmschwelle zu nehmen, ein klassisches Konzert zu besuchen. Gerade das Angebot von SWEET SPOT, einmal im Monat Konzerte von hochkarätigen jungen Musikern zu erschwinglichen Preisen im Milla Club in München zu erleben, finde ich sehr gut. Wie habt ihr euer SWEET SPOT-Konzert im November 2018 in diesem ungewöhnlichen Konzertraum erlebt?

Ricarda: Die Stimmung fällt und steigt bei mir immer mit der Akustik eines Raumes. Natürlich ist es toll, in einem Club aufzutreten – aber nur, wenn es nachher auch gut klingt für den Zuhörer.

Claus: Die Stimmung des Publikums ist auch ganz entscheidend für das Gelingen eines Konzertabends. Manchmal deckt sich diese aber auch gar mit unserer Stimmung auf der Bühne.

Jure: Wir machen ja auch sehr viele Konzertreisen und ich fand es sehr spannend zu sehen, wie das Publikum in den einzelnen Ländern reagiert. In China beispielsweise verhielten sich die Zuhörer sehr still, als es um den Applaus ging – aber unsere Autogrammkarten waren bereits nach zwei Konzerten aufgebraucht. Und gefühlt jeder im Publikum wollte nach den Konzerten ein Foto mit uns machen!

Herrlich, wie bei einem Popkonzert…

Ricarda: Ich bekam für ein Foto sogar einmal ein Baby in die Hand gedrückt (lacht).

Welche eurer Konzertreisen ist euch besonders in Erinnerung geblieben?  

Ricarda: Für mich definitiv die Reise nach Saudi-Arabien. Ich hatte vor unserer Abfahrt große Vorbehalte, überhaupt dort hinzufahren, weil ich weiß, wie es dort um die Rolle der Frau bestimmt ist. Es war sehr schwer, ein Visum für mich zu erhalten, da man als unverheiratete Frau unter 40 eigentlich nicht durch das Land reisen darf.

Musstest du ein Kopftuch tragen?

Ricarda: Das nicht, aber ich hatte das bodenlange Gewand – die Abaya – an, sobald wir uns in der Öffentlichkeit bewegten.

Edoardo: Wir Männer haben uns aus Solidarität mit Ricarda auch alle bodenlange Gewänder gekauft.

Die stehen euch allen wirklich sehr gut, wenn ich mir das Foto auf eurer Facebook-Seite so ansehe…

Ricarda: Man schwitzt nur sehr in diesen Gewändern.

Wie hat das Publikum in Saudi-Arabien auf eure Konzerte reagiert?

Claus: Sehr gut! Wir müssen allerdings dazusagen, dass wir auf Einladung des deutschen Generalkonsuls in Saudi-Arabien waren und die Konzerte alle in einem von der Außenwelt abgeschirmten Kosmos stattfanden. Das Musizieren in der Öffentlichkeit ist bzw. war bis dahin in Saudi-Arabien nämlich verboten.

Welche Reise ist euch besonders in Erinnerung geblieben, Edoardo und Jure?

Edoardo: Definitiv China! Und unsere letzte Konzertreise in die USA auch in einer gewissen Art und Weise, da sie wirklich ein kleiner Albtraum war.

Auf Instagram sah alles sehr schön und entspannt aus!

Edoardo: Natürlich gab es auch viele tolle Momente. Aber wir haben einige Flüge verpasst und bei manchen Konzerten war nicht klar, ob wir es bis abends schaffen würden, auf der Bühne zu stehen.

Habt ihr bei einer solchen Konzertreise keinen Tourmanager vor Ort?

Ricarda: Nein, wir organisieren uns auf unseren meisten Reisen selbst.

Claus: Ich kann dazu nur sagen: „Wer viel macht, dem passieren auch viele Dinge“.

Edoardo: In China hatten wir aber tatsächlich Unterstützung vor Ort, weil man ohne Sprachkenntnisse nicht durch das Land reisen kann.

10 Jahre Arcis Saxophon Quartett: Was wünscht ihr dem Quartett für die kommenden 10 Jahre?

Ricarda: Ich wünsche mir, dass wir weiterhin so viele schöne Konzerte geben dürfen, wie gerade im Moment.

Edoardo: Mein Ziel wäre es, in immer größeren Konzertsälen zu spielen. Und ich finde es sehr wichtig, dass wir immer weiter an uns arbeiten.

Jure: Genau – es muss auf jeden Fall eine Entwicklung nach vorne zu sehen sein in dem, was man macht. Man muss wachsen: künstlerisch und persönlich.

Liebe Ricarda, lieber Claus, lieber Jure, lieber Edoardo: Ich bedanke mich ganz herzlich bei euch allen für das spannende, sehr herzliche Gespräch und freue mich auf eure nächsten Konzerte in München und Umgebung!


Mehr Infos über das Arcis Saxophon Quartett: 

http://www.arcissaxophonquartett.de/

Facebook: @arcissaxophonquartett

Instagram: @arcissaxophonquartett

Youtube: Arcis Saxophon Quartett

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