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#Interview mit der Lyrikerin Dilek Mayatürk

© Metin Mayatürk

Mein Beitrag zur Blogparade #FemaleHeritage der Monacensia im Hildebrandhaus: Ein Interview mit der Lyrikerin Dilek Mayatürk über weibliche Erinnerungskultur, die Fähigkeit, über erlebtes Leid zu schreiben und ihren eigenen künstlerischen Weg.

Dilek Mayatürk hat diesen ganz besonderen Blick für die kleinen und großen Dinge, die um sie herum geschehen. Nicht nur in ihren Gedichten, sondern auch in ihren Fotografien auf ihrem Twitter– und Instagram-Account versteht es die Lyrikerin meisterhaft, Stimmungen zu transportieren und das Bild einer Welt zu erschaffen, in der Wut, Schmerz, Freude und Hoffnung eng miteinander verwoben sind.

Vor wenigen Wochen wurde ich durch einen Twitter-Post auf den Gedichtband Brache der außergewöhnlichen Lyrikerin, der im Herbst 2020 im Hanser Verlag erschien, aufmerksam.

Es kann sein, dass man zerbricht. (…)
Wichtig ist es, zusammenzuwachsen. 

schreibt die 1986 in Istanbul geborene Dilek Mayatürk in ihrem Gedicht „Kintsugi“, dessen Titel den Namen einer traditionellen japanische Reparaturmethode für Keramik trägt. Sie weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, Schmerz und Trauer über einen langen Zeitraum hinweg aushalten zu müssen: Von 2017 bis 2018 kämpfte Mayatürk um die Freilassung ihres in der Türkei inhaftierten Ehemanns, dem renommierten Journalisten deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel, der sich dort wegen angeblicher „Terrorpropaganda“ in türkischer Untersuchungshaft befand.

Seit eineinhalb Jahren lebt Dilek Mayatürk nach längeren Aufhalten in München, Sizilien und ihrer Heimatstadt Istanbul in Berlin. Mitte der 90er-Jahre hat sie als Zehnjährige damit begonnen, Deutsch zu lernen. Später studierte sie in Istanbul und Klagenfurt. Einer breiten Öffentlichkeit wurde Mayatürk als Dokumentarfilmerin und -produzentin sowie als Reporterin, die unter anderen für den türkischen TV-Sender IZ TV und die BBC arbeitete, bekannt. 2010 gelang ihr der Durchbruch als Lyrikerin, als sie für ihr Gedicht „Brief meines Großvaters“ den begehrten Cahit Sıtkı Tarancı-Literaturpreis erhielt. 2014 erschien Dilek Mayatürks erster Lyrikband Cesaret Koleksiyonu („Mutsammlung“) in der Türkei.

„Lyrik hilft mir, das Bewusstsein für kleinen, schönen Dinge im Leben nicht zu verlieren“, sagte Dilek Mayatürk unlängst bei einer sehr spannenden Podiumsdiskussion zum Thema „Über Leid schreiben“ des interdisziplinären Kunst- und Kulturvereins KOOK in Berlin. Mayatürk beeindruckte mich bei dieser hybriden Veranstaltung durch ihre klugen, reflektierten Gedanken zu diesem Thema.

Wie ein Gemälde setzen sich ihre Gedichte aus teilweise zärtlichen, teilweise drastischen Elementen zusammen. Indem die Grenzen zwischen lyrischem und privatem Ich immer wieder verschwimmen, lässt Mayatürk ihre Leser an ihren innersten Empfindungen teilhaben, ohne dabei zu viel von sich preiszugeben oder sich gar selbst zu entblößen. Mayatürk findet in ihrer empfindsamen Lyrik eindrucksvolle Worte und Metaphern, um die Auswirkungen von Unterdrückung und Gewalt auf die menschliche Seele zu verdeutlichen. Ihr Gedichtband Brache ist ein beeindruckendes Plädoyer für mehr Menschlichkeit und Würde in dieser Welt.

Es war mir eine sehr große Ehre, für die noch bis 09. Dezember 2020 laufende Blogparade Monacensia im Hildenbrandhaus zum Thema #FemaleHeritage mit einer der für mich derzeit spannendsten Stimmen im deutschsprachigen Literaturbetrieb ins Gespräch kommen zu dürfen. Mit einem auf fünf Jahre angelegten kooperativen Forschungs- und Vermittlungsprojekt nimmt die Monacensia, unter dessen Dach sich das Literaturarchiv der Stadt München sowie eine Forschungsbibliothek zur Geschichte und dem kulturellen Leben Münchens befinden, Lücken im literarischen Gedächtnis ihrer Stadt in den Blick. Gleichzeitig erprobt sie neue Formen der Erinnerungskultur und der Kulturvermittlung und setzt dabei auf überregionale Vernetzung und interdisziplinäre Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Partner*innen aus Kultur, Bildung und Wissenschaft.

Das Thema weibliche Erinnerungskultur schließt für mich auch mit ein, den Blick auf junge Schriftstellerinnen zu werfen, die das Erbe ihrer literarischen Vorbilder als Inspiration für ihre eigene künstlerische Weiterentwicklung ansehen und literarische Werke verfassen, die sich jenseits von Zuschreibungen wie „männlich“ und „weiblich“ mit universellen menschlichen Phänomen beschäftigen.

„Was habt ihr mir für Tabus verkündet“, heißt es zu Beginn deines Gedichts „Danksagung“ in deinem neuen Gedichtband „Brache“. Ist der Begriff Tradition für dich eng mit der Bewahrung eines männlichen Überlegenheitsgefühls verbunden?

Ich denke, es geht nicht nur um männliches Überlegenheitsgefühl, das ist nur ein Teil der Tradition. Institutionen wie Familie, Schule oder Ehe füllen – mal getrennt, mal Schulter an Schulter – den Begriff der Autorität. Ich habe selber keine Kinder und kann daher leicht reden. Aber ich frage mich: Wie schaffen es Erwachsene, ein Kind, das für alles offen ist und alles wie ein Schwamm aufsaugen und unglaublich schnell lernen kann, nicht zu einem guten Maler, einen guten Musiker, zu einem guten Sportler und vor allem: zu einem guten Menschen zu erziehen? Das ist das, was ich wirklich nicht verstehe. Denn wenn wir auf die Welt kommen, ist unser Geist wie eine leere Tafel, ein unbeschriebenes Blatt, das darauf wartet, gefüllt zu werden und das zu lernen bereit ist. Ich denke, dass unsere Kindheitsjahre, in den wir noch unsere Unschuld besitzen und noch nicht durch die Welt um uns herum abgestumpft wurden, unsere stärkste Zeit ist.

Wir werden mit Flügeln geboren, die zum Fliegen bereit sind. Aber die Tradition, die Autorität und ihre Instanzen – Familie, Schule, Ehe – brechen unsere Flügel. Ich glaube, in den meisten Ländern des Nahen Ostens werden die Flügel zuerst zuhause gebrochen. Auf den gebrochenen Flügeln haben die Väter, älteren Brüder und manchmal auch die Mütter ihre Fingerabdrücke hinterlassen. Wenn du deine Flügel dort schützen konntest, werden sie in der Schule gebrochen. Wenn du auch dort heil rauskommst, kannst du dich relativ glücklich schätzen. In der Familie, der Schule und im Arbeitsleben stoßen wir auf weniger mächtige und mächtigere Autoritätspersonen. Sie möchten ihre Macht aufrechterhalten und verweisen dafür am liebsten auf „unsere Traditionen“.

Wenn die Tradition dafür benutzt wird, die Stimmen der Menschen zu unterdrücken, ihre Träume zu zerstören, ihre Begeisterung auszulöschen, dann wird daraus ein Feuer, das die Zukunft der Menschen verbrennt. Und wer in dieses Feuer Öl gießt anstatt Wasser, der macht etwas falsch – egal, ob Frau oder Mann.

Hast du dich bereits als Kind oder Jugendliche näher mit den Werken türkischer Autorinnen befasst?

In meiner Jugend habe ich sehr gerne die Lyrikerin Didem Madak gelesen. Aber das war wohl auf eine bestimmte Lebensphase begrenzt; heute lese ich sie nicht mehr mit derselben Lust. Metin Altıok hingegen lese ich immer noch mit derselben Begeisterung. Sein Essay Der erste Atlas der Lyrik ist für mich eines der prägendsten Bücher überhaupt. Und Edip Cansever. Aber beide waren Männer.

Was war das erste literarische Werk einer deutschen Autorin, auf das du in der Türkei aufmerksam wurdest?

Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, das war Herta Müllers Atemschaukel. Aber mehr als deutschsprachige Literaten habe ich deutschsprachige Denker gelesen und versucht, sie zu verstehen: Marx, Hegel, Kant, Nietzsche, Benjamin, Adorno, Freud, Arendt, Habermas.

Gibt es deutschsprachige Schriftstellerinnen, die in der Türkei bekannt sind?

Ja, die in der Türkei wohl bekanntesten sind Juli Zeh, Herta Müller, Elfriede Jelinek und Ingeborg Bachmann.

Du nennst dich auf Instagram „frau_faust“. Würdest du dir wünschen, dass Goethe zumindest einen der beiden Teile seines Faust-Stoffes aus einer weiblichen Perspektive erzählt hätte?

Was hätte es für einen Unterschied gemacht für den Stoff, in dem es um existenzielle menschliche Krisen geht? Ich denke, Goethe hat mit Faust eine universelle Menschheitstragödie erschaffen.

Ich mag Goethes Werk sehr. Aber Faust hat für mich einen sehr besonderen Platz. Und die Titelfigur habe ich nicht als männlichen Charakter gelesen, sondern als einen Menschen, der alles Mögliche studiert, gesehen und ausprobiert hat, aber trotzdem unzufrieden und suchend ist. Ich kenne das Gefühl sehr gut, von allem irgendwann gelangweilt zu sein; wo ich auch hinkomme, nach einer Weile nicht hinzupassen. Dieses Nachdenken und Suchen wird wohl nie enden. Manchmal verstricke ich mich so sehr in Gedanken, dass ich nicht mehr rausfinde. 2010 habe ich für eine türkische Literaturzeitschrift einen Text geschrieben: Faust in Istanbul. Es ging darum, den Istanbuler Ausdruck dieser fleischgewordenen Unzufriedenheit und Rastlosigkeit zu beschreiben. Das war vor zehn Jahren. Ich denke, heute ist Faust überall, in jedem Menschen ist ein Stück Faust. Und dieses Suchen hat meines Erachtens kein Geschlecht.

„Es gab Frauen / Es gibt Frauen“, heißt es in den letzten beiden Zeilen deines Gedichts „Besucherinnen“. Wie hast du die Frauen der inhaftierten Männer wahrgenommen, als du selbst ein Jahr lang eine dieser Besucherinnen warst? 

In dem Gefängnis, in dem mein Mann Deniz Yücel eingesperrt war, waren fast alle Insassen Männer. Darum waren die Besucher meistens Frauen, die alleine oder mit ihren Kindern kamen, auch ältere Frauen, die ihre inhaftierten Söhne und Töchter besuchten. Natürlich gab es auch männliche Besucher, aber die waren in der Minderheit. Einige fuhren jede Woche mehrere hundert Kilometer. Und manchen sah man ihre finanzielle Not an.

Viele Frauen waren sehr aufgeregt, die Männer zeigten ihre Gefühle weniger. Und was mir auffiel – auch an mir selber: Die Frauen verhielten sich vor und nach ihren Besuchen anders. Das habe ich in diesem Gedicht auszudrücken versucht.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich Yonca Verdioğlu erwähnen. Eins, zwei Wochen nach Deniz‘ Verhaftung rief mich Yonca an. Ihr Mann war kurz vorher verhaftet worden. Ich kannte Yonca bis dahin überhaupt nicht. Sie hatte sich meine Nummer von einer gemeinsamen Freundin besorgt. Und da war dann plötzlich eine mir fremde Stimme am Telefon, die sagte: „Wenn du etwas brauchst, lass es mich wissen.“ Damals war mir alles zu viel und ich wollte eigentlich nicht mit Menschen reden. Aber mit Yonca war es anders. Wir trafen uns manchmal, mit ihr konnte ich über alles sprechen. Yonca wurde mir zur echten Freundin und ist es bis heute geblieben. Darum habe ich ihr dieses Gedicht gewidmet.

Welches Feedback von deutschen Leserinnen hast du im Gegensatz zu deinen türkischen Leserinnen auf deinen gerade erschienenen Gedichtband „Brache“ bekommen?

Für mich spielen das Geschlecht oder die Herkunft meiner Leserrinnen und Leser keine Rolle, wie für mich diese Kategorien auch bei den Autorinnen und Autoren, die ich schätze, keine Rolle spielen. Und in den Reaktionen auf „Brache“ ist mir nichts aufgefallen, das ich als spezifisch für bestimmte Gruppen bezeichnen könnte.

Darum möchte ich auf diese Frage mit Ihrer Erlaubnis ganz allgemein antworten: Ich habe auf „Brache“ sehr schöne Reaktionen bekommen und bekomme sie weiterhin, was mich natürlich sehr glücklich macht. Das Gemeinsame an sehr vielen Kommentaren lautet, dass die Gedichte kurz, dicht und voller präziser Bilder seien. Dabei heben alle sehr unterschiedliche Gedichte hervor. Aber alle, wirklich alle, erwähnen das Gedicht „Eingriff“. Das finde ich interessant, denn ich war mir bis zuletzt nicht sicher, ob ich dieses Gedicht in den Band aufnehmen soll. Aber das passiert mir oft, dass ich mich zu einem Gedicht, nachdem ich es fertiggestellt habe, schonungslos zeige. Ein sehr geschätzter Dichter hat einmal gesagt: „Du musst dich mit deinen Gedichten neunmal streiten und sie zehnmal lieben.“ Ich glaube, ich streite mich zehnmal mit ihnen und liebe sie neunmal.

© Hanser Berlin

Als eine Operation am offenen Herzen bezeichnest du das Gedicht an sich in deinem beeindruckenden Stück Poesie „Eingriff“. „Vor aller Augen/ Und es ist dein eigenes Herz“. Inwiefern ist das Schreiben für dich stets eine Kraftquelle gewesen, um die verschiedenen Operationen am offenen Herzen in deinem Leben zu überstehen?

Ich mag es nicht sehr zu reden, und ich treffe mich lieber mit einem einzelnen Menschen als mit Gruppen, das finde ich immer ein bisschen anstrengend. Mir kommt es manchmal so vor, als würde ich als Kommunikationsmethode das Reden durchs Schreiben ersetzen. Aber das ist nur eine Momentaufnahme. Auf jeden Fall ist mir Schreiben ein inneres Bedürfnis. Wenn ich schreibe, fühle ich mich Zuhause.

Kann eine Wunde zumindest teilweise heilen, wenn es einem gelingt, über sie zu schreiben? 

Das Leben kann große Wunden aufreißen: Krieg, Gewalt, Vergewaltigung, lange Jahre im Gefängnis… Auch wenn ich aus keinem so friedlichen Land stamme, hatte ich Glück; meine Wunden waren stets welche, die sich schließen ließen. Ich weiß zum Beispiel nicht, was es bedeutet, mit einem Schlauchboot aus einem Land zu fliehen.

Das schicke ich vorweg, damit sich das, was ich jetzt sagen werde, nicht zu romantisch anhört. Also: Durch schwere und harte Erfahrungen gerade Menschen an einen Scheideweg: Entweder, sie schaffen es, mit dem Schmerz fertigzuwerden und ihn umzuwandeln. Oder er macht sie fertig und wandelt sie um. Mein Weg, dem Schmerz zu begegnen, ist das Schreiben. Wenn ich einen Schmerz in ein gutes Gedicht verwandeln kann, denke ich, dass die Wunde dadurch etwas heilt. Allerdings neigen Sachen, die man aus dem nackten Schmerz schreibt, zu Wehklagen. Vielleicht muss man den Schmerz erst ein wenig abkühlen lassen; also eine gewisse Distanz zwischen sich und dem Schmerz setzen, ehe man sich mit ihm beschäftigen, ihm ein Gedicht abringen kann.

Du bist nicht nur Lyrikerin, sondern hast auch Autorin und Produzentin zahlreicher Dokumentarfilme. Ist die Poesie für dich eine Form eines erweiterten Realitätsbewusstseins?

Lyrik und Dokumentarfilme könnten auf den ersten Blick wie sehr gegensätzliche Dinge erscheinen. Aber für mich gibt es Berührungspunkte und Gemeinsamkeiten, vor allem, wenn man sich, so wie ich, in Dokumentarfilmen sehr viel mit der Natur beschäftigt. Und ich glaube, meine Erfahrungen als Filmemacherin und Fotografin beeinflussen mein Schreiben. Beim Fotografieren geht es ja darum, genau den Ausschnitt oder genau den Augenblick einzufangen, so dass man mit einem Bild eine ganze Geschichte erzählt. Und Gedichte sind für mich eine komprimierte Form, eine Geschichte zu erzählen.

Beim Schreiben greife ich eher unbewusst auf meinen visuellen Erfahrungsschatz zurück. Ich kann mir zum Beispiel gut Gesichter einprägen und mich noch Jahre später an sie erinnern. Und durch meine Arbeit als Dokumentarfilmerin wurde das Sehen zum stärksten meiner Sinne.

In meinem Lieblingsnotizheft ist eine Blume, die ich vor zehn Jahren aufgelesen habe, als wir im westlichen Taurusgebirge einen Film drehten. Sie lag auf dem Boden. Und wie viele Blumen, die dort wachsen, war sie eine endemische Pflanze. Und diese Blume, die da in meinem Notizheft vor sich hin trocknet, ist für mich für ein Gedicht.

Folgst du als Vertreterin der zeitgenössischen türkischsprachigen Lyrik gewissen schriftstellerischen Traditionslinien oder machst du dich beim Schreiben vollkommen frei davon?

Ich bin Autorin, vor allem aber bin ich Leserin und bemühe mich, eine gute Leserin zu bleiben und versuche, über neue Lyrikveröffentlichungen in der Türkei auf dem Laufenden zu bleiben. Als Leserin bin ich sehr gastfreundlich; ich lese also jeden und jede und sehr unterschiedliche Dichterinnen und Dichter; das ist immer auch lehrreich für mich.

Aber wenn wir beim Schreiben versuchen, uns jemanden zum Vorbild zu nehmen – selbst wenn das mit den besten Absichten geschieht – dann, so denke ich, schränken wir uns ein. Und wenn ich Fehler begehe, möchte ich meine eigenen Fehler begehen. Ein völlig missglücktes Gedicht, das ich geschrieben habe, soll immer noch mein missglücktes Gedicht sein. Und ich lerne ja auch aus meinen Fehlern. Mir Vorbilder zu wählen und zu versuchen, ihnen nachzueifern, würde meine eigene Stimme ersticken.

Natürlich gibt es Autoren, die für mich, auch wenn ich ihnen nie begegnet bin, einen ganz besonderen Wert haben. Ich betrachte sie eher als Lehrer, nicht als Vorbilder. Lehrer bringen uns etwas bei und dann ziehen sie sich zurück. Was wir mit dem Gelernten anfangen, ist dann unsere Entscheidung.

Welches Werk einer bereits verstorbenen türkischen Autorin sollte man deiner Meinung nach unbedingt wiederentdecken?

Ich würde da zuallererst Adalet Ağaoğlu nennen, die in diesem Jahr verstorben ist. Ihr Werk wurde zum Teil auch ins Deutsche übersetzt, ihr Roman „ Sich hinlegen und sterben“ zum Beispiel.

Ein Großteil der Weltliteratur befasst sich mit dem Aufstieg und Fall seiner männlichen Protagonisten. Wie kann es in Schulen, wo die Werke männlicher Autoren seit Jahrzehnten zu den Standardwerken zählen, deiner Meinung nach gelingen, das literarische Vermächtnis von weiblichen Autorinnen mehr in den Vordergrund zu rücken?

Ja, es stimmt, es gibt viele starke männliche Charaktere. Aber würde uns ohne Gregor Samsa, Don Quijote und Hamlet nicht etwas fehlen? Oder ohne den kleinen Prinzen. Ich finde, das ist ein großartiges literarisches und philosophisches Werk. Wenn es möglich wäre, für alle Schulen auf der Welt eine Pflichtlektüre zu bestimmen, würde ich den kleinen Prinzen nehmen. Und auch „Madame Bovary“ oder „Effi Briest“ wurden von männlichen Autoren geschrieben. Bei einer weltweiten Umfrage nach den berühmtesten Romanfiguren würde wahrscheinlich „Anna Karenina“ gewinnen – ein unsterblicher Klassiker.

Zu den Autorinnen: Ich bin begeistert von Luce Irigaray. Susan Sontag war eine unglaubliche Frau. Oder Deborah Levy, Olga Tokarczuk, Ursula K. Le Guin, Clarissa Estes. „Die Wolfsfrau“ ist ein wunderbares Buch. Virginia Woolf, Han Kang, Toni Morrison, Lydia Davis, Rita Dove, Maya Angelou… Vielleicht wären wir einen Schritt weiter, wenn wir diese großartigen Autorinnen nicht als „weibliche Stimmen“ sehen würden – und auch neue Schriftstellerinnen nicht in diese Kategorie stecken. Männliche Autoren nennen wir ja auch nicht „männliche Stimmen“. Und weiter wären wir außerdem, wenn Fragen wie diese auch an Männer gerichtet werden würden.

Liebe Dilek, ich danke dir von Herzen, dass das Gespräch mit dir für die Blogparade #FemaleHeritage so kurzfristig zustande kommen konnte. Deine Gedichte berühren mich zutiefst – ich hoffe, dass ich dich bald einmal live bei einer Autorenlesung erleben darf. Alles Gute weiterhin!


Mehr Informationen über Dilek Mayatürk und ihren Lyrikband Brache:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/brache/978-3-446-26786-2/

Instagram @frau_faust
Twitter @DMayaturk

Mehr Informationen zur Blogparade #Female Heritage der Monacensia im Hildebrandhaus:

Frauen und Erinnerungskultur – Blogparade #femaleheritage

 

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