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Kulturgeflüster der Woche #11: Der Klang der Klarinette

Da ich dieses Jahr von 02.-11. September einen Teil des Wettbewerbs im Fach Klarinette im Rahmen des 68. ARD Musikwettbewerb begleiten darf, widme ich diesem wunderschönen Instrument meinen neuesten „Kulturgeflüster der Woche“-Eintrag.

„Wer die Klarinette seelenvoll bläst, scheint der ganzen Welt, den himmlischen Wesen
selbst eine Liebeserklärung zu machen.“

(Christian Friedrich Daniel Schubart, 1784)

Meine Liebe zur Klarinette begann 1996 mit Caroline Links preisgekröntem Film Jenseits der Stille. Wie es Lara aus Tochter taubstummer Eltern gelang, trotz aller Hindernisse ihren ganz eigenen Zugang zur klassischen Musik zu finden, hat mich damals sehr fasziniert. Im Gegensatz zu der Klarinettistin Lara spielte ich selbst zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehreren Jahren mal mehr, mal weniger leidenschaftlich Klavier. Den größten Feuereifer für mein Instrument entwickelte ich ein Jahr nach dem Kinostart von Jenseits der Stille, als ich mir ein Notenbuch mit den Stücken des Films, die für Klarinette mit Klavierbegleitung arrangierte worden waren, kaufte. Eine Klassenkameradin, die damals Anfängerin auf der Klarinette war, wurde meine Duett-Partnerin und bald schon hatten wir unseren ersten Auftritt im Rahmen eines Vorspiel-Abends.

Ein paar Jahre darauf beobachte ich, mit welcher Freude mein Trompete spielender Bruder seine Bigband-Konzerte absolvierte und bereute es, dass ich das Klavier nicht zu gegebener Zeit gegen die Klarinette eingetauscht hatte.

Die ältesten Vorfahren der Klarinette – Flöten aus Schilfrohr – wurden übrigens bereits um etwa 2700 v. Chr. im alten Ägypten gespielt. Die Ursprünge des heute unter dem Namen „Klarinette“ bekannten Instruments gehen jedoch auf die Zeit um das Jahr 1700 zurück: Damals erweiterte der Nürnberger Instrumentenbauer Johannes Christoph Denner (1655-1707) den Tonumfang der damals sehr beliebten Chalumeau, einem äußerlich der Tenorblockflöte ähnlichen Instrument. Der Tonvorrat der daraus entstandenen Klarinette war zunächst begrenzt, da die frühe Form dieses neuen Instruments neben der Überblasklappe an der Rückseite lediglich eine Klappe in Ergänzung zu den Tonlöchern hatte. 1812 entwarf Iwan Müller schließlich ein Instrument mit 13 Klappen, auf dem alle Töne spielbar waren. Auf der Grundlage des 1832 von Theobald Boehm für die Querflöte entwickelten Klappenmechanismus entwickelte Hyacinthe Eléonore Klosé die Klarinette 1844 in Frankreich weiter. Das daraus entstandene Instrument hatte 24 Tonlöcher, 17 Klappen und 6 Ringe und wurde „Boehm-Klarinette“ getauft. In Deutschland lehnte man die französische Klarinette aufgrund ihres ungewohnten Klangs ab und entwickelte die Klarinette von Iwan Müller aus dem Jahr 1812 weiter.

„Man sagt ja, dass die Klarinette der menschlichen Stimme am nächsten kommt. Sie kann mühelos leise spielen und hat ein powervolles Forte. Deswegen wird sie überall eingesetzt, ob in der Volksmusik, im Klezmer, im Jazz“, sagt Sabine Meyer, eine der renommiertesten Klarinettistinnen weltweit, in diesem Jahr in einem Interview auf SWR2 anlässlich ihres 60. Geburtstags. Dank dem virtuosen Spiel von Solisten wie Meyer, die mit acht „Echo Klassik“-Auszeichnungen und vielen weiteren Preisen bedacht wurde, konnte sich die Klarinette in den vergangenen Jahrzehnten als Soloinstrument auf dem Konzertpodium durchsetzen. Aber Sabine Meyer betont in ihrem Interview auch die sehr wichtige Rolle des Orchesters für einen Klarinettisten: „Es gibt zwar ein paar geniale und unglaublich tolle Solokonzerte, aber nur Solist zu sein, ist auf der Klarinette nicht so erstrebenswert.“

Den besonderen Klang dieses Instruments lernte ich nicht nur im klassischen Bereich, sondern vor allem auch in der Klezmer-Musik zu schätzen. Zwei Jahre war die Gruppe Massel-Tov anlässlich des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus zu Gast an unserer Schule, um den Zuhörern unter anderem jiddishe Lieder und Tänze aus dem Balkan zu präsentieren. Durch den Klarinettisten der Band, Florian Ewald, war meine Mutter damals auf die Idee gekommen, die Band einzuladen – denn er war ein ehemaliger Schüler von ihr. Ich erinnere mich, dass wir sehr spontan vor Ort einen Tanz für die jeweiligen Konzerte einstudieren mussten – jeweils auf der Grundlage eines Liedes, bei dem die Klarinette stets das melodieführende Instrument war.

Ich freue mich sehr, dass ich dieses Jahr die Gelegenheit dazu haben werde, bei einem Teil des ARD-Musikwettbewerbs im Fach Klarinette hinter den Kulissen zu blicken. Seit 1952 findet der Klassik-Wettbewerb – einer der renommiertesten und wichtigsten seiner Art weltweit – jährlich in vier Kategorien statt. Teilnahmeberechtigt sind Musiker aller Nationen. Das Höchstalter richtet sich nach der Kategorie und liegt zumeist zwischen 29 und 32 Jahren.

Schon einmal durfte ich die Anspannung, Freude und Enttäuschung der Kandidaten des ARD-Wettbewerbs hautnah miterleben: 2011 traf ich zu Beginn meiner fünfwöchigen Hospitanz bei der BR-Sendung Capriccio auf den freien Autor Andreas Krieger und begleitete ihn beim Dreh seiner titel thesen temperamente-Sondersendung über den ARD-Wettbewerb im Fach Trompete. Nun bin ich gespannt auf die diesjährigen Kandidaten und darauf, wie sie mit der emotionalen und beruflichen Herausforderung, die ein Musikwettbewerb von dieser Größe mit sich bringt, umgehen werden.

2008 und 2012 fanden übrigens die letzten beiden ARD-Wettbewerbe im Fach Klarinette statt. Von Sebastian Manz, der 2008 den ersten Preis gewann und seit 2010 Soloklarinettist des SWR Symphonieorchesters ist, habe ich diese schöne Aufnahme von Joseph Horovitz‘ „Sonatina for Clarinet and Piano“ (1981) auf dem YouTube-Channel von BR KLASSIK gefunden:

Einen Überblick über die Teilnehmer des diesjährigen Wettbewerbs im Fach Klarinette findet ihr hier:

https://www.br.de/ard-musikwettbewerb/teilnehmer-und-ergebnisse/teilnehmer-2019-100.html

Den Überblick über den Zeitplan und die Veranstaltungsorte gibt es hier nachzulesen:

https://www.br.de/ard-musikwettbewerb/zeitplan/index.html

Natürlich solltet ihr zwischen 02. und 20. September auch die Termine rund um die Wettbewerbsrunden in den Kategorien Violonchello, Schlagzeug und Fagott nicht entgehen lassen!


Mehr Infos zum ARD Musikwettbewerb: 
https://www.br.de/ard-musikwettbewerb/

 

Klarinette, 2. – 11. September
Datum Veranstaltungort
1. Durchgang 2. bis 4. September Gasteig, Carl-Orff-Saal Rosenheimer Str. 5
2. Durchgang 5. und 6. September Gasteig, Carl-Orff-Saal Rosenheimer Str. 5
Semifinale (mit dem Münchener Kammerorchester) 8. September 16.00 Uhr
Video-Livestream
Prinzregententheater Prinzregentenplatz 12
Finale (mit dem Münchner Rundfunkorchester) 11. September 18.00 Uhr
Video-Livestream
Prinzregententheater Prinzregentenplatz 12

Der 68. ARD-Musikwettbewerb findet vom 2. bis 20. September 2019 in den Fächern Klarinette, Violoncello, Fagott und Schlagzeug statt. Alle Veranstaltungen sind öffentlich.

Für die Semi- und Finalrunden müssen Tickets (14€ p.P.) über den BRticket-Shop, MünchenTicket oder an der Abendkasse erworben werden:

https://br-ticket.muenchenticket.net/shop?shopid=134

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